Doping im Radsport – Aktuelle Erscheinung oder Tradition? (IV)

Teil 3 des Artikels findet ihr hier.

2007: Januar


Im Januar tauchte ein Prämiensystem von Fuentes auf: So mussten die Fahrer beim Gewinn einer Rundfahrt hohe Summen an Fuentes bezahlen:

Bei der Tour de France:
  1. Platz 50.000€
  2. Platz 30.000€
  3. Platz 20.000€
  4. Beim Gewinn des Giro d'Italia 30.000€
Alle Pro Tour Teams erklärten im Januar, enger mit den spanischen Ermittlern zusammen zu arbeiten. So wollten sie zum Beispiel DNS Proben von beschuldigten Fahrern zur Verfügung stellen.

Die Bonner Staatsanwaltschaft drängte hingegen weiterhin darauf einen DNS Abgleich durchzuführen. So sollte eine DNS-Probe Ullrichs mit den Blutbeuteln aus Spanien abgeglichen werden. Ullrich hatte zwar in der Vergangenheit bereits eine Speichelprobe auf spanischem Boden abgegeben, doch durch einen Einspruch Ullrichs Anwälte durfte diese Speichelprobe nicht an die Bonner Staatsanwaltschaft weitergereicht werden. Ullrich erklärte sich aber dazu bereit eine neue Speichelprobe auf deutschem Boden abzugeben.

Februar

Im Februar gab Jan Ullrich schließlich eine Speichelprobe in Konstanz ab. Der DNS Abgleich mit den beschlagnahmten Blutbeuteln zögert sich dennoch heraus, denn Ullrichs Anwälte erhoben bereits gegen Ende 2006 Einspruch gegen ein Rechtshilfe Verfahren. Dadurch konnte die spanische Justiz die beschlagnahmten Blutbeutel nicht an die Bonner Staatsanwaltschaft überreichen. Dieser Schritt geschah laut Ullrichs Anwälten jedoch nur aus einem Grund:

Die spanischen Ermittlungsberichte wäre "rechtswidrig erstellt, rechtswidrig verbreitet und bewusst verfälschend interpretiert worden" und stellten "eine bunte Mischung aus haltlosen Behauptungen, Mutmaßungen und Verdächtigungen" dar. Mit einer Verzögerung der Herausgabe der Blutbeutel hätte dies nichts zu tun. Der nationale Gerichtshof Spaniens lehnte den Einspruch jedoch ab und die Blutbeutel wurden nach Deutschland geschickt.

Die Pressekonferenz Ullrichs und sein Besuch bei Beckmann

Im Februar gab Ullrich eine Pressekonferenz und erschien in der Talkshow Beckmann. In der Pressekonferenz erklärte er ein weiteres Mal, nie gedopt zu haben und richtete anschließend seinen Fokus auf die Medien und dessen Vertreter. So attackierte Ullrich erneut den Molekular Biologen Werner Franke, den Weltradsportverband UCI und den früheren Politiker und jetzigen Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer Rudolf Scahrping. Er stellte auf der Konferenz Scharping in ein sehr schlechtes Licht, da er sich immer als seinen besten Freund ausgab , ihn jetzt aber voreilig an den Pranger stellte. Zu der Pressekonferenz waren keine Fragen zugelassen.
Nach seinem an die Medien gerichteten Rundumschlag verkündete Ullrich noch, dass er von nun an als sportlicher Berater des Teams des österreichischen Teams Volksbank-Vorarlberg arbeiten würde. Damit war seine aktive Karriere als Radsportprofi beendet. Die Tatsache, dass Ullrich keine Fragen zuließ, warf natürlich gleich neue Fragen auf. Am gleichen Abend trat Ullrich noch in der Sendung Beckmann auf. Eine Sendung in der es aber nunmal ausschließlich um die Beantwortung von Fragen geht. Beckmann stellte faire aber für Ullrich schwierig zu beantwortende Fragen im Bezug auf das Thema Doping. Zudem wurde später der Dopingexperte Seppelt hinzugeschaltet, so dass das Interview schließlich in einem Desaster für Ullrich endete. Ullrich seine Glaubhaftigkeit litt stark unter den beiden Ereignissen. Sowohl die Presskonferenz als auch sein Auftritt bei Beckmann wurden in den Medien zerrissen. Man betrachtete sie gar als „Bizarr und peinlich“.

