Doping im Radsport – Aktuelle Erscheinung oder Tradition? (II)

Teil 1 des Artikels findet ihr hier.

Jedoch gab es schon 1953 Anti-Doping Bestimmungen in Deutschland, welche aber mehr oder weniger gering ausfielen. Außerdem verfügte man noch nicht über das nötige Know- How, um überhaupt Doping nachzuweisen. Diese Problematik änderte sich auch erst in den 70er Jahren , als erstmals verschiedene Amphetamine nachgewiesen werden konnten und wie bereits erwähnt, Eddy Merckx überführt wurde. Die Vorgehensweise der UCI im Anti-Doping Kampf wirft jedoch auch heute noch unweigerlich einige Fragen auf :
  • Ab 1968: Verbot von Anabolika, Wachstumshormone und Corticosteroiden. Ausnahmen bestanden bei einem Attest.
  • 1971: Aufhebung des Verbots von Anabolika, HGH und Corticosteroiden
  • 1978: Erneutes Verbot der Corticosteroide durch die UCI.
  • 1987: Endgültiges Verbot von Hormonen.
Das gleiche Szenario ereignete sich auch bei den Diuretika:
  • Ab 1987: Verbot von Diuretika
  • 1991. Aufhebung des Verbots von Diuretika
  • 1998: Wiederaufnahme von Diuretika in die UCI Dopingliste
Ein zwischenzeitliches Verbot, von 1987 – 1990, betraf auch die Konsumierung von Beta Blockern. Die UCI und die IAAF entfernten sie jedoch wieder von ihrer Dopingliste, im Gegensatz zu allen anderen Verbänden.

Im Zuge dieser "Ausbalancierung" der Wirkstoffe lässt sich doch die Frage stellen, inwieweit die UCI an einer komplett sauberen Sportart interessiert war. Die Thematik, wie man einem Dopingtest am besten entgeht und ob die UCI sich nicht in ihrer Vorgehensweise im Anti- Doping Kampf teilweise selbst Steine in den Weg legt, wird am Ende des Artikels noch einmal aufgegriffen.

Der Beginn einer neuen Ära im Radsport – EPO, HGH und Blutdoping.

Die 80er Jahre bescherten dem Radsport nun 2 weitere Wirkstoffe, welche die Leistungen im Radsport weiter explodieren lassen sollten. Darunter waren die so genannten Wachstumshormone, welche bis heute schwer nachzuweisen sind, sowie das heute wohl meistbekannte Dopingmittel Erythropoetin, kurz EPO. Die Wachstumshormone hatten ähnlich erwünschte Effekte wie Beta 2Blocker: Sie verringern das Körperfett und beschleunigen die Regeneration. Jedoch hatten sie noch zahlreiche weitere positive Effekte zu verzeichnen: Sie erhöhten die Effekte andere Dopingmittel synergistisch – das heißt, durch die Zugabe von Wachstumshormonen zu einer normalen Kur, wurden die Effekte der anderen Substanzen verstärkt. So war einer optimale Leistungssteigerung quasi nichts mehr entgegenzusetzen.

EPO stand 1989 dem Radsport schon zur Verfügung, wurde jedoch erst 1990 eingesetzt, da die Substanz vorher als zu heikel galt. Nachdem es doch von anderen Sportlern getestet wurde, fand es aufgrund der positiven Resultate auch seit 1990 Einsatz im Radsport. Es erlaubte Leistungssteigerungen von über 10% und hatte den großen Vorteil, dass es vor 2001 durch keinen Dopingtest nachgewiesen werden konnte.

Im Jahre 1997 wurde zwar einen Hämoglobin- bzw. Hämatokritwert Grenzwert von 50% festgelegt, der von den Sportlern nicht überschritten werden durfte. Da man aber davon ausgehen musste, das gewisse Menschen auch auf natürliche Weise solch einen hohen Wert haben könnten, wurden Fahrer mit einem höheren Wert lediglich für 14 Tage suspendiert.

Durch die exogene Zufuhr von EPO werden im Körper mehr rote Blutkörperchen produziert, was einen erhöhten Sauerstofftransport in die Muskeln und das Gewebe bewirkt. Dieser Prozess ist der Grund für die akute Leistungssteigerung, jedoch keinesfalls eine neue Idee in der "Welt des Dopings". EPO gab es zwar in den 50ern noch nicht,jedoch probierte man zwecks Blutdoping den gleichen Effekt zu erzielen. Dem Sportler wird dabei eigenes Blut abgezapft, welches man ihm vor dem Wettkampf wieder injiziert. Dadurch kann das Blutvolumen im Wettkampf signifikant erhöht werden , was mit dem bekannten positiven Effekt des erhöhten Sauerstofftransports einhergeht.

