The Shadow

Dorian Yates: Der Beginn einer neuen Ära

Dorian Yates gilt bis heute als einer der besten Bodybuilder aller Zeiten. Er war einzigartig, revolutionierte den Sport auf vielfältige Weise und steht doch auch stellvertretend für eine der umstrittensten Entscheidungen in der ruhmreichen Geschichte des Mr. Olympia-Wettbewerbs. Ein zurückhaltender Arbeiter, fleißig, bescheiden und nahbar. Verkörperten die erfolgreichsten Athleten dieses Planeten zuvor oftmals den kalifornischen Beachboy, stand der Brite für einen Hardcore-Bodybuilder aus einer europäischen Arbeiterstadt. Wir beleuchten den außergewöhnlichen Werdegang des sechsmaligen Mr. Olympia.


Bis in die frühen neunziger Jahre gab es dem Vernehmen nach nur einen einzigen Weg, um in die absolute Weltspitze des Bodybuildings vorzustoßen: Man war darauf angewiesen, von der US-amerikanischen Elite aufgenommen zu werden. Wer nicht in Kalifornien oder zumindest in den Staaten lebte, trainierte, sich regelmäßig in den renommierten Magazinen ablichten ließ und zur richtigen Zeit die richtigen Hände schüttelte, hatte es schwer auf den ganz großen Bühnen.

Sergio Oliva, Arnold Schwarzenegger, Franco Columbu oder Samir Bannout hatten es vorgemacht: Es war durchaus möglich, auch als Ausländer in die eingeschweißte Gesellschaft der Top-Bodybuilder aufgenommen zu werden und größtmögliche Triumphe zu erringen. Doch der vorherige Gang in die USA war unausweichlich. Seit den frühen siebziger Jahren lebten und trainierten die meisten Spitzenathleten rund um das Golds Gym in Venice Beach oder ließen sich dort zumindest regelmäßig sehen, damit einen auch einflussreiche Größen, wie die Weider-Brüder, potentielle Sponsoren sowie Wettkampfrichter der wichtigsten Wettbewerbe, stets auf dem Zettel hatten.

Sportlich gesehen knüpften die achtziger Jahre mehr oder weniger nahtlos an das goldene Jahrzehnt zuvor an. Natürlich verbesserten sich in puncto Muskelwachstum die technologischen Möglichkeiten und der ästhetische Anspruch entsprach nicht mehr unmittelbar dem altgriechischen Ideal (Stichworte: „Nicht mehr ganz so schlanke Taillen“ oder der in Vergessenheit geratene „goldene Schnitt“), weshalb nicht mehr ganz so wohl geformte Athleten durchaus mehr Muskelmasse auf die Bühne brachten, als noch eine Dekade zuvor. Doch nach wie vor galt das Kredo, dass es nicht unbedingt die ganz schweren Jungs auf das Olympia-Parkett schafften. Stimmige Proportionen sowie feine symmetrische Abstimmungen galten damals nicht mit größtmöglicher Muskelmasse vereinbar. Und in Sachen Härte bestand noch ein nennenswerter Unterschied zu heutigen Ansprüchen.

Dorian Yates: Der Beginn einer neuen Ära


Mit dem urplötzlichen Erscheinen von Dorian Yates änderte sich jedoch schlagartig eine ganze Menge. 1991, ein Jahr nach seinem Profidebüt an selbiger Stelle, bei welchem er als absoluter No Name den zweiten Platz erreichte, tauchte der britische Amateurmeister auf dem Vorgänger der heutigen New York Pro auf und versetzte die Hallte in Atemnot. Überwältigende Muskelmasse – besonders im Bereich des Rückens und der Beine – präsentierte sich den Fans in einer bis Dato unbekannten Kombination aus tollen Proportionen und einer nie dagewesenen Härte. Der Brite gewann den durchaus stark besetzten Wettbewerb und qualifizierte sich für den Mr. Olympia-Wettkampf.


Wie standen die Chancen des Außenseiters beim wichtigsten Wettbewerbs der Welt? Zahlreiche Bodybuilding-Anhänger hatten den Europäer nie zuvor gesehen und teilweise noch nicht einmal von ihm gehört. Seine Konkurrenten, die Judges und die Fachmagazine ahnten wohl größtenteils nichts von der bevorstehenden Revolution ihrer Sportart. Bis Anfang der Neunziger Jahre galt Lee Haney – seines Zeichens bereits vor dem ersten und einzigen Duell mit Dorian siebenmaliger Mr. Olympia – als das Maß aller Dinge. In Sachen Linie, Akzentuierung und Form unterschied sich der 1,81 Meter große Athlet häufig nicht zwingend von seinen stärksten Konkurrenten. Doch Lee war einfach ein ganzes Stück größer als Shawn Ray, Lee Labrada oder Rich Gaspari und brachte demzufolge schlicht etwas mehr Muskelmasse (wie im Fall seiner überragenden Brustpartie und dem für damalige Verhältnisse wahnsinnigen Rücken) auf die Bühne. Dorian hingegen sollte mit einem völlig anderen Paket, als seine Konkurrenten, an den Start gehen.

