Die Geschichte des Urvaters des Bodybuildings

Eugen Sandow: der Mann hinter der Statue

Wie heißt die Trophäe, die alljährlich dem Gewinner des Mr. Olympia überreicht wird? Richtig: Die Sandow! Der Mann, der der begehrten Statue einst seinen Namen verlieh, ist dennoch weitgehend in Vergessenheit geraten. Völlig zu Unrecht, denn Eugen Sandow ist kein Geringer als der Erfinder des Bodybuildings!

Eugen Sandow: Ein Preuße goes Bodybuilding


Eugen Sandow wurde am 2. April 1867 in Königsberg im damaligen Ostpreußen geboren. Sein eigentlicher Name lautet ganz urdeutsch Friedrich Wilhelm Müller. Später erzählte er gern, dass sein Künstlername sich aus dem Nachnamen seiner angeblich russischen Mutter ableitete. Wohl eine erfundene Geschichte, denn Historikern zufolge war Friedrich ein uneheliches Kind, das aus einer Affäre hervorgegangen war.

Foto: Matthias Busse

Dennoch wuchs er in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater war entweder Kaufmann oder höherer Offizier – es gibt einige Ungereimtheiten in Sandows Biografie, die er je nach Laune stetig abzuwandeln wusste. In jedem Fall turnte er in seiner Kindheit, blieb aber eher schmächtig, wurde bisweilen sogar als „schwach und weibisch“ beschrieben. Auf einer unbestätigten Italienreise soll er von den Statuen griechischer Götter so fasziniert gewesen sein, dass er beschloss, einen ebenso eindrucksvollen Körper aufzubauen.

Daraus wurde aber erstmal nichts. Auch Sandows Lebensweg als junger Erwachsener variiert je nach Quelle. Zunächst verließ er wohl mit 18 seine preußische Heimat, um dem Militärdienst zu entgehen. Sein Vater sah eine akademische Karriere für ihn vor. So soll er ein Studium der Anatomie an der Universität Göttingen begonnen haben, an der sein Bruder bereits eine Professur innehatte. Sandow konnte sich für die Bücher aber nie so recht begeistern und strebte lieber weiterhin nach seinem körperlichen Ideal. Als sein Elternhaus ihm schließlich genervt den Geldhahn zudrehte, arbeitete er im Wanderzirkus, als Ringer und Aktmodell.

Letztgenannter Minijob an einer Kunstakademie in Brüssel brachte ihn mit einer Persönlichkeit zusammen, die seine spätere Karriere ebnen sollte: Der Deutsch-Amerikaner Louis Dürlacher, der unter dem Namen Luois Attila als Strongman auftrat und eine Sportschule in Belgien betrieb. Er überredete den Deutschen es ihm gleichzutun und einen Namen mit internationalem Appeal anzunehmen. So wurde das Pseudonym Eugen(e) Sandow geboren. Gemeinsam tourten die beiden als Kraftathleten und Entertainer durch Europa.

London, Amerika und die ganze Welt


Gemeinsam mit seinem Entdecker und Mentor zog Sandow schließlich nach London. Um sich im britischen Königreich sogleich einen Namen zu verschaffen, trat er dort gegen den selbsternannten „Stärksten Mann der Welt“, Charles Sampson, an. Das englische Publikum verliebte sich sofort in den Preußen, der nicht nur eine nie dagewesene Physis, sondern auch ein großes Showtalent an den Tag legte. Er bekam sofort ein Arrangement am renommierten Alhambra Theater und brachte es zu nationaler Berühmtheit.

Irgendwann wurde dem Sandow-Attila-Gespann auch London zu klein und sie siedelten in die USA über. Ab 1893 trat Sandow regelmäßig an einem Theater in New York auf, nahm an der Weltausstellung Expo teil und traf sogar den damaligen Präsiden Theodore Roosevelt. Auch in einer der ersten Filmproduktionen der Menschheitsgeschichte hatte er einen kurzen Gastauftritt.

Sandow darf als einer der ersten international gefeierten Sportstars überhaupt bezeichnet werden. Er reiste auch durch Asien und brachte es hier ebenfalls zu großer Popularität, beeinflusste auch die Yoga-Praktiken in Indien nachhaltig. Er wurde zum persönlichen Gesundheitsberater und Personal Trainer des britischen Königshauses und, kein Scherz, coachte den Sherlock Holmes-Autor Sir Arthur Conan Doyle. Auch das britische Militär betreute der einstige Wehrdienstverweigerer bei der Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg.