Zu den beiden Auftritten äußerten sich unter anderem Jörg Schellenberg, ein Sportredakteur von Spiegel Online, Thomas Schierl, Professor für Sportpublizistik, und Uli Fritz, der ARD Sportredakteur. Man war größtenteils der Meinung, dass diese Auftritte nicht Jan seine Ideen waren und er sehr schlechte Berater gehabt hätte. Insgesamt wirkten die gesamten Inszenierungen sehr laienhaft und das Verhalten der Medien wurde wohl komplett falsch eingeschätzt.

März

Direkt am 1 .März wurde bekannt, dass man verhindern wollte, dass die Beckmann Sendung ausgestrahlt wird. So erklärte das Management Ullrichs die ARD hätte gegen Abmachungen verstoßen. Die ARD konnte dies mit der Begründung, dass in einem Interview kritisch nachgefragt werden müsse, widerlegen.

Die UCI stellte im März endgültig ein Verfahren vor, mit dem man Doping einigermaßen einschränken könnte. So wollte man von allen Fahrern ein Blut– und Steroidprofil erstellen. Anhand diesem könnten leicht Manipulationen abgelesen werden. Des weiteren würde sich jeder Fahrer 4 Blutkontrollen pro Jahr unterziehen müssen. Diese Konsequenzen aus der Fuentes Affäre betraffen nun erstmals auch die zweitklassigen Teams.

Einstellung des Verfahrens

Im März zeigte sich eine unvorhersehbare Wende im Dopingskandal: So wurden die Ermittlungen überraschenderweise eingestellt. Der zuständige Richter gab dafür 2 Gründe:
  • Zu der Zeit, als Fuentes die Sportler behandelte, existierte in Spanien noch kein Anti Doping Gesetz, wonach also kein gesetzlicher Verstoß existierte.
  • Da die Sportler durch die Doping Praktiken keine negativen gesundheitlichen Folgen erlitten, konnte keine strafrechtliche Verfolgung stattfinden.
Es wurden mehrere Untersuchungen durch das Gericht eingeleitet, die sich mit dem Zusammenspiel zwischen EPO-Doping und der Gesundheit der Sportler befassten. Im Ergebnis kam man jedoch zu dem Entschluss, das bei den Radprofis kein gesundheitlicher Nachteil entstanden wäre. Langzeitfolgen von EPO sowie falsche Dosierungen wurden in den Studien jedoch nicht thematisiert.

Bei dem Radrennen Paris-Nizza reagierten die Fahrer mit einer Schweigeminute auf die Einstellung des Verfahrens. Auch in Spanien wurde durch Behörden Einspruch gegen die Einstellung der Ermittlungen erhoben. Eine seriöse Madrider Zeitung warf dem zuständigen Richter Serrano vor, zu schnell in seiner Entscheidung gehandelt zu haben.
Die WADA bat daraufhin um Erlaubnis, selbst Einsicht in die Ermittlungsakten zu bekommen, und begann auf eigene Faust ermitteln.

April

Im April platzte schließlich die große Bombe: Die in Spanien bei Fuentes gefundenen Blutbeutel stammten, ohne Zweifel, von Jan Ullrich. Ullrich hatte zwar im März noch einmal geklagt, um die Auslieferung der Blutbeutel zwecks einer DNS-Analyse zu verhindern. doch der Versuch scheiterte. Die Behauptungen wogen schwer und belegten eindeutig einen Kontakt zwischen Fuentes und Ullrich. Da von nun an wirklich nur noch die engsten Fans an Ullrichs Unschuld glauben konnten, rechneten viele damit, dass Ullrich nun zu seinem Vergehen stehen und klar Tisch machen würde. Von den Anwälten Jan Ullrichs kam allerdings eine Reaktion, die auch eine zukünftige Kooperation mit den Behörden verhindern sollte. So sah man auf Seiten Ullrichs den Grund in der Übereinstimmung klar im Sinne einer Manipulation. Alleine die Tatsache, dass die Proben übereinstimmten, bewiese außerdem gar nichts.

