Bodybuilding, wir müssen reden…

Die gesundheitlichen Gefahren des Bodybuildings

Das ebenso überraschende wie tragische Ableben des Mr. Olympia von 2018, Shawn Rhoden, war nur der aktuelle Höhepunkt einer ganzen Reihe von Todesfällen innerhalb der IFBB. Doch auch wenn es aufgrund der teilweise recht prominenten Namen so scheinen mag, so ist die Anzahl der gestorbenen Bodybuilder dieses Jahr vermutlich nicht einmal höher als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. Auch in der Vergangenheit gab es immer wieder bekannte Bodybuilder, die vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben. Und hier sprechen wir nur über die Stars der Szene. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer bei den Amateuren, die schließlich den Großteil der aktiven Wettkämpfer stellen, und unter den Athleten aus den hinteren Reihen des Wettkampfgeschehens noch um einiges höher liegt. Ich will nicht zynisch klingen aber wenn der Teilnehmer diverser Regionalmeisterschaften im besten Mannesalter über den Jordan geht, kräht öffentlich nun mal kein Hahn danach.


Ist Bodybuilding eine extrem gefährliche Sportart?


Wenn man sich aber allein die Zahlen und die immer neuen Meldungen der bekannteren Fälle vor Augen führt, muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass Bodybuilding eine extrem gefährliche Sportart ist. Vielleicht sogar die gefährlichste Sportart der Welt. Man sollte dabei nicht vergessen, dass es sich bei Bodybuilding um eine Nischensportart handelt mit einer sehr überschaubaren Anzahl an Spitzenathleten.

Trotzdem hört man wesentlich häufiger, dass ein Bodybuilder vorzeitig gestorben ist als dies beispielsweise bei Fußballern der Fall ist, obwohl es davon allein Profibereich zigtausende gibt. Selbst in bekanntermaßen gefährlichen Sportarten wie dem Rennsport, Freeclimbing oder diversen Kampfsportarten ist die Sterbeziffer in Bezug auf die Anzahl der Sportler zumindest gefühlt immer noch geringer als im Bodybuilding.

Angesichts dessen sollte man eigentlich davon ausgehen, dass irgendwann ein Aufschrei durch die Szene geht oder zumindest eine Debatte angestoßen wird. Tatsächlich nimmt Bodybuilding aber auch in dieser Hinsicht eine Sonderstellung ein. In der Vergangenheit bestand der Umgang mit diesen Todesfällen meist eher darin, die offensichtlichen Hintergründe entweder totzuschweigen, jegliche Diskussion schon im Keim zu ersticken oder alles reflexartig zu verleugnen. Auch in diesem Forum wurde dies teilweise so gehandhabt.

Warum werden die Gefahren des Bodybuildings nicht diskutiert?


Die Gründe dafür liegen meiner Meinung nach in einem falschen Verständnis von Pietät und dem nachvollziehbaren Wunsch, den ohnehin ramponierten Ruf von Bodybuilding nicht noch weiter zu beschädigen. Aber ich denke, dieses Vorgehen ist einfach nicht mehr zeitgemäß und hilft weder den Opfern, noch dem Sport und vor allem nicht denen, die Gefahr laufen selbst zum Subjekt der nächsten erschütternden Meldung zu werden.

Jedem der sich mit diesem Sport auskennt muss klar sein, dass Bodybuilding nichts mit Gesundheit zu tun hat. Selbst naturales Bodybuilding ist nicht gesund. Indem man seinen Körper mit oftmals sehr einseitiger Ernährung mästet, um anschließend bis an den Rand des Hungertods zu diäten, ihn mehrfach die Woche bis ans absolute Limit treibt und vor Auftritten zusätzlich noch bewusst dehydriert, tut man sich nun mal aus gesundheitlicher Sicht keinen Gefallen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass dieser ohnehin schon bedenkliche Raubbau am eigenen Körper der Hauptgrund für die zahlreichen Todesfälle in der Szene wäre.
Nennen wir das Kind doch beim Namen: was Bodybuilding wirklich so gefährlich macht ist der massive und systematische Missbrauch diverser Substanzen. Seien es anabole Steroide, Wachstumshormone, Sarms, Diuretika und Aufputschmittel, um nur die bekanntesten zu nennen.
Steroide gehören zum Bodybuilding, das ist Fakt. Ohne den Einsatz dieser Mittel ist es schlicht und ergreifend nicht möglich, einen Körper zu entwickeln, der auf dem Toplevel Konkurrenzfähig ist. Und das gilt nicht nur für die ganz schweren Jungs, sondern zieht sich durch sämtliche Klassen.

