Wie sicher ist der Studiobesuch?

Ins Fitnessstudio trotz Corona: einige offene Fragen

Je nach Bundesland sind wir alle ja nun schon eine ganze Weile von der Leine gelassen. Die Stimmung hellt sich auf, die Rück- und Vorsicht lässt mit jedem Tag spürbar nach, auch in den Fitnessstudios. In vielen Städten sind außer ein paar Flatterbändern und maskentragendem Personal kaum noch Einschränkungen zu spüren. Ist der Gang ins Gym wieder gefahrlos möglich? Viele Fragen bleiben offen.

Reicht der Sicherheitsabstand bei intensivem Atem durch Training wirklich aus?


Dass das intensivere Atmen bei physischer Aktivität dafür sorgt, dass Tröpfcheninfektionen über besonders große Distanzen zustande kommen können, hat in der Bevölkerung mittlerweile die Runde gemacht. Ob zu Recht, ist ungewiss. Eine viel beachtete Studie eines belgisch-niederländischen Forschungsteam hat die Diskussion ausgelöst. Dabei war die Flugdistanz von Tröpfchen bei Spaziergängern, Joggern und Radfahrern im Windkanal untersucht worden. Je nach Geschwindigkeit kann der Sportler eine bis zu 20 Meter lange Spur hinter sich herziehen. Für Personen, die im Windschatten folgen, reicht der gewöhnliche 1,5 Meter-Sicherheitsabstand dann also bei Weitem nicht aus. Massenansammlungen von Joggern in Parks, wie sie während des Shutdowns gängig waren, erscheinen vor diesem Hintergrund, gelinde gesagt, heikel.

Foto: Andreas Volmari

Die Studie ist aber erstens unter Wissenschaftlern umstritten, unter anderem, weil sie von Ingenieuren statt Medizinern durchgeführt und ohne die üblichen Peer-Review publiziert wurde. Zweitens beschäftigte sie sich rein mit der Aerodynamik von Tröpfchen. Ob ein Corona-Virus, der sich in einem solchen Tröpfchen befindet, „überlebensfähig“ (schon klar, ein Virus „lebt“ nicht im klassischen Sinne des Wortes) bei einem potenziellen Wirt ankommt, wird durch den mit gesunden Probanden durchgeführten Versuch nicht belegt.

Drittens hat die Studie die „Infektionsspur“ im Windschatten von Ausdauersportlern untersucht. Eine Übertragung auf das typische Krafttraining im Fitnessstudio erscheint daher inkorrekt. Hier wird zwar auch durchaus schwer geatmet, aber da die schnelle Vorwärtsbewegung fehlt, sollte keine derart weitreichende Verbreitung entstehen. Das gilt nach meinem physikalischen Verständnis auch für das Training auf dem Laufband.

Aber dennoch keine Entwarnung: Einige der aktuellen ad hoc-Studien haben ein besonders langes Überleben der dieser Tage viel besprochenen Aerosole in schlecht belüfteten Räumen nachgewiesen. Aerosole, also Viren, die in kleinen Wassertröpfchen (beispielsweise aus der Atmung entstanden) minuten- oder sogar stundenlang in der Luft schweben können, gelten als relevanter Übertragungsweg. Und sie können bei schlechtem Raumklima auch die 1,5-Metermarke überwinden. Schlechte Nachrichten für diejenigen, die in typischen Oldschool-Kellergyms trainieren. Auch fensterlose Umkleidekabinen, Solarien und feuchtwarme Duschen bieten Aerosolen gute Bedingungen - erstaunlich, dass diese Anlagen in vielen Gyms jetzt wieder geöffnet sind. Wer auf Nummer Sicher gehen will erscheint auch weiterhin angezogen zum Training und duscht zu Hause.

In den üblicherweise großzügig gebauten großen Discount-Studios sollte, insbesondere wenn die Mitarbeiter sich an das Gebot der regelmäßigen Lüftung halten, das Risiko der Aerosol-Übertragung überschaubar bleiben. Zudem ist der Aerosol-Ausstoß beim Singen und Schreien besonders stark. Erstgenanntes sollte im Fitnessstudio nicht den Normalfall darstellen, auf letztgenanntes kann - insbesondere beim Pump-Training am Kabelzug oder bei der Verwendung einer Nackenrolle beim Kniebeugen - doch aus gegebenem Anlass auch mal verzichtet werden.

