Gute Investition oder Geldverschwendung?

Ernährungstrainerlizenz: Wie läuft es ab und macht es Sinn?

Vor inzwischen fast vier Jahren erlangte ich bei einem bekannten deutschen Anbieter die Lizenz zum Ernährungstrainer. Neben einem vierstelligen Geldbetrag, kostete es mich vier Tage meines Lebens, die ich zumindest gegen eine Erfahrung mehr im Leben eintauschte. Ob die Lizenz mehr Schein als Sein bedeutet, wie Ablauf und Umsetzung waren und welche Alternativen ich empfehlen würde, soll Thema dieses Artikels sein.

Der deutsche Lizenzenwahn?


Bas Rutten, ein bekannter ehemaliger MMA-Kämpfer, sagte einmal sinngemäß, dass Schwarzgurte gar nichts aussagen würden. Er dürfe dies behaupten, schließlich habe er selbst in zwei Kampfsportarten einen erlangt.

Ähnliches wird nicht selten über Lizenzen im Sport formuliert. Auf der einen Seite hätten diese keinerlei Aussagekraft über die Fähigkeiten eines Coaches oder Beraters, auf der anderen Seite biete jeder, der genug Hirnzellen zur Erstellung eines Instagram-Accounts hat, heutzutage ein Online-Coaching an.

Ein Phänomen, das in dieser Form wohl in kaum einer anderen Sportart zu finden ist, oder käme jemand auf die Idee plötzlich Tennisstunden anzubieten, weil er schon mal einen Schläger in die Hand genommen hatte? - Wobei ein Instagram-Profil mit dem Titel "Natural Tennis Player" zumindest etwas Neues wäre.

Warum sollte man also solch eine Lizenz erwerben? Das war zumindest eine Frage, die ich mir einige Monate, bevor ich mich tatsächlich dazu entschloss, selbst gestellt hatte. Ich führte bereits seit einigen Jahren Gruppencoachings auf Team Andro durch und erstellte die ersten Trainings- und Ernährungsvorgaben für Interessierte gegen Geld. Die Lizenz ist also keine Berechtigung, die einem helfen würde, formelle Hürden nehmen zu können. Selbst mein Instagram-Profil entstand bereits im Vorfeld.

Was blieb, war die leise Hoffnung, aus der Lizenz etwas Neues mitnehmen zu können. Etwas Neues zu lernen, oder zumindest eine neue Sichtweise auf bestimmte Zusammenhänge zu bekommen, die ich mit Hilfe diverser Fachliteratur und inzwischen über 20 Jahren sportlicher Erfahrung bis dahin vielleicht nicht erlangt hatte.
Also entschloss ich mich, nach langem Zögern, Geld in mich selbst zu investieren. Genauer gesagt einen kleinen vierstelligen Betrag, von dem ich mir auch die nächsten fünf Jahre meine Whey-Vorräte hätte sichern können.
Wäre das rückblickend eine bessere Investition gewesen?

Der Weg zur Ernährungstrainerlizenz


Die Anmeldung erfolgt ohne jegliche Hürde online. Der beschriebene Social Media Auftritt ist aufwendiger einzurichten, so dass der Zugang zur Lizenz quasi als barrierefrei bezeichnet werden könnte, wenn man das nötige Geld mitbringt.

Neben dem eigentlichen Unterrichtsmaterial, war man dazu verpflichtet, eine 4-tägige Präsenzphase zu absolvieren, an deren Ende eine Prüfung abzulegen war. Das alleinige Erscheinen zur Prüfung war nicht möglich, so dass neben kostbarer Lebenszeit weiteres Geld für die täglichen Fahrten investiert werden musste.

Eine positive Überraschung war dagegen das Skript zum Ernährungstrainer. Der Aufbau war gut strukturiert und der Inhalt wurde leicht vermittelt. Insgesamt würde ich es als abgespeckte Version eines Grundlagenbuches wie "Ernährung" von Andreas Hahn beschreiben. Wer letzteres (oder andere Bücher zur Ernährungsphysiologie) also bereits ausführlich studiert hat, kann das Skript schnell über den Daumen laufen lassen, wobei dies nicht despektierlich gemeint ist.

