Analyse eines Außenstehenden

Generation Z im Gym

Keine Angst, liebe Stirnband-Träger, Kettlebell-Werfer und Kopfhörer-Aliens - ich bin durchaus sehr tolerant und sitze mit meiner 2-Liter-weichmacherfreien-Wasserbuddel mit der Monsteröffnung auch mit im Glashaus, in dem ich gerade ein paar metaphorische Steine sammle, um sie nach draußen zu werfen.


Aber langsam: Was will ich eigentlich? Im Grunde geht es mir um den sich langsam aber stetig vollziehenden Generationenwechsel in den deutschen Fitnessstudios. Pünktlich im Januar meldet sich die unvermeidliche Menschenmasse mit ihren guten Vorsätzen im Gym neu an. Und während ich immer ... erfahrener ... werde, verjüngt sich die lustige Schar der Trainingswilligen zusehends. Leggings bei Männern und Stringer mit 65 kg Körpergewicht bei voller Achselkatze sind eben nicht so meins, aber okay.

Und da ich gerade zu Jahresbeginn gern beobachtend am Tresen sitze, mit Panoramablick auf den asthmatisch keuchenden Herrn A, die gelangweilt vor sich hin strampelnde Frau G. (selbstverständlich auf dem Liegefahrrad) oder den angedickten Ex-Bodybuilder mit "unverwechselbarem" Spitznamen (beliebt sind hier "Tommi" oder "Schmiddi"), stelle ich einen neuen Typus Studiomitglied fest: die Generation Z ist im Anmarsch!

Den Begriff "Generation Z" hat man vielleicht schon mal irgendwo gehört - ich selbst bin durch eine Buchempfehlung darauf gestoßen, weil ich mich immer über die Verhaltensweisen meiner 20-jährigen Schwester gewundert habe: träge, selbstzufrieden, folgsam. Bei dem Buch handelt es um ein Werk des Betriebswirtschaftlers Prof. Christian Scholz, der insbesondere die Einflüsse der "neuen Jugend" auf die Arbeitswelt untersucht hat. Die Parallelen zum Sport sind dabei so auffallend, dass sich seine Erkenntnisse auch für uns Pumper lohnen.

Alles beginnt eigentlich mit der Vorgänger-Generation Y, die mit relativem Optimismus unerschütterlich dran glaubte, dass sich Leistung direkt und unmittelbar lohnen würde. In einem gewissen Gerechtigkeitsstreben wurde davon ausgegangen, dass man umso mehr Erfolg hat, je mehr man Zeit und Kraft investiert. Das langsam eintretende Bewusstsein, dass nicht jeder 12-Stunden-am-Tag-Arbeiter Chef wird, weil es immer jemanden gibt, der mehr oder effektiver arbeitet, bzw. dessen Nase besser passt, ließ die Generation Y ihre Z-Kinder anders erziehen: nicht mehr das erfolgsstrebende Arbeiten bis zum Burnout war das Ziel, sondern eine Trennung von Beruf und Privatleben.

Daraus ergab sich natürlich eine gewisse Lähmung. Die Gewichtung auf die Freizeit schiebt beruflichem Engagement, tiefergehender Erfahrung und Herzensangelegenheiten oftmals einen Riegel vor. Als ich damals als junger Polizist anfing, hab ich tagelang auf dem Revier rumgehangen, bin mitgefahren, obwohl ich schon lange Feierabend hatte und hab mich bereitwillig zum Abtippen von Berichten hingesetzt, die ich nicht hätte machen müssen. Ich fand das geil - und sammelte in kürzester Zeit eine erkleckliche Summe Berufserfahrung an. 13 Stunden Dienst, obwohl nach 8 Feierabend ist? Wenn heutige junge Polizisten nicht von selbst einen Vogel zeigen würden, dann hätte ihnen ein anderer Kollege dieses Verhalten ausgetrieben: "Kriegst du eh nicht bezahlt, also schenk denen nix." usw..

Wie schlägt sich das im Gym nieder? Ich höre da mittlerweile ganz oft Sätze wie: "Ich will nur ein bisschen Fitness machen." oder "Hauptsache gesund bleiben." von einem 18-jährigen.
Mein Gott, lass Eier regnen. Mit 18 war ich nicht zu bremsen, alles musste gleichzeitig sein: Pumpen, Arbeiten, Feiern, Schlägereien, Sex, Vollräusche, Autorennen ... eigentlich normal für einen jungen Kerl, der sich in allem ausprobieren will, seine Grenzen kennenlernt und sich die Hörner abstößt, um in Ruhe alt werden zu können, ohne was verpasst zu haben.
Und da sehe ich meine Bedenken: Fragt man sich mit 40 nicht irgendwann mal, ob man was verpasst hat? Und wenn man das bejahen muss: Kann und will man das nachholen?