Der Anwalt Schwenn: "Die Verteidigung wird sich das Gutachten des Bundeskriminalamtes genau ansehen. Nach den Unregelmäßigkeiten im spanischen Verfahren und bei der UCI ist es gut möglich, dass der angebliche Befund die Folge von Manipulation ist. Jedenfalls besteht kein Grund, an der Verteidigungslinie für Jan Ullrich irgend etwas zu ändern."

Der Anwalt Diestel: "Außerdem waren wir nicht dabei, als die Proben verglichen wurden."Durch den DNA-Abgleich sei "überhaupt nichts bewiesen."

Nach dem positiven DNS Abgleich zog sich Ullrich ganz aus der Presse zurück und ließ nur noch vereinzelt Mitteilungen auf seiner Homepage durchsickern. Die restliche Medienarbeit wurde hingegen von seinen Anwälten übernommen.

Da der DNS Abgleich positiv ausfiel, forderten nun die Verbände, dass jeder in den Doping Skandal verwickelte Fahrer sich einem DNS Abgleich mit den Blutbeuteln unterziehen müsste.
Dabei richteten sich die Verbände vor allem an die UCI und die WADA. Pat Mc Quaid, Präsident der UCI, erklärte indessen, dass Fuentes sein Doping Netzwerk anscheinend nach der Einstellung der Ermittlungen wieder in Betrieb genommen hätte.
Auch die Ermittlungen gegen Ivan Basso waren wieder ins Rollen geraten. So wurde Basso kurzerhand von seinem Team suspendiert und musste sich wieder vor dem CONI verantworten. Laut einem Interview war neues belastendes Material aufgetaucht: so zum Beispiel Kalender für Termine von Blutentnahmen und –aufnahmen. Es tauchten aber auch noch andere Unterlagen auf, nach denen Basso in den letzten 3 Jahren über 111.000 € für Doping ausgegeben haben sollte. Basso und andere verdächtige Fahrer, darunter Luca Paolini, mussten demzufolge damit rechnen, dass sie sich in naher Zeit einem DNS Test unterziehen müssten.

Nach Basso wurden auch noch die Radprofis Koldo Gil, Giampaolo Caruso und Constantino Zaballa von ihren Teams zumindest für das Eintagesrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich gestrichen. Die Geschehnisse um Bassos Team drangen ihn schließlich dazu seinen Vertrag aufzulösen. So war Basso der Ansicht, dass er momentan keine gute Werbung für das Team wäre und es mehr Sinn machte, sich auf die bevorstehenden Gerichtstermine zu konzentrieren.

Der Rennstall Team Tinkoff, welcher im November noch groß um die verdächtigen Fahrer geworben hatte, suspendierte jetzt auch seine verdächtigen Fahrer – Jörg Jaksche und Tyler Hamilton.
Aus den Ermittlungsakten gingen nun noch mal weitere 49 Profis hervor, welche in den Skandal verwickelt waren. Der April war also ein durchgehend schlechter Monat für die Radsport Industrie, aber vielleicht ein Zeichen für eine neue dopingfreie Zeit.

Doch der April wurde noch von einer ganz anderen Nachricht erschüttert, die nicht mit dem Fuentes Skandal in Verbindung stand:

Es waren die Vorab Veröffentlichungen einiger Teile aus dem Buch Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers von Jef d’Hondt im Spiegel erschienen. In diesem Buch unterstellte der ehemalige Masseur des Telekom Teams der kompletten Team Telekom Mannschaft systematisches Doping. Jef d’Hondt war von 1992 bis 1996 beim Team Telekom angestellt. Er beschuldigte dabei die beiden Freibuger Mannschaftsärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid die Fahrer mit EPO und anderen Doping Substanzen hochgeputscht zu haben.

