Binge-Eating

Meine erste Wettkampfdiät: Wie ich den Bezug zu natürlichem Essverhalten verlor

Ehrlich gesagt hatte ich vor 2014 nie großen Bezug zu Diäten. Ich habe ganz normal gegessen. Ab und an mal einen Shake nach dem Training getrunken. Aber wirklich damit auseinandergesetzt, wie und was da eigentlich einen Einfluss hat, das war mir Anfangs relativ egal. In der Regel hatte ich auch keine großen Gewichtsschwankungen. Lag immer um die 51 bis 52 kg bei 164cm.

Nachdem ich dann doch etwas mehr Berührung mit dem ganzen Bodybuilding Kram bekam meldete ich mich in diversen Bodybuilding Gruppen bei Facebook an. BroScience vom feinsten. Man wurde mit so einigen Mythen geimpft:
  • Fruchtzucker sei total kontraproduktiv.
  • Du musst aller 3 Stunden essen, sonst bist du nicht optimal mit Eiweiß versorgt.
  • Süßkram?! Geht ja mal gar nicht.
Also wenn schon Fitnesslifestyle, dann auch zu 100 %.

Foto: Helene Fiedler

Und so kommt dann Schritt für Schritt eins zum anderen. Man verbietet sich Dinge partout und sagt, man darf nicht, das ist schlecht. Entwickelt aber im Gegenzug heimlich still und leise Gelüste auf alles, was so verboten ist. Mal abgesehen davon, dass man die Signale seines Körpers vollkommen unterdrückt. Sinnvoller wäre es doch, sich zu fragen, muss ich jetzt wirklich was essen? Aber nein, wir gewöhnen uns einen verschobenen Essenstil an.
Wir züchten uns eine essgestörte Gesellschaft, schrieb mal jemand unter einen Post von mir. Und wenn man mal genauer darüber nachdenkt, so weit hergeholt war der Kommentar nicht.
Da ich nun infiziert war und etwas abspecken bzw. die Muskulatur etwas sichtbarer machen wollte, startete ich meine erste Low Carb Diät. Hat auch gut funktioniert, ich hab abgenommen, sah jedoch total flach aus. Also kann man machen, muss man aber nicht…

Somit suchte ich mir einen Coach. Bei dem ersten im Bunde war ich ca. 2 Monate, weil ich ziemlich schnell gemerkt habe, dass die Chemie einfach nicht passte und landete kurzerhand später bei meinem zweiten Coach. Somit begann also meine erste richtige Vorbereitung, im Sommer 2014.

Die klassische Oldschool Bodybuilding Diät. Bestehend aus 5 Mahlzeiten. Low fat, high Protein, moderat Carbs. Fett und Carbs wurden natürlich auch noch getrennt gegessen. In dieser Diät habe ich erfahren, was es heißt richtig! Hunger zu leiden. War aber alles kein Problem, solange man das Ziel vor Augen hat, steht man das auch irgendwie durch.

Hunger war ja schließlich nicht das einzige Problem, mit dem man zu kämpfen hatte. Durch die einseitige Ernährung und wenigen Kalorien kamen noch Dinge wie Lethargie, Lustlosigkeit zu allen Nebenaktivitäten (damit auch abkapseln vom sozialen Umfeld), Schlaflosigkeit usw. hinzu. Irgendwie hat man halt nur noch funktioniert. Tschau Leben sag ich nur.

Das erste Mal, als ich mich gefragt habe, ob was mit meinem Essverhalten nicht stimmte, war der Moment, als man das Go bekommen hat, sich doch mal eine Cheatmahlzeit zu gönnen. Wenn es bei einer Mahlzeit geblieben wäre. Aber einmal angefangen war es dann eher out of control und man hatte erst aufgehört bis einem so richtig schlecht war. Gott sei Dank gab es das Go dafür nicht zu oft. Dasselbe spielte sich nach den Meisterschaften ab und wenn man mit Gleichgesinnten zusammen war. Da hat man sich gegenseitig so richtig schön hochgeschaukelt mit Essen.

Ehe man sich versah, war die Saison schon vorbei. Man hat sich zwar immer mal gefragt, wie es danach weitergeht, aber auch nicht wirklich so viele Gedanken daran verschwendet. Wird schon irgendwie und man will ja die Form auch halten, wenn man nun schon so lange Diät gehalten hat. Das ist Motivation genug, denkt man.
Nun ja und was danach kommt, darüber liest man leider nicht allzu oft bzw. scheint es so ein Tabu Thema zu sein. An dem Punkt beginnt dann nämlich der wirkliche Kampf.
Zuerst ist da das sogenannte "Loch" in das man fällt, weil das Ziel, welches man angestrebt hat und wofür man sich tagtäglich den Arsch aufgerissen hat, nicht mehr da ist.

Davon mal abgesehen, dass die wenigsten einen vernünftigen Plan zum Ausdiäten bekommen, oder dass man gar selbst noch Lust hat, wenn der Druck nicht mehr da ist, nach einem Plan weiter zu essen, der eintönig und fad ist.

