DM 2007 - Aus der Sicht eines Kampfrichters

Viele von euch erinnern sich vielleicht noch an meinen Erlebnisbericht zur Int. Deutschen Meisterschaft 2006 als Athlet. Gleiches versuche ich nun über die "Frühjahrsdeutsche" - dieses Mal allerdings aus der Sicht des Kampfrichters.

Anders ist besser…

Wie oft hatte ich das im Herbst gedacht, insbesondere in den harten Wochen der Vorbereitung. Anders ist besser, gehst als Kampfrichter hin, satt und ganz entspannt, machst deine Arbeit und alles ist gut! Aber nein, ich wollte ja Athlet sein…

Und dieses Mal? Kaum hatte ich den typischen Duft des Aufwärmraumes, diese Mischung aus Schweiß, Selbstbräuner und Reiswaffeln, wahr genommen, war es da: das Kribbeln, die Anspannung, Wettkampffieber und spätestens als ich meine Klasse dann auf der Bühne gesehen hatte und das gemacht hatte, was man in dieser Situation wohl immer macht, aber völliger Blödsinn ist. Zu überlegen, wie man denn selbst in diesem Feld abgeschnitten hätte. (Das kann man nicht in der Vorstellung durchspielen. Nur wenn man wirklich selbst auf der Bühne in der Klasse mit drin steht, kann dies echt beurteilt werden. Aber dennoch hat diese Gedanken wohl jeder Wettkampfathlet schon durchgespielt?)
Spätestens zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir: Anders ist besser! Und ich hätte so viel darum gegeben, in diesem Moment einer der braunen, ausgezehrten Jungs zu sein, die Ready for the Stage waren…Wettkämpfer bleibt eben Wettkämpfer, auch wenn er sich mit einem Sakko und IFBB-Krawatte maskiert! Aber der Reihe nach.

Die Fahrt

Freitag Mittag war ich verabredet im Friseursalon meines Kampfrichterkollegen Erik Bernier, da wir gemeinsam mit dem 1. Vorsitzenden unseres Landesverbandes, Thomas Gerstner, die Fahrt antreten wollten.
Pünktlich waren wir drei zur Stelle, doch hatten plötzlich trotzdem ein Problem: kein vernünftiges Fahrzeug. Dank Zweisitzer und verzögerten Reparaturen mussten wir schließlich mit Thomas „Ersatzwagen", einem nicht mehr ganz so frischen Mercedes, die Fahrt antreten…

Guter Dinge ging es los, ab auf die Autobahn und... Stau. Es waren noch keine zehn Minuten um und schon der erste Stau und Leute ich hasse Stau! Bei Stau werde ich so richtig…..arrrggggg... Ich hasse Stau!!
Naja, nach einigen Minuten kam das, was kommen musste. Die Kiste lief heiß. Um dem Motor etwas Kühlung zu verschaffen, machte Thomas dann einfach Heizung und Gebläse an. Super Idee, bei 28 Grad Außentemperatur. Der Schweiß lief in Strömen, aber immer noch besser als ein defekter Wagen. Also hielten wir tapfer durch und zum Glück hat sich der Stau dann auch irgendwann aufgelöst und wir konnten wieder die Kühlung des Fahrtwindes nutzen. Hätte das ganze bis Gersthofen angehalten, hätten wir drei, denke ich, uns in Wettkampfform geschwitzt und selber an der Meisterschaft teilnehmen können.

So wurde es doch noch eine kurzweilige Fahrt. Wir vertrieben uns die Zeit, wie üblich wenn wir auf Tour sind, mit Gesprächen über unsere zwei Lieblingsthemen: Bodybuilding und die andere Art der Leibesertüchtigung. (Ihr wisst schon, wo wir Männer immer lange drüber reden, aber dann nur kurz durchhalten. Denke zumindest die Frauen wissen jetzt, was ich meine..) Es sind übrigens nicht nur unsere zwei Lieblingsthemen, es sind eigentlich auch unsere beiden ausschließlichen Themen.. Bodybuilder sind verblödete, sexistische Idioten? Nein, wie kommt ihr da drauf??

Naja das ein oder andere sinnvolle bzw. organisatorische hatten wir dann doch noch besprochen auf der Fahrt. So haben wir z.B. die Zimmerverteilung bereits vorgenommen, was aber in unserem Landesverband eh nie ein Problem ist, da wir eine große Familie sind und so war es auch dieses Mal ein leichtes alle zufrieden zu stellen.
Ach ja den Alex, unseren 2. Vorsitzenden, hatten wir dann auch noch auf der Autobahn getroffen und nach kurzer Rast waren wir dann gemeinsam in Gersthofen angekommen. - Wir waren im Achat Hotel untergebracht. Das kannte ich schon, da ich und Thomas bereits im Herbst dort abgestiegen waren, als er bei der WM-Quali ganz in der Nähe (Schwabmünchen) startete. Ja, unser erster Vorsitzende ist WM-Teilnehmer, das kann nun auch nicht gerade jeder Landesverband von sich behaupten.