1996 war für das Team Telekom aber nicht irgendein Jahr, sondern ein durchaus erfolgreiches – so konnte man bei der Tour de France 1996 durch Bjarne Riis und Jan Ullrich den ersten und den zweiten Platz belegen. Es prasselten somit durch diese Vorabveröffentlichungen auch wieder viele weitere Vorwürfe auf Jan Ullrich ein. Aus dem Erscheinen des Buches und der Tatsache , dass sich die Schlinge im Skandal Fuentes immer enger zog , entstand dann ein Umbruch im Radsport:

Die große Zeit der Geständnisse, Teil- Geständnisse und des Schweigens

Im Mai kam nun alles zusammen: Die Mutmaßungen um das Buch d’Hondts, und damit um die Fahrer des Rennstalls Team Mobile, sowie die parallel dazu weiter anlaufenden Ermittlungen im Fuentes Skandal, so dass am 7.Mai dann die Sensationsmeldung im Fuentes Skandal folgte: Basso entschloss sich dazu mit der CONI im Kampf gegen Doping als Kronzeuge zusammenzuarbeiten. Man erwartete nun das große Geständnis Bassos innerhalb der nächsten Tage. Aber es kam anders. Auf einmal gab Basso nur noch ein Teil Geständnis ab:

Er bestätigte zwar mit Fuentes zusammen gearbeitet zu haben, und das die bei Fuentes gefundenen Blutbeutel für die Tour de France zwecks Eigenblutdoping gedacht waren. Er habe dies jedoch nur geplant - also nie Doping betrieben - und somit auch nie einen anderen Fahrer betrogen. Basso sagte über seinen Plan:

"Das war ein schwacher Moment, dass ich die Zusammenarbeit mit Fuentes gesucht habe."

Basso sagte aber auch etwas viel interessanteres, was von den Medien zwar zerrissen und als besondere Dreistigkeit bezeichnet wurde, jedoch für einen Sportler und insbesondere einen Bodybuilder sehr interessant ist. Er hatte nicht vor zu dopen um anderen Sportlern zu schaden, sondern allein aus der Liebe zum Sport. Basso gibt sich demzufolge auch kämpferisch und schloss seine Pressekonferenz mit den Worten "Ich werde meine Strafe absitzen und in den Radsport zurückkehren!" ab. Basso distanzierte sich jedoch klar von anderen Fahrern. Ob diese EPO oder andere Substanzen genommen hatten, wüsste er nicht.

Trotz der Reaktion der UCI, die ankündigte keine strafmilderdenden Aktionen zuzulassen, brachte die Aktion Bassos das Geschehen erst richtig ins Rollen. So folgte auf das Teilgeständnis Bassos eine wahre Lawine von Geständnissen: Die beiden Teamärzte bestritten zuerst noch jegliche Beteiligung am systematischen Doping im Team Telekom, bestätigten dann aber das die Anschuldigungen Jef d’ Hondts nicht bloß aus der Luft gegriffen wären. Zwar wurden sie anfangs noch durch den sportlichen Teamleiter Rolf Aldag gestützt:

"Das ist definitiv nicht richtig. Wir wussten nichts davon, obwohl es immer Gerüchte gab."

