The GOAT

Die einzigartige Karriere des Ronnie Coleman

Jay Cutler brachte es einmal in einem Interview auf den Punkt: "Ich hätte auch gerne mit so schweren Gewichten trainiert und mir die ganzen verrückten Sachen reingezogen, die Ronnie sich gegönnt hat – doch ich konnte es einfach nicht." Denn Ronnie war und ist ein außergewöhnlicher Bodybuilder. Allein seine unglaublichen acht Olympia-Titel sprechen eine eindeutige Sprache. Daneben weist der Werdegang des US-Amerikaners weitere Unterschiede zu den Karrieren zahlreicher anderer Topathleten auf.

Noch während seines ersten Jahres als amtierender Mr. Olympia war Ronnie Coleman als Polizist in Texas tätig. Er fuhr Streife, übernahm Telefondienste und geriet in die eine oder andere brenzlige Situation. Erst als ihn seine Vorgesetzten mehr oder weniger dazu zwangen, zugunsten seiner Bodybuilding-Karriere eine berufliche Pause einzulegen, hängte der King (bis heute Ronnies Spitzname) die Handschellen an den Nagel.

Auch im Studio verhielt Ronnie sich anders als die Spitzenathleten, welche ihm im Rahmen diverser Wettkämpfe gegenüberstanden: Er trainierte schwer, sehr schwer. Denn in seinen Anfangsjahren widmete sich der US-Amerikaner einer gewissen Doppelbelastung: Er trat auf Powerlifting-Wettkämpfen und als Bodybuilder an.


So verstand es sich von selbst, nach immer neuen persönlichen Bestmarken beim Kreuzheben, Kniebeugen oder Bankdrücken zu streben. Da parallel das Muskelwachstum einzigartige Dimensionen annahm, entschied sich der King irgendwann dazu, exklusiv das Bodybuilding zu fokussieren.

Der unerwartete Durchbruch des Ronnie Coleman


Anfangs tat Big Ron sich im Konzert der Großen trotz seines gigantischen genetischen Potentials schwer. Es gelang ihm Mitte der 90er Jahre nur selten, ein Maß an Härte auf der Bühne zu präsentieren, welches eine Spitzenplatzierung vor Stars wie Dorian Yates oder Kevin Levrone gerechtfertigt hätte. Der King lernte nach eigenen Aussagen nur langsam – doch zugleich setzte er sein Streben nach dem Olympia-Titel trotz zahlreicher Rückschläge unentwegt fort.

Viele von Ronnies Stärken brachten so manches Publikum allerdings bereits vor dem Durchbruch Ende der 90er Jahre ins Staunen: Mit brutaler Muskelmasse, besonders was die Rückansicht betraf, wartete Big Ron auch in jüngeren Jahren bereits auf. Der King wies kaum Schwachstellen sowie eine ästhetische Linie auf – zur ultimativen Sensation wurde Ronnie jedoch erst, als es ihm gelang, seine einzigartigen Muskelberge durch eine atemberaubende Definition zur Schau zu stellen.

Egal ob nach schmerzhaften Niederlagen oder als Dauerregent auf dem Olympia-Thron: Der King präsentierte sich stets freundlich, nahbar und bodenständig. Bis heute verliert so gut wie kein ehemaliger Weggefährte oder Konkurrent ein böses Wort über Big Ron. Ronnie Coleman nahm sich immer viel Zeit für seine Fans, trat teilweise ausgesprochen unterhaltsam vor Publikum auf – wie beispielsweise im Rahmen verschiedener Pressekonferenzen – und leistete sich keinerlei Eskapaden.

Ronnie Coleman: Made in Texas


Wer während der aktiven Karriere nach dem King suchte, wurde überraschender Weise nicht in Kalifornien fündig. Seit den Tagen von Arnold Schwarzenegger und Frank Zane tummelt sich die Elite des Bodybuildings bis auf einige Ausnahmen im Grunde genommen stets rund um das Gold‘s Gym an der amerikanischen Westküste – Ronnie jedoch bleib seinen texanischen Wurzeln treu und schmiedete seinen Olympia-Körper in einem Hardcore-Studio.

Im besagten Metroflex Gym, einem vom legendären Trainer Brain Dobson gegründeten und eher schlicht gehaltenen Studio, lässt sich Big Ron bis heute mehrfach wöchentlich sehen. Rostige Gewichte, ein staubiger Tresen – Glamour und Luxus hatten nur selten Platz in Ronnies Leben. Das Gym brachte übrigens später noch Arnold Classic-Sieger Branch Warren hervor.