Ein erstes Indiz für die Akzeptanz des Briten stellte die Reaktion des Publikums dar. Alle anderen Athleten waren der Fachwelt wohl bekannt, und doch wurde Dorian ebenso begeistert empfangen. Auch die Judges mochten die unverhoffte Neuerscheinung und riefen den Europäer in die Top sechs – wo er neben fünf eingeschworenen Kollegen den Außenseiter darstellte. Der Brite schlug sich wacker, mischte im Posedown munter mit, ohne sich unbeliebt zu machen und wurde im Anschluss von seinen Konkurrenten auf der Bühne symbolisch in den Kreis der sich umarmenden Topathleten aufgenommen. Als die Platzierungen ausgerufen wurden, standen plötzlich nur noch Dorian und Lee ohne überdimensionierten Scheck in ihren Händen dar – Platz zwei war dem etwas schüchtern wirkenden Sonderling also bereits sicher!

Auch wenn der Titel schließlich an Lee ging, war Dorian im Nachgang des Wettkampfs das Gesprächsthema Nummer eins. Wer war der Engländer? Woher kam er? Warum hatte man zuvor noch nie von ihm gehört? Wie zum Teufel konnte er mit seinen brutalen Beinen und diesem monströsen Rücken auftauchen und trotzdem über praktisch keinerlei Körperfett verfügen? Die Fachwelt war begeistert – und der Brite sollte in den kommenden beiden Jahren noch nennenswert zulegen können.

Wer nun glaubte, Dorian würde Teil des ewigen kalifornischen Bodybuilding-Kreislaufs werden, irrte sich gewaltig. Auch wenn man dem Europäer anbot, sich dem Rest der Elite anzuschließen, bevorzugte er es, unmittelbar nach dem Wettbewerb nach England zurückzukehren und sich in seinem geliebten Kellerstudio – dem berüchtigten Temple Gym – auf den ganz großen Coup vorzubereiten. Er tauchte auch später noch immer nur kurz auf den schillernden Bühnen auf, um Trophäen einzuheimsen und im Anschluss klammheimlich in Richtung seiner Heimatstadt Birmingham zu verschwinden. Dieser Umstand brachte ihm den Spitznamen The Shadow (der Schatten) ein. Dungeon statt Beach, verregnete europäische Arbeiterstadt, anstelle des sonnigen Kaliforniens, ein schüchternes Lächeln, statt eines breiten Zahnpasta-Grinsens: Das Image des ersten Hardcore-Bodybuilders auf absolutem Spitzenniveau war geboren.

Der Brite präsentierte sich dem begeisterten europäischen Publikum anschließend im Rahmen des English Grand Prix (welchen er natürlich unangefochten gewann) und ließ danach beinahe ein Jahr lang nichts von sich hören, während er sich im heimischen Temple Gym auf Mr. Olympia 1992 vorbereitete. Einen Trainer hatte Dorian nie – er hatte es schon immer bevorzugt, sämtliche verfügbare Literatur zu durchforsten, mit verschiedenen Legenden und Coaches zu sprechen und sich im Anschluss eigenständig maßgeschneiderte Trainings- und Ernährungspläne zu konzipieren. Nur der obligatorische Trainingspartner durfte niemals fehlen.

Die Zeit ab dem Mr. Olympia 1992


Nachdem Lee Haney seinen Rücktritt verkündet hatte, reiste Dorian als einer der Topfavoriten zum Mr. O-Wettkampf 1992. Seine Konkurrenten berichteten im Nachgang, innerlich bereits ihre Titelhoffnungen begraben zu haben, nachdem sie den Briten backstage antrafen – der Europäer hatte im Vergleich zum Vorjahr nennenswert an Muskelmasse zugelegt und präsentierte sich in einer tollen Verfassung. Mit Kevin Levrone verfügte Dorian zwar über einen Gegner, welcher ihm in Sachen Schultern, Arme und Brust eindeutig mehr als nur das Wasser reichen konnte. Doch im Unterkörper und besonders der Rückenpartie glänzte der Zweitplatzierte aus dem Vorjahr in bis dato unbekannten Dimensionen. Der Titel ging an den Engländer und damit erstmals an einen Athleten, welcher nicht den USA residierte.