Doch am 21. Mai brachen auf einer Pressekonferenz alle Dämme. So bekannte sich zuerst der frühere Telekom Fahrer Bert Dietz dazu ab 1995 systematisch gedopt zu haben. Die Einnahme erfolgte unter der Anleitung der Ärzte. So wurde laut Dietz jeder Fahrer genauestens über die Vor- und Nachteile von EPO informiert. Gespritzt wurden sie entweder von den Ärzten oder von Jef d’ Hondt dem ehemaligen Masseur, der die Lawine erst ins Rollen gebracht hatte. Zu der Frage, inwieweit Doping gezwungen oder freiwillig im Team Telekom von statten ging, sagte Dietz nur:

"Sie haben es angeboten, aber natürlich in so einer Form, dass es jeder wusste: Wenn ich es jetzt nicht nehme, habe ich wahrscheinlich am Jahresende so schlechte Ergebnisse, dass mein Vertrag nicht verlängert wird. Es war schon eindeutig, ja."

Nach dem vollen Geständnis folgte am nächsten Tag ein weiterer ehemaliger Team Telekom Fahrer. So gab der früher schon wegen Dopings aufgefallene Fahrer Christian Henn an, dass auch er von 1995 bis 1999 mit EPO gedopt hatte.

Die Geständnisse schienen kein Ende zu nehmen, wieder einen Tag später, am 23.Mai, packte auch Udo Bölts aus:

"Ja, ich habe mit Epo und Wachstumshormonen gedopt!"

Bölts war mit den Worten "Quäl dich, du Sau!", die er Jan bei einer Etappe der Tour de France 1997 zurief, berühmt geworden. Er trat zudem mit seinem Doping Geständnis mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als sportlicher Leiter bei Team Gerolsteiner zurück.

"Es ist allein meine Entscheidung. Ich will mit meiner Vergangenheit nicht von den Erfolgen dieser jungen Mannschaft ablenken. Außerdem brauche ich nun etwas Abstand und werde mich aus dem Radsport zurückziehen."

Am 24. Mai erfolgte dann eine Pressekonferenz von Rolf Aldag, dem sportlichen Leiter von T- Mobile. Die Presse rechnete mit einem Geständnis Aldags oder zumindest einer Erklärung über die Sachlage im T Mobile Stall.Überraschenderweise erschien zu dieser Pressekonferenz auch noch der deutsche Toprennfahrer im Sprint Erik Zabel. Aldag eröffnete das Wort und seine Sprache war anfangs sehr leise und langsam, wurde aber im Laufe der Konferenz immer flüssiger und fester. Viel entscheidender war jedoch was er sagte. So gestand nun auch Rolf Aldag, dass er seit 1994 aktiv nach EPO nachfragte und auch auf offene Ohren stieß. Der Schlüsselmoment der seinen Entschluss stark beeinflusste war ebenfalls 1994:

"Bei einer Rundfahrt waren wir wieder abgehängt worden, saßen mit vier Leuten auf irgendeinem Gehsteig."

Aldag war laut seinen Aussagen für solche Eskapaden zu ehrgeizig. Er wollte den Erfolg und bekam ihn - durch EPO. Dadurch war es ihm endlich möglich, seine Ziele zu erreichen, die Wirkung von EPO schlug bei Aldag ein wie eine Rakete. Die logische Folge war, dass Aldag bis 2002 weiterdopt – auch der Festina Skandal von 1998 konnte ihn von seinem Vorhaben nicht abbringen, was ihn heute verwundert hätte.

"Da hätte es eigentlich klick machen müssen"

Aldag sagte, dass er erst 2002 überhaupt begriff, dass EPO Doping für ihn lebensgefährlich werden könnte, denn er orderte es mittlerweile über das Internet und bekam Ampullen in denen, wie er feststellen musste, vorher Augentropfen gewesen waren.

"Da war mir klar: Das ist lebensgefährlich, was Du machst!"

Aldag entschuldigte sich abschließend noch auf der Pressekonferenz für seine Lügen und das Doping. Interessante Worte, wenn man bedenkt, dass derselbe Mann noch 10 Tage vorher von Doping Praktiken beim Team Telekom Stall nichts wusste, und nur Gerüchte kannte.

