Oder auch nicht..

Ein letztes Mal ein Ernährungsartikel von mir...

..sollte die eigentliche Überschrift dieses Artikels lauten. Ich hatte aus Frust über den täglichen Forenalltag beschlossen gehabt, einen letzten, finalen, ultimativen, nie dagewesenen Ernährungsartikel zu schreiben, den ich dann beruhigt als Flugblatt in den Straßen hätte auswerfen können und gleichzeitig einem jeden User von Andro per PN hätte zukommen lassen. Ob er wollte oder nicht.

Selbstbetrug


Wenn ich im Ernährungsforum teilweise von jungen, motivierten Bengeln lese, die die wildesten Ernährungspläne verfolgen, ihr Essen bis zur Extase abwiegen oder gar jeden Tag dasselbe essen, kann ich mich nur selten zwischen Brechreiz, Verzweiflung und Amoklauf entscheiden. HÖRT AUF DAMIT!

Ich war auch einmal da, wo ihr jetzt seid. Ich war auch unzufrieden, konnte nicht schnell genug Veränderungen erwarten und war geprägt von wirren stereotypischen Erwartungen. Aber hey: Ich hatte noch nicht das Internet mit alten Männern, die ihre Freizeit damit verschwenden, dass sie mir ernsthaft helfen wollten. - Nur eben nicht jedes Mal von vorne.

Ich verlange ja kein Geld von euch für die Zeilen, die ich hier schreibe, sondern nur Aufmerksamkeit und ein paar Gehirnzellen, die das Geschriebene speichern. Wenn sich jemand damit besser fühlt, kann er aber mir auch gerne horende Geldbeträge überweisen, die er sonst für sonderbare Booster, Wunderernährungsbücher oder gar 4-, 6-, 8-, X-Wochenprogramme ausgeben würde, die ihm irgendwelchen Scheiß versprechen, der dann doch nicht eintritt.

Aber wie man vielleicht bereits bemerkt, wurde mir beim Schreiben der erste Zeilen bewusst, dass es scheiß egal ist, ob ich diesen möglichen Ernährungsartikel auf die Kornflakespackungen weltweit oder einfach nur auf mein persönliches Toilettenpapier drucken würde. Der Erfolg wäre derselbe: Die, die bereits in der Lage dazu waren, eine handvoll Gehirnzellen anzustrengen, um Lebensqualität und gesunde Ernährung zu verbinden, leben bereits auf dem Berg der Weisheit und hätten diesen Artikel auch selbst schreiben können. Der große Rest aber würde auch am nächsten Tag noch die gleichen idiotischen Fehler begehen, die schnellen Lösungen suchen oder in eingefahrenen Denkweisen arbeiten, die ja schließlich schon immer bei so vielen erfolgreichen Leuten funktioniert hätten. Komischer Weise nur bei ihnen selbst nicht.

Aber woran liegt das?

Der Mensch als sozialisiertes Wesen

Wenn man einmal einen Beruf gelernt hat oder irgend ein wirres Fach studiert hat, kommt man vermutlich nicht drum herum, automatisch die entsprechende Brille den gesamten Tag über aufzusetzen und das Leben anders zu sehen. Während der Hautarzt vermutlich überall an einem böse Hautkrebsanzeichen erkennt, der Jurist bei der Bewältigung des Alltages ständig das BGB im Hinterkopf hat, so habe ich unter anderem einen Abschluss in Soziologie und komme nicht drum herum, mich manchmal zu fragen, warum das mir so offensichtliche für andere scheinbar nicht sichtbar ist.

Keine Angst, ich werde jetzt hier keinen einschläfernden Vortrag über Luhmanns Systemtheorie, Webers Machttypen oder gar Becks Risikogesellschaft aufschlüsseln. Ich hatte mich Zeit meines Studiums oder danach noch nicht einmal mit Ernährungssoziologie im speziellen auseinandergesetzt, weil es ganz einfach andere Dinge gab, die ich viel spannender fand. Vielmehr geht es mir um ein paar grundlegende Gedanken, die dem Leser vielleicht zu einer möglichen Selbstreflexion bewegen können. Fachkollegen, die über diesen Artikel stolpern, mögen mir dabei verzeihen, dass ich das Folgende sehr komprimiert und vereinfacht Beschreiben werde, aber hier geht es nicht darum eine soziologische Fachdiskussion zu führen, sondern dem soziologischen Laien verständlich zu machen, dass er dazu neigt ein Idiot zu sein. Das ich dabei auch Kraft eigener Arroganz lediglich einen keinen Teil des soziologischen Theoriengeflechts herausgreife, der mir hinreichend erscheint, sollte verständlich sein.