1985 wurde bekannt, dass die amerikanische Mannschaft bei den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1984 massiv Blutdoping betrieb. So erhielt fast 1/3 der Mannschaft Bluttransfusionen. Die Wirkung, speziell von EPO, ist in folgender Grafik dargestellt:

Epo
Quelle: Hessische/Niedersächsische Allgemeine - Zeitung in Kassel für Nordhessen und Südniedersachsen


Ein 1984 von Francesco Moser aufgestellter Stundenweltrekord war auch das Ergebnis systematischen Blutdopings. Dies gestand er später selbst in aller Öffentlichkeit.

Blutdoping ist ähnlich leistungssteigernd wie EPO – kann jedoch auch heute immer noch nicht durch Dopingtests nachgewiesen werden. 1986 wurde jegliche Blutmanipulation durch das UCI verboten. Als Auslöser kann die Aufdeckung systematischen Blutdopings des amerikanischen Teams angesehen werden.

Eine ähnliche Wirkung auf den Organismus lässt sich übrigens auch durch Höhentraining erreichen. Deshalb hielten sich früher, und heute wieder, viele Sportler im Training und vor Wettkämpfen in besonders hoch gelegenen Trainingsstätten auf. Durch EPO war diese Prozedur jetzt nicht mehr notwendig, denn durch den systematischen Einsatz von EPO konnte man bereits nach 26 Tagen Leistungssteigerungen von 10% erwarten . Selbst durch intensives Höhentraining blieben solche Werte nahezu unerreichbar – der Siegeszug des EPOs war nicht mehr aufzuhalten.

So sagte die Tour Legende Eddy Merckx bereits 1988: "Die Radfahrer waren immer geladen. Den Amphetaminen folgten das Kortison, die Anabolika, danach die Substanzen, die die Einnahme der Dopingmittel verschleiern konnten. Und in den Laboratorien hat man immer schon das Produkt, welches dem Reglement voraus ist." Diese von ihm beschriebene Situation lässt sich perfekt auf EPO anwenden, und auch heute haben diese Sätze immer noch Gehalt.

Ein weiterer Grund für eine erneute Leistungssteigerung der 80ziger Jahre findet sich im Bereich der Sportmedizin. EPO, HGH und Blutdoping standen nicht nur erstmals der Szene zur Verfügung, sondern auch Ärzten, welche zusammen mit den Athleten die Kuren ausarbeiteten. Der normale Pflegestab, der aus Masseuren und Betreuern bestand, hatte zwar Erfahrung in Verbindung mit den einzelnen Substraten, verfügte jedoch nur über mangelnde medizinische Kenntnisse. So war die Zusammenstellung der einzelnen Substanzen teilweise immer noch ein "Experiment". Die Zusammenarbeit zwischen Radsport und Sportmedizin begann dabei in Italien: Hier begann zuerst die äußerst fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Sportlern. Durch die Sportmedizin konnten dann auch endlich die Synergien der einzelnen Substrate erforscht werden – was die Leistungen nochmals ankurbeln sollte. Ärzte stellten im Laufe der Zeit dann sogar komplette "Trainingsprogramme" der Sportler zusammen. So fiel der italienische Radsport eine gewisse Zeit lang durch die errungenen Erfolge auf, eine internationale Anpassung erfolgte jedoch zügig. Der Radprofi Peter Winnen beschrieb die Situation der medizinischen Betreuung folgendermaßen:
"Zufall oder nicht, 1997 erholte sich der niederländische Radsport nach einem jahrelangen Tief. Und jeder sagte damals, die Jungs trainieren zu wenig hart. Ich musste immer darüber lachen. Die Krise im niederländischen Radsport hatte wenig zu tun mit Mangel an Talenten, wie immer behauptet wurde. Die niederländischen Teams hatten einfach einen Rückstand in der medizinischen Betreuung und haben jetzt aufgeholt."