Danach kam dann Erik Zabel zu Wort. Zabel fing genauso an wie Aldag und erzählte erstmal vom Beginn seiner Karriere, wobei er mehrmals unter Tränen stockte, bis er schließlich auch zugab das er EPO in seiner aktiven Laufbahn bei T-Mobile einnahm. Man merkte sichtlich, wie schwer dieser Schritt Erik Zabel fiel. Ihm standen die Tränen im Gesicht und er machte oft kürzere Pausen zwischen den Sätzen. Auf die Frage warum er gedopt habe antwortete Zabel:

"Ich habe gedopt, weil es ging!"

Für Zabel war es aber anscheinend nur ein Versuch, den er bereits nach einer Woche abbrechen musste, weil er mit den Nebenwirkungen – ein niedriger Puls - nicht zu recht kam. Außerdem erkannte Zabel, dass er als Sprinter nicht dopen müsste, um erfolgreich zu sein. Die Hauptgründe für sein Geständnis war aber anscheinend die Liebe zu seinem Sohn. So erklärte Zabel, dass er von seinem Sohn nicht verlangen könnte ein ehrlicher recht schaffender Mensch zu werden, wenn sein Vater das krasse Gegenteil wäre. Zabel hat zumindest vorerst keine Konsequenzen zu befürchten, denn nach dem Gesetz des Bundes für Deutsche Radfahrer, kurz BDR, können Fahrer nur 5 Jahre lang rückwirkend nach einem Verstoß bestraft werden. Auch der Code der WADA kann Fahrer nur 8 Jahre lang rückwirkend bestrafen. Zabels kurzer Griff zur chemischen Keule war jedoch laut seinen Angaben bereits 1996. Strafrechtlich kann Zabel ebenfalls nicht belangt werden, weil Eigendoping in Deutschland nicht strafbar ist. Den Wert und die Vollständigkeit seines Geständnisses kann daher jeder für sich selber beurteilen.

Am 25. Mai lud dann Bjarne Riis, der ehemalige Toursieger von 1996, den man bereits zu seiner aktiven Zeit Monsieur 60 Prozent nannte, zu einer Pressekonferenz ein. Dieser Name entstand in Anspielung auf seinen Hämatokritwert, der in diesen Gefilden liegen sollte. Riis wurde also schon immer Doping vorgeworfen und an diesem 25. Mai bestätigte Riis die Vermutungen. Riis gab kalt, gelassen und sachlich alles zu.

Riis zählte systematisch auf, was er in seiner sportlichen Laufbahn konsumierte. So hatte er bereits 1993 angefangen mit EPO, Wachstumshormonen und Kortison seine Leistung aufzubessern. Diese Substanzen konsumierte Riis durchgehend bis 1998. Riis stellte klar , dass es ihm bewusst war, mit welchen Mitteln er den Toursieg erringen konnte.

"Ich weiß, dass ich mit unerlaubten Mitteln zum Toursieg kam. Aber ich habe trotzdem dafür gearbeitet. Wenn ihr euch das Gelbe Trikot jetzt holen wollt, bitte, es bedeutet mir nichts. Es liegt im Pappkarton."

Trotzdem beharrte Riis auf seiner Leistung und stellte auch in den Raum, dass man nicht so naiv seine Augen vor der Situation im Radsport verschließen sollte. Trotz diesen Aussagen konnte er jedoch keine Angaben zu Jan Ullrich oder anderen Fahrern machen. Auch Riis beschuldigte d’ Hondt in seinem Interview und stellte ihn, wie alle anderen Fahrer auch, in den Vordergrund des Dopingnetzwerkes von Team Telekom. Auch Bjarne Riis kann sein Toursieg heute nicht mehr aberkannt werden, da sein Vergehen verjährt ist . Zu seinem Spitznamen äußerte sich Riis wie folgt:

"Ich hatte niemals einen Hämatokrit von 64 und hatte auch keine Gicht, wie d'Hont schrieb. Ich war nicht ständig zugestopft mit Doping. Der Hämatokrit war hoch genug, um zu gewinnen. Er war über 50 Prozent."

