Auf geht’s Moppel!

FIBO-Diät: Fluch oder Segen einer ganzen Generation?

Mitte April findet in Köln mit der FIBO das ultimative Treffen der Fitness-Szene in Deutschland statt. Fitnessbegeisterte jeder Couleur werden in die Domstadt pilgern, um Neues zu sehen und sich zu präsentieren. Obligatorisch: die FIBO-Diät!

Die FIBO ist jedes Jahr etwas Besonderes. Hundertausende Fitnessjünger pilgern nach Köln, in der ganzen Stadt sieht man trainierte Menschen, die in bunter Kleidung auf Bänken sitzen und vorgekochte Mahlzeiten zu sich nehmen. In sozialen Netzwerken ist schon von Jahresanfang an überall von der FIBO-Diät zu lesen, ohne die man sich ja nicht auf die Messe trauen darf. Für viele Verfechter des klassischen Bodybuildings ist das Anlass, sich über die Kommerzialisierung der Szene aufzuregen. Denn: Früher gab es sowas nicht!

Foto: Thomas Koch

Stimmt nicht!

Den Zahn möchte ich dann besagter Zielgruppe gleich mal wieder ziehen. Ich besuchte meine ersten FIBOs noch vor dem Beginn des aktuellen Fitness-Hypes und schon damals waren die Hallen gefüllt mit Damen und Herren, die sich in sehr guter Form befanden und auch offen zugaben, für den Messebesuch diätet zu haben. Der große Unterschied: Damals wurde das eben noch nicht tagein tagaus über alle Kommunikationskanäle der sozialen Medien geteilt. Neu ist die FIBO-Diät aber keineswegs.

Dick und durstig

Natürlich gab es aber auch zu jederzeit diejenigen, die sich um derlei Eitelkeiten wenig scherten. FIBO, Gym, Supermarkt, Arbeitsamt, Standesamt – Pumperhose, Bauchtasche und überweites Shirt sind grundsätzlich immer die angemessene Kleidung und verstecken überdies auch die obligatorischen Offseason-Pfunde.

Denn: Ein echter Bodybuilder – also diejenigen, die heute zu Hause bleiben, weil die FIBO trotz POWER-Hallen ja nicht mehr ihre Heimat ist – kennt nur zwei Aggregatszustände: Wettkampfdiät und Offseason. Alles andere ist schlicht inakzeptabel. Das Gute daran, wenn man in der Offseason zur FIBO fährt: Man kann sich gleich durch jede Art der Probe – Shake, Riegel, Wurst – durchprobieren, am besten mehrfach. Offseason eben!

Echte Athleten

Dann gibt es natürlich noch die Athleten, die sich zur Zeit der FIBO in Wettkampfvorbereitung befinden und deshalb in sehr guter Form sind. Eine kleine Anmerkung an dieser Stelle: Für die meisten dieser Athleten ist die FIBO eine pure Qual.

Wer einmal eine Wettkampf-Vorbereitung durchgezogen hat, der weiß, wie kräftezehrend ein Messetag wenige Wochen vor dem Tag X ist. Meiner Erfahrung nach nehmen das vor allem diese Athleten in Kauf, die für ihren Sponsor vor Ort sind und diesen repräsentieren müssen. Das führt uns auch gleich zum nächsten Punkt:

Am Stand gut aussehen

Für diese Athleten ist eine zumindest ansatzweise gute Form obligatorisch. Mit Grauen erinnert man sich an vergangene Tage zurück, als Bodybuilder in der tiefsten Offseason sich bei den Bühnenshows präsentierten – ob man das nun sehen wollte oder nicht.

Für gesponserte Athleten ist also eine adäquate Form auf der FIBO, ob nun in Vorbereitung oder nicht, keine schlechte Idee. Dass man von dieser "Regel" bei absoluten Topathleten, die eben nur auf die Olympia timen und ohnehin ständig um die Welt reisen, Ausnahmen macht: geschenkt. Für den großen Rest gilt aber: Ein paar Wochen Diät für das anständige Repräsentieren des Sponsors ist keine schlechte Idee.

