Der Mann aus dem Schatten

Dorian Yates: Der beste Bodybuilder aller Zeiten?

Dorian Yates: Sein Name steht wie kein anderer für die massige Bodybuilding-Ära der 90er. Yates kombinierte gewaltige Muskelberge mit extremer Härte und setzte damit neue Maßstäbe in der IFBB Pro-League. Fast noch mehr als sein Körper begeisterte allerdings die mystische Aura, mit der sich der Brite umgab.

Dorian Yates allein gegen die Welt


Dorian Yates kam 1962 in der britischen Kleinstadt Sutton Coldfield zur Welt. Nach dem Tod seines Vaters zog die Familie nach Birmingham, wo er auch seine gesamte Karriere über wohnhaft blieb. Die Arbeiterstadt ist zu einem wichtigen, stimmigen Teil seiner Identität geworden.


Dorian Yates begann im Altern von 21 Jahren mit dem Bodybuilding-Training. Er bezeichnete sich selbst später als „Anti-Bodybuilder“, da er die Präsentation auf der Bühne eigentlich scheute und sich nicht gern von anderen Menschen anstarren lies. Vielmehr sah er in dem Sport die Chance, die eigene Person zum Projekt zu erheben. Sein großes Potenzial hatte er schon selbst erkannt und widmete nun sein ganzes Leben der Optimierung seines Körpers.

Dabei beeindruckt Yates durch ein besonders systematisches Vorgehen. Wie im wissenschaftlichen Experiment variierte er Training und Ernährung Parameter für Parameter, dokumentierte, wartete geduldig und evaluierte den Outcome. So näherte er sich schrittweise dem perfekten Plan für eine Karriere im internationalen Spitzenbodybuilding.

Auf seinem Weg nach oben galt es außerdem, die Bedenkenträger in seinem Umfeld zu ignorieren. In Groß Britannien herrschte damals die Meinung vor, die US-amerikanische Übermacht im Bodybuilding sei nicht zu brechen. Abgesehen von Franco Columbo und Arnold Schwarzenegger hatte es schließlich kein Europäer geschafft, sich auf den großen Wettkämpfen durchzusetzen – und auch die beiden Vertreter hatten die Glanzzeiten ihrer Karriere in den USA verbracht. Das Mekka des Bodybuildings lag über Jahrzehnte in Kalifornien, wo die Fitnessstudios, die verfügbaren Supplemente, Betreuer und die allgemeine Stimmung auf einem beispiellosen Niveau lagen.

Wie sollte da ein autodidaktischer Brite mithalten, der einsam und ohne Coach in einem Studio in Birmingham trainierte? Und selbst wenn er es auf ein körperlich vergleichbares Niveau wie die schweren Jungs aus Übersee brachte: Die Kampfrichter würden dem No-Name aus England so und so keine Chance geben.

Yates blieb von alle dem unbeeindruckt. In den 80er-Jahren konnte er sich zunächst auf nationaler Ebene erfolgreich etablieren, wurde unter anderem 1986 und 1988 Britischer Meister im Heavy Weight. 1990 gab er sein Debüt in den USA auf der Night of Champions, dem Vorläufer der heutigen New York Pro. Er belegte nicht nur auf Anhieb einen hervorragenden zweiten Platz, sondern zog das Publikum sofort in seinen Bann.

Dorian Yates lupenreine Pro-Karriere


Der Einstieg in die Spitzenklasse war also gelungen. Und es ging noch erfolgreicher weiter für Dorian Yates: Die nächste Night of Champion 1991 gewann er und qualifizierte sich somit für seinen ersten Mr. Olympia-Auftritt im selben Jahr. Hier belegte er einen grandiosen zweiten Platz hinter dem Amerikaner Lee Haney, der die Sandow zum siebten Mal in Folge gewonnen hatte und tatsächlich noch keinen realistisch bezwingbaren Gegner für Yates darstellte.