Meistens wird sich die erste Woche nach dem Wettkampf so richtig schön gegönnt, wie man sagt, um dann wieder, back on track, zu gehen. Naja die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Mein Offseason Plan war eigentlich nicht anders strukturiert. Zwar kalorienmäßig im Überschuss (Fett war immer noch sehr niedrig) jedoch genauso eintönig. Unter der Woche habe ich mich strikt an den Plan gehalten, in dem Glauben, dass ich nur aufbauen kann, wenn ich ordentlich esse, bei gleichzeitig wenig Cardio (Hilfe Muskelschwund) oder allgemein zu viel Bewegung. Dazu war ich noch felsenfest davon überzeugt, dass das viele Essen meinen Stoffwechsel auf Trab hält und ich bei der nächsten Diät nicht zu tief mit den Kalorien gehen muss (hätte ich mir an der Stelle mal ordentliche Literatur besorgt, wäre ich wohl eines Besseren belehrt worden).

In erster Linie sollte es aber immer alles schön "cleanes Essen" sein. Aber gerade am Wochenende, wenn man mit Freunden unterwegs war, ist es eskaliert. Sättigungsgefühl? Pustekuchen. Der Punkt, zu sagen, jetzt reicht´s, war einfach nicht mehr gegeben. Natürlich waren die Blicke der Freunde und die Kommentare dazu nicht gerade angenehm! Klar, die haben dich ja die letzten Monate nur am Salatblatt lecken sehen und nun verdrückst du ein halbes Schwein, ohne mit der Wimper zu zucken. Irgendwie wusste man auch, dass etwas nicht stimmte, und wenn man dann quasi noch den Finger in die Wunde bekam... semi geil.

Foto: Helene Fiedler

Das verschobene Essverhalten fing dann auch irgendwann mal zuhause an. Dort hat es wenigstens keiner gesehen. Man sitzt auf der Couch, zwischen Kekskrümmeln und die Hand in der zweiten Chipstüte, es konnte nicht nur die halbe Tüte sein, wenn schon die ganze. Notfalls eben noch die besagte zweite und fragt sich: Wie konnte es nur so weit kommen?
Nach jeder Eskalation redet man sich ein, dass man jetzt aber WIRKLICH überhaupt keine Lust mehr auf den ganzen Scheiß hat und locker verzichten kann, bis das gleiche wieder passiert. Vom schlechten Gewissen ganz abgesehen, dreht man sich einfach im Kreis.

Aber alles halb so wild, die nächste Diät wird es schon regeln.

Ja, man kann sich echt extrem viel schönreden und sich selbst anlügen, wenn es darum geht ein Problem nicht wahrhaben zu wollen.

Schlussendlich hatte ich vor Diätbeginn 2015 satte 60 Kilogramm auf der Waage und war für meine Verhältnisse einfach zu "dick". Abgesehen davon, dass ein Bruchteil dieser Masse mehr Muskulatur ist und es nur schwieriger wird, die überflüssigen Kilos wieder runter zu diäten.

Sollte sich der oder die ein oder andere an diesem Punkt wiederfinden bzw. parallelen ziehen können, dann ist es eigentlich die schlechteste Lösung, wieder eine Wettkampfdiät zu starten bzw. überhaupt irgendeine Art von Diät. Denn nach dem angepeilten Ziel, was eventuell erreicht wird, geht der Teufelskreis von vorne los. Mit teilweise mehr Kilos als zu Beginn der Diät.

In erster Linie muss man seinen natürlichen Bezug zum Essen wiederfinden. Notfalls mit Hilfe von außen.

Ziel sollte es doch sein, eine Figur zu haben und zu halten, die alltagstauglich ist, ohne sich in einem extrem wieder zu finden. Jedes Extrem fördert schließlich ein anderes.

Frauen kompensieren zusätzlich negative Gefühle oder Gedanken sehr oft mit Essen. Im ersten Moment ist man glücklich und es befriedigt einen, im nächsten denkt man wieder: "Scheiße, warum hast du so viel gegessen?" Bei Binge Eating sind 4000kcal ja keine Seltenheit.

Ich merke das selbst auch bei mir. Wenn es mir schlecht geht, bin ich eher zum Essen geneigt und will mir was gönnen. Emotionales Essen heißt das, soweit ich weiß.

Das Thema essen beschäftigt mich dennoch mehrmals am Tag. Vielleicht wird das Verhältnis dazu nie wieder so wie früher oder erst dann, wenn ich mich komplett vom abwiegen und tracken etc. löse. Es ist jedoch kein Vergleich zu vorher und ich bin definitiv entspannter als zu Beginn.

Mittlerweile habe ich eine gute Balance gefunden und ja ich kann sogar eine Scheißdreckschublade zuhause haben, ohne darüber herzufallen. Das war vorher undenkbar. Der Punkt, zu sagen "Gut, jetzt reicht es!", gelingt mir inzwischen sehr gut. Auch wenn ich bei dem Thema sehr sensibel sein muss und merke, wenn es kippt, damit ich rechtzeitig reagiere und schaue wo liegt das Problem.

Das Ganze ist ein Prozess, der seine Zeit benötigt. Es kann immer wieder Rückschläge geben. Aber ein Schritt zurück dafür zwei Schritte nach vorne. Schlussendlich möchte man ja seine Lebensqualität wieder erlangen.

Danke für eure Aufmerksamkeit,
eure Helene

Hinweis: Helene ist aktive Bikini-Athletin. Mehr von ihr findet ihr auf Instagram oder schaut einfach auf ihrer Facebookseite vorbei.

Nach oben