Widerspruch oder Evolution?

Functional Bodybuilding

Functional Bodybuilding? Klingt wie kalorienloses Eis, ein Oxymoron quasi. Zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht zwangsläufig zueinander passen und deren gemeinsame Existenz zu gut klingt, um wahr zu sein. So etwas in der Art muss sich auch Marcus Filly gedacht haben, der dieses Konzept nun seit einiger Zeit propagiert und in gewisser Weise auch ein Geschäft daraus gemacht hat. Schauen wir uns Functional Bodybuilding also etwas genauer an.

Functional Bodybuilding im Jahr 2012


Bevor wir auf das Marketing Konzept des ehemaligen Crossfit Games Athleten zu sprechen kommen, muss Nick Tumminello erwähnt werden, der bereits im September 2012 einen Artikel auf T-Nation mit dem Titel Functional Bodybuilding veröffentlichte. Auch Tumminello sprach gleich zu Beginn seines Textes den vermeintlichen Widerspruch dieser beiden Begriffe an, argumentierte allerdings ebenfalls, dass wir im Laufe unseres Trainingslebens klüger und umsichtiger werden und Athleten anderer Sportarten Einflüsse aus dem Bodybuilding nicht zu fürchten hätten.

Tuminello verknüpfte den Begriff „functional“ dabei nicht mit besonders obskuren Übungen oder teurem Equipment, sondern verstand den Begriff mehr oder weniger synonym mit dem Wort zielführend. Wenn eine Übung oder eine Aktivität also dem gesetzten Ziel oder der fokussierten sportlichen Aktivität zuträglich sei, wäre diese „functional“. Dabei unterschied Tumminello noch einmal in generelle und spezielle Funktionalität.

Als spezielle Funktionalität bezeichnet Tumminello Übungen, die der Beanspruchung in der jeweiligen Hauptaktivität entsprechen. Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Aktivität selbst ausführt. Als Beispiel nennt er die vertikale Sprunghöhe, wie man sie im Basketball aber auch anderen Spielsportarten benötigt. Im Rahmen der speziellen Funktionalität könnte man diese mit Kniebeugevarianten trainieren, ohne das Springen selbst durchzuführen.

Generelle Funktionalität umfasst dagegen typische Bodybuildingübungen - oftmals isolierte Bewegungen mit Gewichten, aber auch am Kabelzug oder Maschinen. Diese Übungen haben keinen direkt erkennbaren Einfluss auf die Funktionalität. Tumminello nennt selbst kein Beispiel, doch wenn wir bei der vertikalen Sprunghöhe bleiben, wäre der Beinstrecker sicherlich eines. Die Oberschenkelmuskulatur, die beim Springen nicht unerheblich mitarbeitet, wird gestärkt, aber der Bewegungsablauf hat nichts Offensichtliches mit einem Sprung zu tun.

Tuminello ging es 2012 insbesondere darum, Athletiktrainern die Angst vor reinem Hanteltraining zu nehmen. Er betonte, dass mehr Muskulatur für Athleten eine massivere Körperrüstung bei entsprechenden Kontakten bedeutet. Als weiteren wichtigen Effekt nannte er die gesteigerte Fähigkeit, Kräfte im Stehen wirken zu lassen. Also entweder Gegner wegzuschieben oder gegen entsprechenden Druck anzukämpfen.

Functional Bodybuilding im Sinne Tuminellos sollte Athletiktraining nicht verdrängen, sondern war Teil eines – wie er es betitelte – Hybrid-Programms, das die eigentliche sportliche Aktivität sinnvoll ergänzte. Sei es im Football, Basketball oder auch Kontaktsportarten wie Ringen oder Boxen. Für letztere Sportart zog Tuminello Evander Holyfield als praktisches Beispiel heran, der erstmals in den 90er Jahren Bodybuilding in seinen Trainingsplan integrierte und auf einem hohen Leistungsniveau spürbare Erfolge gehabt habe.


Wer heutzutage jedoch mit dem Begriff Functional Bodybuilding in Berührung kommt, wird weniger an Nick Tumminello denken, sondern eher auf einen gewissen Marcus Filly stoßen.

Functional Bodybuilding im Jahr 2016


Marcus Filly ist ein sechsfacher CrossFit Games Athlet, der 2016 den 12. Platz der Gesamtwertung erreichte. Er genoss das Rampenlicht der Games, war Held vieler Fans und war getrieben von der Jagd nach neuen PRs. – Das ist, soviel sei betont, nicht meine süffisante Sicht auf die Games oder diesen Athleten, sondern eine Selbstbeschreibung, die Filly einführend zu seinem Konzept über sich im Internet veröffentlichte.