Ein erneuter Blick auf die Tour de France

Epo2


Beachtet man die durchschnittliche Geschwindigkeit der Tour de France seit den 80er Jahren zeigt sich deutlich, wie stark die Leistungen in den 80er und 90ern nach der Entwicklung von EPO angestiegen sind. Inwieweit dieser starke Leistungsanstieg auf verbesserte "Trainingsmethodik" oder den Einsatz hocheffizienter leistungssteigernder Produkte wie EPO zurückzuführen sind, ist Ansichtssache. Der erneute Leistungsanstieg nach der Jahrtausendwende ist aber auch darauf zurückzuführen, dass die Gesamtlänge der Tour de France nach dem Dopingskandal von 1998 deutlich verkürzt wurde. So beträgt die Gesamtlänge seit 1998 nur noch 3500 km. Davor war die komplette Strecke der Tour meist länger als 5000km.

Der Doping Skandal von 1998 – die Festina Affäre

Durch die Festina Affäre von 1998 wurde das Ausmaß des Dopings im Radsport erstmals deutlich an die Öffentlichkeit getragen. Was war passiert? Eine Routine Kontrolle eines Betreuers des Festina Teams an der französisch-belgischen Grenze endete in einem Sensationsfund. Der Zoll beschlagnahmte insgesamt 400 Ampullen EPO, HGH und Testosteron sowie das Arzneimittel Hyperlipen. Ein Mittel um Thrombosen - die gefährlichste Nebenwirkung von EPO - zu verhindern. Aufgrund dieser Entdeckungen wurde die Staatsanwaltschaft eingeleitet. Diese veranlasste Razzien in den Mannschaftshotels. Das Ergebnis war schließlich der komplette Ausschluss des Festina Teams von der Tour de France 1998, da man festgestellt hatte, dass systematisches Doping der gesamten Mannschaft betrieben wurde. Der Skandal überschattete die komplette Tour von 1998 und hätte fast zu ihrem Abbruch geführt. Die Reaktion von Bruno Rousell, dem damaligen Chef von Festina, lautete wie folgt , als man ihn mit der Situation konfrontierte:

"Das Team hat sich nichts vorzuwerfen."

Im Laufe des Festina Prozesses packte Rousell dann aus: Sein Team bezahlte jedes Jahr um die 400000 FF (65.000 € ) für Dopingpräparate. Die Kosten wurden dabei auf die einzelnen Fahrer aufgeteilt .Je nachdem wie viel sie verbrauchten.
Auch der französische Topfahrer Richard Virenque gehörte dem Festina Team an – bestritt jedoch lange Zeit jeden Dopingvorwurf. Virenque, der 7mal das Bergtrikot gewinnen konnte, wurde aber doch noch von seiner Vergangenheit eingeholt und gestand EPO Doping. Virenque wies jedoch mit seiner Aussage auch wieder die damalige Problematik der Kontrollen auf:
"Warum wird heute gesagt, EPO sei verboten, wo doch die UCI es legalisiert hat? So lange mein Hämatokritwert unter 50% liegt betrüge ich nicht ..."

Wie unwirksam die Kontrollen waren, zeigte auch die Untersuchung der kompletten Festina Mannschaft: Kein Fahrer wurde positiv getestet. Eine weitere Untersuchung des kompletten Fahrerfelds von 1998 ergab, dass der Hämatokritwert bei nahezu jedem Fahrer zwischen 48-49% lag. Dies lässt natürlich den Schluss zu, dass man die Fahrer bis an die Grenze gedopt hat. Jedoch clever genug war, den Hämatokritwert nicht darüber hinaussteigen zu lassen. Die gesamten Ausmaße der Festina – Affäre schrieb der damals verhaftete Betreuer Willy Voet in dem Buch "Gedopt. Der Ex-Festina-Masseur packt aus. Oder: Wie die Tour auf Touren kommt" nieder.

Im Zuge des Prozesses wurde der Öffentlichkeit endgültig bewusst, dass der Radsport aus den Fugen geraten war. Dennoch war der große Teil der Bevölkerung immer noch naiv genug und hielt weiter an ihren Radsporthelden fest. Schließlich betraf dieser Prozess ja nur ein Team - die anderen waren bestimmt sauber. Die Tour 1998 wurde schließlich von Marco Pantani gewonnen - der ironischerweise ein Jahr später selber mit einem erhöhten Hämatokritwert von 52% vom Giro D’ Italia ausgeschlossen wurde. Außerdem wurde bei Pantani auch schon 1995 nach einem Unfall ein Hämotokritwert von 60,1% festgestellt.
Der Radsportler Maurice Moucheraud, selber Profi in den 60er Jahren, sagte 1999: "Zu unserer Zeit war es genau dasselbe. Den Festina-Prozess hätte man vor 40 Jahren mit anderen Namen und Produkten führen können." (Libération, 31.10.2000)