Zurück zu dem Großteil der soziologisch unberührten Lesern:

Warum bin ich ein Trottel und schaffe es nicht meine Ernährung gesund zu gestalten

Nun, keine Angst, du bist kein Trottel. Oder zumindest nicht mehr, als viele andere auch. Die meisten Ernährungsartikel beginnen mit mache dies, beachte jenes und enden mit setze es um. Dabei werden zur Verdeutlichung eine handvoll von Studien herangezogen, die gerade passend erscheinen und vermutlich niemals vom Leser genauer gelesen werden (wer kann es ihm verdenken) oder eben Anekdoten aus dem Märchenbuch der Bodybuildingwelt herangezogen. Je nach Stimmungslage und bisher Gelesenem (und einer Vielzahl weiterer Faktoren, die ich jetzt nicht weiter erörtern will), wird der Leser mehr oder weniger offen gegenüber dem im Artikel Dargestellten sein.
  • Er wird sich entweder bestätigt fühlen, in dem, was er bisher macht.
  • Er wird sich wie ein kleines Kind die Ohren zu halten, die Augen schließen und dabei LALALALALA rufen, weil das Geschriebene allem widerspricht, was er bisher für heilig hielt.
  • Er wird, was am seltensten passiert, bemerken, dass er den Karren bisher ziemlich in den Dreck gezogen hat und mit Hilfe des neuen Wissens diesen nun erfolgreich herausziehen könnte.
Dabei können diese drei Reaktionen unabhängig davon sein, ob irgend ein Ernährungsguru seine Weisheiten unter die Leute streute, ein erfahrener Wettkampfbodybuilder sich Zeit nahm oder Gott persönlich ihm erschien. Je nach Grad der Ignoranz, die der durchschnittliche Internetuser an den Tag legt. - Ich hoffe dieser Übertreibung konnte soweit klar machen, was ich meine. Doch woran liegt dies?

Selbstbetrug


Sozialisation und Stereotypen

Arg, und da sind sie. Diese beiden komischen Wörter, die aufgrund der wenig verkaufsfördernden Wirkung wohl kein Name für eine neues Supersupplement werden könnten. Worauf will ich hinaus?

Nun, zum einen ist der Mensch ein sozialisiertes Wesen. Sozialisation soll an dieser Stelle nur knapp als Prozess verstanden werden, der uns zu dem macht, der wir sind und durch Erfahrungen, Umwelteinflüsse, unsere Mitmenschen, unsere Erziehung und einigen anderen Dingen beeinflusst wird. Je nachdem, welche soziologische Theorie man bemüht, könnte man dies an dieser Stelle exzessiv ausweiten, doch damit sollen mal besser weiterhin die Gründschnäbel im Soziologiestudium gequält werden. Das Ganze ist ein durchaus komplexer Ablauf, aber für unsere Zwecke soll dies an dieser Stelle genügen. Wir notieren also im Kopf, dass wir beim Lesen von Ernährungsartikeln gewisse Einstellungen zum Text, zur Ernährung, zum Autor und vielen anderen Dingen haben und durch Wissensvorstellungen mehr oder weniger begrenzt sind, die im Laufe unserer Sozialisation entstanden.

Auf der anderen Seite erscheinen mir Stereotypen als besonders erwähnenswert. In der Sozialpsychologie wird der von Lippmann geprägte Begriff in erster Linie dazu genutzt, um die Kategorisierung von Menschen im Alltag durch jedermann zu beschreiben. Dabei können den Stereotypen optischen Eigenschaften, wie aber auch Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Dies soll soweit dazu genügen, schließlich wollte ich hier mit abgelaufenem Magerquark auf die Ernährungsidioten werfen und keinen Supercrashkurs in Soziologie geben. - Wer tieferes Interesse oder gar Vorwissen hat, kann mich gerne kontaktieren. Ich bin immer für rege Gedankenaustäusche zu haben. Aber zurück zu den Ernährungsidioten:

Fragt man nun die Frau oder den Mann auf der Straße, wie sich ein Bodybuilder ernähren würde, so kommen mit Sicherheit sofort die Worte Reis und Hühnchen und vielleicht noch der gute alte Thunfisch. Ich könnte jetzt noch eine Handvoll von Lebensmitteln aufzählen, aber machen wir uns nichts vor: Obst und vor allem Gemüse wird man bei vielen mit der Lupe suchen müssen.

