Dein Umfeld wird deine Realität

Du scheiterst an deinem Umfeld!

Hast du immer noch nicht das Wunschgewicht, die Kraftwerte, die Konstanz in Training und Ernährung, die du dir seit Jahren vorstellst? Dann liegt das Problem natürlich, das weißt du schon selber, zwischen deinen Ohren. Aber nicht nur. Unser soziales Umfeld übt einen gigantischen Einfluss auf uns aus. Schau dich doch mal um – liegt hier auch dein persönlicher Hase im Pfeffer?

5 Menschen


Vielleicht kennst du dieses Zitat: „Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du die meiste Zeit verbringst.“ Die Aussage stammt von dem mittlerweile verstorbenen Motivationscoach Jim Rohn. Und wer sie einmal gehört hat, kann sie nie wieder vergessen. Und auch deine erste Intuition ist wahrscheinlich: Der Mann hat irgendwie Recht!

Foto: Andreas Volmari

Gut, man mag sich jetzt über die Zahl 5 streiten. Aber die Kernaussage sollte klar sein. Unser engstes Umfeld prägt uns ungeheuerlich! Ein großes Thema ist das aber irgendwie trotzdem nicht. Persönlichkeitsentwicklung, Mental Health, all das ist ja derzeit so omnipräsent. Aber dabei geht es praktisch immer nur um das Individuum. Du sollst meditieren, ein Journal führen, Ziele setzen, Auszeiten schaffen, alles schön und gut. Dass aber all die Maßnahmen verpuffen, wenn du deine sozialen Kontakte nicht genauso optimierst wie dich selbst, wird kaum thematisiert.

Und was ist in diesem Zusammenhang mit „Durchschnitt“ gemeint? Wie kann denn ein Mensch ein Durchschnitt sein? Tatsächlich bezieht sich das auf ganz verschiedene Faktoren. Zum Beispiel auf unsere Gesundheit, physisch wie mental, unser Verhalten, unser Einkommen, unser Gewicht, unsere Zufriedenheit. Das ist empirisch erwiesen.

Unser soziales Umfeld kann nach jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen sogar unser Genom beeinflussen. Es ist statistisch nachweisbar, dass die Resozialisierung jugendlicher Straftäter quasi unmöglich ist, wenn sie nach einer Haftstrafe wieder in ihr altes Umfeld zurückkehren. Dass Drogensüchtige nach dem Entzug wieder rückfällig werden, sobald sie sich wieder in den alten Kreisen aufhalten.

Inmitten von Kuchen: Wir wollen doch nur dazu gehören!


Kriminelle und Junkies, das sind doch Extremfälle aus irgendwelchen Unterwelten, Paralleluniversen der Gesellschaft, die nichts mit deinem sozialen Umfeld zu tun haben, magst du jetzt einwenden. Aber die Mechanismen sind dieselben. Und du kennst es garantiert aus der Praxis!

Grade hast du dir vorgenommen, dich gesünder zu ernähren. Da sind aber die Kollegen, die Kuchen ausgeben. Die Mutter oder Oma, die gute alte Hausmannskost kochen. Der Partner, der nicht mitzieht. Die Freunde, die am Wochenende wieder saufen gehen wollen.

Und natürlich könnte man zu allem Nein sagen. So einfach ist es aber eben nicht, das weißt du genauso gut wie ich.

Unser Verlangen nach Zugehörigkeit wird immer größer sein als das nach der Wunschfigur oder den 100 Kilo auf der Bank. Nach den physiologischen Grundbedürfnissen (Essen, Trinken) und dem Streben nach Sicherheit folgt schon das soziale Bedürfnis auf der bekannten Maslowschen Pyramide.