Unglaublich aber wahr: Die Silbermedaille von Las Vegas sollte die schlechteste (!) Platzierung bis zu Yates Karriereende bleiben. Von 1992 bis 1997 gewann er dreimal den English Gand Prix, jeweils zweimal den German und Spanish Grand Prix und ganze sechsmal den Mr. Olympia-Wettbewerb. Er zählt damit bis heute zu den siegreichsten Bodybuildern aller Zeiten. Über die Jahre verlor er jedoch die Freude am Sport, was wohl auch seiner hohen Verletzungsanfälligkeit geschuldet war. Ein Trizepsabriss 1997, kurz nach seinem letzten Mr. O-Titel, bedeutete dann das finale Aus seiner Karriere.

Dorian Yades – the Shadow


Vieles an Yates ist ungewöhnlich. Zu besonderer Berühmtheit brachte es aber seine extreme Introvertiertheit. Während die restliche Bodybuilding-Elite ein öffentlich inszeniertes Lifestyle-Dasein führte, verzog sich Yates das ganze Jahr über in das legendäre Temple Gym in Birmingham und trainierte still in dessen Kellerräumen vor sich hin.

Er mied die Medien, war kaum für Interviews zu haben und schottete vor allem seinen Körper das ganze Jahr über von der Öffentlichkeit ab. Dies machte die Konkurrenz zweifelsohne nervös – man wusste nie, in welcher Form Yates zum Saisonhöhepunkt erscheinen würde, kämpfte quasi gegen einen unsichtbaren Feind. Seine psychologische Kriegsführung ging so weit, dass er noch im Backstage-Bereich des Mr. Olympia im dicken Pullover aufkreuzte. Sein geheimnisvolles Vorgehen brachte ihm den Spitznamen The Shadow ein.

Ein HIT-Testimonial


Auch Yates Trainingsphilosophie wich von der Norm ab. Während ein sehr hochvolumiges Training lange Zeit den Goldstandard im Bodybuilding darstellte, verschrieb Yates sich dem High Intensity Training. Hierbei orientierte er sich unter anderem an seinem Freund Mike Mentzer und hob das HIT Verständnis auf ein neues Level. Gewichte, Wiederholungszahlen, Intensitätstechniken und Satzpausen – Yates Training gilt bis heute als eines der härtesten in der Geschichte des Bodybuildings. Die wenigen Trainingspartner, die er ins Temple Gym geladen hatte, mussten die Einheiten in vielen Fällen vorzeitig abbrechen.


Der Beginn der Masse-Ära – ein polarisierendes Ideal


Dorian Yates war der Begründer einer neuen Generation von Bodybuildern: Mit unglaublichen 141 Kilogramm Offseason- und immer noch 125 Kilogramm Bühnengewicht auf grade einmal 1,79 Meter demonstrierte er eine Muskelmasse, die bis dato höchstens auf Strongman-Wettkämpfen zu sehen war – und das Ganze kombiniert mit der Härte und Trockenheit der Leichtgewichtsklassen. Ein neues Zeitalter war angebrochen.

Dies stieß allerdings nicht nur auf Begeisterung unter Fachleuten und Fans. Viele vermissten schon bald die Ästhetik der Schwarzenegger-Ära. Der Mr. Olympia war zu einer Art Freakshow verkommen. Apropos Schwarzenegger: In einer legendären Grundsatzdiskussion mit Yates verurteile dieser die neu gesetzten Standards und forderte ein konsequenteres Testen auf den IFB-Wettkämpfen

Yates Leben nach dem Bodybuilding


Wie auch immer sich der Sport weiterentwickeln wird: Yates hat den großen Bühnen schon lange den Rücken gekehrt. Er ist heute mit einem brasilianischen Fitnessmodel in zweiter Ehe verheiratet, sein Sohn ist ebenfalls aktiver Bodybuilder. Yates gibt Seminare, hat ein Franchise aus dem Temple Gym geformt, mehrere Autobiografien geschrieben, ein Online-Coaching und eine Supplementlinie auf den Markt gebracht.

Dem Sport ist er immer treu und verbunden geblieben, trainiert immer noch mehrfach die Woche – das Streben nach dem perfekten Körper ist auch im höheren Alter immer ein wichtiger Teil seiner Selbst geblieben.

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