Führt man diese beiden, hier sehr stark vereinfacht dargestellten, Punkte zusammen, so ergibt sich ein Grünschnabel, der nicht nur beratungsresistent ist, wenn ihm ein alter Mann klar machen will, dass Vollei (und nicht etwa Eiklar) und Heidelbeeren Teil der täglichen Ernährung sein sollten. Wenn man dann noch mit weiteren Gemüsesorten auffährt und Reis und Nudeln vom Teller streicht, muss man aufpassen, dass man nicht der Ketzerei beschuldigt wird.

Der einzige Grund, dass man dann nicht am Scheiterhaufen endet, liegt nur an der eigenen körperlichen Überlegenheit gegenüber den Jüngern, die sich in ihrem Weltbild erschüttert fühlen.

Warum diese aber faktisch vorhandene bessere Konditionierung nicht den Schreihälsen die Augen öffnet, ist nur mit den weiter oben beschriebenen LALALALALA-Rufen zu erklären. - Oder es sind eben doch Trottel.

Klar, niemand mag ein Trottel sein, also warum verhältst du dich noch immer so?

Von Trottel zu Trottel

Machen wir uns nichts vor. Auch die alten, weisen Leute, die jetzt auf dem Olymp der Weisheit Whey-Shakes schlürfen und manche von ihnen sich vielleicht sogar an den Bergziegen vergehen, waren einmal Idioten. Auch ich war ein Trottel. Gerade in Internetvorzeiten war es oft schwer an gescheite Informationen zu kommen. Von einer gewissen Lernresistenz, die wohl ein jeder in gewissen Phasen seines Lebens hat, mal gar nicht zu sprechen.

Wenn mich jemand fragen würde, wo das größte Problem liegt, dann vermutlich im Selbstbetrug. Wer ein Idiot ist, neigt oft auch dazu sich selbst zu bescheissen. Wer wie eine Kreuzung aus Marshmallow-Geist und Michelinmännchen aussieht, wird dies nur selten wahrhaben wollen. Wie oft läuft man im Alltag auch schon halbnackt rum? Praktisch nie und im Pullover oder auch dem T-Shirt sieht man halt nur einen dicken Arm, ein breites Kreuz, aber keinen geringen Körperfettanteil.

Aber geht einen Tag, nachdem ihr diesen Text als Unsinn bereits halb verdrängt habt, weil euch irgend so ein 75kg-Experte beleidigt hat, einmal in euch und denkt nach. Machen wir uns nicht vor, der Körper hat naturale Grenzen. Und wer ein höheres Gewicht als seine eigene Körpergröße minus 90 bis 100 hat, sollte selbstkritisch mal seinen Körperfettanteil überprüfen (für AAS-Konsumenten gelten diese Zahlenspielereien natürlich nicht). Ich könnte auch locker 10 kg mehr wiegen und 3 - 4 cm mehr Oberarm haben. Ich kann dies mit Recht sagen, da ich dies bereits auf den Knochen hatte. Das mag im T-Shirt dann noch cool aussehen, aber der dicke, runde Kopf sollte dann auch wirklich das Einzige sein, was bei Tageslicht der Öffentlichkeit präsentiert wird. Den weichen, runden Rest will kein Mensch ausgepackt sehen.

Selbstbetrug


Klassische Bulkingphasen sind etwas für Trottel. Und ich frage gern nochmal: Willst DU wirklich ein Trottel sein? Ich wünschte mir hätte jemand damals bereits diese Frage gestellt.

