Wie die Presse sich mit kaltem Kaffee verbrüht

Doping durch Spinat: Ecdysteron besser als Testosteron?

Spinat macht Muskeln stärker! – Dies ist nicht etwa die kindliche Schlussfolgerung eines ausgiebigen Konsums von Popeye-Trickfilmen, sondern die Headline mit der das Magazin Focus vor wenigen Tagen die Ergebnisse einer Studie zum Wirkstoff Ecdysteron betitelte. Ecdysteron befindet sich wiederum in Spinat, was ungefähr eine genauso neue Erkenntnis ist, wie das, was aktuell durch die deutsche Presse getrieben wird. Niemand will den Anabolika-Zug verpassen und so überschlägt sich die Presselandschaft mit Headlines, die bis hin zu einem Spinat-Verbot führen. Das klare Denken wurde offensichtlich mal wieder eingestellt und wie so häufig werden grundlegende Prinzipien von Training und Ernährung fast schon mystifiziert.

Ecdysteron: Der Stoff, um den sich alles dreht


Ausgangspunkt der aktuellen Berichterstattung in der deutschen Medienlandschaft sind die Ergebnisse von Forschern der Freien Universität Berlin. Diese erforschten die Wirkung des pflanzlichen Stoffes Ecdysteron, der – wie bereits beschrieben – in Spinat enthalten ist und dem in Petrischalen- und Rattenexperimenten bereits in der Vergangenheit eine anabole Wirkung nachgewiesen werden konnte. Bereits 2008, vor über 10 Jahren, berichtete die Welt von diesen Forschungsergebnisse und kam auch bereits damals zum Schluss: Um eine potentiell anabole Wirkung von Spinat zu erhalten, müsste man davon mehr als ein Kilogramm essen. Täglich.


Dennoch dauerte es natürlich nicht lange, und entsprechende Supplemente kamen auf den Markt. Peak, Weider oder die große Marke aus Großbritannien sind nur drei Hersteller, die schon lange Ecdysteron-Produkte auf dem Markt haben bzw. hatten. Noch nie davon gehört? Noch niemanden kennengelernt, der einer Testo-Kur abgeschworen hätte und stattdessen einfach ein paar der Pillen schluckte? Das sollte zu denken geben.
Ecdysteron ist nicht die erste Substanz, von der sich Bodybuilder und Kraftsportler wundersame Vorteile erhoffen würden.
Wer bereits länger Teil der Szene ist, wird sicher noch Stoffe wie Soja-Lecithin oder Kolostrum kennen, die immer mal wieder auftauchten und sicher auch in Zukunft erneut Aufmerksamkeit erhalten werden, wenn mal wieder eine kleine Hypewelle darum ausbricht. Auch Ecdysteron wurde auf Team Andro im Forum schon einige Male in Threads thematisiert und bereits 2012 wurde im Rahmen eines eigenen Artikels ein wissenschaftlicher Blick auf Ecdysteron geworfen.

Der damalige Kenntnisstand beruhte vor allem auf Studien aus dem osteuropäischen Raum, die die Wirkung von Ecdysteron an Wachteln, Ratten oder Mäusen untersuchten. Die Dosierungen an Mäusen hätte dabei 400 bis 500 mg Ecdysteron für einen erwachsenen Mann entsprochen, wobei in Rattenstudien der Hinweis aufkam, dass Ecdysteron in Kombination mit Testosteron wirken würde. Wer weniger vom Männlichkeitshormon besitzt, weil die Person weiblich oder lebensälter ist, würde auch eine geringere Wirkung erleben.
Eine erste Untersuchung am Menschen kam im Jahr 2006 zu dem Ergebnis, dass Ecdysteron nach acht Wochen keine Veränderungen hervorrufen würde.
Weder Körperfettanteil, noch Leistung beim Bankdrücken oder der Beinpresse wurde mittels eine Gabe von 200 mg Ecdysteron verbessert. Unser letzter Stand war damit, dass der Stoff aus der Spinatpflanze keine nachweisbare Vorteile beim Menschen bringen würde, wobei sicherlich die möglicherweise zu geringe Dosierung kritisiert werden könnte.

Was hat sich 2019 geändert, dass die Presse sich mit Meldungen zu Popeyes vermeintlichen Geheimnis fast schon überschlägt?