Auch in den Classic- oder Men´s Physique-Klassen konsumieren die Profis (und ein großer Teil der Amateure) Dopingmittel. Selbst in den Bikiniklassen ist dies Usus. Schon zu und vor Zeiten eines Arnold Schwarzeneggers war das so. Allerdings waren die Stacks zu dieser Zeit noch überschaubar, man ist fast geneigt zu sagen harmlos. Aber in einem Sport, der naturgemäß nach Extremen strebt, war absehbar, dass dieser Missbrauch im Laufe der Zeit nicht ab- sondern immer weiter zunehmen würde und genau das ist auch passiert.

So dominant Arnold in seiner Zeit auch war, heute würde es vermutlich nicht einmal für den Erhalt der Procard reichen, weil die Athleten im Laufe der Jahre, und insbesondere seit den 90ern, immer massiver und gleichzeitig definierter wurden. Das liegt sicher auch an neuen Erkenntnissen in Sachen Training und Ernährung, am größeren Pool an Bodybuildern und an verbesserten Trainingsgeräten. Hauptsächlich aber liegt es an immer stärkeren Mitteln und exzessiverem Einsatz derselben.

Dopingmittel und ihre Nebenwirkungen


Ich bin kein Experte in Sachen Dopingmittel und deshalb steht es mir auch nur bedingt zu, die Gefahren dieser Stoffe bewerten zu können. Aber man muss wahrlich keinen Doktortitel in Biochemie besitzen um sich auszurechnen, dass ein gewisses Risiko darin besteht, sich Unmengen an illegalen Substanzen einzuverleiben, die zum Teil unter lächerlichen hygienischen Bedingungen in den Badewannen diverser Untergrundlabore gebraut wurden. Und wir sprechen hier nicht von der zehnwöchigen Testo-Kur des durchschnittlichen Gymbros sondern von überwiegend aberwitzig hohen Dosen einer ganzen Palette an verschiedenen Stoffen. Es ist davon auszugehen, dass diese Praxis zu erheblichen Schäden an Herz, Leber, Nieren und anderen Organen führen kann. Und das sind nur die physischen Konsequenzen. Was oft vernachlässigt wird ist, dass das dadurch induzierte hormonelle Chaos auch drastische psychische Konsequenzen haben kann.

Objektiv betrachtet scheint es also offensichtlich, was der Hauptgrund für die vielen Todesfälle im Bodybuilding ist. Aber wenn man dies so ausspricht, folgt seitens der Betroffenen fast immer die selbe, reflexartige Reaktion. Zunächst wird argumentiert, das sei alles ja nur rein spekulativ um dann umgehend selbst zu spekulieren, was denn der „wahre“ Grund hinter dem neuesten Todesfall sei.

Angeborene und unentdeckte Herzfehler, Stress, die Grippe oder verschlucktes Essen sind nur Auszüge aus der Palette der vermeintlichen Todesursache der Athleten. Der neueste Hit in Sachen fadenscheiniger Argumente stellt hierbei die Corona-Impfung dar. Dass buchstäblich Milliarden von Menschen diese offenbar schadlos überleben und Bodybuilder auch schon vor Corona wie die Fliegen gestorben sind, wird dabei natürlich geflissentlich ignoriert. Ich persönlich finde es zwar bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, gleichzeitig aber auch beschämend, dass es ungeschriebenes Gesetz innerhalb der Szene zu sein scheint, dieses Thema nicht offen anzusprechen.

Wie lassen sich die Gefahren des Bodybuilding reduzieren?


