Eine Antwort auf den Artikel "#girlswholift2016 - muss das sein?"

Fitness-Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken

Vor zwei Tagen war auf Team Andro ein ► Artikel der Autorin Ulrike Hacker zu lesen, der sich der Thematik "Weibliche Selbstdarstellung" widmete. Die hohe Resonanz und sehr scharfe Diskussion im Forum legte das Potenzial dieser Fragestellung offen.

Leider kam der betreffende Artikel über eine polemische Meinungsäußerung nicht hinaus - was an sich nichts Verwerfliches ist, doch hat die Autorin mit der Tragweite des ursprünglichen Problems wohl nicht gerechnet.

Zunächst sei festgestellt: Selbstverständlich kann sich jeder im Gym bewegen, anziehen und verhalten, wie er möchte - solange er (oder sie) Andere nicht belästigt oder gegen die Studio-Ordnung verstößt. Ob das immer das ästhetische Empfinden Dritter trifft, sei mal dahingestellt.
Im Fitness-Studio treffen mittlerweile die unterschiedlichsten Generationen aufeinander: fitte Omis auf dem Liegefahrrad, sonnenverdunkelnde Hardcore-Pumper Mitte 40, die jungen Wilden mit ihren ständigen Verletzungen, Studenten mit ihren Stretchbändern auf dem Wackelbrett und eben besagte #legday-Leggins-Püppis, die alle aussehen wie ein Verschnitt von Lena Meyer-Landrut.
Und letztere sehen nicht von ungefähr alle gleich aus und tun die gleichen Dinge: Es ist für eine gewisse Klientel ganz einfach modisch, so zu sein. Diese Lebensweise verspricht Aufmerksamkeit, Anerkennung, Neid der Anderen und das Gefühl, "dazuzugehören". All das ist völlig typisch für junge Menschen, die einfach noch nicht wirklich wissen, wer sie sind und wo sie hingehören. Es ist absolut natürlich, einer Mode zu folgen, wenn man unsicher und unerfahren ist.

Foto: Les Chatfield / CC BY

Gehört man hingegen zu jenen, die den Sprung vom mode- hin zum selbstbestimmten Leben geschafft haben, ergibt sich eine andere Perspektive auf sich, sein früheres Leben und die Jüngeren. Je nach Charakter und Lebensauffassung betrachtet man die neuen Mode-Anhänger(innen) dann entweder gleichgültig, fasziniert, inspirierend, neidisch, verachtend oder arrogant. Man erkennt seinen entwicklungstechnischen Vorsprung und viele verwechseln das leider damit, sich "eine Stufe höher" zu wähnen.

Man ist aber nicht besser, nur anders. Schon von Sokrates ist überliefert, wie er ungeniert über die Jugend motzte: Sie wäre tyrannisch, gleichgültig, arbeitsfaul und würde die Süßspeisen vom Tisch nur so verschlingen. Es ist also ein "normaler" Vorgang, dass sich verdiente Ältere über die frische Jugend aufregt. Das war schon immer so.

Woher kommt das? Ich bin natürlich nur Küchenphilosoph und kann lediglich unvollständige Gedanken über den Sinn des Generationenkonfliktes anbieten. Meines Erachtens liegt ein großer Teil in der Erfahrung mit schlechten Lebensereignissen (Ältere sind tendenziell nicht mehr so optimistisch bzw. naiv, wie Jüngere - die deswegen wiederum tendenziell offener und mutiger sind) und den oft sehr unterschiedlichen Umständen der Kindheit.

Ich möchte das anhand eines eigenen Beispiels erklären: Mein Vater war oppositioneller Aktivist in der DDR. Er kämpfte gegen Stasi-Methoden, Unterdrückung der Glaubensfreiheit und Gleichschaltung. Alles, was mit Staat zu tun hatte, war ein rotes Tuch für ihn. Sein Sohn (also ich) wächst als Jugendlicher aber in der wiedervereinigten BRD auf und interessiert sich sehr für die Armee. Und da treffen wir auf den klassischen Generationenkonflikt.

Im Grunde geht es um die gleiche Sache: Wehrdienst bei der Bundeswehr. Während ich von der Verteidigung der moralischen Werte meines demokratischen Vaterlandes spreche (merke: Jugend ist naiv), geht mein Vater noch von seinen ursprünglichen Ansichten eines willenlos marschierenden Kampfroboters für einen Unrechtsstaat aus. Die Diskussionen waren mit denen vergleichbar, die bei Team Andro im Forum betreffs des eingangs erwähnten Artikels von Ulrike Hacker geführt wurden. Jeder hat irgendwie Recht, aber keiner hat den kompletten Durchblick.

Und damit möchte ich den Bogen zurück zum eigentlichen Thema spannen:
Was hat es mit den sich selbst darstellenden Mädels und Jungs der Fitness-Szene auf sich? Warum ist es so attraktiv, die ewig gleichen Dinge zu posten?
Im Grunde ist es nur möglich, sich selbst einer Öffentlichkeit zu präsentieren, wenn man von sich, seinem Verhalten und seinem Aussehen positiv überzeugt ist. Keiner würde sich der Kritik freiwillig preisgeben, wenn sie nicht überwiegend positiv ausfällt. Also findet die Selbstdarstellung in recht eng gesteckten Grenzen unter allgemein akzeptierten Bedingungen statt: die annähernd gleichen Posen, Klamotten und Gesten, das gesunde Essen und die Motivationssprüche.