1993 trat Dorian erwartungsgemäß in Atlanta an, um seinen Titel zu verteidigen. Als der Brite die Bühne betrat, bekam der – in den Neunzigern sehr groß ausfallende – Teil des Publikums, welcher den Wunsch hegte, auf der Bühne immer mehr und mehr Muskelmasse begutachten zu dürfen, schlicht das bis zu diesem Zeitpunkt beeindruckendste Gesamtpaket aller Zeiten zu sehen. Natürlich werden Fans der Siebziger Jahre absolut nachvollziehbarer Weise entgegnen, dass Arnold, Franco und Co. in puncto Ästhetik überlegen waren, doch was die absolute Muskelmasse anging, hatte der Engländer klar die Nase vorn. Bis heute gilt Dorians Erscheinung aus dem Jahr 1993 als einer der einflussreichsten Auftritte in der Geschichte des Profi-Bodybuildings. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde im Rahmen dieses Wettbewerbs das Zeitalter der Massemonster eingeläutet.

Dorian unterschied sich auch deswegen von vielen seiner Konkurrenten, weil er eine andere Trainingsphilosophie besaß. Während in den Achtzigern und zu Beginn der neunziger Jahre noch viele Profis das traditionelle Volumentraining aus den goldenen Siebzigern (Arnold und Co. verweilten teilweise stundenlang im Golds Gym) verwendeten, bevorzugte der Brite eine andere Herangehensweise, um seinen Körper zu transformieren: High Intensity Training. Zu Beginn seiner Karriere lieferte Dorians späterer Freund Mike Mentzer eine Blaupause, welche der Engländer studierte, für brauchbar befand und in üblicher Manier auf seine persönlichen Bedürfnisse anpasste. Länger als eine Stunde benötigte Dorian laut eigenen Aussagen selten für eine Einheit, dafür machte er im Temple Gym wahrlich keine Gefangenen – die 1996 auf dem Markt erschienene VHS-Kassette Blood And Guts veranschaulicht wunderbar, wie wörtlich der Brite das Motto High Intensity nahm.

Die Philosophie, möglichst intensiv zu trainieren, schlug sich nicht nur auf die Kürze der Pausen zwischen zwei Sätzen oder die Ausführung der Übungen nieder. Dorian liebte es, viel Gewicht zu bewegen. Er lehnte es keineswegs ab, neben freien Gewichten eine große Palette an Trainingsgeräten und Maschinen zu verwenden, doch auf das Stemmen von schweren Hanteln konnte und wollte der Brite niemals verzichten. Während es Lee Haney – welcher sich noch am klassischen Volumentraining orientierte – beispielsweise in seiner erfolgreichen Ära gelungen war, so gut wie verletzungsfrei zu bleiben, gab Dorians Körper gleich mehrfach nach.

1994 erlitt der Engländer die erste Verletzung, von der er sich nie wieder ganz erholen sollte: Auch nachdem die Symptome eines Abrisses seines linken Bizepses abgeklungen waren, konnte man fortan bei jedem Wettbewerb sehen, dass sich der linke Oberarm optisch vom rechten Pendant unterschied. Natürlich verlief dementsprechend auch die Wettkampfvorbereitung auf das Mr. Olympia-Wochenende nicht optimal, doch die Performance genügte, um den dritten Titel in Folge einzuheimsen.

Ein Jahr später sah die Fachwelt den vielleicht besten Dorian aller Zeiten. Noch heute diskutieren Fans die Frage, ob sich der Brite nun 1993 oder 1995 am stärksten präsentieren konnte. Zwar gab es den besagten symmetrischen Makel, allerdings packte der Engländer gerade im Bereich des Rückens sogar noch Muskelmasse drauf. Die berühmt-berüchtigte granite hardness (ein Körperfettanteil von wahrscheinlich knapp unter drei Prozent), ein für damalige Verhältnisse wahnwitziges Maß an Masse sowie stimmige Proportionen zeichneten den Europäer Zeit seines Wirkens aus.


Während auch eine langwierige Schulterverletzung – ebenfalls an seiner anfälligen linken Seite – den unbesiegbar wirkenden Briten nicht stoppen konnte, setzte ein weiteres gesundheitliches Problem der großen Karriere des Dorian Yates schließlich indirekt ein Ende: Gut drei Wochen vor dem Mr. Olympia-Wettkampf 1997 riss ein erheblicher Teil der linken Trizepssehne. Der Engländer konnte kaum noch trainieren, absolvierte dementsprechend eine äußerst suboptimale finale Wettkampfvorbereitung und zeigte sich auf der Bühne nachvollziehbarer Weise schwächer, als in den Vorjahren.

