Die Geschichte nahm ihren Anfang

Eugen Sandow: Begründer des modernen Bodybuildings

Wer Matzes und Davids Video zum Body-Power-Studio Weißenthurm verfolgt hat, der wird ab Minute 29 wahrscheinlich genauso über den Namen Eugen Sandow und seine mit Federn gefütterten Hanteln gestolpert sein wie die beiden Videomacher. Wer war dieser Eugen Sandow und warum passt er so gut in ein Fitnessstudio des 21. Jahrhunderts? Warum sollte man um 1900 Hanteln mit integrierter Grifffunktion kaufen? Dieser und weitere Artikel zur Geschichte des Bodybuildings sollen erläutern, woher unsere heutigen Definitionen des Bodybuildings stammen, welche Personen es geprägt haben und wie das Bodybuilding und die Fitnessbewegung Salonfähig wurden.

Starten wir Anfang des letzten Jahrhunderts mit dem Großvater des modernen Bodybuildings Eugen Sandow (1867-1925).
    "As I have often insist, physical culture does not imply the art of performing acro-batic feats, or the lifting of heavy weights. Far from it. And the thing I always make imperativ is the use of only the lightest weights in exercising, so as to avoid any undue strain." - Sandow, Eugen: Body Building, or Man in the Making. How to become Healthy & Strong
Friedrich Wilhelm Müller alias Eugen Sandow wurde 1867 im ostpreußi-schen Königsberg geboren. Er war ein schwächliches Kind und wurde durch eine Reise mit seinem Vater nach Rom und dem Anblick von ästhetischen und muskulösen antiken Statuen zum Sport machen inspiriert. Er wurde Turner und stemmte Gewichte, allerdings nicht um Bodybuilder zu werden, sondern um als "starker Mann" die Bühnen und Varietés der Welt zu erobern.
"Starke Männer" oder Frauen waren Kraftakrobaten, die seit der Frühen Neuzeit auf Jahrmärkten oder ähnlichen Anlässen enorme Gewichte stemmten, Pferde hoben oder schlicht durch ihre körperliche Stärke erstaunten und damit Menschen unterhielten und er-freuten.
Sandow verließ seine Familie und schloss sich als Kraftakrobat einem Wander-zirkus an. Schnell machte er von sich Reden und wurde zum stärksten Mann der Welt ausge-rufen, nebenbei wurde er einer der erfolgreichsten Ringer seiner Zeit. Als er in den USA auf-trat wurde ein Manager auf ihn aufmerksam und nahm ihn unter Vertrag, seine beispiellose Karriere startete.


War Sandows Körper vom Turnen sehnig und stark geworden, so erreichte er seine muskulö-se und formstarke Gestalt durch das auf Hanteltraining spezialisierte Trainingssystem eines anderen Kraftathleten: Louis Durlacher alias Professor Attila, der Ende des 19. Jahrhunderts von Karlsruhe in die USA ausgewandert war.

Gemäß Attilas Vorgaben musste Sandow täglich zahlreiche Übungen mit 5-Pfund Hanteln (etwa 2,3 Kg pro Hantel) durchführen, jeder Muskel sollte isoliert trainiert werden, somit sollte jedem Muskel eine Regenerationszeit eingeräumt werden, und zeitweise Trainingseinheiten mit mehr Gewicht, Ringen, Boxen und Leichtathletik eingebaut werden.

Mit seinem neuen Manager strukturierte Sandow seine Shows um und lies Zuschauer in Vari-etés und Veranstaltungshallen, was damals revolutionär war, seinen vom Hanteltraining aus-geformten Körper bestaunen und wurde ein Idol seiner Generation. Sozusagen der Arnold Schwarzenegger seiner Zeit.

Anstatt mit dickem Bauch und kraftvoller aber plumper Gestalt Gewichte und Dinge zu stemmen, erarbeitete er eine Show, in der er seinen muskulösen Körper posierte. Sein Kör-per, getragen von den Medien der Fotografie und des Films, wurde Maßstab eines modernen Männerkörpers, setzte neue Impulse des Muskelaufbaus und wurde Sexsymbol für Frauen wie auch Männer.

In einer Ausstellung des Britischen Museums von 1901 wurde Sandows Körper als das per-fekteste Beispiel eines Europäers in Gips gegossen (dieser Abguss findet sich noch heute im Museumsarchiv). Er ließ sich in England nieder, heiratete, schrieb Trainingsbücher, verkaufte individuelle Trainingsanleitung in die ganze Welt und errichtete eigene Schulen in denen vom geschulten Personal nach seinem Trainingssystem trainiert wurde.

Des Weiteren verkaufte er die ominösen Griffhanteln, die beim Training nach dem angefüg-ten Trainingsplan (siehe Bild) mit der Hand zusammengedrückt werden sollten. Unterarmtrai-ning während der Bizepcurls? Das ständige zusammendrücken der Eisenfeder in der Hantel sollte die Fokussierung des Geistes und Spannung des Körpers bei der jeweiligen Übung er-höhen.

Foto: Übungen nach dem Sandow-System, stets mit leichten Hanteln ausgeführt, aus: Sandow-Heft des Verlages Kraft und Schönheit, 6. Auflage (26.-30. Tausend), Berlin 1906

Eugen Sandow war nicht der erste Athlet, der mit Hanteln und Gewichttraining seinen Körper ausgeformt hatte. Sein Trainingssystem übernahm er von seinem Trainer Attila. Schon für die Antike können Hanteln nachgewiesen werden und der Philosoph Seneca beschwerte sich über stöhnende Muskelathleten.

In den Turnvereinen des 19. und 20. Jahrhunderts wurden ebenfalls Hanteln geschwungen. Darüber hinaus existieren in Skandinavien zu dieser Zeit bereits Gesundheitsgymnastik-Studios, die mit dem heutigen Rehatraining vergleichbar sind, in denen Kabelzüge, Trai-ningsmaschinen und Hanteln zur Verfügung standen.

Das Besondere an Eugen Sandow war sein Talent, Bodybuilding und einen muskulösen Kör-per erstrebenswert zu machen. 1901 richtete er in London seine erste Muskelkonkurrenz aus. Juroren waren dabei Sir Charles Lawes, ein anerkannter Künstler und der Erfinder von Sher-lock Holmes, und Sir Arthur Conan Doyle – Bodybuilding war Dank Sandow in der britischen "High- Society" angekommen. Diese "Sandow´s Great Competition" war ein Vorläufer unse-rer Bodybuilding-Wettkämpfe und es wurde an die Sieger eine Statue Sandows Körpers – Bodybuilding-Fans könnte diese bekannt vorkommen – verteilt.

Mit Sandow und der Jahrhundertwende vom 19. in das 20. Jahrhundert wurde Bodybuilding langsam zu einem weiter geöffneten Phänomen. Männer, Frauen und Kinder sollten durch Sandows Trainingsmethoden mit den leichten Hanteln (bei den Männern mit mehr Gewicht bestückt) mit Hilfe eines Trainingspensums von höchstens 30 Minuten pro Tag Gesundheit erlangen, stark im Körper und im Willen werden und die Symmetrie und Schönheit einer anti-ken Statue alias Herkules bekommen.

Dabei war egal, ob im Fitnessstudio oder mit den natürlich in Sandows Versandhandel erwor-benen Hanteln zuhause vor dem Spiegel trainiert wurde.

Wer Sandow einmal beim Posing über die Schulter schauen möchte, hier agiert er in einem Kurzfilm aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts:

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