Filly ging es allerdings, auch das beschreibt er im Folgenden, ähnlich wie anderen Leistungsportlern:
Als Außenstehender bemerkt man oft nur die Leistungen, die im Wettkampf erbracht werden und wenn ein Athlet sich nicht offensichtlich im Wettkampf verletzt, scheinen diese Menschen unzerstörbar.
Ähnliches kann man im deutschsprachigen Raum vielleicht am besten am Beispiel Fußball sehen. Wer nur am Wochenende Bundesliga schaut, hat das Gefühl, die Athleten auf dem Feld wären unzerstörbar. Sobald man aber auch nur oberflächlich an der medialen Berichterstattung kratzt bzw. diese verfolgt, wird man praktisch täglich mit Meldungen über abgebrochene Einheiten, Rücken- und Knieproblemen und anderen Wehwehchen informiert – wohlgemerkt bei Männer in ihren 20er Lebensjahren, deren Körper eigentlich in der Blüte ihres Lebens stehen sollten.

Filly erkannte für sich, dass dies nicht der Weg war, den er weiter beschreiten wollte. Er wollte nicht länger gegen, sondern nunmehr mit seinem Körper arbeiten. „Look good naked and move like a panther.“ fasst er es selbst auf seine Homepage zusammen und der ein oder andere wird sich vielleicht an den geschmeidigen Leoparden erinnert fühlen.

Gemeinsam mit dem Trainer Mike Lee begann er sein Training umzustellen und schaffte es sowohl aus seinem körperliche wie mentalen Loch. Diese Herangehensweise wurde wiederum als Functional Bodybuilding bezeichnet.

Doch nicht so Crossfit?


Etwas zynisch könnte man nun feststellen, dass Crossfit offensichtlich doch nicht so crossfit macht, wie Enthusiasten es gerne verstehen würde und so manch Kritiker sieht sich nun vielleicht endgültig darin bestätigt, dass die – etwas böse formuliert – Rumhampelei einen eher dem nächsten Bandscheibenvorfall als der Traumfigur näherbringt. Könnten wir das so stehenlassen? Natürlich nicht!

Wir sollten hier vermutlich drei Aspekte unterscheiden: Zunächst einmal ist Leistungssport insbesondere ersteres, nämlich das Abrufen von Leistung. Athleten gehen dabei im gegenseitigen Konkurrenzkampf in vermutlich jeder Sportart an ihre Grenzen und darüber hinaus und bezahlen dies kurz-, mittel- und langfristig mit Verletzungen oder Abnutzungserscheinungen, die nichts mit dem Training von Otto-Normal-Verbraucher zu tun haben. Egal ob wir von Crossfit, Fußball oder irgendeiner anderen Sportart sprechen.

Zum Zweiten bestätigt sich allerdings durchaus das Offensichtliche: Wenn Otto-Normal-Verbraucher seit Jahren ein Drittel seines Tages im Sitzen verbringt und dabei Oberschenkelrückseite und Hüftbereich verkümmern, ist der Körper ein kleines Sanierungsprojekt. Dies gilt allerdings auch für Fitness und Bodybuilding. Vielen Hobbysportlern würde mehr Bewusstsein für ihren Körper durchaus gut tun. Im Gegensatz zum Crossfit kommt bei beiden Letztgenannten allerdings niemand auf die Idee, plötzlich olympisches Gewichtheben umzusetzen, komplexe Übungen auf Zeit zu absolvieren oder sich mit Hilfe von Bewegungen, die im Alltag nicht absolviert werden, an die körperliche Grenze zu treiben.

Ich weiß, dass dies kein Crossfit-Enthusiast gerne hört und mir ist bewusst, dass viele Boxen wirklich viel geben, um die Leute auf einen sinnvollen Weg zu bringen. Andererseits erkläre jemanden, der sich beim Crossfit so richtig auspowern will, dass er die nächsten Wochen erstmal besser damit beraten wäre, seine Körperkontrolle neu zu erlernen.

Da kann so viel skaliert werden, wie man will, entweder man macht mit den Menschen Dinge, zu denen sie noch nicht bereit sind, oder man verliert seine Kunden. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe (inzwischen) unzählige Menschen für individuelle Betreuung abgelehnt, da diese ihren Leistungsstand nicht wahrhaben wollten und nach den Sternen griffen, anstatt auf festen Füßen stehen zu lernen.