Und klar, sieht man beim eigenen Blick in den Spiegel das Ganze nicht so schlimm und belächelt die Hungerharken mit ihren Waschbrettbäuchen und 30 cm Oberarmen. Versteht mich nicht falsch. Solche Leute, die man locker zwischen einer Horde Sahelzonenbewohner verstecken könnte, haben genauso wenig etwas mit einem gesunden Aussehen zu tun. Aber sie sind genauso lächerlich, wie die Trottel, die einfach nur eine weiche Wampe vor sich herschieben und ihre tote Masse mit ihrer (nicht vorhandenen) super Power erklären.

Klar gibt es dicke Powerlifter und Strongman, die wirklich Kraft haben. Wer meint, er hätte Power, kann sich ja mal selbst an folgender Tabelle überprüfen: WeightLiftingStandard. Solltest du mehr wiegen als Körpergröße minus 100 und gleichzeitig nicht mindestens irgendwo zwischen Advanced und Elite liegen, bist du vermutlich einfach nur ein fetter Idiot, der es bisher nicht einsehen wollte. Und umso früher du bereit bist, dir das einzugestehen, um so besser für dich! Ich selbst wiege zur Zeit knapp über der Berechnungsformel und befinde mich deutlich auf dem Weg Richtung Elite. Das alles bei einem sehr geringem KFA und glaubt mir: Es ist einfach nur geil Kraft zu haben und zu wissen, dass man nackt besser aussieht, als 99 % der restlichen Menschheit!

Und dann gibt es wieder die Leute, die zwar erkennen, dass sie etwas ändern sollten, es aber irgendwie nicht hinbekommen..

Und irgendwas läuft dann doch noch falsch..

Während kurzfristig nach der Lektüre von Ernährungsartikeln vielleicht noch ein Motivationsschub dabei hilft die ernährungstechnischen Ziele umzusetzen, ebbt dieser oft schnell wieder ab und der Einzelne hat entweder das Problem sich erneut nicht an die einzelnen Punkte vernünftig zu halten, oder er verfällt in eine Essensqual, die den eigenen Lebensstandard unnötig eingrenzt. Spart euch den Scheiß. Warum steigt ihr freiwillig in die Economyklasse, wenn eurem Körper regelmäßig ein Ticket für die 1. Klasse angeboten wird?

Na klar könnt ihr nicht jeden Abend eine Packung Snickers-Riegel inhalieren, aber mal ehrlich: Welcher Mensch, dessen Geschmacksnerven nicht total abgestorben oder von Karamell und Schokolade überteert sind, möchte das? Wenn man mich foltern wollen würde, könnte man mich zwingen, eine Woche lang nur Schokoriegel zu essen. In der VWL gibt es ein Phänomen, dass sich Grenznutzen nennt. Jegliche zusätzliche Investition bringt unterm Strich immer weniger zusätzlichen Nutzen. Wer einmal nach einem Heißhunger auf Schokoriegel im zweistelligen Bereich auch welche vertilgt hat, weiß was ich meine und hat ganz nebenbei auch bereits ein Prinzip der VWL verstanden. Die Welt kann so einfach sein.

Und gesunde Ernährung ebenso. Wer seinem Körper ein paar Wochen die Gelegenheit gibt sich von verarbeiteten und geschmacksverstärkten Lebensmitteln zu erholen und Abstand dazu gewinnen, wird durch eine Vielzahl an neuen geschmacklichen Eindrücken belohnt. Natürlich sollte das Essen funktional sein, um äußer- wie innerlich einen gesunden Körper zu erreichen. Aber dies schließt geschmacklichen Hochgenuss - ob süß, scharf oder herzhaft – in keiner Weise aus. Berardis Maßgeschneiderte Ernährung ist dabei sicherlich nur ein Pilgerpfad, der zum erwünschten Ergebnis führt. Dies ist kein Missionarsartikel, ich möchte nur den Idioten, die vom Weg abgekommen sind, oder diesen sogar nie so richtig fanden, darauf hinweisen, dass es auf jeden Fall den ein oder anderen Golden Way of Nutrition gibt! Vernünftig umgesetzt ist dann auch mal ein Schokoriegel oder auch zwei drin...

Also hört auf euch selbst zu bescheissen, seid selbstkritisch mit euch selbst und macht Essen nicht zu einer Qual, dass ich nicht noch einen Ernährungsartikel schreiben muss..

Grüße vom 75kg-Experten.

Selbstbetrug

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