Neuste Studienergebnisse zu Ecdysteron


Grund für all die Aufregung ist eine am 23.05.2019 veröffentlichte Studie aus Berlin. Für diese wurden 46 Männer im Durchschnittsalter von 25,6 Jahren herangezogen, die mindestens eine einjährige Trainingserfahrung gehabt hätten. Die Probanden wurden in vier Gruppen unterteilt: eine Placebo-Gruppe, zwei Ecdysteron-Gruppen mit unterschiedlicher Dosierung und eine Kontrollgruppe. Als Produkt wurde Ecdysteron der Firma Peak genutzt, was keine Werbung an dieser Stelle sein soll, sondern wörtlich in der Studie nachzulesen ist.

Während die erste Ecdysteron-Gruppe die vorgegeben zwei Kapseln pro Tag einnahm, erhielt die zweite Ecdysteron-Gruppe acht Kapseln pro Tag. Das hätte einer täglichen Dosierung von 200 bzw. 800 mg Beta-Ecdysteron entsprochen, wobei die Forscher selbst darauf hinwiesen, dass die Analyse der Kapseln gerad einmal einen Inhalt von 6 mg ergab. Damit wären es nur 12 bzw. 48 mg gewesen.

Dazu muss gesagt werde, dass das Peak Produkt weiterhin Leucin enthielt. Gemäß Studie waren es damals 100 mg pro Kapsel und damit 200 bzw. 800 mg pro Dosierung. Welches Peak-Produkt die Forscher hatten, ist allerdings nicht nachvollziehbar, denn das zuletzt durch Peak angebotene Produkt enthielt pro Kapsel 280 mg Leucin. Dies entspräche eine Supplementiertung von 560 mg bzw. 2240 mg der anabolen Aminosäure. Möglicherweise liegt hier auch ein Fehler im Paper vor, welcher bisher in der Presse jedoch – soweit mir bekannt – an keiner Stelle angesprochen wurde, denn in anderen Studien konnte ein Kraftzuwachs durch eine Leucin-Supplementation schon bei gut 3000 mg nachgewiesen werden.

Als Leistungstest wurden Sprünge und Maximaltests beim Kniebeugen und Bankdrücken herangezogen, bevor für zehn Wochen nach einem Ganzkörperplan mit sechs komplexen Übungen, die im Rahmen des Papers nicht aufgeführt sind, trainiert wurde. Im Zuge der Studie wurden die Östrogen- und Testosteronwerte, sowie die Werte für LH, IGF-1 und T4 überprüft. In den Ecdysteron-Gruppen wurden außerdem Leber- und Nierenmarker überwacht.

Die beiden Ecdysteron-Gruppen konnten ihr Körpergewicht um 2,5 bzw. Knapp über 3 Kilogramm steigern, wobei hiervon gemäß Forschern 1,58 bzw. 2,02 Kilogramm neue Muskelmasse hinzugekommen wäre.

Kritischer Blick auf die Ergebnisse


Die Forscher zogen für die Studie Probanden heran, die gemäß eigenen Angaben bereits mindestens ein Jahr trainierten. Nimmt man die Werte, wie sie dargestellt wurden, als gegeben an, so verdeutlich ein Muskelwachstum von 1,5 bis 2 Kilogramm innerhalb dieses kurzen Zeitraums vor allem, dass es sich um eher unerfahrenere Anfänger gehandelt haben muss. Mutmaßlich hat die Umstellung auf einen intensiven Ganzkörperplan durchaus ebenfalls eine Rolle gespielt.

In der bereits erwähnten Studie von 2006, die keine signifikanten Vorteile nachwies, wurden unter anderem Übungen wie Bizepscurls, Trizepsdrücken oder Shrugs trainiert, was das Argument verstärkt, dass in der zweiten Studie bessere Trainingsreize gesetzt wurden und diese einen bedeutenden Einfluss hatten. Dagegen spricht allerdings, dass die Placebo-Gruppe in der Studie aus 2019 sogar einen Muskelverlust erlitt, was durch die Forscher im Rahmen des Papers jedoch nicht weiter thematisiert wurde und nur in einer Grafik ablesbar ist. Gründe hierfür könnten möglicherweise bei den Probanden selbst liegen.