Dorian selbst bezeichnete sein Erscheinungsbild im Nachgang als beinah enttäuschend, wobei er trotzdem – entgegen einigen Verklärungen der heutigen Zeit – immer noch zu den stärksten Wettbewerbern gehörte. Dass er überhaupt in einer sehr annehmbaren Form erschien, glich bereits einem kleinen Wunder. Die Entscheidung der Wettkampfrichter, dem Briten seinen sechsten Titel zu verleihen, wurde dennoch von vielen Seiten nahezu zweifelsfrei zurecht kritisiert und teilweise sogar als Skandal bezeichnet.

Ein Rückblick auf die Kontroverse um Dorian Yates


Analysiert man heutzutage noch einmal die Videos und Fotos aus dem Jahr 1997, kommt man zwar nicht zwingend zu derart extremen Auffassungen. Doch in puncto Arme und der Bauchpartie war nicht nur Hauptkonkurrent Nasser El Sonbaty dem Engländer sichtbar überlegen. Außerdem hatte Dorian im Rahmen seines letzten Titelgewinns – wie später beispielsweise Ronnie Coleman oder Phil Heath – Probleme, auf der Bühne einen flachen Bauch zu bewahren. Der Brite schlug seine Herausforderer in nur zwei oder maximal drei der sieben Pflichtposen, was eigentlich nicht zu einem Gesamtsieg im Rahmen eines Bodybuilding-Wettbewerbs gereicht haben sollte.

Auch wenn besagter Wettkampf im Nachhinein in den Augen mancher Fans ein schlechtes Licht auf den Engländer warf, konnte Dorian selbst nichts für die kontroverse Entscheidung der Judges. Zudem erschien er wegen einer akuten Verletzung schwächer als gewohnt auf der Bühne, nicht aufgrund von mangelndem Arbeitseinsatz oder potentiell vorhandenen Motivationsproblemen. Und trotzdem zog der Brite nach seinem sechsten Titelgewinn einen Schlussstrich unter seine äußerst erfolgreiche Karriere. Wie dominant Dorian in den Neunzigern auftrat, verdeutlicht die Tatsache, dass die beiden bereits erwähnten zweiten Plätze bei dem Vorgänger der New York Pro 1990 und dem Mr. Olympia-Wettkampf 1991 die einzigen beiden Profi-Shows darstellten, welche er nicht gewinnen konnte. Davon abgesehen siegte er einfach immer, wenn er auf einer Bühne auftauchte – ein vollkommen irrsinniger Triumphzug!

Ende der neunziger Jahre fand sich Dorian relativ schwer verletzt und erstmals seit über fünfzehn Jahren praktisch ziellos wieder. Der Engländer benötigte einige Zeit, um wieder zurück in die Spur zu finden. Er begann, weltweit Seminare zu veranstalten, seine eigene Supplement-Linie DY Nutrition aufzubauen und trotz der massiven Probleme im Bereich seiner linken Oberkörperseite wieder mehrfach wöchentlich zu trainieren. Zudem legte er seine frühere Medienscheue ab und ist bis heute ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um Themen wie die aktuelle Lage im Profibodybuilding oder Fragen rund um Trainingsmethoden sowie Ernährung geht.

Dorian gilt noch immer als einer der besten und beliebtesten Bodybuilder aller Zeiten. Sein wahnsinniger Rücken zählt – gemeinsam mit Ronnie Colemans Prachtexemplar – in den Augen vieler Fans bis zum heutigen Tag als die beste Rückansicht in der Geschichte. An dem von ihm gesetzten Standard in Bezug auf die Härte beißen sich auch fast dreißig Jahre später noch immer die meisten Pros ihre Zähne aus und das rund um 1993 von ihm persönlich eingeläutete Zeitalter der Massemonster hält nach wie vor an. Hinzu kommt seine wahnsinnige Erfolgsquote bei Profiwettkämpfen und der erbrachte Beweis, dass man kein (Wahl-)Amerikaner sein muss, um die ganz großen Erfolge unter Dach und Fach zu bringen. Seit Arnold Schwarzenegger hatte wahrscheinlich niemand mehr einen derart großen Einfluss auf die Entwicklung des modernen Bodybuildings wie der vormals zurückhaltende Europäer aus dem verregneten Birmingham.

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