Weizen und Sportler

Wie gefährlich ist Wheat Germ Agglutinin (WGA) für Sportler?

Mit der kleinen Textsammlung "Iss mal wieder 'ne Scheibe Brot" veröffentlichte ich vor inzwischen fast einem halben Jahr fünf Texte rund um vermeintliche Ernährungsprobleme, über die sich viele (Hobby-)Sportler immer wieder Gedanken machen. Sei es die ► biologische Wertigkeit von 0, der Sinn einer Ketose in der Diät oder eben die Frage, ob man nicht ab und an auch einmal zum Brot greifen könne.

Foto: Christian Schnettelker / CC BY

Im letzten Monat bekam ich – wie im Buch dazu aufgefordert – eine Mail, in der unter anderem folgende Frage gestellt wurde:
"Brot macht nicht Tod", ja ABER was ist mit den WGAs speziell in Weizen auf die wir doch unbedingt als Sportler verzichten sollen, um keine Entzündungsreaktion zu erzeugen? Unabhängig einer Zöliakie oder Glutenunverträglichkeit.

Selbstverständlich gab es von mir umgehend eine Antwort. Da ich die Frage aber generell interessant fand und das Thema im Buch nicht weiter besprach, habe ich mich entschieden, die ursprüngliche Antwort noch einmal etwas leserfreundlicher aufzuarbeiten. Wie ungesund ist WGA also und was bedeutet das für Sportler und ihre tägliche Ernährung? – Ein Versuch, zur gedanklichen Mäßigung beizutragen.

Was ist Wheat Germ Agglutinin (WGA) überhaupt?

WGA ist ein Lektin, das Weizenpflanzen in erster Linie vor Insekten, Hefepilzen und Bakterien schützen soll und der Pflanze damit als natürlicher Widerstand gegen Einflüsse von außen dient.

Lektine wiederum sind Proteinverbindungen, die sich an Kohlenhydratstrukturen wie Zellen bzw. Zellmembranen binden können, wobei es eine Vielzahl an verschiedenen Lektinen gibt, die unterschiedliche Wirkungen ausüben.

Carbblocker, in denen Bohnenmehl und ähnliche Bestandteile enthalten sind, machen sich dies zum Beispiel zu Nutze, indem die darin enthaltenen Phasine, die auch zu den Lektinen zählen, Nahrungskohlenhydrate binden sollen, so dass diese im Dünndarm nicht aufgenommen werden können.

Generell werden Lektine aber in erster Linie aufgrund möglicher negativer Auswirkungen auf die eigene Gesundheit thematisiert, weshalb wir uns dies genauer anschauen wollen.

Sind Lektine so schädlich, wie immer gewarnt wird?

Das größte Problem zu den Erkenntnissen bezüglich Lektinen ist, dass die meisten Anti-Argumente auf Tierstudien beruhen, in denen übermäßige Mengen, die man mit der normalen Nahrung gar nicht zuführen kann, genutzt wurden.

Dazu muss man natürlich sagen, dass "extreme Dosierungen" in Studien durchaus normal sind, um eben bestimmte Reaktionen zu provozieren. Fraglich ist, inwiefern das für die Praxis von Bedeutung ist. Wenn ich mir mit den Fingerknöcheln auf die Kniescheibe haue, kann ich das mit aller Kraft tun und werde mir eher an den Knöcheln weh tun, als an der Kniescheibe. Aber macht das gleiche (auf die Kniescheibe hauen) mal mit einem Hammer...

Hinzu kommt, dass Lektine in extrahierter Form, wie sie in hochdosierten Studien meist genutzt werden, stabiler sind als in natürlicher Form im Lebensmittel selbst. Sinngemäß könnte man das mit "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" zusammenfassen und wird oft genug auch in Diskussionen bezüglich Vitaminen aus der ► Pille oder Pflanzen thematisiert.

Des Weiteren muss generell beachtet werden, dass Lektine im Rahmen der Erhitzung (zum Teil) zerstört werden, wobei Weizenlektine beständiger sind als beispielsweise in Bohnen. Aber auch Erdnüsse oder Nachtschattengewächse (Kartoffeln, Tomaten, Auberginen) enthalten Letkine – entsprechend gelangt das ein oder andere Nahrungsmittel so auf Verbotslisten bei Paleo und anderen Ernährungsweisen.

Tatsache ist also, dass Brot durchaus Lektine liefert. Fakt ist ebenfalls, dass Menschen mit krankem Darm dadurch Probleme kriegen können. Hier sollte jedoch nicht Ursache mit Folgeerscheinung verwechselt werden. Der Darm wurde (bei wenigen Menschen, die tatsächlich genetisch bedingte Probleme haben) nicht nur durch eine oder zwei Scheiben Brot krank.

Gemäßigte Autoren gehen davon aus, dass sich die Weizenlektine zum Großteil an Kohlenhydrate binden und durch die gesunde Darmschleimhaut aufgehalten werden. Auf gut Deutsch gesagt: Sie sind zu groß, um überhaupt durchzudringen.

Darüber hinaus ist das (gemäßigte) Anhaften an Darmzellen nicht nur negativ zu verstehen: Darmkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten in Deutschland und die Abspaltung von (kranken) Darmzellen gilt als effektive Prävention. Ein einfaches schwarz-weiß Denken, wie viele es gerne tun, ist also nicht angebracht.