Aber weiter mit Professor Scholz, der postuliert: Die Generation Z hat mitgekriegt, dass die Formen der "Work-Life-Balance" (also Vereinbarkeit von Beruf mit dem Privatleben) nur ein Versuch der Unternehmen war, ihre Arbeiter zu Flexibilität und Mehrarbeit zu zwingen. Daher leben die Jüngeren strenger nach der Uhr: Wenn 17 Uhr Feierabend ist, ist 17 Uhr Feierabend. "Dann gehen sie glücklich und ohne schlechtes Gewissen nach Hause.".

Die Auswirkungen im Trainingsalltag sind da eher mittelbar zu sehen. Die Einstellung, nicht seine Lebenszeit einer Firma zu verschreiben und ohne schlechtes Gefühl nach Hause zu gehen, einfach weil es 17 Uhr ist, speist sich aus einer gewissen selbstbewussten Selbstverständlichkeit. Generation Z weiß, was ihr Recht ist und nimmt es sich. Das ist einerseits gut, andererseits ein schmaler Grat, denn wer sich nimmt, was ihm seiner Meinung nach zusteht, wird anfällig für Selbstgerechtigkeit. Da wird eben nicht auf den Rat eines Erfahreneren oder Trainers gehört, sondern was sich beim Lesen im Internet grad mal so logisch angehört hat.

Studien werden angezweifelt, wenn sie sich auf den ersten Blick nicht ins Weltbild einpassen. Krönung dieser ganzen Problematik außerhalb des Sports sind dann immer die Impfgegner, welche ohne Ahnung von der Materie ihr Kind nicht gegen bösartigste Krankheiten immunisieren lassen, weil sich 2 Artikel auf Facebook so logisch angehört haben (außerdem kamen lateinische Fachbegriffe drin vor, also muss der Autor vom Fach sein). Das aber nur als nebensächliche Betrachtung.

Ein besonderes Augenmerk richtet Prof. Scholz auf die Harmoniebedürftigkeit der Generation Z. Seiner Meinung nach kommt diese aus der Kapitulation vor einer extrem komplexen Welt. Während sich Generation Y aus einer eher wenig informierten Basis (da ohne digitale Medien aufgewachsen) zwar Gedanken zu Werten und Normen gemacht hat, wird Generation Z bereits von Anfang an mit einer Info-Flut überschüttet. Das resultiert, wenn ungefiltert konsumiert, zwangsläufig in einer Ablehnung von Komplexität. Unser Gehirn ist nicht fähig, diese Menge an Daten zu behalten. Das würde unser Reagieren extrem verlangsamen - katastrophal in Flucht/Angriffs-Szenarien.


In der Harmonie ist die Welt also einfacher und gegen böse Einflüsse abgeschirmt. Man hat seine 2, 3 Arbeitskollegen, die Kaffeetasse wie immer am gleichen Platz stehen und der Bürostuhl ist so riiiiichtig bequem. Einmal so eingerichtet, kann man es sich schön gemütlich werden lassen.

Das ist mit Bodybuilding und Kraftsport aber eher so nicht unbedingt vereinbar. Der zu Konfrontationsvermeidung und Entscheidungslähmung neigende Mensch wird sich dreimal überlegen, ob er seinem leicht zitternden Trizeps noch eine Wiederholung Kabeldrücken zumutet, oder doch lieber aufhört, weil der sonst abreißen könnte.
Daher im Übrigen auch diese ganzen Instagram-Motivations-Hashtags á la #extremelegday (heute mal 3, statt nur 2 Sätze Beinbeuger), #hardworkforsuccess (noch eine Übung extra dazugenommen, hui), #painisweaknessleavingthebody (heute mal geschwitzt), #gymbeast (eine Wiederholung mehr, als letztes Mal).
Eigentlich ist das lächerlich - klar, derjenige hat sich angestrengt, aber mal ohne Scheiß: Wer während des Trainings noch Fotos machen und auf dem Handy rumtippeln kann, ist kein Beast oder Monster, sondern wohl doch eher ein Poser. Aber wenn man eben vergleicht, wie ein Großteil der Generation Z einen "gemütlichen DVD-Samstagabend mit Pipsihasi bis 23 Uhr" macht, dann ist es vielleicht doch was Besonderes, wenn jemand den eigentlich zufriedenen Arsch hochkriegt und trainieren geht.

