Fitnessstudio-Schließung

Gründe für und gegen das Training zu Hause

Die Corona-bedingte Schließung aller Fitnessstudios hält nun schon seit zwei Monaten an und eine Wiedereröffnung ist nicht in Sicht. Hätte ich für jede Person, die mich mit einem „Du kannst doch genauso gut zu Hause trainieren“ zur Weißglut trieb, einen Euro bekommen – ich hätte schon fast den derzeit üblichen Betrag für eine verrostete Kurzhantel auf eBay Kleinanzeigen zusammen (aber auch nur fast). Ist es wirklich so einfach, wie es sich der typische Gelegenheitsjogger vorstellt?

Auch auf Team Andro flammt immer wieder dieselbe Diskussion auf: Sind wir passionierten Studiogänger nun moralisch verpflichtet, einfach im heimischen Wohnzimmer so zu tun, als ob nichts wäre? Oder ist der Shutdown der Freifahrtsschein zum Müßiggang? Ein Für und Wider.

Darum solltest du auch zu Hause weitertrainieren


Vier gute Gründe, dass es auch zu Hause weitergehen sollte:


#1: Es ist doch ein Lifestyle!

Wie wohl kaum eine andere Gruppe beanspruchen Bodybuilder für sich, ihr Hobby sei „nicht nur ein Sport, sondern ein Lifestyle“. Schließlich wird auch in keiner Sportart so viel Gewese um die eigentliche Sache gemacht, von Reis und Brokkoli bis zum 2,5 Liter-Wasserkanister.

Wenn es bei unserem Sport um „das große Ganze geht“, darum, sich ständig neu zu erfinden, Grenzen auszuloten, um körperliche und mentale Gesundheit, Selfcare & Self-Love – warum dann alles abblasen, nur weil jetzt mal nicht 10 verschiedene Maschinen zum Training der Oberschenkelinnenseite verfügbar sind? Alle anderen Säulen der Erfolgs – gute Ernährung, ausreichend Schlaf, Supplementierung, Mindset usw. – sind von Corona unbeeinflusst. Wer wirklich mit einer Leidenschaft dabei ist, die über das öffentlichkeitswirksame Instagram-Selfie aus der Umkleide hinausgeht, bleibt auch jetzt dran.

#2: Es geht immer noch richtig viel

Wer schon länger dabei ist weiß es bereits: Erfolgreiches Krafttraining basiert so und so auf Schlichtheit. Im Prinzip reicht eine einstellige Anzahl simpler Übungen, um jeden Muskel zu erwischen. Du brauchst keine 20.000-Euro-Maschinen, nicht 15 verschiedene Cardiogeräte, und erst recht keine Vibrationsplatten, hydraulischen Zirkel, EMS … mit ein paar Kurzhanteln, zur Not sogar mit dem eigenen Körpergewicht, bist du schon gut dabei.

„Ich brauche aber schwere Widerstände“, mag der Fortgeschrittene jetzt einwenden. Aber auch dem sei gesagt: Es gibt für jede Körperpartie anspruchsvolle Eigengewichtsübungen, sogar für die Beine (Pistols, Shrimp Squats). Und dann bleibt auch noch das Spiel mit dem Tempo, hohe Wiederholungszahlen, Supersätze, Dropsätze uvm. … Es geht also immer noch richtig viel im Homegym! Wer jetzt gar nicht mehr trainiert, verschenkt Fortschritt. Und die Chance, Neues über den Körper zu lernen und ewige Schwächen – Klassiker: Beweglichkeit! – anzugehen.


#3: Mach dir den Wiedereinstieg nicht unnötig schwer

Und selbst wenn die verfügbaren Mittel nicht entscheidend zum Progress, oder nicht mal zum Erhalt beitragen können: Wer jetzt gar nichts mehr macht, erschwert sich den Wiedereinstieg massiv. Dafür dauert die Schließung der Studios einfach zu lange an. Mag eine totale Trainingspause bei einem einwöchigen Urlaub oder einer kurzen Erkältung kein Problem sein, fährt die monatelange Abstinenz den Körper extrem herunter.

Je nach Gemüt entwickelst du vielleicht eine Trägheit, aus der du sehr lange nicht mehr herauskommst – im schlimmsten Fall auch nie wieder. Ist Millionen von Hobbysportlern nach Verletzungen schon passiert. Grade, wenn du noch neu dabei bist oder eine Historie vieler gescheiterter Versuche hinter dir hast, ist die Gefahr groß.

