Wie gesund ist fleischlos?

Fleischersatz: Kein totes Tier - keine Probleme?

Spätestens, wenn es ein Produkt ins Dauersortiment von Aldi Nord geschafft hat, ist klar: Das ist jetzt das neue Normal. Das gilt für Atemschutzmasken ebenso wie für Fleischersatzprodukte. Was mit „Schnitzel“ anfing erstreckt sich mittlerweile über „Hack“, „Fleischbällchen“, „Burger-Patties“ und „Wurst“ jeder Art. Aus ökologischer und ethischer Sicht hat die Konsumgesellschaft hier einen gewiss großen Schritt nach vorne gemacht. Aber macht das auch gesundheitlich Sinn?

Gingen wir davon aus, dass ein Vegetarier oder Veganer dem Fleischkonsum ausschließlich mit dem Tierwohl und der Klimabilanz im Hinterkopf abschwört. In diesem Falle wäre eine Diskussion um die nährwertbezogene Qualität von Fleischersatz natürlich belanglos.
Wer auf Fleisch nicht verzichten will, sich aber dennoch die besten Haltebedingungen wünscht, sollte unseren Artikel zu Rindfleisch aus artgerechter Haltung lesen!


In der Praxis geht mit der Entscheidung für den Vegetarismus oder Veganismus aber auch quasi immer ein Interesse an einem allgemein gesunden Lebensstil einher. Der rauchende, Cola-trinkende Veganer ist schwerlich zu finden. Viele Veganer argumentieren offensiv mit den gesundheitlichen Vorzügen der fleischlosen Ernährung - laut einer europaweiten Umfrage aus dem Jahr 2019 trifft dies auf 55,9 Prozent der vegan Lebenden zu.

Der menschliche Organismus sei ja eigentlich ein Pflanzenfresser, das sähe man an unserem Darm, unseren Zähnen, unserer Historie… Ob das so stimmt, wäre aber ein Thema für zehn weitere Artikel und die Diskussion sollte den echten Naturwissenschaftlern überlassen werden.

Auf jeden Fall tummeln sich zumindest in meinem großstädtischen Akademiker-Umfeld zahlreiche Anhänger der Bewegung, die beim Einkaufen stets das gefährliche Halbwissen in der Baumwolltasche, die ja aus ökologischer Sicht bekanntlich auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, mitbringen.
Das ist fleischlos! - Das wird schon gesund sein!
Dabei erfüllen viele Fleischersatzprodukte sämtliche Kriterien, die gemeinhin als Zeichen für ein minderwertiges Lebensmittel gelten:

Die Zutatenliste ist sehr lang


Basis fast jedes Diät- oder Ernährungskonzeptes sind möglich unverarbeitete, reine Lebensmittel. In diese Kategorie fallen die Fake-Klopse, -Schnitzel und -Würste gewiss nicht. Das vegane Hack der Marke Rügenwalder enthält beispielsweise 15 verschiedene Inhaltsstoffe. Ein gewöhnliches Rinderhack enthält genau eine Zutat: Rindfleisch.

Fleischersatz ist ein Tummelplatz von E-Nummern


Gut, E-Nummern verwendet ja heute aus Marketinggründen kein Hersteller mehr. Aber ihre voll-ausgeschriebenen Bezeichnungen, etwa die bekannten Tarnmäntel des Glutamats wie „Aromen“, „Weizenprotein“ oder „Hefeextrakt“, finden sich zuhauf im Fleischersatz.

In jedem Fall sind immer Stabilisatoren enthalten, andernfalls ließe sich die typisch feste Textur von echtem Fleisch aus Pflanzenfasern niemals nachbauen. Auch Geschmacksverstärker kommen quasi immer zum Einsatz - wie ließe sich sonst erklären, dass die Produkte geschmacklich dem Fleisch mittlerweile so extrem nahe kommen, dass man sie jedem noch so leidenschaftlich Fleischfresser unbemerkt unterjubeln kann?

Die Zeitschrift „Ökotest“ fand zudem gentechnisch verändertes Soja und sogar Mineralölrückstände in vegangen Burger-Patties.
Zusatzstoffe werden vor ihrer Zulassung auf Herz und Nieren geprüft und es ist absolut inkorrekt, sie als per se „ungesund“ abzustempeln. Wer allerdings Fleisch aus Angst vor „dieser ganzen Chemie“ verteufelt, findet in Fleischersatzprodukten sehr wahrscheinlich nicht die naturbelassenere Alternative.

Salz und Zucker


Zu den synthetischen Inhaltsstoffen gesellen sich vielfach große Salzmengen und Zucker in Form von weißem Haushaltszucker, Traubenzucker, Maissirup usw. Letztgenanntes, fairerweise erwähnt, ist laut Nährwerttabelle in den meisten Produkten doch nur in Spuren von unter einem Gramm enthalten.

Trotzdem: Naturbelassenes Fleisch wäre ganz ohne ausgekommen.

Seit wann ist Weizen eigentlich wieder im Trend?


Was mir kürzlich beim Blick ins Kühlregal auffiel: Auf einmal stehen auf Packungen wieder Slogans wie: „Mit gesundem Weizenprotein“. Moment, haben wir da was verschlafen? Seit wann ist Weizenprotein, seit wann ist Gluten (!) denn wieder gesund? Das war doch eigentlich immer die Mutter aller Antinährstoffe.