Was also ist die Lösung? Offen gesagt, ich weiß es nicht und es wird sicherlich extrem schwer hier auf absehbare Zeit wirkliche Verbesserungen zu erzielen bzw. eine solche zu finden. Seitens der IFBB wurde nach dem Tod einer Athletin (mal wieder) versprochen, dass sich „Dinge ändern werden“. Der Vorschlag der Verantwortlichen, zumindest wurde dies so angedeutet, bestand zunächst darin, Härte bzw. Definition als Wertungskriterium herabzustufen.

Der Gedanke dahinter ist, dass Diuretika, also Substanzen die mittels Fettverbrennung und Dehydration für einen besonders trockenen Look sorgen sollen, als besonders gefährlich gelten und im Gegensatz zu anabolen Steroiden auch für einen akuten Tod verantwortlich sein können, während bei Steroiden eher die Langzeitfolgen kritisch sind.

Auch wenn also der Gedankengang in diesem Fall schlüssig ist, so halte ich dieses Vorhaben ehrlich gesagt trotzdem für keine gute Idee. Zum einen handelt es sich neben der Muskelmasse um das wichtigste Wertungskriterium überhaupt und ermöglicht es auch genetisch weniger gesegneten Athleten, trotzdem gute Platzierungen zu erreichen. Zum anderen würde dies zwangsläufig dazu führen, dass der Faktor Masse noch mehr an Bedeutung gewinnt und die Athleten dann zwangsläufig versuchen würden, immer noch muskulöser zu werden, was weder in Sachen Öffentlichkeitswirkung, noch in Sachen Missbrauch zu einem positiven Effekt führen würde.

Gangbarer wären da meiner Meinung nach schon regelmäßige, verpflichtende Gesundheitschecks der Athleten, eine lückenlose Betreuung während der Vorbereitung und der Ausschluss von Trainern, deren Schützlinge aufgrund extremer Dopingprotokolle versterben. In der Praxis ist dies aber leider leichter gesagt als getan und organisatorisch schwer zu realisieren.

Sollten Steroide im Bodybuilding verboten werden?


Auch ein generelles Verbot von Steroiden und anderen Substanzen stellt keine Lösung dar, denn wie weiter oben schon beschrieben, sind diese fester Bestandteil dieses Sports. Und ehrlich gesagt möchte nicht mal ich Athleten beim Mr. Olympia sehen, die wie Nattys aussehen. Das Extreme macht Bodybuilding aus und jegliche Substanzen zu verbannen wäre ein wenig, wie wenn man sich beim Boxen nur noch leicht anstupsen dürfte. Und so ist bereits absehbar, dass seitens der Offiziellen dasselbe geschehen wird, wie bei den anderen Vorfällen der Vergangenheit. Nichts!

Was wir aber auf jeden Fall tun sollten ist, endlich die Debatte zu den Gefahren des Bodybuildings zuzulassen. Denn diese Debatte findet ohnehin statt, ob es uns nun passt oder nicht. Aber sie findet nicht innerhalb der Szene statt, um die es dabei geht, sondern in den Kommentarspalten diverser Zeitungen und Social Media-Portalen, die nichts mit diesem Sport zu tun haben.

Da fabulieren dann Leute, die in ihrem Leben noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen haben über Anabolika, reißen geschmacklose Witzchen und diffamieren Bodybuilder pauschal als hirnlose Freaks, die es schließlich nicht anders gewollt hätten. Wir sollten aber die Deutungshoheit nicht dieses Außenstehenden überlassen, sondern selbst anfangen unser Insiderwissen in eine fruchtbare Debatte einzubringen. Und wenn wir dies tun, hier und überall wo Fans dieses Sports zusammenkommen, wird vielleicht eines Tages tatsächlich etwas Sinnvolles dabei herauskommen, das zu einer echten Verbesserung führt.

Wir brauchen eine neue Diskussionskultur


Glücklicherweise sehe offenbar nicht nur ich das so und in letzter Zeit nutzen bereits einige bekannte Youtuber ihre Reichweite dazu, diesem Thema Gehör zu verschaffen. Wir, als Kraftsport und Bodybuildingforum sollten uns dem nicht verschließen. Es ist nur ein Anfang und vielleicht kommt auch nie etwas dabei herum. Aber zumindest ist es besser als weiterhin die Scheuklappen auszusetzen und schweigend dabei zuzuschauen, wie unsere Stars einer nach dem anderen ihr Leben verlieren.

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