Was ist mit den Weizenlektinen, die nicht gebunden werden?

Denken wir einen Schritt weiter und nehmen an, dass nicht alle Weizenlektine "abgewehrt" werden, sondern durch den Körper auch aufgenommen:

Dann entstehen, wie richtig gesagt, Entzündungen. Das ist erstmal nichts Unnatürliches, was den Körper vor unlösbare Aufgaben stellen würde. Tagtäglich entstehen unzählige Entzündungen in unserem Körper, um die sich das Immunsystem ganz einfach kümmert. Genauso wie freie Radikale nicht das Ende der Menschheit sind (ganz im Gegenteil dienen diese beispielsweise als effektiver Zellschutz gegen Pilze).

Das Problem ist auch hier nur eine übermäßige Produktion von Entzündungen, die der Körper nicht verarbeiten kann. Oder um es anders auszudrücken: Auch Training erzeugt Entzündungen und dennoch käme niemand, der diesen Text liest, deshalb auf die Idee sofort die Sportschuhe an den Nagel zu hängen.

Foto: Thomas Bertz / CC BY

Sportler und Lektine: Macht Brot tot?

Sportler sind bezüglich des Konsums von Lektinen oder im speziellen WGAs eine "Warngruppe", da diese aufgrund extrem hoher Belastungen ein geschwächtes Immunsystem HABEN KÖNNTEN bzw. erhöhte Anforderungen an ihren Körper bestehen.

Der Grund dafür liegt im Absinken der Leukozytenzahl nach (SEHR) intensiven Belastungen, was einige Stunden anhalten kann. Leukozyten sind die weißen Blutkörperchen, die bekanntlich zur Abwehr von Krankheitserregern zuständig sind. Sehr intensive Belastungen führen nun zum Herunterfahren dieser körpereigenen Schutzschilde. Der berüchtigte "Open Windows" Effekt.

Dieser ist eng mit Stresshormonspiegel und Intensität sowie Dauer der Sportart verbunden, so dass die meisten "Hobby-Sportler" diesen Effekt nicht überbewerten sollten. Tendenziell können in erster Linie Athleten aus dem Ausdauerbereich (Einheiten über 2 Stunden) als gefährdete Gruppe verstanden werden, wobei verschiedene Faktoren natürlich auch Kraftsportler nicht gänzlich ausschließen.

Wir müssen hier also trennen: Lektine, die Entzündungen erzeugen können, was wiederum von einer Vielzahl an Faktoren abhängig ist, auf der einen Seite. Anfälliges Immunsystem (OpenWindow Effekt) auf der anderen Seite.

Im diesem Zusammenhang sollte aber auch der suboptimale Lebensstil (nicht nur bezüglich der Ernährung) vieler (Leistungs-)Sportler berücksichtigt werden.

Ich lehne mich aus dem Fenster, dass die statistische J-Kurve (Anfälligkeit für Krankheiten sinkt zunächst bei Sport und steigt dann sehr stark an) flacher wäre, wenn der Lifestyle vieler Sportler bewusster / zielführender wäre. Philipp Rauscher hat vor kurzem erst den Kampf gegen Stuttgarter Windmühlen verloren.

Am ehesten würde ich es damit vergleichen, dass man auch nicht vor Mon Cherie Pralinen wegen des Alkohols darin warnt bzw. erzählt, man würde eine alkoholbedingte Fettleber davon bekommen. Mit genügend Pralinen, die zum täglichen Kalorienbedarf hinzukommen, würde man aber dennoch über kurz oder lang an der Fettleber arbeiten. Alkohol wäre dann aber nicht die Ursache der Folge.

Mäßigung am (Brot-)Buffet

Auch für Sportler gilt daher der einfache Grundsatz, dass Mäßigung oftmals sinnvoller ist, als die Teilnahme an monokausalen Grabenkämpfen, deren Aussagen pauschal für alle in jeder Lebenslage gelten sollten.

Wer bereits krank oder aufgrund individueller Voraussetzungen stärker gefährdet ist, als seine Mitmenschen, läuft selbstverständlich Gefahr aufgrund von WGAs negative Folgeerscheinungen zu spüren. Im Rahmen einer abwechslungsreichen und gemäßigten Ernährung hat Brot aber auch im Alltag von Sportlern Platz.

Ein völliger Verzicht kann sogar soweit führen, dass bestimmte Ballaststoffe zu wenig aufgenommen werden und der eigene Stuhlgang tendenziell flüssig und / oder fettiger ist. Aber das wäre ein anderes (für einige unappetitliches) Thema.

Als Kernbotschaft sollte man mitnehmen, dass WGAs nicht das Ende der Menschheit darstellen, jedoch eine Baguette-Stange nach sehr intensiven und / oder langen Trainingseinheiten nicht zwangsläufig die optimale Postworkout-Nutrition sein könnte. Aber auch diesen Hinweis sollte man nicht übermäßig aufblähen.

In diesem Sinne. Iss mal wieder ne Scheibe Brot.

Hinweis: Der Autor dieses Artikels bietet individuelle Trainings- und Ernährungsberatung und -betreuung an. Weiteres erfahrt ihr unter ► become-fit.de oder schaut einfach auf seiner ► Facebookseite vorbei.

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