Sollte ich doch vorsichtshalber mit Maske trainieren?


Nun ja, der Sommer ist da und man müsste schon sehr besorgt um die eigene Gesundheit und / oder das Wohl der Bevölkerung sein, um jetzt noch freiwillig mit Baumwolle vor den Atemwegen trainieren zu wollen. Beim intensiven Ausdauer- und Krafttraining mit Maske wiegt der Nachteil der Hyperventilations-Gefahr den Vorteil des Infektionsschutzes auf.

Maskentragen zwischen den Sätzen? Die WHO rät vollständig vom Training mit der Maske ab, auch weil sich in einer durch Schweiß feucht gewordenen Maske Mikroorganismen besonders gut vermehren können. Wer kein starker Schwitzer ist, ist hiervon entsprechend ausgenommen. Dennoch bleibt hier das Problem, dass ein ständiges Auf- und Absetzen und Verschieben der Maske unweigerlich dazu führt, dass der Mund-Nasen-Bereich berührt werden muss, und das ist, siehe nächster Punkt, dieser Tage bekanntlich problematisch.

Und was ist mit Kontaktübertragung in Fitnessstudios?


Im Fitnessstudio wird viel angefasst - Kunstleder, Metall, Plastik, Gummi. Und das HCoV-19-Virus zeigt eine stabile Überlebensfähigkeit von bis zu 3 Tagen auf Kunststoffen und Stahl. Scheinbar ist die Oberfläche umso Virus-freundlicher, je glatter und rein sie ist - und das gilt leider für viele typische Gegenstände im Gym. Ob Schmierinfektionen durch das Berühren kontaminierter Oberflächen überhaupt eine Rolle spielen wird aber noch diskutiert.

Prof. Hendrick Streek, nach dem Berliner Prof. Drosten wohl Deutschlands berühmtester Virologe und Verantwortlicher der viel beachteten Heinsberg-Studie, bezeichnet diesen Übertragungsweg jedenfalls als vernachlässigbar. Er schlussfolgert dies aus der Tatsache, dass in den Haushalten erkrankter Personen in Heinsberg keine oder nur eine minimale Menge überlebensfähiger Viren auf viel berührten Oberflächen gefunden wurden - was angesichts des zeitlichen Abstandes zwischen Ausbruch und Untersuchungen aber auch irgendwie nicht überrascht - und daraus, dass bislang alle großen Infektionsketten nach Massenveranstaltungen oder in Produktionsstätten, in denen viele Menschen eng zusammen kommen, entstanden sind, und nicht an Orten wie Supermärkten oder U-Bahnen, in denen viele Menschen dieselben Oberflächen berühren. Hier wird also eher mit Korrelation argumentiert. Wo sollte man auch die Kausalität herzaubern? Ein erfolgreich im Menschen eingenistet Virus wird den Forschern kaum erzählen, wie er einst dort hingelangte.

Es erscheint aber logisch, dass das Virus von einer Oberfläche auf die Hände und von dort durch unwillkürliche Berührungen des Gesichts in die Atemwege gelangen kann. Der Gang ins Gym ist also wie auch die U-Bahnfahrt oder der Einkauf Abwägungssache: Gründliches Händewaschen und zumindest der Versuch, sich nicht ins Gesicht zu fassen (auch wenn wir alle haben in den letzten Monaten die Schwierigkeit dieses Unterfangens erkannt haben dürften) minimieren das Risiko, kann es aber natürlich auch nicht auf null runterfahren. Übrigens: Leider ist bislang die Überlebensfähigkeit des Virus auf Stoffen und (Kunst-)Leder nicht untersucht worden. Da diese Oberflächen eher porös sind, bieten sie ihm wahrscheinlich keine guten Bedingungen. Dennoch sind Trainingshandschuhe gewiss kein Allheilmittel der Prävention, insbesondere ohne tägliche Waschung.

Haben sich Fitnessstudios denn überhaupt schon als Infektionsquelle gezeigt?


Auch wenn die Gyms je nach Region schon seit Wochen oder sogar Monaten wieder geöffnet haben, ist bisher nur ein Fall eines größeren Ausbruchs nach einem Fitness-Dance-Kurs in einem südkoreanischen Studio bekannt. In der DACH-Region scheint die Wiederaufnahme des Betriebs aller Bedenken zum Trotz bislang sehr gut zu funktionieren - selbst nach Massenaufläufen wie nach der umstrittenen McFit-Begrüßungsaktion in der Nacht der Wiedereröffnung in Nordrhein-Westfalen.