Einige Athleten waren schon da, also ging es schnell auf die Zimmer, kurze Besprechung und ab Richtung Veranstaltungshalle zum Wiegen. - Das Wiegen verlief völlig ohne Komplikationen. Zum einen, weil wohl alles wieder perfekt organisiert war, zum anderen, da die anderen Landesverbände wohl alle schon zur Waage waren und daher kein großer Andrang herrschte und zudem hatten alle unsere Athleten ihr Gewicht.

Also zurück ins Hotel, die Wettkämpfer in die Betten gepackt und ab zum örtlichen Italiener.

Der Vorabend

Wir hatten Glück gehabt und ein tolles italienisches Restaurant gefunden. Super freundliches Personal und leckeres Essen. Nur die Portionen entsprachen nicht ganz dem, was mir nach einem langen Tag vorschwebte. Naja, wir hatten ja Frauen dabei und ich spekulierte schon wo noch was für mich abfallen könnte.. - Leute, ich hasse verfressene Weiber!

Also beendete das Baden-Württemberg Team das Abendessen mit dem einen oder anderen Ramazotti und wir machten uns auf den Weg zurück ins Hotel. - Ich wollte schließlich fit sein am nächsten Tag für die wichtige Aufgabe, die wieder einmal vor mir lag. Der eine oder andere aus unserer Truppe hat allerdings noch ein oder vielleicht auch zwei Gläschen mehr getrunken und ist wohl etwas später ins Zimmer als ich…

Der Wettkampf

Es war wie immer, als ich gegen neun Uhr morgens die Halle betrat, in der an diesem Tag die Deutsche Meisterschaft stattfinden sollte. Viele bekannte Gesichter, jede Menge "Hallos!" und "Wie geht’s?" und immer ist viel zu wenig Zeit um mit jedem ausführlich zu reden.

Ein großes Hallo auch unter den Kampfrichter Kollegen, unser "Cheffe" Winnie teilte die Einsatzpläne aus und jeder schaute erst mal welche Klassen er zu werten hätte. - Ah noch etwas Zeit bis es losgeht, also mal schnell noch in den Athletenbereich geschaut. - Die Betreuer waren schon kräftig beim "Einklatschen" der Sportler, angespannte und freudig erregte Gesichter überall und dann der Geruch in meiner Nase….

Anders ist besser.. und in diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr auf der Welt, als Athlet zu sein. - Wohl auch weil es in diesem Scheiß-Sakko elend heiß war und ich schon ähnlich schwitzte, wie in unserem Sauna-Auto einen Tag zuvor..

Auch der Wettkampf verlief eigentlich wie immer, in einer ruhigen Atmosphäre wurde Klasse für Klasse durchgewertet. Alles lief reibungslos, was erneut für das tolle Orga-Team sprach.
In der Mittagspause wurde an die Kampfrichter und die vielen Helfer gedacht, so dass wir uns vorm Finale noch mal richtig stärken konnten. Da unser Hotel ganz in der Nähe der Halle war, reichte es sogar noch für ein kurzes „Mittagsschläfchen“ und so konnte ich völlig entspannt und voller Schaffenskraft die Bewertung des Finales in Angriff nehmen.

Nach relativ kurzer Ansprache des Bundesvorstandes, Nationalhymne und Einmarsch der Länderteams ging es dann auch schon los und die Entscheidungen sollten fallen. Wer würde sich die Titel bei dieser Deutschen Meisterschaft schnappen.

Nun, zunächst muss ich sagen, dass es von der Qualität der Athleten eine gute Deutsche Meisterschaft war, auch wenn die ein oder andere Klasse schon besser besetzt war. Zu bewerten war es eigentlich relativ einfach, auch wenn oftmals eine hohe Leistungsdichte herrschte.

Die Entscheidungen, die letztendlich gefallen waren, waren durchweg vertretbar, um nicht zu sagen, sie waren alle richtig. Zumindest hatte ich das so empfunden, aber aus irgendeiner Ecke wird bestimmt Widerspruch kommen, was wohl auch in der Natur der Sache liegt.
Das einzige was ich nicht ganz verstehen konnte, war die Stimmenverteilung beim Gesamtsieg der Männer, aber dazu später mehr.

Die Siegerin der Frauen Figur Fitness Klasse konnte nur Daniela Pfeiffer heißen. Nicht weil sie aus meinen Länderteam kommt und auch nicht, weil sie eine bildhübsche Frau ist. Nein, einfach weil sie das, was in dieser Klasse gefordert wird, zu 100% erfüllte.