Einige Folgen der Festina Affäre

  • Verbot der Prohormone durch die UCI 1998
  • Verbot der Diuretika durch die UCI 1998
  • Einführung der medizinischen Langzeitkontrolle durch die UCI 1999.
  • In Lausanne wird die Gründung der Welt Anti Doping Agentur (WADA) beschlossen.
  • Erweiterung des medizinischen Kontrollprogrammes der UCI im Jahre 2001. Die Athleten müssen nun folgendes Programm über sich ergehen lassen: Ein jährlicher Gesundheitscheck mit Herzanalyse, vierteljährliche Blutanalyse, Gesundheitspass, erweiterte Wertebestimmung, Pflichtuntersuchung bei auffälligen Werten.
  • Verbot von Plasmaexpandern durch die UCI 2001.
  • Die Gründung der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) 2002.

Die Ära Armstrong

Der Radsport erholte sich langsam wieder von den Vorwürfen und der "Tourminator" Lance Armstrong gewann seine erste Tour de France. Diesen Erfolg sollte er 7mal in Folge wiederholen und damit Geschichte schreiben. Armstrong stellte alles vor ihm in den Schatten und dominierte die Tour beinahe nach Belieben. Als Armstrong 1999 seine erste Tour gewann, wurde ihm daraufhin der Titel "Comeback des Jahrhunderts" zu Teil. 1996 wurde bei Lance Armstrong Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert, außerdem wurden Lymphknotenmetastasen im Bauchraum, sowie in der Lunge und zwei Tumore im Gehirn entdeckt. Das Armstrong überhaupt überlebte, glich einem Wunder. Doch so sehr Lance Armstrong durch seinen unbedingten Lebenswillen und seinen unglaublichen Siegeswillen faszinierte, musste er sich doch auch immer mit Dopingvorwürfen auseinandersetzen. Zu unglaublich schienen seine Leistungen. So wurden Armstrongs Leistungen stets von Vorwürfen überschattet. Ihm wurde zum Beispiel vorgeworfen, er missbrauche seine Erkrankung für einen erhöhten Medikamenteneinsatz. 2004 erschien dann das Buch "L.A. Confidential – die Geheimnisse des Lance Armstrong" in dem sich erstmalig frühere Teamkameraden gegen Armstrong stellten und ihm unter anderem EPO-Doping unterstellten. Außerdem belasteten ihn auch der Tour de France Sieger Greg LeMond und seine frühere Masseurin Pierre O’ Reilly, leistungssteigernde Substanzen genommen zu haben. Im Jahre 2000 bestätige Armstrong seit 1995 von dem italienischen Arzt Dr. Michele Ferrari (auch bekannt als "Doctore EPO") zusammen gearbeitet zu haben. Armstrong hatte vorher vergeblich versucht diese Beziehung zu verheimlichen. Der ebenfalls von Dr. Michele Ferrari behandelte Radprofi Filippo Simeoni räumte ein, dass er jahrelang von Ferrari Dopingmittel verabreicht bekam. Simeoni belastete Armstrong schwer und warf ihm vor, ebenfalls von Ferrari gedopt worden zu sein. Armstrong dementiert dies bis heute.

Am 24.05 2005 lies die französische Sportzeitung dann die Bombe platzen. Sie behauptete, dass Armstrong 1999 EPO genommen hat - es wurden Urinproben aus dem Jahre 1999 nachdrücklich auf EPO untersucht, mit dem Ergebnis das 6 Urinproben Armstrongs positiv waren. Obwohl die Ergebnisse laut dem Labor LNDD in Châtenay-Malabry eindeutig waren, erreichte Armstrong, dass eine Kommission des UCI gegründet wurde und den Fall neu aufarbeitete. Das Ergebnis war ein Report, der Armstrong vom Doping entlastete. Die WADA verurteilte diesen Report und erklärte er sei fehlerhaft und es sei nach wie vor eindeutig, dass Armstrong gedopt habe.

Ein weiterer Fall ereignete sich ebenfalls im Jahr 1999. Durch ein neues Testverfahren konnte Armstrong ein erhöhter Kortikoidwert nachgewiesen werden. Durch ein nachträglich eingereichtes Rezept blieb der Befund jedoch folgenlos.

Teil 3 des Artikels findet ihr hier.

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