Nur n=1 zählt

Evidence-based Bullshit

Vorab, wer mich kennt, kennt vielleicht auch einige Artikel von mir oder auch meinen YouTube Kanal, auf dem es primär um Wissenschaft, Studien und evidenz-basierte Vorgehensweisen geht. Wie kann es also sein, dass ausgerechnet ich eine solche Artikelüberschrift wähle?

Also nicht falsch verstehen, ich bin nach wie vor ein Befürworter evidenz-basierter Trainings- und Ernährungsplanung. Und gleichzeitig bin ich in diesem Bereich mittlerweile der größte Kritiker. Wie das sein kann? Ganz einfach. Werfen wir einen Blick auf die Fitness Branche.

Heutzutage liegt es im Trend, dass jeder der schon einmal ein Studio von innen gesehen hat, scheinbar in seiner Mitgliedschaft gleich eine Klausel unterschrieben hat, dass man ab jetzt ganz wichtig mit irgendwelchen Studienergebnissen um sich herumwerfen muss. Ich nehme mich da nicht aus. Ich bin Mitglied in drei Fitness Studios. Ich muss das also gleich in noch größerem Umfang tun.

Foto: Matthias Busse

Von nun an gelten nur noch Dinge die "bewiesen" sind. Alles, was nicht durch mindestens eine Meta-Analyse dokumentiert wird, ist ohnehin gleich unbrauchbar. Alle praktischen Tipps und Erfahrungen zählen nicht mehr. Denn schließlich hat Studie A gezeigt, dass die Kombination der Ergebnisse mit Studie B zu den besten Ergebnissen führt und eine signifikante Auswirkung auf Muskelaufbau und Fettabbau hat. Die praktischen Erfahrungen, die andere Sportler oder Trainer gemacht haben, kannst du dir also getrost sonst wo hinschieben. Punkt. Die Wissenschaft hat gesprochen.

Viel Wissen, wenig Erfolg

Eine Beobachtung, die ich eigentlich recht interessant finde ist, dass wir noch nie so viel freies Wissen wie zur Zeit zur Verfügung hatten. Jeder kann über das Internet die neuesten evidenz-basierten Praktiken in Erfahrung bringen. Man hat also die Möglichkeit sich ganz ohne Hilfe eines Trainers, einen perfekten Plan aufzustellen. Schließlich ist ja ohnehin auch jeder selbst ein Coach , der schon mal oberkörperfrei in einer Badehose im Schwimmbad war. Oder sich einen Instagram Account angelegt hat und ne Doppel-Bizeps Pose in die Kamera gemacht hat.

Hier muss sich nun keiner persönlich angegriffen fühlen. Hab ich auch schon alles gemacht. Und vermutlich werde ich es auch wieder tun. Aber darum geht es gar nicht.

Worum es aber geht:
Trotz all dem vielen und qualitativ hochwertigen frei verfügbaren Wissen erreichen nicht mehr Sportler ihre Ziele als vorher. Ich habe sogar das Gefühl, dass das Gegenteil der Fall ist. Es erreichen immer weniger ihre Ziele, weil immer mehr viel zu viel Zeit damit verschwenden, sich in ihrer Trainingsplanung zu verlieren, anstatt einfach mal loszulegen.
Nicht selten hat man dann tatsächlich die perfekte Planung vor sich liegen. Das ideale Volumen, die optimale Trainingsfrequenz, ein angepasstes Nährstoff-Timing mit grammgenauen Angaben zur Makroverteilung. Alles an den aktuellsten wissenschaftlichen Ergebnissen ausgerichtet. Der Weg zum Mr. Olympia ist nicht mehr weit.

Aber Moment. Was ist denn da los? Alles steigt und fällt mit der Umsetzung. Wer diesen perfekten Plan nicht in die Tat umsetzen kann, der wird auch keinen Erfolg haben. Blöd. Wirklich blöd. Weil dieses hochwissenschaftliche Konstrukt vielleicht gar nicht zu den eigenen Lebensumständen passt. Vielleicht auch weil man sich gar nicht auf der gleichen Leistungsstufe befindet, wie es durch die statistischen Berechnungen in den Studien ermittelt wurde. Was nun?

Wissenschaftler vs Trainer vs Coach

Wir müssen endlich aufwachen. Aufwachen und begreifen, dass diese drei Begriffe nicht das Gleiche sind. Ein guter Trainer kann ein gutes Programming aufstellen. Der Wissenschaftler liefert die theoretischen Grundlagen. Aber erst ein echter Coaching-Prozess macht das Ganze Ding alltagstauglich und individuell. Darum geht es beim Coaching. n=1.

Das muss jeder endlich verstehen.
Eine hohe Evidenz bedeutet lapidar ausgedrückt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Vorgehen auch bei dir funktioniert, recht hoch ist. Eine hohe Wahrscheinlichkeit ist jedoch keine Garantie.
Schon gar nicht, wenn es sich bei all den Studien beispielsweise um Untersuchungen an Studenten handelt, die in ihren Semesterferien außer Training, Essen und Schlafen sonst nichts im Kopf haben. Du aber der übelste Broker mit 16 Stunden bist.

Denkst du nicht, dass praktische individuelle Empfehlungen von einem Trainer der Erfahrung hat, in der Arbeit mit Personengruppen zu denen du gehörst, nicht doch auch wertvoller sein können als eine weitere statistische Auswertung von Studenten im besten Alter mit dem Fokus auf das Training?

Das bessere Vorgehen

Ist die Wissenschaft also vollkommen nutzlos? Hell, NO! Man muss nur verstehen, wie man sie anwenden sollte. Jeder Basisplan sollte sich an Zielsetzung und Ressourcen des Einzelnen orientieren. Auf dieser Grundlage wird dann ein möglichst evidenz-basiertes Vorgehen erstellt. Und von dann an ist keine weitere Studie mehr notwendig. Denn jetzt geht es um Test und Re-Test. Jetzt geht es darum zu untersuchen und zu analysieren, was wirklich im Alltag funktioniert und einen relevanten Beitrag zu einer individuellen Progression liefert mit einem Aufwand der dem Ertrag auch gerecht wird.

Und wenn das nicht mehr der evidenzbasierten Vorgehensweise entspricht? Who cares? Überlege dir, was du möchtest. Willst du lieber einen tollen Body, auch wenn dieser nicht durch die neueste High-End-Science aufgebaut wurde oder möchtest du in den sozialen Medien der Lauch sein, der kluge Sprüche klopft?

Fazit

Wissenschaft ist schön und gut. Aber vergesst dabei nicht die praktischen Erfahrungen die viele Sportler und Trainer in deren Karriere gesammelt haben. Vielleicht hin und wieder auch mal das eigene Ego zurücknehmen und wirklich diesen Erfahrungen folgen und vertrauen. Vorausgesetzt du hast den richtigen Trainer gefunden und gewählt.

Denn nicht jeder Trainer ist Coach und ein guter Schüler ist nicht immer gleich ein guter Lehrer. Ein 45er Oberarm sagt also genauso wenig über Coaching-Skills und Coaching Qualität aus, wie das reine herunterleiern von Studienergebnissen. Die Mischung macht's. Sammle theoretisches Wissen aus Science und Erfahrungen anderer aber vergiss bei all deiner Recherche nicht, irgendwann auch einmal etwas kontinuierlich umzusetzen und durchzuziehen.

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