Das sollte doch wohl jeder in der Halle erkannt haben und so waren mir, bei allem Respekt, vor der tollen Leistung der Kolleginnen in der Klasse, die vereinzelten Pfiffe und Buhs bei der Siegerehrung völlig unverständlich!

Im Frauenbodybuilding gab es ein weiteres Highlight des Wochenendes: Violett Schwarz, tolle Form, tolle Ausstrahlung, aber das was sie dann in ihrer Posingkür auf die Bühne zauberte, trieb mir fast das Pipi in die Augen. Eine Kür wie aus einem Guss: fließend, elegant, weiblich und dennoch sehr athletisch, gigantisch. Für mich eine absolute Sternstunde des Fauenbodybuildings! Und dann noch ihre kurze Ansprache am Mikrofon, Respekt Violett und du kannst dir sicher sein, wir alle drücken dir ganz fest die Daumen für die EM.

Bei den Junioren blieb uns allen dann wohl mal kurz die Spucke weg. Was der erst achtzehnjährige Ruben Krapf da für ein Paket aus Masse und Qualität auf die Bühne brachte, war mehr als beeindruckend. Von ihm werden wir bestimmt noch viel hören. Ruben, es wäre mal wieder an der Zeit für einen Juniorenweltmeister aus Deutschland, also halt dich ran die nächsten Jahre. Ach, äh, sorry Daniel (Hill), das erledigst ja du schon im kommenden Herbst. - Aber auch die Leistungen der anderen Junioren waren durchweg sehenswert und den einen oder anderen wird man bestimmt bald verbessert wieder sehen.

Meine "Lieblingsklasse" der "Beinlosen" ist dank des neuen Gewichtszuschlages gar keine Klasse der "Beinlosen" mehr. Teilweise waren es richtig komplette Bodybuilder, die in der neuen ClassicBB Klasse auf der Bühne standen. Den einen oder anderen, na ja, den einen zumindest, hätte man problemlos auch in die Männerklasse stellen können, nämlich Murat Demir: tolle Leistung, kompletter Athlet, Härte und Volumen. Beim Zweitplatzierten fehlte das Volumen dann doch schon gewaltig und Dritter wurde der Matze (Matthias Krause). (Sein Trainer, unser Schwäbisches Grauen (Paul Buksbaum), wird glücklich sein, denn jetzt ist im nächsten Jahr endlich der internationale Start möglich..)

Die Ergebnisse in den Männerklassen gingen, wie gesagt, in Ordnung und es wurden teilweise großartige Leistungen und ein spannender Wettkampf geboten.
Besonders aufgefallen war mir hierbei der Sieger der Männerklasse IV (Andre Niebergall): ein wunderschöner Athlet mit tollen Linien. Zudem natürlich der Sieger der Männerklasse V, Horst Wetterau, der es nach so vielen Anläufen und Vizemeisterschaften nun endlich geschafft hatte.

Der Gesamtsieg konnte nur unter diesen beiden ausgemacht werden und es wurde auch eine ganz knappe Entscheidung.. 3:3:2:1, wenn ich das richtig verstanden hatte, so dass dann die Mehrzahl der zweiten Plätze zugunsten von Horst entschieden hatte. Sicherlich eine absolut vertretbare Entscheidung und man hatte auch das Gefühl, dass jeder in der Halle es dem sympathischen Bayer gönnte. Die drei anderen Stimmen konnte ich persönlich nicht ganz nachvollziehen (ohne die tolle Leistung der Sieger der Männerklasse 1, 2 und 3 schmälern zu wollen), aber man muss ja auch nicht immer einer Meinung mit seinen Kollegen sein.

Tolle Gaststars hatten wir gesehen, also ich nicht alle, da ich zwischendurch auch mal auf Toilette musste, aber das ist nun mal das Los des Kampfrichters…
Halle und Organisation absolut vom aller Feinsten, rund um eine mehr als gelungene Deutsche Meisterschaft 2007.

Das Bankett

So, Wettkampf war rum, also schnell ins Hotel, duschen umziehen und fertig machen fürs Festbankett.

Dort angekommen waren zwar noch kaum Gäste da, aber was sah ich? Das Bankett war bereits eröffnet. Ein wirklich guter Schachzug der Organisatoren, denn das übliche Gedrängel nach der Banketteröffnung war so komplett weggefallen. Da die Speisen ständig frisch nachgelegt wurden, war es auch kein Problem für die, die etwas später kamen.