Foto: Thomas Koch

Wir gehören ja ohnehin nicht zur Risikogruppe - oder?


Das durchschnittliche deutsche Fitnessstudiomitglied ist 40 Jahre alt und damit mindestens 20 Jahre von der offiziellen Risikogruppe entfernt. Rund ein Drittel aller Covid-19-Toten in Deutschland lebten in Pflegeheimen. Die erste und bis heute einzige umfassende Autopsie von Verstorbenen am Hamburger Universitätsklinikum ergab ein Durchschnittsalter von über 79 Jahren und eine Vorerkrankungsrate von 97 Prozent unter den Obduzierten. Dabei traten Herzkreislauferkrankungen am häufigsten auf, gefolgt von Lungenerkrankungen, Nervenerkrankungen, Nierenleiden und Diabetes. 38 Prozent der Toten waren übergewichtig oder sogar adipös. Und es ließen sich noch tausende weitere Statistiken finden, die sagen: Covid-19 ist eine Angelegenheit für die Alten und Schwachen. Wir gestählten Athleten in der Blüte unseres Lebens hätten selbst im unwahrscheinlichen Falle einer Infektion nicht mehr zu befürchten als ein bisschen Grippe und zwei Wochen Quarantäne. Wenn überhaupt. Ist es so einfach?

Die Zahl in der Geburtsurkunde schützt natürlich nicht vor chronischen Erkrankungen, nicht mal bei sportlicher Aktivität und einem gesunden Lebenswandel. Bluthochdruck beispielsweise, ein äußerst ernstzunehmender Risikofaktor, ist unter Kraftsportlern nicht selten. Und dass eine gewisse „Nachhilfe“, insbesondre bei nicht-fachgerechter Anwendung, den Körper an vielen Stellen angreifbar macht, bedarf keine Erwähnung. Ohnehin gibt es ja immer wieder Berichte auch von jungen, gesunden Menschen, die am Corona-Virus versterben oder zumindest unter ernsthaften Krankheitsverläufen leiden. Unter den bislang infizierten Sportler, darunter Bundesligaspieler, MMA-Fighter, professionelle CrossFitter usw., sind keine Fälle bedrohlicher Ausmaße bekannt. Um die Welt gingen aber die Vorher-Nachher-Bilder eines Krankenpflegers aus San Francisco, der sich auf einem Festival mit Covid-19 infizierte. Der leidenschaftliche Freizeit-Bodybuilder endete in der künstlichen Beatmung und baute in viereinhalb Wochen mehr als 20 Kilogramm Körpermasse ab.

Der Gang ins Fitnessstudio fällt also weiterhin in eine Kategorie mit Shoppingtouren, Restaurantbesuchen und inländischem Kurzurlaub: Unkalkulierbares, aber nach derzeitigem Stand wohl vertretbares Risiko. In praktisch allen Landkreisen sind die täglichen Neuinfektionszahlen auf 0 oder eine niedrige einstellige Ziffer gefallen. Tatsächlich scheint das einst dünne Argument der Branchenvertreter, der gesundheitliche Nutzen des Sporttreibens rechtfertige das Restrisiko, mittlerweile angemessen. Also: AHA-Regel durchziehen, stärker werden und rücksichtsvoll bleiben, damit das neue alte Normal gekommen ist, um zu bleiben.

Quellen

  • Aepfelbacher et al.: Dying with SARS-CoV-2 infection—an autopsy study of the first consecutive 80 cases in Hamburg, Germany;International Journal of Legal Medicine, 2020.
  • Blocken et al.: Towards aerodynamically equivalent COVID-19 1.5 m social distancing for walking and running; Preprint, 2020.
  • Jang S, Han SH, Rhee JY.: Cluster of Coronavirus Disease Associated with Fitness Dance Classes, South Korea. Emerging infectious diseases, 2020.
  • Li Y, Qian H, Hang J, Chen X, Hong L, Liang P, et al. : Evidence for probable aerosol transmission of SARS-CoV-2 in a poorly ventilated restaurant. medRxiv, 2020.
  • van Doremalen N, Bushmaker T, Morris DH, Holbrook MG, Gamble A, Williamson BN, et al. Aerosol and Surface Stability of SARS-CoV-2 as Compared with SARS-CoV-1. The New England journal of medicine. 2020.

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