Aber weil es billig ist, die Konsistent eines Lebensmittel positiv beeinflusst und den Proteingehalt in der Nährwerttabelle nach oben treibt (und Protein ist ja grade der Makronährstoff der Stunde), wird es in vielen Fleischersatzprodukten wieder nahezu verschwenderisch eingesetzt. Und dann noch nicht mal verschämt unter den Teppich gekehrt, sondern bisweilen sogar promotet.

Gut, wer nicht unter Zölliakie oder anderen wirklich diagnostizierten Unverträglichkeiten leidet, kann Gluten ja bekanntlich auch ruhigen Gewissens verzehren. Wer sich aber irgendwie doch nicht so ganz wohl bei dem Gedanken an ein Weißbrötchen zum Frühstück fühlt und Angst vor Darmentzündungen hat, ist mit vielen Fleischersatzprodukten nicht gut beraten.

Mittelmäßige Makronährstoffe


Es ist müßig, ein vegetarisches Schnitzel oder eine Fleischwurst hinsichtlich ihrer Makronährstoffe zu verteufeln - die sind nämlich beim „Originalprodukt“ auch nicht brillant. Machen wir es aber einfach trotzdem mal:

Die vegetarische Fleischwurst der Marke Gutfried kommt auf 14 Gramm Fett, 4 Gramm Kohlenhydrate und 8 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm. Ihr fleischliches Pendant derselben Marke liegt im Kaloriengehalt - 234 kcal vs. 174 kcal - und Fettanteil - hier 20 Gramm, davon ganze 6 Gramm ungesättigt - deutlich höher. Liefert auf der anderen Seite aber auch 13 Gramm Protein und ist im Gegensatz zur fleischlosen Variante quasi kohlenhydrat- und zuckerfrei.

Das fleischlose „Mühlen Steak Typ Rind“ aus dem Hause Regenwaldes liefert auf 100 Gramm 120 kcal, 4 Gramm Fett, 3,6 Gramm Kohlenhydrate und 15 Gramm Protein. Ein gewöhnliches mittelfettes Rindersteak würde auf der gleichen Menge rund 150 kcal, 6 bis 7 Gramm Fett und über 20 Gramm Eiweiß enthalten und ist kohlenhydratfrei.

Für gewöhnlich weisen fleischlose Produkte einen niedrigeren Fett- und einen höheren Kohlenhydratanteil auf als ihre tierischen Entsprechungen. Da die Kaloriendichte von Fett (9 kcal/Gramm) höher ist als die von Kohlenhydraten (4 kcal/Gramm), ist das echte Fleisch in der Regel kalorienreicher. Auf der anderen Seite spricht für das Fleisch ein deutlich höherer Proteingehalt und die - je nach Zubereitung - Abstinenz von Kohlenhydraten.

Was für dich „besser“ geeignet ist, kommt also ganz auf deine Ziele an. Für eine Low Carb-Ernährung eignen sich vegetarische und vegan Produkte weniger gut. Die typischen pflanzlichen Proteinquellen - meistens auf Basis von Hülsenfrüchten oder Getreide - sind immer auch mit einem gewissen Kohlenhydratanteil verbunden. Für wahres „Lean Protein“ bleibt nur der Griff zu Fleisch und Fisch.

Es sei aber angemerkt, dass der Makronährstoffgehalt der mittlerweile überall verfügbaren Fleischersatzprodukte für die weitaus meisten Ambitionen vollkommen ausreicht. Niedrige einstellige Kohlenhydratanteile und weit über 10 Prozent Eiweiß sollten jedem, der sich nicht grade auf den nächsten Mr. Olympia vorbereitet, durchaus in eine ausgewogene Ernährung passen.

Wie gesund sind Fleischeratzprodukte? - ein Fazit


Ich bin selber kein Veganer, noch nicht mal Vegetarier, sondern setze lediglich auf einen sehr reduzierten Fleischkonsum. Es ist natürlich begrüßenswert, dass immer mehr Menschen ihren kleinen Beitrag zur Weltverbesserung durch pflanzliche Ernährung leisten und der Handel so gut darauf reagiert.

Trotzdem unterstelle ich jetzt einfach mal dem ein anderen Veganer, dass er „fleischlos“ mit „gesund“ gleichsetzt und vielfach auf gutes Marketing reinfällt (oder reinfallen will). Das sind dieselben Menschen, die glauben, eine „organic“ und „fairtrade“ Schokolade aus dem Alnatura würde nicht dick machen.

Nach längerem Querlesen fällt es mir persönlich schwer zu glauben, dass ein vegetarisches Schnitzel mit einer ellenlagen Zutatenliste, die auch noch von synthetischen Zusätzen gespickt ist, dem menschlichen Organismus besser tut als ein reines Rind aus regionaler Biohaltung. Aber wie gesagt: Das ist keine wissenschaftlich fundierte Aussage.

Kurzum: Mit Fleischersatzprodukte holt man sich häufig Zusatzstoffe, Zucker, Salz und Allergene ins Haus, die man sich mit dem vergleichbaren puren Fleisch nicht eingebrockt hätte. Es lohnt sich also, je nachdem, wie ernst es einem mit der gesunden Ernährung ist, die Packung auch mal umzudrehen und zu lesen. Das gilt aber übrigens für alle Lebensmittel.

Und wie für alle Lebensmittel gilt auch, dass der Griff bevorzugt zu den unverarbeiteten Alternativen gehen sollte. Die gibt es ja für Veganer durchaus aus: Reines Tofu, reine Hülsenfrüchte, Pilze usw. Guten Appetit!

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