Ein weiterer eklatanter Unterschied zwischen den Generationen liegt im Bildungssystem. Während die Y ´s mit eher veralteten Strukturen allgemein und nicht wirtschaftsorientiert erzogen wurde, spielt in der Z nur eines die Hauptrolle: Ist das "klausurrelevant"? Gute Noten entscheiden über einen Studienplatz - also tue ich auch nur das, wofür ich gute Noten kriege. Das Bewusstsein geht also weg von "Allgemeinbildung", hin zu spezifischem Faktenwissen. Es manifestierte sich der Grundsatz: Ich weiß diese und jene Fakten, dafür kriege ich die Bestnote, mit der Bestnote hole ich mir meinen beruflichen Erfolg.

Und damit ergibt sich der größte Kritikpunkt an den jungen Studiomitgliedern, aber auch gewissen Hanswürsten auf Youtube: Nahezu ohne praktische Erfahrungen lassen sie ihre Fakten vom Stapel und verkaufen das als Wissen. Hat ja in der Schule auch so geklappt - "und Mami war immer ganz stolz, wenn ich mein auswendig gelerntes Wissen auf´s Blatt geschrieben und dafür eine 1 gekriegt hab". Dafür müssen die Wirtschaftsunternehmen jetzt auch mit einem Haufen Menschen klarkommen, die alles "wissen", aber fast nix können.

Dazu kommt, dass je komplizierter die Fakten verwoben werden, man umso mehr Bewunderung für seine Klugheit bekommt.
"Mit der isolateralen Plate-Loaded Chest Press erreiche ich meinen Pectoralis Minor um Welten (!) besser, als mit regulärem Bankdrücken." ... Aha, wusste gar nicht, dass mit 50 Kilo Bankdrücken bereits Muskelwachstum erreichbar ist.
Diese Theorielastigkeit, gepaart mit der angesprochenen Selbstgerechtigkeit produziert leider ein Bollwerk an Beratungsresistenz. Es sei denn, man klingt noch schlauer, komplizierter und veganer - dann kann man auch ein 10-Wochen-Programm mit Ganzkörpertrainng, Hähnchen/ Reis/ Brokkoli und viel Schlaf für 300 Euro verkaufen. "Selbst schuld", wäre mir beinahe rausgerutscht.

Der beste Indikator für die Denkweise der Generation Z ist eigentlich Facebook. Ich hab mich schon immer gewundert, warum es einen "Like"-Button gibt, aber keinen "Don´t Like" ...

Können wir etwas von Generation Z lernen?

Ich merke gerade, dass ich mich ziemlich negativ anhören muss. Wird also Zeit, auch was von der Generation Z zu lernen!

Der mangelnde Wille, sich bei jedem Training ins Nirvana zu schießen, bedeutet natürlich genauso auch, dass man weitgehend verletzungsfrei trainieren können wird. Zwar kennt man seine Grenzen nicht, dafür ist die Bizepssehne noch dran, die Knie heil und naja ... die Leber noch jungfräulich *räusper*.

Desweiteren ist Generation Z extrem lernbereit, wenn es um Ziele geht, die sie wirklich für erstrebenswert und wichtig erachtet. Die Einstellung, nur "klausurrelevantes" Wissen einzutrichtern, funktioniert natürlich genauso mit trainingsrelevantem Wissen.

Zudem sind sie geübt darin, zu unterscheiden, was für sie förderlich ist und ihrem Wohlbefinden dient. Man kann sich sehr darüber lustig machen, wie Typen, die nicht mal 60 kg drücken, eine halbe Stunde Rotatoren trainieren. Aber lieber so, als bei dem x-ten Maximalversuch die Deltas zu schrotten. Die ganze Dehnerei und das "Lifestyle-Cardio" (hab bis heute nicht kapiert, was das genau sein soll) tragen ja unweigerlich zur Gesundheit bei, selbst wenn sie keinen unmittelbaren Einfluss auf das Muskelwachstum haben.

Was mich an den Z-ern wirklich fasziniert, ist ihr selbstverständlicher Umgang mit den digitalen Medien. In Windeseile werden Newsfeeds gelesen, Bilder geliked oder Tweets überflogen - das hat für mich als Außenstehenden fast schon autistische Züge. Dadurch ist es aber möglich, eine Unmenge an Inhalt aufzunehmen, zu filtern und zu relevanten Informationen zu extrahieren. Wenn man diese Fähigkeit mit analytischer Intelligenz paart, steigt der Erkenntnisgewinn exponentiell, weil er dazu noch netzwerkartig verbreitet wird.

Zusammen mit dem technischen Fortschritt ist die Genration Z auch die erste, die mit durchlässigen Grenzen und weitgehender Globalisierung aufgewachsen ist. Daraus resultiert eine Weltoffenheit, die sich auch im Geist niederschlägt.

