Warum ich mich mal wieder für mein Geschlecht schämen muss

#girlswholift2016 – muss das sein?

Ich überlege grade mal wieder und bin erstaunt, wie schnell sich doch der Zeitgeist wandelt. Und mit ihm meine Einstellung zu Dingen. Noch vor wenigen Jahren wusste ich nicht, wozu ich ein Smartphone brauchen sollte – weshalb sollte ich mitten in der Vorlesung meine Mails checken wollen? Noch vor wenigen Jahren habe ich auf diesem Board einen Artikel publiziert, in dem ich Frauen zum Eintritt in den Freihantelbereich ermutigen wollte. Der Text war zu diesem Zeitpunkt noch beinah ein Novum in den Weiten des Internets (das damals auch noch gar nicht so weit war wie heute – zumindest in der Fitness-Welt). Und heute?

Heute wünschte ich manchmal, sie gingen alle wieder zurück in den Zumba-Kurs. Sie hätten wieder Angst vor "zu dicken Beinen", oder wären zumindest zu schüchtern unter all den schweren Jungs im Studio. Aber das sind sie nicht mehr. Im Gegenteil.

Einer unserer geschätzten Andro-User hatte die Thematik kürzlich recht gut in seinem Post untergebracht:
Diese aufmerksamkeitssüchtigen Weiber mit ihren pinken Leggins, pinken Shakern, 10-mal am Tag was von "booty", "legday", und "beastmode" posten, mit 0,0 Muskeln, mehr auf Klamotten als Training achten, sind das Peinlichste was dieser Sport zu bieten hat. Manchmal schäme ich mich, Bodybuilding zu betreiben, wenn ich solche **** sehe. Mal abgesehen davon, dass sich die meisten ihrer Optik nach zu urteilen den ganzen "Aufwand" auch schenken könnten.
Wie gesagt: Die Zeiten haben sich geändert.

Wo früher noch die Verlegenheit vor einer Handvoll anwesender Männer lähmte, ist heute der Instagram-Account und die Suche nach zehntausenden Likes, Shares und Followern. Denn: #strongisthenewskinny. #looklikeabeautitrainlikeabeast. #girlswholift.

Also Liften im Sinne von 10-Kilogramm-Kurzhantel-Ausfallschritte. Hauptsache, man trägt dabei eine Leggins mit der Aufschrift "Just do it", Fitnesshandschuhe ("denn mein hartes Training hinterlässt Spuren, aber #painistemporaryprideisforever") und verwendet sogar – Achtung, jetzt wird es waghalsig! – einen Eiweißshake nach dem "Workout".
Eine Instagram-Recherche nach den oben genannten Hashtags gleicht einem Nachmittag auf RTL 2: Fremdschämen 2.0.
Also, ich bin ja wirklich für Sport als Massenbewegung und gönne jedem sein Hobby. Gesunde Ernährung finde ich grundsätzlich auch unterstützenswert. Aber wieso brauchen einige Mädels da draußen so unendlich lange, um zu verstehen, dass sie nix machen, was noch irgendwie besonders wäre im Jahre 2016?

Eine 15€-Mitgliedschaft im Discount-Fitnessstudio und all dieses Insider-Wissen um die sportlergerechte Ernährung – Nutella eignet sich nicht als Grundnahrungsmittel, Obst und Gemüse sind gesund usw. – rechtfertigt doch noch nicht, sich als "Inspiration" in den Sozialen Netzwerken zu präsentieren.

Das Standard-Profil dieser neuen Generation von #instafit-Girls sieht ja so und so immer gleich aus: 80 % Fotos von irgendwelchem Essen (bevorzugt Smoothies, Hühnchenbrust oder Chia Samen-Pudding mit Goji-Beeren-Topping), 15 % nie gehörte Sinnsprüche ("Gib jedem Tag die Chance, der Beste deines Lebens zu werden", "Dream like you live forever, live like you die tomorrow" und so weiter), und der Rest sind Selfies in Umkleidekabinen. Diese zeigen entweder einen - im bekanntlich ultra-anabolen Licht von Fitnessstudios wohlgemerkt - erahnbaren Bizeps, oder die oben genannte Leggins, in der übrigens jede Frau halbwegs brauchbare Beine hat (in Kombination mit der typischen #fitchick-Pose. Das heißt seitlich fotografiert, ein Bein angewinkelt, ein Bein grade mit herausgestrecktem #bootie).

Na ja, für ein paar 14-Jährige und die ewigen Fanboys reicht es immer. Alles Gesagte gilt übrigens auch und im besonderen Maße für die berühmt-berüchtigten "Malene Mustermann IFBB Bikini Fitness"-Facebook-Profile. Da kann man dann auch gleich seinen Standort posten, sobald man das Gym betreten hat. Und seine Instagram-Bilder reposten natürlich. Ich habe gehört, die nächste große Nummer sind Snapchat und Pinterest, aber soweit reichten meine Recherchen bislang nicht. Vielleicht melde ich mich in einem Jahr wieder zu diesem Topic.


Oh man, schon wieder 600 Wörter zu einem dermaßen belanglosen Thema. Ich neige zu emotionaler Energieverschwendung an mit völlig unbekannte Personen. Also mal ein paar abschließende Worte:

Mädels, ihr tut wirklich überhaupt nichts für die Emanzipation! Man stelle sich vor, die großen Ikonen wie Marie Curie oder Rosa Parks hätten schon Zugang zu Instagram & Co. gehabt und hier ihre Attitüde so dermaßen überbetont. Ihr Andenken wäre nachhaltig verschmutzt gewesen.

Ihr Girlies seid einfach nur anstrengend und werdet euch schon in absehbarer Zeit fragen, was euch einst geritten hat. Ja, Kraftsport ist cool, aber macht es doch einfach für euch, ohne großes Rumposaunen. Oder meldet euch wieder, wenn ihr wirklich was vorzuweisen habt (so im Sinne von 2-faches Körpergewicht im Kniebeugen, 2,5-faches im Kreuzheben etc.) und auch nackt und ohne Filter gut ausseht. Ich bin dann auch die Erste, die euch einen Like schenkt. #versprochen

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