Mehr Verbraucherrechte

Gesetz für faire Verbraucherverträge – das ändert sich für Fitnessstudios

Spätestens in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt: Die deutschen Fitnessstudiobetreiber haben in punkto Verbraucherschutz einiges nachzubessern. Jetzt hat der Bundestag einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der sämtliche Branchen, die für Knebelverträge bekannt sind, grundlegend verändern dürfte – so auch unsere Gyms.

Gesetz für faire Verbraucherverträge – ein Sieg für den Verbraucherschutz


Mobilfunk, Strom, Streamingdienste, Zeitschriftenabos, Bahncard – die Klassiker der endlosen Bindung. Jeder kennt es: Der Vertrag ist mit wenigen Klicks geschlossen, die Kündigung ist aber ungleich mühsamer und gerät allzu oft in Vergessenheit. Und schon ist man für weitere 12 Monate gefangen.

Foto: U.S. Army Europe Images / CC BY

Auch Fitnessstudios zählen zu den Sündern. Insbesondere die Discounter bieten in vielen Fällen keine andere Option als die gar 24-monatige Laufzeit – wohlwissend, dass die tatsächliche Inanspruchnahme vieler Mitglieder nur von Januar bis Anfang März reicht. Selber Schuld könnte man sagen. Es gibt aber auch durchaus andere Umstände als die eigene Faulheit, die dazu führen können, dass der Vertrag kundenseitig nicht mehr erfüllt werden kann. Ein Umzug beispielsweise oder die Familiengründung. Oder der Trainierende war ohnehin von Anfang an nur an einem saisonalen Indoortraining interessiert.

Den Verbraucherschützern sind Knebelverträge schon lange ein Dorn im Auge. Insbesondere die unverhältnismäßig lange Extension der Kontrakte, wenn die Kündigungsfrist auch nur um einen Tag verpasst wurde, erscheint nahezu betrügerisch. Nach einem mehr als halbjährigen, zähen Ringen hat der Bundestag am 26. Juni 2021 das Gesetz für faire Verbraucherverträge verabschiedet, mit folgenden Inhalten:

Langzeitverträge sind weiterhin erlaubt


Bis zu zweijährige Vertragslaufzeiten sind weiterhin erlaubt. Schließlich können diese durchaus in beiderseitigem Interesse sein: Dem Anbieter bieten sie Planungssicherheit. Der Verbraucher kann von Rabatten profitieren. Gesicherte Einnahmen gegen Ersparnisse - ein bewährtes Model, das weiterhin Bestandteil der Vertragsfreiheit bleiben soll.

Einjährige Laufzeiten müssen zwingend angeboten werden


Der 24-Monats-Vertrag ist aber nur zulässig, wenn alternativ ein Model mit einjähriger Laufzeit angeboten wird. Dabei dürfen die Kosten im Monatsmittel maximal 25 Prozent über den Preisen für den Langzeitvertrag liegen. Dies erfüllen viele Fitnessstudios gegenwärtig nicht. In der Branche sind eher Preisanhebungen von über 35 Prozent bei verkürzter Laufzeit üblich.

Kürzere Kündigungsfristen


Bislang war in vielen Bereichen eine Kündigung bis maximal drei Monate vor Vertragsende gängige Praxis. Nach dem neuen Gesetz darf der Kunde auch noch bis zu einem Monat vor Ablauf kündigen.

Monatliche Kündbarkeit nach Ende der offiziellen Vertragslaufzeit


Ist die ein- oder auch zweijährige Vertragslaufzeit verstrichen ohne dass eine Beendigung erfolgte, ist eine stillschweigende Verlängerung weiterhin erlaubt. Neu ist aber, dass der Kunde nach der Mindestlaufzeit jederzeit zum Monatsende kündigen kann.

Der Anbieter darf die automatische Verlängerung auf bis zu drei Monate ausdehnen. Er ist aber in diesem Fall dazu verpflichtet, den Kunden proaktiv an eine rechtzeitige Kündigung zu erinnern.

Verpflichtender Kündigungs-Button


Wenn Verträge online auf der Unternehmenswebsite abgeschlossen werden können, so muss künftig auch ein eindeutig als solcher erkennbarer Button zur Vertragskündigung vorhanden sein. Die Beendigung des Vertragsverhältnisses wird damit künftig vergleichbar einfach wie die Abbestellung eines Newsletters. Vorbei die Zeiten also, in denen wir das Fitnessstudio nicht losgeworden sind, weil uns Drucker und Briefmarken fehlten (ich leide mit dir!).

Inkrafttreten des Gesetzes für faire Verbraucherverträge


Das Inkrafttreten des Gesetzes erfolgt „gesplittet“. Der Kündigungsbutton kam schon mit dem 1. Juli, die meisten weiteren Änderungen werden im vierten Quartal 2021 wirksam.

Keine Wirksamkeit für bereits bestehende Verträge


Klingt ja bis hierhin alles ganz gut. Nicht so erfreulich: Die Regelungen sind für bereits bestehende Verträge noch nicht wirksam. Positive Neuerungen wie die einmonatige Kündigungsfrist zum Vertragsende oder die monatliche Kündigungsoption gelten erst nach einer anderthalbjährigen Übergangsfrist.

Faire Fitnessstudio-Verträge – ein richtiges Signal zur falschen Zeit?


Die Reaktionen auf das Gesetz für faire Verbraucherverträge fallen so aus, wie man es erwarten konnte: Der Verbraucherschutz zeigt sich erfreut, sieht aber immer noch Verbesserungspotenzial. Die Vertreter der Industrieverbände fühlen sich auf den Schlips getreten und warnen vor langfristig höheren Preisen nach Wegfall der bisher „bewährten“ Modelle. Aber so ist das wohl in einer Demokratie: Wir können immer nur Kompromisse finden.

Und was ist mit den Fitnessstudios? Ein bisschen unglücklich vielleicht, dass die eigentlich überfälligen gesetzlichen Änderungen ausgerechnet in die Zeit nach der Corona-Pandemie fallen, in der die Branche so arg gebeutelt wurde.

Außerdem sei gesagt, dass die Anbieter scheinbar auch schon von selbst auf die Idee flexiblerer Laufzeitmodelle gekommen waren. Der Ein-Monats-Vertrag ist in den vergangenen Monaten, so zumindest mein Eindruck, immer präsenter geworden, selbst bei McFit, einem der Gründungsväter des Karteileichen-Knebelvertrag-Konzepts.

Apropos Karteileichen: Es bleibt mit Spannung abzuwarten, wie sich die Fitnessbranche und insbesondere das Discount-Segment jetzt entwickeln wird. Schließlich basierte der ganze Zweig quasi ausschließlich auf einer geringen Nutzungsquote in Verbindung mit alternativlosen Langzeitverträgen.

Werden die Preise explodieren? Werden treue Mitglieder mit noch niedrigeren Schleuderpreisen belohnt? Werden Filialen oder gar ganze Ketten schließen müssen oder wird zumindest die derzeit extreme Expansion gestoppt? Werden neue Bereiche ausgelotet oder neu erschaffen, bewegen wir uns wieder mehr in Richtung Premium und Special Interest?

Was auch immer passiert: Alles wird besser sein, als das Hometraining mit Gummibändern der vergangenen Monate. Dafür lassen uns doch gern in ewigen Verträgen festhalten – in der Hoffnung, dass diese nie wieder von Schließungen unterbrochen werden.

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