Quo vadis, Deutschland?

Unser Fitnesslevel im Lockdown

Geschlossene Fitnessstudios, mentaler Stress, fehlende Alltagsbewegung – aber auch Entschleunigung und mehr Zeit für einen gesunden Lebenswandel. Wie reagieren die Deutschen eigentlich auf das New Normal im Corona-Lockdown, aus dem man ja eigentlich doch noch so einiges rausholen könnte? Was macht das Volk aus den gegebenen Möglichkeiten? Die Statistiken zeigen ein widersprüchliches Bild.

Ein Volk wird fett(er)


Laut RKI, das im Rahmen der regelmäßig durchgeführten GEDA-Studie den Gesundheitszustand aller deutschen Erwachsenen von April 2019 bis September 2020 erhoben hat, ist das Durchschnittsgewicht hierzulande ab Frühjahr 2020 deutlich gestiegen.

Im Zeitraum April – August 2019 lag das mittlere Körpergewicht der Deutschen bei 77,1 Kilo, im gleichen Zeitraum 2020 bei 78,2 Kilo. Der BMI stieg von 25,9 auf 26,4 – kein dramatischer, aber ein statistisch signifikanter Anstieg. Aus früheren Vergleichsstudien ist zwar bekannt, dass das Durchschnittsgewicht der Deutschen jährlich steigt. Allerdings liegt der Anstieg eher in Größenordnungen von ca. 250 Gramm pro Jahr, hat sich also seit Beginn der Pandemie mehr als vervierfacht.

Foto: Frank-Holger Acker

In der Umfrage eines kommerziellen Anbieters gaben 27 Prozent der Deutschen an, schon in den ersten Wochen des Lockdowns zugenommen zu haben. Jeder Fünfte bringt jetzt sogar 3 bis 5 Kilo mehr auf die Waage.

Ausdauersport boomt – aber nicht nur


Mit der Schließung der Fitnessstudios (und – und das ist wohl gesamtgesellschaftlich relevanter – der einsetzenden Langeweile) hat der Ausdauersport kräftig angezogen. Der Fitnesstracker-Hersteller Garmin meldet für den Monat April 2020, also den Höhepunkt des ersten Lockdowns, einen Anstieg der aufgezeichneten Laufaktivitäten um 75% gegenüber dem Vorjahr, beim Radfahren lag der Anstieg gar bei 87 Prozent.

Mit den Lockerungen im Sommer und Herbst 2020 hat zwar der völlige Fokus auf Cardio nachgelassen. Über das gesamte Jahr lag die Zunahme an getrackten Läufen aber immer noch bei erstaunlichen 55 Prozent. Auch Yoga zählt zu den Gewinnern der Pandemie.

Aber schlechte Nachrichten für das Krafttraining: Während weltweit die Zahl aufgezeichneten Krafttrainingseinheiten um bemerkenswerte 23 Prozent anstieg und vor allem Länder mit radikalen Shutdowns das Indoor-Training mit Hanteln und Bodyweight entdeckten, fiel die deutsche Aktivität in diesem Segment um ca. 10 Prozent gegenüber 2019. Die zwischenzeitliche Studioöffnung in den Sommermonaten hat die Deutschen nicht in Scharen in die Gyms gelockt.

Für Garmin selbst war 2020 übrigens das mit Abstand erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte.

Natürlich handelt es sich hier nur um die Datenerfassung eines einzigen Anbieters. Der Anstieg oder Abfall an Aktivitäten kann auch auf Gründe wie Marketing, neue Features usw. zurückzuführen sein. Gewiss aber nicht nur. Und wer sich bei auch nur halbwegs passablem Wetter mal in netten Gegenden aufhält, wird feststellen: Ein Volk macht sich auf den Weg, spazierend, joggend, auf dem Rad – die deutschen Fahrradhändler freuten sich über ein Umsatzplus von 9,2 Prozent im ersten Halbjahr 2020. Und es hätte ohne massive Lieferengpässe aus Fernost vielleicht noch mehr sein können.