Die nähere Betrachtung der konkreten Probanden in den einzelnen Gruppen wäre auch dahingehend interessant, da die Placebo-Gruppe mit einem stärkere Ausgangsniveau in die Studie gegangen war. Hier konnte man sich im Schnitt bei den Kniebeugen von 107,5 kg auf 124,17 kg für eine Wiederholung steigern, wohingegen die Ecdysteron-Gruppen ihre Leistung von 104,17 kg auf 122,17 kg und von 100,5 kg auf 120 kg verbesserten. Beide Ecdysteron-Gruppen waren also zu Beginn und zum Ende hin schwächer als die Placebo-Gruppe. Der größere relative Kraftzuwachs ist beim vorhandenen Ausgangsniveau zumindest nicht überraschend.

Darüber hinaus ist jedem Sportler klar, dass Fortschritte zu Beginn eines sportlichen Lebens immer schneller umsetzbar sind. Es wäre gut möglich, dass im Rahmen der zufälligen Verteilung in der Placebo-Gruppe fortgeschrittenere Athleten eingeordnet wurden, was letztendlich auch Einflüsse auf den Muskelzuwachs erklären würde. Die schwächste Gruppe profitierte am meisten von strukturiertem Training und erzielte den stärksten Muskelzuwachs. Kein besonders überraschendes Ergebnis.

Auch im Bankdrücken waren die Probanden der Ecdysteron-Gruppen zu Beginn schwächer. Die erste Gruppe hatte am Ende sogar noch immer ein geringeres Leistungsniveau als die Placebo-Gruppe zu Beginn. Nunmehr im Schnitt 82 kg schwere Männer konnten in der zweiten Ecdysteron-Gruppe am Ende der Studie im Durchschnitt maximal 97,25 kg im Bankdrücken bewältigen. Das entspricht nicht dem Leistungsniveau von fortgeschrittenen Sportlern.


Ecdysteron besser als eine Testo-Kur?


Diese bzw. ähnliche Formulierungen waren in den letzten Tagen nun in der Presse zu finden. Grundlage hierfür lieferten die Autoren, die darauf hinwiesen, dass die Zuwächse an Muskelmasse bzw. Körpergewicht, die geschildert wurden, in anderen Untersuchen mittels 600 mg Testosteron erreicht worden wären.

Dabei bezieht sich diese Aussage auf die in Bodybuildingkreisen fast schon berühmte Studie aus dem Jahr 1996, in der 43 Männer in vier Gruppen unterteilt wurden: eine Placebo-Gruppe, eine trainierende Placebo-Gruppe, eine Testosteron-Gruppe sowie eine trainierende Testosteron-Gruppe. Im Rahmen der Untersuchung wurde den Männern wöchentlich 600 mg Testosteron Ethanat gespritzt.

Auch in dieser Untersuchung wogen die Probanden knapp 80 kg zu Beginn. Die Gruppe, die nicht trainierte und nur Testosteron bekam, nahm im Durchschnitt 3,5 kg zu, was soweit der zweiten Ecdysteron-Gruppe entspricht und die Aussage der Forscher bestätigt. Die Testosteron-Gruppe, die trainierte, nahm im Durchschnitt jedoch doppelt so viel Gewicht zu.
Es ist keinesfalls so, dass Ecdysteron nur annähernd genauso gewirkt hätte wie Testosteron.
Dass die Presse solche Aussagen allerdings dankbar aufgreift, dürfte dagegen wenig verwunderlich sein.

Doch es wird noch besser: Die trainierende Placebo-Gruppe konnte in der Testo-Studie zwei Kilogramm fettfreie Masse aufbauen (und verlor gleichzeitig offenbar Fett, so dass das Körpergewicht insgesamt nur um 0,9 kg anstieg). Das entspricht im Durchschnitt dem gleichen Muskelwachstum, wie der zweiten Ecdysteron-Gruppe der 2019 veröffentlichen Studie – nur dass die Probanden ohne Ecdysteron auskamen.