Eine Grundlage, um damit dann aber tatsächlich andere Menschen oder sogar Sportler gezielt und individuell analysieren und beraten zu können, ist das Skript für sich alleine nicht, weshalb ich sowohl an den vier Tagen, als auch in der Prüfung selbst ein deutlich höheres Niveau erwartet hatte.

Ich muss keinen unnötigen Spannungsbogen erzeugen, wenn ich jetzt bereits sage, dass diese Erwartung nicht erfüllt wurde.


Wer macht so eine Lizenz?


Der Grund dafür ist wohl auch in den Teilnehmern zu suchen, deren Zusammensetzung die wohl größte Überraschung für mich war. Ein Drittel vom Arbeitsamt zu dieser Weiterbildung verdonnert, ein Drittel gescheiterte Persönlichkeiten und ein Drittel, das mit den zuvor genannten Gruppen Schnittpunkte aufwies, aber im Gegensatz zu den ersten zwei Gruppen zumindest schon mal eine Hantel in der Hand hatte. – Nicht im Sinne von leistungsorientiertem Training, sondern mehr dahingehend, dass der Unterschied zwischen SZ- und Langhantel bekannt war.

Da saßen nun die Schauspielerin, Anfang 50, die über ihre Rollen im ZDF philosophierte und sich mit dem gescheiterten Regieassistenten die ersten beiden Tage austauschte (ab dem dritten Tag erschien der Typ nicht mehr, nachdem am zweiten Tag die Informationenflut drohte seinen Kopf zum Platzen zu bringen), der arbeitslose Ralf, der zuletzt über Ebay Modeschmuck zusammen mit einem Kumpel verkaufte, nachdem seine Zeit bei der Armee als Zeitsoldat im Mannschaftsdienst beendet war, eine Reihe an weiteren skurrilen Persönlichkeiten und ich.

Vor uns stand eine studierte Trophologin, die mir angesichts ihres Publikums leidtat und der man anmerkte, dass gefälligst möglichst viele diesen Kurs zu bestehen hätten. Unabhängig der Tatsache, dass über die Hälfte nicht einmal das Skript im Vorfeld gelesen hatte und im Rahmen der Veranstaltung das erste Mal den "Unterschied" zwischen Kohlenhydraten und Zucker verstanden hatte (kleiner Tipp: Zucker sind Kohlenhydrate).

Entsprechend machte das inhaltliche Niveau jeden Tag aufs Neue einen Limbo unter der Türschwelle und ich lief Gefahr vom Boreout-Syndrom dahingerafft zu werden. Das Schmerzensgeld, das der Dozentin vom Anbieter gezahlt wurde, kann nicht angemessen gewesen sein.

Die Prüfung


Die letzten Stunden vor der Prüfung waren entsprechend von gezielter Wiederholung geprägt, die mich an die Szene aus den Simpsons erinnerte, als Bart versucht Homer klar zu machen, dass Sideshow Bob Selma töten will. Keiner sollte zurückgelassen werden, wobei manch Gesichtsausdruck mich daran zweifeln ließ, ob dieses Unterfangen gelingen würde.

Die Hälfte der Punkte galt es zu erlangen, um die Prüfung zu bestehen. Ohne Frage kann es immer mal sein, dass man eine Aufgabe missversteht oder die Antwort anders formuliert, als das Lösungsschema es hergibt. Aber wer die Ernährungstrainerlizenz nicht auf Anhieb besteht, sollte ernsthaft überlegen, die Grundschule noch einmal nachzuholen. Das war jetzt despektierlich.

Ich bestand, nachdem ich das Niveau in den vier Tagen wahrgenommen hatte, ohne Lernen mit voller Punktzahl. 1,0. Eigentlich super, möchte man denken.

Was bleibt?


Ich wollte eine Lizenz machen, die ich als kleinen Nachweis für meine Kenntnisse und Fähigkeiten hätte nutzen können. Tatsache ist jedoch, dass ich weder Punktzahl, noch Lizenz jemals auf meiner Homepage oder an anderer Stelle veröffentlichte, weil ich mich nach der Erfahrung der vier Tage nicht mittels der Ernährungstrainerlizenz selbst diskreditieren wollte.