Noch massiver stieg, wie viele Leser aus leidvoller Erfahrung wissen dürften, der Umsatz mit Kraftsportequipment für das Homegym. Entgegen der Garmin-Statistik zurückgehender Kraftsporteinheiten lagen die Umsätze je nach Produktkategorie um bis zu 300 Prozent höher als in 2019. Der Markt ist mittlerweile – ein Novum für die moderne Überflussgesellschaft – in Teilen komplett leergekauft.

… oder doch nicht?


Doch Kauf ist ungleich Training, und allein die Absatzzahlen und Daten der Sportartikelhersteller geben natürlich wenig Aufschluss.

In der Erhebung eines Kölner Marktforschungsinstituts gaben 17 Prozent der Befragten an, in der Pandemie mehr Sport zu treiben, aber 30 Prozent haben ihr Pensum reduziert.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Techniker Krankenkasse. 26 Prozent der Umfrageteilnehmer treiben in Corona-Zeiten weniger Sport, 13 Prozent seien aktiver geworden. Für 60 Prozent hat sich nichts geändert. Kurzum: Diejenigen, die sich im Lockdown mit mehr Training die Zeit vertreiben, bleiben die statistische Minderheit.

Immerhin 26 Prozent freuen sich ausdrücklich darauf, nach dem Ende der Corona-Krise wieder sportliche Einrichtungen besuchen zu dürfen – allerdings sind hier auch Vereinssportler erfasst. Nach Rausrechnung allein aller Fußballer bleibt für die Gyms wahrscheinlich nur ein sehr niedriger zweistelliger Prozentwert übrig, wenn überhaupt.

In einer Befragung der Partnerbörse Parship gaben 26 Prozent der deutschen Singles an, mehr Outdoor-Sport zu betreiben, 23 Prozent trainieren mehr in den eigenen vier Wochen. Allerdings belegt der Sport in der Liste der neu oder verstärkt aufgenommener Aktivitäten während des Lockdowns den vorletzten Platz – weit abgeschlagen hinter Renovierungen, Streaming-TV und Social Media.

Foto: Frank-Holger Acker

Aktivität - was macht das Homeoffice mit uns?


Das Homeoffice steht im Ruf, Alltagsbewegungen einzuschränken – das gilt natürlich vor allem für die urbane Bevölkerung, der z.B. der Fußweg zur nächsten U-Bahn-Station wegbricht. Andererseits könnte die wegfallende Anreise Zeitfenster für mehr Sport und Bewegung freischaufeln.

Laut oben genannter Umfrage gaben tatsächlich 43 Prozent der Menschen an, das Homeoffice hätte ihre Aktivität reduziert, während 36 Prozent von mehr und 21 Prozent von zumindest gleichbleibender Bewegung sprechen. Das Bild ist also relativ ausgeglichen: Fast die Hälfte der Deutschen ergibt sich ihrem Schicksal und gleicht ausbleibende Fußwege nicht aus. Doch immerhin 57 Prozent scheinen nicht betroffen oder können die dazu gewonnene Zeit sogar sinnvoll nutzen.

Ernährung im Lockdown


Das hektische To Go-Essen Berufstätiger wird als eine der häufigsten Ursachen für Übergewicht angesehen. Hier sollte der Lockdown Abhilfe geschaffen haben – und tatsächlich belegen viele Studien, dass die Deutschen vermehrt Zugang zum Kochen gefunden haben. In einer Forsa-Umfrage unter Familien mit mindestens einem Kind gaben 30 Prozent an, mehr zu kochen.

Das schlägt sich auch in den Zahlen des deutschen Lebensmitteleinzelhandels wieder, der seinen Umsatz in 2020 um mehr als 14 Milliarden Euro gegenüber 2019 steigern konnte. Aber dies nur nebenbei. In derselben Umfrage gaben 7 Prozent der Teilnehmer an, sich ungesünder zu ernähren, aber erfreulicherweise doppelt so viele, ihre Ernährung hätte sich verbessert.