Ronnie Coleman und Branch verbindet neben der Herkunft und dem Training mit tendenziell schweren Gewichten eine weitere Gemeinsamkeit: Verletzungen, wohin das Auge reicht. Leider zahlten beide den enormen körperlichen Belastungen in Form von diversen schweren Blessuren Tribut. Den King traf es besonders hart: Bandscheibenvorfälle und Operationen an der Hüfte sorgten bereits mehrmals dafür, dass der sympathische US-Amerikaner über einen längeren Zeitraum nicht einmal mehr laufen konnte.

Von starker Konkurrenz getrieben


Zu aktiven Zeiten lieferte Ronnie über Jahre hinweg in einer atemberaubenden Konstanz. Nur so konnte es Big Ron gelingen, gleich zwei Generationen von starken Bodybuildern in Schach zu halten: Ende der 90er Jahre konnten es Flex Wheeler und Kevin Levrone kaum erwarten, den scheidenden Dauerchamp Dorian Yates abzulösen. Den King hatte 1998 kaum jemand auf dem Zettel. Nur ein Jahr zuvor musste sich Ronnie Coleman beispielsweise mit einem neunten Platz zufriedengeben.

Und doch tauchte Big Ron ein Jahr nach dem Abgang des legendären Dorian Yates fülliger, härter und selbstbewusster auf als jemals zuvor und verschaffte dem Begriff Massemonster eine neue Bedeutung. Die Zeit der ganz schweren Jungs wurde spätestens zu besagtem Zeitpunkt eingeläutet. So kam es dazu, dass Anfang der 2000er Jahre plötzlich die Jay Cutlers und Günter Schlierkamps dieser Welt begannen, den amtierenden Champ zu jagen.

Für die Fans stellte diese Tatsache ein Segen dar. 2001 stimmte die Form von Ronnie auf der Olympia-Bühne beispielsweise nicht zu einhundert Prozent, während sich Jay langsam zu einem ebenbürtigen Gegner entwickelte. Der King setzte sich hauchdünn durch und muss den Atem seines Herausforderers im Nacken gespürt haben, denn in den Folgejahren donnerte Big Ron ein bombastisches Paket nach dem anderen aufs Parkett.

Eine wieder etwas schlankere Taille, überragende Härte und schier atemberaubende Masse waren das Produkt aus Ronnies erfolgreichen Versuchen, sich im Konzert der Massemonster von der Konkurrenz abzusetzen. So blieb der King an der Spitze – volle acht Jahre am Stück. Doch irgendwann endet bekanntlich jede Serie. Während mit Lee Haney und Dorian Yates die beiden vormaligen Dauersieger ungeschlagen abtraten, verlor Ronnie seinen Titel auf der Olympia-Bühne: 2006 setzte sich Jay Cutler schlussendlich gegen den damals 42-jährigen King durch.

The one and only Ronnie Coleman.
Quelle: Generationiron

Die einzigartige Persönlichkeit des Ronnie Coleman


Trotzdem ließ es sich Big Ron nicht nehmen, 2007 ein letztes Mal auf dem wichtigsten Wettbewerb der Welt zu erscheinen, um sich anständig von seinen zahlreichen Fans und langjährigen Konkurrenten zu verabschieden. Sportlich reichte es nur noch zum vierten Platz, davon abgesehen sorgte der King mit einer gewohnt demütigen Abschiedsrede für Standing Ovations.

Wer verstehen möchte, warum Ronnie Coleman bis heute weltweit für unglaublich vielen Fans als der beste Bodybuilder aller Zeiten gilt, kann sich beispielsweise Videomaterial vom Olympia-Wochenende 2003 oder diversen Gym-Sessions anschauen. Und doch können besagte Bilder nicht die gesamte Aura einfangen, welche Big Ron in seiner Blütezeit umgab.

Der herzliche Umgang mit Fans und seinen Konkurrenten, augenscheinlich ehrlich gemeinte demütige Aussagen am Fließband und nennenswerte Qualitäten als spontaner Entertainer großer Massen zeichneten den King Zeit seines Wirkens aus. Es besaß die Mischung aus einem einzigartigen Körperbau sowie einer einzigartigen Persönlichkeit, welche die Welt des Bodybuildings in einer ihrer Glanzzeiten unbezahlbar bereicherte.

Nach oben