Dies ist um so interessanter, da die Sportler aus der Testo-Studie ein höheres Leistungsniveau besaßen. Die Bankdrückleistung stieg in der Placebo-Gruppe von 109 auf 119 kg und die Kniebeugeleistung von 126 auf 151 kg im Durchschnitt. Man könnte also genauso schreiben: Die Placebo-Gruppe der 1996er-Testo-Studie erzielte ohne Testosteronspritze oder Ecdysteron-Supplementierung dieselben Ergebnisse wie die hochdosierte Ecdysteron-Gruppe der 2019er-Studie.

Wirkt sich Ecdysteron positiv auf Muskelwachstum und Kraftleistung aus?


Statistisch betrachtet, konnten die Forscher der 2019er-Studie in ihrer Untersuchung einen Nachweis feststellen und widersprechen damit den Ergebnissen der 2006er-Ecdysteron-Studie. Dies ist zunächst nichts Ungewöhnliches, zumal das Studiendesign insbesondere bezüglich des Trainings sehr unterschiedlich gestaltet war. Hier könnte, wie dargestellt, eine wichtige Ursache liegen, was auch die Forscher im Rahmen ihrer Studie ansprechen.

Warum man – im Wissen um die erste Ecdysteron-Studie am Menschen aus dem Jahr 2006 – nicht eine Kontrollgruppe mit demselben Trainingsplan trainieren ließen, wird dagegen nicht erklärt. Dies wäre eine gute Möglichkeit gewesen, den Einfluss des Trainingssystems besser beurteilen zu können. So wird die Vermutung gestärkt, dass das sinnvollere Training bei Sportlern mit geringem Leistungsniveau schlichtweg zu brauchbaren Ergebnissen führte.

Darüber hinaus ist der Einfluss von Leucin nicht auszuschließen. Die Studie spricht zwar von lediglich 100 mg pro Kapsel, was tatsächlich zu wenig Leucin wäre, im genutzten Produkt müssten es jedoch 2240 mg Leucin gewesen sein, die die zweite Ecdysteron-Gruppe zusätzlich zuführte.

Weiterhin lassen die Werte der Probanden einige Frage offen, inwiefern die Ergebnisse auch nur annähernd für ernsthaft Trainierende relevant sind. Die Studienteilnehmer erhielten zwar einen Trainingsplan, die Umsetzung wird jedoch vermutlich nicht überwacht worden sein, zur Ernährung wurde nichts weiter geschrieben und insbesondere die diskutierten Zahlen zur Kraft lassen die Bedeutung der Ergebnisse für die Praxis anzweifeln.

Der wichtigste Punkt ist aber folgender: Ecdysteron gibt es seit vielen Jahren als Supplement für eine Subkultur, die nach Kraft- und Muskelmaximierung strebt. Sollte jemand ernsthaft glauben, dass es so lange Zeit ein legales Mittel geben würde, das innerhalb kürzester Zeit nachweislich Kraft und Muskelmasse (fast) so gut wie eine Steroidkur ansteigen lassen würde, und das dennoch völlig unter dem Radar von Bodybuildern fliegt, dem ist eigentlich nicht mehr zu helfen.

Was die Studien betrifft, steht es nun 1:1. Wir haben eine Studie, die keinen Effekt am Menschen nachwies, und eine Studie, in der nicht mal ein Dutzend kaum trainierte Personen je Untersuchungsgruppe Fortschritte verzeichneten. Hinzu kommt, dass es beim Rohstoff Ecdysteron offenbar große Qualitätsunterschiede gibt, wie der Supplementhersteller Peak bereits 2004 im Rahmen eines ausführlichen Artikels auf seiner Homepage hinwies. Auch dies wurde von den Forschern der aktuell veröffentlichten Studie nicht hinterfragt.

Was bleibt, sind folgende Erkenntnisse: Einen Blick mag Ecdysteron als Supplement wert sein. Wer es ausprobierne möchte, findet hier im Andro-Shop ein entsprechendes Produkt. Die tatsächliche Wirkung (und der tatsächlich genutzte Rohstoff) sind allerdings zu hinterfragen. Die aktuelle Berichterstattung nimmt darüber hinaus fast schon unseriöse Züge an. Ecdysteron ist und bleibt kein Wundermittel und keinesfalls ein (gleichwertiger) Steroidersatz!


Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung an. Weiteres erfahrt ihr unter become-fit.de oder schaut einfach bei seinem Podcast-Magazin TheCoachCoachCorner vorbei.

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