Ich führe selbst Workshops im kleinen Kreis durch, in denen ich in 6 bis 8 Stunden inhaltlich mehr vermittle, ohne den Teilnehmern ihr Jahresbudget für Whey-Protein abzuknüpfen. Wer halbwegs bei Verstand ist, spart sich das Geld für dubiose Lizenzen im Fitnesssport und kauft sich lieber das oben genannte Buch. Das bietet für weniger als 100 Euro in der aktuellen Auflage deutlich mehr Wissen. Alternativ wäre "Ernährung in Prävention und Therapie" von Claus Leitzmann einen Blick wert oder eben für praxisorientierte Darstellungen mein Buch Ernährung für (Kraft-)Sportler, das ich vor inzwischen drei Jahren veröffentlichte.

Die genannten Bücher dienen als Einstieg in die Materie! Wem diese Bücher dagegen schon zu hoch sind, der sollte sich selbst Beratung bezüglich seiner Selbstwahrnehmung suchen, bevor er irgendwem ernsthaft Ratschläge zu dessen Ernährung gegen Bezahlung anbieten will.

Woran erkenne ich eine gute „Akademie“?


Nun mag man in den Raum werfen, dass es verschiedene Anbieter für entsprechende Lizenzeng gibt und meine Erfahrungen möglicherweise nur ein Einzelfall waren. Dem kann ich entgegnen, dass ich mich bewusst für einen sehr namenhaften Vertreter entschieden hatte und zum anderen die Dozentin im Pausengespräch damals bereits durchblicken ließ, dass meine Eindrücke der Präsenzphase keine Ausnahme sein.

Der Grund hierfür ist mutmaßlich auch, dass vereinfacht gesagt jeder seine eigene Akademie oder sein eigenes Institut gründen kann, wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie ausführlich auf ihrer Existenzgründer-Plattform darstellt. Dabei handelt es sich nämlich nicht um Rechtsformen, sondern lediglich um Bezeichnungen für das eigene Unternehmen, auch wenn beim Verbraucher in den meisten Fällen sicherlich ein anderer Eindruck entsteht.

Die Aneignung von Wissen (und insbesondere Erfahrung) kann man sich nicht mit Geld erkaufen. Es ist ein Prozess, den jeder selbstständig durchlaufen muss und der immer mit (mentaler) Anstrengung und Arbeit verbunden ist. Eine strukturierte Ausbildung kann ohne Frage dabei helfen, in die richtigen Bahnen gelenkt zu werden. Etwas Anderes stellen Studiengänge an staatlichen Universitäten auch nicht dar. Es sollte jedoch kritisch hinterfragt werden, inwiefern die oftmals im hohen dreistelligen Bereich abgerufenen Preise gerechtfertigt sind.

In vielen Fällen würde man für einen Teil des Geldes eine Vielzahl an Literatur erhalten, die in der Summe mehr Informationen enthält. Selbstverständlich muss man dieses aufarbeiten und sich damit auseinandersetzen, allerdings sollte niemand dem Trugschluss verfallen, dass eine Frontbeschallung die anschließende Nachbearbeitung überflüssig machen würde. Insbesondere nicht dann, wenn man einen gewissen Selbstanspruch hegt und eine Lizenz nicht nur zur eigenen Selbstbeweihräucherung machen will.

Insgesamt bleibe ich aus bei meiner Position, dass die Preispolitik der Unternehmen, die ihren Kunden Bescheinigungen drucken, nicht zu dem Ergebnis passt, dass die Teilnehmer erhalten oder mögliche Endverbraucher vom lizensierten Trainer oder Berater erwarten dürfen. Was man mit den hier dargestellten Informationen und letztendlich seinem Geld anstellt, bleibt die Entscheidung jedes Einzelnen.


Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung und -betreuung an. Weiteres erfahrt ihr unter become-fit.de oder schaut einfach bei seinem Podcast-Magazin TheCoachCoachCorner vorbei.

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