Jüngere sind offener gegenüber anderen Kulturen, Denkweisen und damit auch Trainingsformen. Die wegfallende Angst vor dem Fremden macht es ihnen einfach, andersartige Trainingsphilosophien zu- und sich gegebenenfalls von ihnen inspirieren zu lassen. Der aktuell stärkste Trend sind da wahrscheinlich Crossfit und die Faszienrolle.


Eine andere Sache liegt für mich im politischen Bereich. Generation Z wächst in einem sich sehr stark wandelnden (da zum Digitalen hin verändernden) Arbeitsmarkt und in zunehmender politischer Unsicherheit auf. Niemand kann einem 16- oder 18-jährigen Schulabgänger sagen, welches Studium, oder welcher Arbeitsplatz Zukunft hat - und aus diesem Grund verlegt sich der Teil, der darüber nicht resigniert, darauf, alle seine Talente und seine Gesundheit zu erhalten und zu fördern.

Ein junger Mensch, der auf extreme berufliche Flexibilität in einem sich wandelnden Arbeitsmarkt angewiesen ist, weiß sehr früh um den Wert seiner Gesundheit in diesem Prozess. Dementsprechend ist seine Motivation, Training, Ernährung und Regeneration gewinnbringend anzupassen, stark ausgeprägt und bewusst. In Gesprächen schüttele ich zwar immer wieder den Kopf, wie sich ein 19-jähriger von Salat, Wasser, Hähnchen und Veggieburgern ernähren kann, statt von Bier, Eiscreme-Torte und Schnitzelbrötchen - aber ich kann seine Beweggründe mittlerweile verstehen. Er tut aktiv etwas dafür, seine Leistungsfähigkeit dauerhaft zu erhalten, um in einem unsicheren Umfeld bestehen zu können. Dafür hat er meinen Respekt!

Diese Art von Weitsicht zeigen die Z-er auch beim Thema Materialismus. Sie sind intelligent genug, um bereits früh zu wissen, dass sie, wenn sie auf ihr Privatleben pochen, auch Abstriche beim Verdienst machen müssen. Folgerichtig schrauben sie auch ihre Ansprüche runter: ein Urlaub an der Ostsee statt in der DomRep reicht aus, der 15 Jahre alte Skoda tut´s auch noch und die Wohnung muss nicht unbedingt in München-Mitte liegen und 120 qm groß sein.

Für das Bodybuilding bedeutet das, dass sie auch mit sehr wenigen Fortschritten bereits zufrieden sind - und eben nicht so sehr in die Falle tappen, aus Ungeduld gleich ganz früh zu höllischen Dosen Kreatin zu greifen. Also, ich mein jetzt das mit der Transport-Matrix, mit der man zum amphetaminbefeuerten Spritzensportler wird, ihr versteht schon.

Zusammenfassung: Ich bleibe also bei meiner Ansicht, dass die neue Generation Pumper weder besser, noch schlechter ist, als die vorangegangene - es wird einfach nur einiges anders. In jeder Änderung liegen Chancen, denen sich auch die alten Erfahrenen nicht verschließen sollten, bei Beibehaltung ihrer bewährten Strategien.

Und zum Schluss möchte ich auch nochmal anmerken, dass diese Kategorisierung von Menschengruppen eng zusammenliegender Geburtenjahrgänge auch nicht wirklich korrekt ist. Das Individuum unterscheidet sich teilweise so stark von der Gesamtmasse, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann und darf.

Ich bitte daher darum, meinen Artikel bewusst mit einem populärwissenschaftlichen Augenzwinkern zu sehen.

In der Hoffnung, euch gut unterhalten zu haben,

Euer Fits-your-macros-certified-expert-level-bench-press Coach!

Quellen

  • Christian Scholz: "Generation Z. Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt", 2014
  • Martina Mangelsdorf: "Generation Y. In 30 Minuten wissen Sie mehr!", 2014
  • Martina Mangelsdorf: "Von Babyboomer bis Generation Y. Der richtige Umgang mit Generationen in Ihrem Unternehmen", 2015
  • Klaus Hurrelmann, Erik Albrecht: "Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert.", 2016
  • Philipp Riederle: "Wer wir sind und was wir wollen: Ein Digital Native erklärt seine Generation.", 2013
  • Johann Stephanowitz: "Uns eint die Panik.", 2016 via Link
  • Hannes Schrader: "Generation Z, bitte übernehmen!", 2016 via Link
  • Interview mit Prof. Christian Scholz: "Generation Z. Es fehlt nur noch der Gartenzwerg.", via Link

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