Sexualität, Leben und Sterben des Eugen Sandow


Über Sandows Sexualität wird bis heute viel spekuliert. Er verdiente einen nicht unwesentlichen seines Lebensunterhaltes dadurch, dass ihn Menschen beider Geschlechter „einfach mal anfassen durften.“ Er heiratete zwar 1896 die Britin Blanche Brooks und zeugte mit ihr zwei Töchter, die Ehe scheint aber nicht besonders glücklich gewesen zu sein.

Sandow starb im Alter von nur 58 Jahren, angeblich bei dem Versuch, ein Kind unter einem Auto zu bergen, woraufhin er sich vor Überanstrengung eine Gehirnblutung zuzog. Eine offensichtlich sehr konstruierte Legende. Historiker vermuten, dass Sandow sich aufgrund seiner recht breit gestreuten sexuellen Aktivität mit Syphilis infizierte. Mit seiner Frau hatte er sich zu dem Zeitpunkt schon so überworfen, dass sie eine anonyme Grabstelle arrangierte – sehr zum Bedauern der bis heute existierenden Fangemeinde.

Ein Vorreiter in vielen Aspekten


Sandow darf mit Fug und Recht als Urvater des Bodybuildings bezeichnet werden. Kraftsport hatte es zwar schon seit der Antike in vielen Facetten gegeben, doch das Streben nach einem muskulösen Körper ohne vordergründiges Augenmerk auf die Kraftleistung stellte ein völliges Novum dar. Muskeln zum Selbstzweck – was heute selbstverständlich ist, musste eben irgendwann mal von jemandem mit echtem Pioniergeist geschaffen werden. Sandow war so gesehen der Vorreiter der heutigen „Ästhetic“, der Gegenentwurf zum Jahrmarkt-Freak, der damals der Standard unter den Kraftsportlern war.


Gegenüber den reinen Kraftathleten musste Sandow natürlich sein Training anpassen, um die erwünschte ausgewogene Muskelentwicklung zu erzielen. Bis dato kannte man nur das Maximalkrafttraining. Sandow erschuf das heute ganz selbstverständliche Volumen- und Hypertrophietraining mit leichten bis moderaten Gewichten und hohen Wiederholungszahlen und integrierte auch Eigengewichtsübungen in seine Routinen. Er verwendete gern Kurzhanteln und machte Werbung für das Training mit freien Gewichten und Grundübungen. Er ermutigte sogar Frauen (die damals in vielen europäischen Ländern noch nicht einmal studieren oder wählen durften) zum Krafttraining.

Und es geht noch weiter mit Sandows Innovationen: Er erschuf, ausgehend vom „Institut für Körperkultur“ in der St. James Street in London, die erste Fitnessstudiokette mit Filialen in aller Welt. Er gab einen postalischen Newsletter heraus und bot seinen Followern sogar Homeworkouts an. Er schrieb mehrere Bücher und war Herausgeber der ersten Bodybuilding-Zeitschrift „Physical Culture“. Sein international vertriebener „Kraft-Kakao“ darf als eines der ersten Supplemente der Geschichte bezeichnet werden. Und jetzt rate, wer den ersten großen Bodybuilding-Wettkampf der Welt veranstaltete? Korrekt! 1901 fand „The Great Competition“ vor mehr als 15.000 (!) Zuschauern in London statt. Übrigens mit seinem Freund Arthur Conan Doyle in der Jury.

Sandow ließ die Siegertrophäe schon damals nach seinem Abbild fertigen. Zugegeben ein etwas selbstherrlicher Akt. Aber der IFBB machte es ihm später gleich: Seit 1977 wird Die Sandow auf dem Mr. Olympia vergeben. Eine vollkommen verdiente Hommage an einen Visionär, dem wir alle viel zu verdanken haben.

Eugen Sandow traf zu Lebzeiten haargenau den damaligen Zeitgeist. Der westliche Mann befand sich im späten 19. Jahrhundert in einer Sinnkrise. Die industrielle Revolution verbannte mehr und mehr Männer in die körperliche Inaktivität. Die großen Eroberungen waren abgeschlossen und die „hart wie Kruppstahl“-Mentalität späterer Militärdiktaturen lag noch ein halbes Jahrhundert weit entfernt. Sandow gab den Menschen die körperliche und geistige Stärke zurück. Er sorgte dafür, dass sich jeder wie eine griechische Götterstatue fühlen konnte. Das hallt bis heute nach. Vielen Dank dafür!

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