Die Crossfit-Szene lebt davon, dass getreu dem Effizienzmodell mit 2 x 30 Minuten in der Woche die restlichen 10.000 weiteren Minuten ausglichen werden sollen. Ich möchte das nicht als Crossfit-Bashing missverstanden wissen. Es ist eine sehr athletische Sportart. Nur gibt es nicht annähernd genügend Athleten, um die Vielzahl an Boxen rentabel zu machen, so dass viele Überambitionierte über kurz oder lang mit körperlichen Problemen und / oder ausbleibenden Erfolgen konfrontiert werden.

Dies führt zu Aspekt drei und treibt die Leute in Fillys Arme, wobei auch dies nicht so negativ verstanden werden soll, wie man es tun könnte. Aber Filly ist keinesfalls auf Missionarsmission und will auf potentielle Schwächen des Systems aufmerksam machen.

Er will, wie viele vor ihm und auch noch unzählige in Zukunft, sein eigenes System verkaufen. Und über 100.000 Follower auf Instagram zeigen, dass es mutmaßlich die ein oder andere Person gibt, die die bezüglich Aspekt 2 beschriebene Lektion bitter lernen musste. Überhaupt sind Mobilität, Stabilität und Flexibilität Themen, mit denen wir uns oftmals erst dann auseinandersetzen, wenn sich unser Körper auf eine Art und Weise bemerkbar macht, die uns Angst macht und die wir nicht ignorieren können.


Was macht Functional Bodybuilding gemäß Filly aus?


Was steckt nun also dahinter? Mike Lee beschreibt Functional Bodybuilding als Balance. Er verspricht weniger Beanspruchung des physischen Systems, was mehr psychische und physische Energie im gesamten Leben ermöglich soll. Zugegeben alles andere als konkret und auch die drei Grundgedanken des Functional Bodybuildings, die Filly und Lee nochmals herausstellen, sind nicht sonderlich neuartig. Diese lauten:
  1. Eine korrekte Bewegungsausführung ist wichtiger als Gewicht oder Intensität.
  2. Jede Bewegung sollte über die gesamte Zeit bewusst ausgeführt und Pausenzeiten eingehalten werden.
  3. Der Lifestyle von Menschen, die Functional Bodybuilding umsetzen wollen, ist bedeutsam und sollte in Balance gehalten werden. Der Alltag nimmt entscheidenden Einfluss auf Erfolg und Umsetzung des Programms.
Fühlt sich jemand an die von mir genannte Kritik erinnert, die ich keinesfalls im Zusammenhang mit diesem Thema erstmals äußerte? Das aus dem Crossfit erwachsene Functional Bodybuilding ist das Natural Bodybuilding im Wettkampfsport. Die steroidfreie, jedermann mögliche Umsetzung dessen, was Crossfit auf höchstem Level eindrucksvoll präsentiert. Nur ist es diesmal sexy, im Gegensatz zu der bitteren Wahrheit, die einem beim Einschreiben in der Box eigentlich mitgeteilt werden müsste. Du bist nicht unbeweglich und es mangelt dir nicht an der grundlegenden Basis, um Crossfit zu betreiben. Du bist etwas Besonderes und achtest auf dich, denn du machst Functional Bodybuilding.

Diese etwas bissige Beschreibung soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich Fillys Konzept als sehr sinnvoll verstehe, soweit man einen Einblick darin bekommt. Die genannten grundlegenden Regeln werden mit verschiedensten unilateralen freien Übungen umgesetzt, die neben der Zielmuskulatur auch die innere Core-Muskulatur fordern werden. Davon kann praktisch jeder Sportler profitieren, wenn so etwas sinnvoll ins eigene Training ergänzt wird.

Insofern ist Fillys Umsetzung tatsächlich mehr functional als es Tuminellos Artikel vier Jahre zuvor war. Während Tuminello noch wettkampforientierte Athleten im Fokus hatte und eher leistungsorientiert ausgerichtet war, ist Fillys Konzept an jedermann adressiert und zielt deutlicher auf präventive Arbeit ab.

Wie so oft im Leben kommt es dabei auf die Dosierung an. Functional Bodybuilding ist genauso wenig wie andere Thronanwärter der Golde Gral der Trainingsphilosophie. Die Grundphilosophie sollte in jedem Training gelten und die unilateralen Übungen stellen, wie bereits betont, sinnvolle Ergänzungen dar. Man sollte jedoch nicht den Fehler begehen und alles andere (wieder einmal) über den Haufen zu werfen, um nur noch dem einen Gott zu dienen. Ob man sein Training dann als Functional Bodybuilding betitelt oder einfach nur seine Übungsauswahl anhand der eigenen körperlichen Voraussetzungen und Ziele auswählt, soll jeder selbst entscheiden.



Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung an. Weiteres erfahrt ihr unter become-fit.de oder schaut einfach bei seinem Podcast-Magazin TheCoachCoachCorner vorbei.

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