Die selbstgesteckten Ziele im Fitnessstudio als Teil der Selbstverwirklichung kommen irgendwann danach und werden im Zweifelsfall immer geringer priorisiert. Wir wollen gefallen – und wenn wir unsere Ziele dafür verraten müssen. Lieber fett und faul als allein. Wenn das „Nein danke, ich trinke nicht mehr“ zu dummen Kommentaren führt, ist da ganz schnell das Gefühl der Ausgrenzung. Und da knickt das Herdentier Mensch nun mal schnell ein.

Dein Umfeld wird deine Realität


Zudem kreiert unser Umfeld unsere Realität. Genau das Verhalten, das wir immer und immer wieder an unseren Mitmenschen beobachten, halten wir unweigerlich für richtig. Im Zusammenhang mit frühkindlicher Entwicklung ist uns das seltsamerweise allgegenwärtig. Dass Kinder von Alkoholikern im späteren Leben die Flasche als festen Bestandteil des Alltags begreifen, erscheint uns logisch. Wir sind aber auch als Erwachsene längst nicht so selbstbestimmt, wie wir es glauben.

Unser Gehirn ist nicht mehr so elastisch wie das eines Kindes, aber es verformt sich lebenslänglich in Abhängigkeit von unserer Umwelt. Wenn du in einem Haushalt mit sportlichen Eltern aufgewachsen bist, bleibt davon immer etwas übrig. Aber wenn du später im Berufsleben z.B. von lauter Karrieremenschen umgeben bist, die alles der Firma unterordnen und dafür Raubbau am eigenen Körper betreiben, wird es schwierig den anderen, aber auch dir selbst gegenüber zu argumentieren, dass du statt weiterer Überstunden oder dem Business Diner lieber ins Gym gehst. Das war nur ein Beispiel von vielen. Die „falschen Freunde“ sind keine exklusive Fehlentscheidung pubertierender Jugendlicher.

Deine Veränderungen spiegeln ihre Ängste


Warum sind die Menschen um uns herum nur so? Warum wird aus etwas so Simplem wie dem Wunsch, Wasser statt Bier zu trinken, schnell so ein Drama gemacht? Weil dein Umfeld genauso Angst davor hat den sozialen Anschluss zu verlieren wie du. Wenn du dich veränderst und nicht mehr mit in den Club kommst, weil du lieber trainieren willst, drohst du verloren zu gehen. Und niemand verliert gern einen Freund. Oder den Partner, ein Kind etc.

Außerdem hältst du ihnen den Spiegel vor. Jeder Mensch wäre gern disziplinierter, attraktiver oder fitter. Wenn du jetzt anfängst, Ernst zu machen, erinnert das alle an das eigene Unvermögen. Und es ist einfacher, den anderen wieder zurück auf die dunkle Seite zu holen, als sich von ihm inspirieren zu lassen.

Foto: Matthias Busse

Das perfekte Umfeld


Wie sieht denn das perfekte Umfeld aus? Idealerweise setzt es sich aus verschiedenen Menschen zusammen:
  • Menschen, die die gleichen Ziele haben wie du.
  • Menschen, die schon da sind, wo du hin willst.
  • Menschen, die dich vorbehaltlos unterstützen.
  • Menschen, die konstruktive Kritik äußern und dich herausfordern.
Übrigens: Eine einzelne Person kann natürlich auch mehrere dieser Rollen bekleiden.


Und wo soll ich dieses Umfeld hernehmen?