Riis will nach seinem Geständnis weiter als sportlicher Leiter vom Team CSC arbeiten. Inwieweit dies möglich ist, erscheint heute fraglich. Nach Riis seinem Geständnis wurde es wieder ruhig um die Affäre Team Telekom. - Zwar äußerte sich d’Hondt noch mal, dass Ullrich hundertprozentig gedopt hätte – er ihm sogar EPO selbst in den Arm gespritzt hätte, nahm diese Aussage aber am nächsten Tag postwendend wieder zurück.

Die weiteren Tage, die letzten Tage die unmittelbar zurückliegen, brachten noch eine Stellungnahme von Walter Godefroot mit sich. In dieser stritt er aber vehement jeden Vorwurf ab und schloss sich nicht den Geständnissen der anderen Fahrer an. In der Affäre gibt es aber auch noch eine weitere standhafte Person: Jan Ullrich. Auch Ullrich weist nach wie vor jede Anschuldigung von sich und schweigt weiter. Ob dies an Verjährungsfristen, die noch erreicht werden müssen, oder anderen Gründen liegt, kann jeder für sich selbst beurteilen.

Am 07.05. 2007 dann die letzte Meldung, die für Aufsehen sorgte: Bei einer Razzia in Belgien wurde eine große Menge Dopingsubstanzen gesichert – 12 Fahrer und Betreuer wurden vorübergehend festgenommen. Aber auch beim Giro d’ Italia gab es wieder Vorkommnisse die das Geschehen überschatteten.

Als Konsequenz auf die Telekom Dopingaffäre wird man auf politischem Weg wohl ein Anti-Doping-Gesetz beschließen, welches aber laut aktuellen Meldungen wohl eher die Ärzte und Betreuer als die Sportler betreffen wird.

Resümee

Doping kann im Radsport keineswegs als Trend bezeichnet werden. Man darf und sollte auch nicht behaupten, es hätte sich in den letzten Jahren verschlimmert oder verbessert, denn am eigentlichen Vorhaben – den Fahrer bis zum körperlichen Limit und darüber hinaus zu bringen - hat sich nichts geändert, nur die Mittel wurden ausgetauscht. Was sich verändert hat, ist, dass Doping über die Jahre teilweise schwieriger wurde und auch in der Gesellschaft eine andere, neue Rolle erhielt. So war es zur Beginn der Professionalisierung des Radsports normal nachzuhelfen. Doping gilt heute allerdings viel mehr als ein Kavaliersdelikt.

Wie und ob man die Fahrer für ihre Vorgehensweise beurteilen soll, bleibt jedem selbst überlassen. Man sollte sich jedoch erst ausführlich mit der Thematik befassen und sich auch immer vor Augen führen, das der Radsport für die Radfahrer ein Beruf ist und kein bloßer Zeitvertreib – es ist somit durchaus relevant ob man erster oder letzter wird. Ich selbst erlaube mir kein Urteil über die Situation im Radgeschehen – ich bin kein Radfahrer und sehe gerade deshalb auch nur ein Bruchteil der Radsportwelt. Deshalb möchte ich meinen Artikel mit folgenden berühmten Worten abschließen:

Wer selber ohne Sünde ist , der werfe den ersten Stein…

Quellen (Auswahl)

  • sport1.de
  • Live Übertragung des Sport1.de Interviews von Bjarne Riis
  • radsport-news.com
  • cycling4fans.de
  • spiegel.de
  • stern.de
  • covadonga.de
  • faz.net
  • janullrich.de
  • radsportnews.net
  • sueddeutsche.de
  • gazzetta.cycling4fans.de
  • HNA - Sportteil
  • "Erinnerungen eines Radfahrer-Pflegers" - Jef d’Hondt
  • "100 Jahre Tour de France" - Delius Klasing Verlag GmbH
  • "Doping im Radsport" - Ralf Meutgens
Eine ausführliche Liste kann beim Autor erfragt werden.

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