Vom Wandel der Zeit

Im Kern dreht sich die Kritik über die Flut der FIBO-Diätenden aber nicht um Wettkampfathleten, sondern um Fitnessbegeisterte, die sich eben für den Besuch der Messe in Form bringen möchten. Sie möchten einfach im Angesicht der Vielzahl Gleichgesinnter gut aussehen und sich nicht blamieren.

Und eben diese Gleichgesinnten haben zumeist nicht mehr den Offseason-Wettkampfdiät-Jahreskalender im Kopf. Die wollen einfach das ganze Jahr über gut, zu manchen Events noch etwas besser aussehen. Ein solches Event könnte genauso ein Sommerurlaub sein oder eine Hochzeit.

Der Kern der Kritik

Bei der ganzen Debatte geht es weniger um die FIBO-Diät als solche, sondern um den Wandel der Szene, welcher sich eben am anschaulichsten an Großevents wie der FIBO manifestiert.

In früheren Tagen war die FIBO eben ein Treffpunkt für Bodybuilder und Fans des reinen, des ursprünglichen Bodybuildings. Mehr und mehr weitete die Messe jedoch ihre Ausrichtung und zollte damit der zunehmenden Popularität des Fitnesstrainings Rechnung.

Wenngleich die FIBO POWER heute insbesondere an den beiden Wochenend-Tagen die meisten Besucher zieht, so ist die FIBO eben viel mehr als nur das. Die Fitnessszene ist breiter, ist heterogener, ist bunter geworden, dem kann sich eine Messe mit dem Anspruch der FIBO nicht verschließen. Nur gefällt das eben manchem nicht.

Foto: Thomas Koch

"Mein Grund ist besser als deiner!"

Es läuft daraus hinaus, dass die eigene Haltung oftmals als die ultimative Maxime betrachtet wird, andere Denkweisen als dieser nachrangig betrachtet werden. Diäten, um danach an einer Meisterschaft teilzunehmen, in breiter Front Ruhm und Ehre zu erhalten und mit sagenhaften Preisen belohnt zu werden, ist eben mehr wert, als denselben Aufwand für den Push des eigenen Egos zu betreiben – so die Idee.

"Die nehmen mir was weg! "

Es resultiert daraus das Gefühl, dass die "Neuen" den alteingesessenen Bodybuildern etwas wegnehmen. Nur was?

Das können die Wenigsten beantworten. Das vertraute Gefühl, den engen Kreis wiederzutreffen? Anerkennung? Aufmerksamkeit? Es herrscht ein Anspruchsdenken.

Die FIBO ist durch Bodybuilding entstanden, durch Bodybuilding groß geworden, nun müsse sie auch zurückgeben. Das tut sie auch, nur schließt sie eben Neues nicht aus.

Wir gegen den Rest der Welt

Das soll und darf sie auch nicht. Eine Messe muss, um überlebensfähig zu sein, neue Trends ermitteln und präsentieren, muss auf dem neuesten Stand sein. Man könnte auf der IAA auch heute noch ausschließlich Modelle anno 1970 präsentieren. Eine Zielgruppe gibt es dafür.

Doch wäre die Messe dann das, was sie heute ist? Für diese Zielgruppe gibt es dann eigens initiierte Treffen, im Bodybuilding nennt man das Wettkämpfe. Da ist die Zusammensetzung der Menschen heterogener, wenngleich sich auch die Meisterschaften dem allgemeinen Trend nicht entziehen.

Wie wäre es mit etwas Toleranz?

Sind wir doch mal ehrlich. Ob es nun die FIBO ist, ein Wettkampf, der nahende Sommer am Baggersee oder die eigene Hochzeit: Wer für sich den Entschluss fasst, sich in Topform zu bringen, der sollte das doch bitte tun dürfen, ohne dass die Hüter des heiligen Grals ihn dafür am liebsten hängen würden.

Ist das noch hardcore?

Und ja, die FIBO verliert dadurch etwas, nämlich das kuschlige Gefühl, dass jeder jeden kennt, zumindest auf Besucherebene. Das ist ein normaler Preis, den man eben bezahlen muss, wenn man wächst.

Man könnte und sollte es jedoch auch positiv formulieren: Das Angebot weitet sich, es gibt viel mehr zu sehen, wenn man mal die Scheuklappen ablegt.