Was man niemals sieht: Zweifel, Traurigkeit, Versagen oder jede andere Art von Fehlern. Es wird immer ein perfektes Bild inszeniert, das suggerieren soll: Ich führe ein beneidenswertes Leben.

Das wirft aber die Frage auf: Warum braucht jemand Neid, Anerkennung oder Aufmerksamkeit? Man braucht immer das, was man selbst nicht mitbringt.
Wer sich selbst nicht liebt, der ist auf fremde Anerkennung angewiesen. Wer Stille nicht ertragen kann, braucht dauernde Aufmerksamkeit. Wer Angst vor Einsamkeit und Isolation hat, braucht den Neid der Schwächeren. Wer nicht weiß, wo er hingehört, braucht den Zuspruch der Herde.
Mit den sozialen Netzwerken hat sich eine weitreichende Plattform gebildet, die früher nie in der Form existiert hat. Wer 1990 noch auf sein lokales Umfeld beschränkt war, kann heute per Internet Millionen von Menschen erreichen.

Die neuartige pädagogische Ausrichtung auf das Loben und die bedingungslose Anerkennung der Kinder hat allerdings eine Selbstverständlichkeit erzeugt, nach der sich die Heranwachsenden der absoluten Richtigkeit und Einzigartigkeit ihres Tuns vollkommen sicher sind. Lena-Sofie und Kilian-Gilbert sind also etwas ganz Besonderes - und damit die Welt daran teilhaben kann, gibt es die beiden jetzt bei Youtube und Instagram!
Früher haben sie "ganz ganz tolle Bilder!" gemalt, heute machen sie eben Squats mit 30 kg und bunten Bändchen um die Knie.
Ich weiß, dass ich gerade polemisch argumentiere und bitte, dies lediglich als plakativen Gedankenanstoß zu sehen. Loben gehört zur gesunden Kindesentwicklung natürlich dazu!

Hinter dem Trend zur Fitness-Selbstdarstellung steht ja eigentlich auch ein lobenswertes Motiv: Die Beschäftigung mit seinem Körper, Sport, gesundem Essen und Motivation soll ja nicht nur zu einem begehrenswerten Äußeren führen, sondern symbolisiert meines Erachtens auch die Hinwendung zur Leistungsfähigkeit.

Foto: Rob Larsen / CC BY

Viele Moden waren oft selbstzerstörerisch, weil rebellisch: Rauchen, Saufen, laute Musik, Drogen aller Art, etc trugen nicht grade zu einem gesunden Altwerden bei. Da finde ich den gegenwärtigen Fitness-Trend doch recht altbacken und konservativ: Iss gesund, geh früh zu Bett, mach Leibesübungen und trink fein Wasser - ziemlich spaßfrei das Ganze. Nix mit Halluzinationen, Tanzwut und Ausschweifungen. Die derzeitige Mode strebt eben Sicherheit und Wohlstand an. Angesichts der wirtschaftlichen Schnelllebigkeit wohl gar nicht so von ungefähr!

Und was ist mit der Selbstdarstellung an sich? Die hat es doch auch schon immer gegeben ... ist also nichts Neues und irgendwie normal, oder?

Klar ist das bewusste Inszenieren und Manipulieren des eigenen Lebenslaufes absolut normal. Die technischen Möglichkeiten sind neu, aber das Bestreben, sich selbst in einer gewissen, beabsichtigten Weise darzustellen, ist so alt wie der Mensch selbst.

Das Frisieren seiner Vita per Bild und Text verspricht überall größere Chancen: auf dem Arbeitsmarkt, beim Wunsch-Lebenspartner oder bei der Aufrechterhaltung eines in der Realität nicht existenten Selbstbildes. Andere über seine Unzulänglichkeiten, mangelnde Sozialkompatibilität, depressiven Verstimmungen, Angst und Unsicherheit hinwegzutäuschen ist eine stabile Säule und gleichzeitig Folge unserer Gesellschaft, die auf Leistung baut und Fehler nicht verzeiht.

Im normalen Umfeld kann man es sich nicht leisten, Fehler offen zu zeigen. Sie würden prompt zum eigenen Nachteil ausgenutzt. Ich kenne Beispiele, da kann sich eine Tochter nicht mal leisten, ihren Eltern gegenüber Trauer zuzugeben, ohne gleich soziale Konsequenzen befürchten zu müssen. Die Flucht nach vorn lautet also: Sich so perfekt wie möglich darzustellen!

Im Zuge dessen könnte man sich überlegen, ob die Generation, die sich über die Jüngeren aufregt, nicht sogar dafür verantwortlich ist, dass diese sich so ausbilden konnte.
Wer mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf andere zeigt, richtet immerhin 3 andere Finger auf sich selbst.
Am Schluss wollte ich eigentlich noch ein Fazit bringen, aber das strotzte nur so vor Plattitüden - also lasse ich es. Jeder hat mitgekriegt, dass ich gegen Schwarz-Weiß-Denken und für eine tolerante, globale Betrachtungsweise argumentiere.

Ich weiß auch, dass meine Argumentation lückenhaft und unvollständig ist und würde mich sehr darüber freuen, mit euch gemeinsam das Thema näher zu beleuchten!

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