Wir haben heute schon sehr viel mehr Kontrolle über unsere Umgebung als in unseren Kindertagen. Dennoch ist dieses „Shape your environment“ leichter gesagt als getan. Einen gut bezahlten Job aufzugeben, nur weil die Kollegen sich nicht für dein neues Hobby interessieren, ist natürlich viel verlangt. Und den Partner, den man ja eigentlich liebt (oder mit dem man zumindest finanziell irgendwie zu sehr verstrickt ist), musst du auch nicht gleich wegen unterschiedlicher Ansichten zur gesunden Ernährung abschießen. Es gibt aber immer Möglichkeiten, das soziale Umfeld aktiv zu gestalten:
  • Wenn du Menschen, z.B. Arbeitskollegen oder sehr engen Verwandten, wirklich nicht aus deinem Leben streichen kannst, dann minimiere eure gemeinsame Zeit. Und wenn auch das nicht geht, führ dir immer wieder vor Augen, dass dein Gegenüber auch nur aus eigenen Bedürfnissen und Ängsten heraus agiert. Und dann umschiffe alle Themen, die doch nur zu Konflikten führen oder dich auf deinem Weg verunsichern.
  • Aber bist du wirklich noch im richtigen Umfeld? Arbeitgeber kann man wechseln. Toxische Beziehungen dürfen beendet werden.
  • Leichter als der Bruch mit bestehenden sozialen Verbindungen ist die Kreation neuer. Du hast dich im Fitnessstudio angemeldet? Herzlichen Glückwunsch, da sind genau deine Menschen! In kleineren Vereinen oder z.B. Outdoor-Workout Gruppen findest du noch einfacher Anschluss. Und wer im Reallife nicht so leicht Kontakte knüpfen kann, findet ganz einfach über entsprechende Gruppen in sozialen Medien die passenden Bekanntschaften. Und besonders praktisch: Der Aufbau eines neuen Umfeldes wird dich mit dem nötigen Selbstbewusstsein ausstatten, schlechte, aus der Not geborene Kontakte zu beenden. Die Angst vor Einsamkeit wird dich nicht mehr daran hindern.
  • Apropos Social Media: Online-Kontakte lassen sich in der Regel schmerzfreier in den Wind schießen als solche im echten Leben. Das beginnt schon damit, dass du allen mal endfolgst, die dir ein schlechtes Gefühl geben.
Wie viel Gestaltungsfreiheit dir bleibt, ist stark von deinen Lebensumstände und deiner Lebensphase abhängig. Mach also das Beste draus! Und begleitend dazu:

Sprich über dein Vorhaben! Sorg dafür, dass du erstens ernst genommen wirst, und zweitens niemand Angst haben muss, dich für immer an diesen Bodybuilding-Lifestyle verlieren. Du wirst sehen, die Menschen sind verständnisvoller, als du glaubst.

Was sollte eigentlich dieser Artikel?


Hast du das hier als Laberartikel ohne substanziellen Mehrwert empfunden? Mag sein, aber ich glaube dennoch, dass die Bedeutung des sozialen Umfeldes derzeit noch viel zu wenig Beachtung findet – auch und vor allem in unserer Fitnessblase. Die Entrepreneur-Society ist da schon deutlich weiter. Uns läuft bei dem Wort „Netzwerken“ ja eher noch ein Schauer über den Rücken, aber in gewissen Schattierungen des Begriffs ist es auch für uns sinnvoll.

Kann schon sein, dass es immer mal wieder Topathleten gab, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz allein an die Spitze durchgeschlagen haben. Dafür braucht es aber, jetzt mal ins Blaue hineingeraten, wahrscheinlich einen ganz speziellen und vielleicht sogar im autistischen Spektrum angesiedelten Charakter.

In der Realität ist vor allem der Hobbysportler in ein Umfeld aus ganz verschiedenen Menschentypen eingebettet, aus dem er ebenso das Beste herausholen muss wie aus seiner Genetik. Bevor du dich kleinteilig mit der Optimierung deiner Supplementierung auseinandersetzt – schau doch erstmal, ob du die richtigen Wegbegleiter an deiner Seite hast.

Quellen

  • Berger et al.: Early and adult social environments have independent effects on individual fitness in a social vertebrate. Biological Sciences 2015.
  • National Academy of Sciences: Factors that Influence Bodyweight. National Academies Press, 2004.
  • Szyf et al.: The social environment and the epigenome. Environmental and Molecular Mutagenesis, 2020.
  • Yen, H.; Syme, L.: The Social Environment and Health: A Discussion oft he Epidemiologic Literature. Annual Review of Public Health, 1999.

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