Die Absätze nach Produktgruppen 2020 sind schwierig zu beurteilen. Extreme Hamsterkäufe zu Beginn der Pandemie treiben die Statistiken vor allem für haltbare Lebensmittel wie Reis oder Mehl für das gesamte Jahr in die Höhe. In jedem Fall ist die Nachfrage nach Alkohol seit Beginn der Pandemie gestiegen. Etwa ein Viertel aller Deutschen gibt an, jetzt mehr Alkohol zu trinken – es wäre ja auch die erste Krise der Menschheitsgeschichte, in der der Griff zur Flasche nicht populärer wird.

In einer weiteren Befragung geben rund 21 Prozent der Teilnehmer an, mehr Süßwaren zu konsumieren. 8,7 Prozent haben ihren Konsum reduziert.

Auch der Verkauf von Fertiggerichten hat – was übrigens der Koch-Statistik eindeutig widerspricht - während der Pandemie stark zugenommen: Die deutschen Hersteller haben ihre Produktion in 2020 gegenüber dem Vorjahr um rund 5 Prozent hochgefahren. Also mehr Pizza und Fertig-Lasagne - aber hier die gute Nachricht: Das größte Plus (7,4 Prozent) verzeichnen Konserven und Tiefkühlprodukte mit dem Hauptbestandteil Gemüse.

Und auch dem Trend zu mehr Bio hat Corona keinen Abbruch beschert. Hier haben die Deutschen 2020 22 Prozent mehr Geld ausgegeben als im Vorjahr.

Die Deutschen und die Fitness im Lockdown – Fazit


Die Deutschen kochen also mehr und sogar gesünder, kaufen besser ein, aber mehr Pizza, gehen doppelt so viel joggen wie zuvor und kaufen die Hantelshops leer – und werden gleichzeitig fetter und fauler. Was denn nun? Jetzt mal abgesehen von schlecht designten Markforschungsprojekten:

Vor dem Corona-Virus sind wir alle gleich und die Pandemie betrifft jeden von uns in irgendeiner Weise. Aber ein Volk von mehr als 80 Millionen kann dann doch kein statistisch eindeutiges Bild ergeben. Jeder reagiert auf seine Art auf äußere Umstände.

Geld für Biolebensmittel und Zeit zum Kochen und für HIT-Workouts bleiben für die Alleinerziehende, die in der Zweizimmerwohnung Homeschooling am Küchentisch verrichten muss, reines Wunschdenken. Auch das Homegym ist eine Platz- und Geldfrage, und dass der selbstständige Messebauer sich die Wartezeit auf die Corona-Finanzhilfe nicht im Calisthenics-Park vertreibt, ist nur menschlich.

Wahr ist wohl: Der überwiegende Teil der Deutschen (du lebst, wenn du dich überhaupt in dieses Portal verirrt hast, übrigens in einer Bubble) hat ohnehin keinen wirklichen Zugang zu Fitness. Für diejenigen, die bislang wenigstens noch alibimäßig irgendwas gemacht haben, ist die derzeitige Tristesse eine willkommene Ausrede, endgültig auszusteigen. Die Mittvierziger, die sich aus der Langeweile im Homeoffice heraus ein neues E-Bike für Wochenendfahrten gekauft haben, können das statistisch nicht rausreißen. Ein Garmin-Besitzer scheint doch nicht repräsentativ für das deutsche Volk zu stehen.

Fazit: Der Lockdown muss nicht das Ende aller Aktivitäten bedeuten. Aber die dieser Tage viel bemühte „Resilience“ ist individuell. Und: Corona treibt die soziale Schere noch weiter auseinander. Schlechte Ernährung, kein Zugang zu Sport – das sind vor allem Probleme der unteren Schichten. Und die sind eben, mal wieder, die größte Verlierer der Pandemie.

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