Leckeres Essen gab es, auch wenn hier wieder galt: anders ist besser! Denn war im Herbst das Bankett noch der absolute Höhepunkt und Abschluss einer langen Wettkampfvorbereitung, so war der Reiz des Essens dieses Mal doch wesentlich geringer. Aber wie gesagt, trotzdem sehr lecker. Toll auch die Eisbomben mit Sternspritzern, a la Traumschiff… Ich denke, die Athleten sind voll auf ihre Kosten gekommen, sofern sie nicht wie ein Teilnehmer aus der ClassicBB ihr Essen selbst beim Festbankett noch abgewogen haben. Unglaublich, manchmal fehlen auch mir nach über 15 Jahren Wettkampfbodybuilding, Meisterschaften und Festbankette noch die Worte. Naja, für allgemeine Erheiterung hat es auf jeden Fall gesorgt.

Und so stieg die Stimmung bei unserem Team, mit jedem Bissen der Athleten, weiter an, auch wenn sich die ersten bereits wieder auf den Heimweg machten.
Was also hieß, so wie man am Freitag alle mit großem Hallo begrüßt hatte, wurden nun alle mit großem Hallo verabschiedet.

Und ich dachte mir "Schade, zu Hause ist man umgeben von Klappspaten und Vollpfosten und hier hat man endlich mal normale Leute um sich herum, aber immer geht die Zeit viel zu schnell vorbei.."

Ich danke Euch allen für ein tolles Wochenende und freue mich jetzt schon den einen oder anderen wieder zusehen. Das ist die Bodybuilding-Familie, die bei aller sportlicher Konkurrenz doch eines gemeinsam hat: Nämlich die Liebe zum Sport, die uns alle verbindet.

Die Aftershow-Party des Baden-Württembergischen Landesverbandes

Es kam wie es kommen musste, einige Standhafte aus unserer Truppe hatten nach dem Festbankett natürlich längst noch nicht genug und man entschloss, sich im Hotel noch eine Flasche Rotwein zu genehmigen.

Und wie das eben so ist, aus einer Flasche wurden zwei, dann drei und naja zählen könnt ihr ja wohl alle. Ab und an kam dann mal ein Athlet auf dem Heimweg vom Bankett an unserer Sitzecke in der Hotellobby vorbei und wurde natürlich prompt aufgefordert Einen auszugeben. Was die meisten allerdings ablehnten. Werden schon noch sehen was sie davon haben, wenn sie das nächste Mal starten. Immerhin saßen da mehrere Kampfrichter und so etwas rächt sich natürlich…

Als selbst unser norddeutscher Kampfrichter Kollege Hans sich weigerte einen für uns springen zu lassen, mussten wir eben doch wieder selbst tätig werden. Also wurden wir tätig, und wie…! Und zeigten wieder, dass wir im Baden-Württembergischen Landesverband eben doch eine große Familie sind. Zuviel möchte ich von dem Abend allerdings nicht verraten, wer dabei war, hat es erlebt und wir haben bewiesen, dass wir auch richtig gut feiern können.

Irgendwann bin ich dann auf allen Dreien oder Vieren ins Zimmer gekrabbelt und so ganz wohl gefühlt hab ich mich auch nimmer, aber schön war’s, sehr schön!

Frühstück und Abreise

Zum Glück waren es nur leichte Kopfschmerzen, mit denen ich dann am Sonntagmorgen aufgewacht war. Also auf zum Frühstück, nochmals stärken vor der Heimfahrt. - Und wieder dachte ich mir: anders ist besser. Wenn ich da an mein legendäres Sonntagmorgen Frühstück (über 5 Stunden) vom Herbst denke, jeder Bissen ein Genuss, nahezu orgastische Freuden beim ersten Nutellabrötchen und heute? Okay, ganz nettes Frühstück, aber das war es dann auch schon. So ist das eben als ausgehungerter Athlet und so ist es als vollgefressener Kampfrichter.. Beides hat seine Vorteile und wie so oft im Leben will man immer gerade das, was man nicht hat!

Nach dem Frühstück die große Verabschiedung von denen, die noch nicht aufgebrochen waren und es ging ab auf die Autobahn. Natürlich wieder Stau. Stau? Ich hasse Stau arrrrggggggg.

Dennoch lag ein tolles Wochenende hinter mir, dass unheimlich viel Spaß gemacht hatte. Von mir aus könnte jedes Wochenende Deutsche Meisterschaft sein.. zumindest so als Kampfrichter!

Sicherlich könnte man noch viel mehr berichten und sicherlich wird der eine oder andere manches vermissen, aber es waren eben meine subjektiven Erlebnisse der diesjährigen Deutschen Meisterschaft und wirklich beschreiben kann man so etwas eh nicht, man muss es einfach erlebt haben. Deshalb kann ich euch allen da draußen nur sagen: Macht euch auf den Weg, besucht die Meisterschaften, unterstützt damit unseren Sport und habt genau so viel Spaß dabei wie ich!

Euer AWE
IFBB-Kampfrichter und Wettkampfathlet

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