Vor allem macht es doch viel mehr Spaß, sich sportlich trainierte Menschen anzuschauen, die auch gerne zeigen, wie hart sie an ihrem Körper arbeiten als in fünf Hoodies vermummte Offseason-Bodybuilder, zumindest für vermutlich 99 Prozent der Bevölkerung und sicher immer noch über drei Viertel der Besucher.

Sich selbst nicht so wichtig nehmen

Reflexhaftes Handeln ist eine typische Abwehrreaktion Ewiggestriger der Kategorie "Früher war alles besser". Besteht auch nur der Verdacht, die Person habe kein Interesse an dem einzig wahren Bodybuilding, so hetze man die Inquisition auf sie, auf dass sie am Scheiterhaufen brenne.

Nochmal: Ist es nicht die persönliche Motivation des Einzelnen, die zählt? Ist es nicht egal, warum jemand in Form kommen will? Ist das nicht seine eigene Angelegenheit? Muss man sich darüber aufregen?

Famegeilheit – auf allen Seiten

Häufig entsteht der Eindruck, dass gerade diese Menschen, die sich so lautstark über die junge Generation empören, die sich erdreisten, eine FIBO-Diät durchzuziehen, einzig und allein Anerkennung suchen, weil sie spüren, dass diese ihnen – auch auf der Messe – verloren geht.

Lief man früher breit gebaut und grimmigen Blickes durch die Hallen, schaute der ein oder andere dann doch verschüchtert interessiert. Haben manche Angst, das ginge verloren, wenn daneben ein austrainierter junger Kerl in bunten Leggins und Tank Top läuft?

Am Ende sind alle gleich

Jeder, der behauptet, er trainiere einzig und alleine für sich, lügt. Steile These, aber dazu stehe ich. Es geht immer auch um Anerkennung.

Wenn nun andere drohen, einem selbst das Kuchenstück Anerkennung zu verkleinern, wird versucht, diese vom Tisch zu vertreiben. Soweit alles normal und doch so traurig. Denn eine sich ständig weiter abschottende Gesellschaft wird irgendwann aussterben. Und – bei aller Kritik in diesem Artikel – das wird sich niemand der Leser ernsthaft wünschen.

Nur um das noch einmal klarzustellen: Ich liebe Bodybuilding, ich freue mich, auf der FIBO "dicke" Menschen zu treffen und käme selbst nie auf die Idee, mich dafür in Form zu bringen, um mir auf der FIBO meinen Ego-Push zu holen.

Aber hey, wenn das den ein oder anderen glücklich macht, dann soll er das doch bitte tun. Und ob er dann nach der Diät einen 30er, 40er oder 50er Oberarm hat, das darf doch nicht einen solchen Stellenwert einnehmen.

Foto: Matthias Busse

Habt euch lieb und fasst euch an!

Die FIBO ist ein Abbild der Szene und dadurch ständig im Wandel. Sie wächst und bietet immer mehr Fitnessbegeisterten eine Anlaufstelle. Das beflügelt durchaus auch den Bereich Hardcore Bodybuilding.
Statt herabwürdigend diejenigen zu kritisieren, die es wagen, sich für eine Messe in Form zu bringen, wäre es sinnvoller, sich darüber Gedanken zu machen, wie man die Messe für alle Besucher zu einem noch besseren Erlebnis machen kann.
Diesbezüglich wurde in den letzten Jahren viel unternommen, die Hallen thematisch recht homogen zusammengestellt, um allen Seiten entgegenzukommen.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist die FIBO auch 2018 der Treffpunkt der Szene. Wer sie mit einem gewissen Grad an Offenheit und gesundem Interesse an Neuem besucht, wird viele neue Eindrücke mitnehmen können. Wer jedoch schon im Vorfeld weiß, dass die FIBO in diesem Jahr noch schlimmer werden wird als in den Vorjahren, wer sich schon heute über die Schar der FIBO-Diätenden aufregt, sollte vielleicht besser zu Hause bleiben, Bodybuilder haben es ja ohnehin nicht selten mit dem Blutdruck…

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter Ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!

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