Oder du frisst dir einen Körperfettanteil an, von dem du erst noch mühsam wieder runterkommen musst. Überflüssig! Du verlierst Muskeln, Bewegungsgefühl, mentale Härte, Selbstbewusstsein. Oder wirst zumindest in der ersten Zeit der Wiedereröffnung einen Muskelkater haben, der jede Euphorie im Keim ersticken wird.

#4: Bewegung ist Pflicht

Der Mensch ist für die Bewegung gemacht. Du musst ja gar nicht versuchen, die guten alten Pre-Pandemie-Zeiten aufleben zu lassen – aber mach wenigstens 10.000 Schritte am Tag und ein paar Supermann auf dem Boden, um nicht mit diesen uncoolen Rückenschmerzen zu enden, die eigentlich erst für das siebte oder achte Lebensjahrzehnt vorgesehen sind.

Schmeiß alle Eitelkeiten über Bord, sei nicht das bockige Kind, dem das Lieblingsspielzeug weggenommen wurde – deinen Körper interessieren die Corona-Schutzverordnungen nicht. Der will nur tun, für was ihn die Evolution vorgesehen hat: In Bewegung sein.

Und das rechtfertigt die Homegym-Verweigerung


Machen wir uns nichts vor: Es gibt auch eine andere Seite der Medaille.

#1: Mangel an Voraussetzungen

Nicht jeder wohnt im Einfamilienhaus auf dem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt winzige Einraumwohnungen in teuren Metropolregionen oder WG-Zimmer, in denen ein Schreibtisch zur Seite geschoben werden muss, um genug Platz für einen Burpee zu schaffen.

Die Botschaft, mit einer Langhantel und einem Squat-Stand könne ja wohl jeder schon sehr gut zu Hause trainieren, ist angesichts der Wohnsituation vieler Großstädter nahezu zynisch. Und ja, irgendwas geht immer – aber nicht immer kann genug Motivation in einer komplett unglamourösen Umgebung aufgebracht werden. Der Fall vom perfekt ausgestatteten Fitnessstudio zur Ecke neben der Kochnische ist bisweilen zu tief.

#2: Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit

In unserem mittlerweile auf über 500 Seiten angewachsenen Corona und die Gym-Situation-Thread im Team Andro Forum ist mir ein Post besonders im Gedächtnis geblieben: „Mein Hobby sind halt Squats, Deadlifts […] Ausfallschritte mit einem Rucksack voller Bücher sind kein Hobby meinerseits.“

Die mehr als 12 Millionen Studiomitglieder in Deutschland sind keine homogene Masse, der man pauschal ein „zu Hause geht’s genauso gut“ verordnen kann. Insbesondere weit fortgeschrittene Sportler mit hohen Kraftwerten, die vielleicht sogar für Powerlifting-Wettkämpfe trainieren, können ihre Leidenschaft in der Wohnung nicht annähernd nachstellen.

Wen sämtlicher Ersatz ohnehin nur frustriert, der tut seiner mentalen Gesundheit vielleicht eher mit kreativen Betätigungen oder, von mir aus, einem Serienmarathon auf Netflix einen Gefallen.

#3: Es fehlt nicht nur der Gerätepark

Apropos heterogene Masse: Die Motive, ins Studio zu gehen, sind vielfältig. Ohne das Gym fehlen nicht nur der Stepper und der Kabelzug, sondern auch das Treffen mit der Trainingstruppe, das geschäftliche Gespräch in der Sauna danach, die Ausschau nach dem potenziellen Partner fürs Leben, die soziale Kontrolle und die bewundernden Blicke. Und ja, manch ein Einsteiger fühlt sich auch in Anwesenheit des B-Lizenz-Trainers einfach sicherer.

Alles legitime Motive. Das Homegym ist mit dem Fitnessstudio genauso wenig vergleichbar wie die remote abgehaltene O-Woche der vielen bemitleidenswerten 2020-Erstsemester mit der echten Kneipentour durch die Heidelberger Innenstadt.

#4: Es gibt ohnehin kaum noch Equipment

Und selbst wenn die Entscheidung gefallen ist, dem Homegym eine Chance zu geben: Die Märkte sind leer gefegt. Equipment ist entweder unbezahlbar oder mit Lieferzeiten verbunden, die weit hinter dem Entscheidungshorizont der Bundesregierung liegen. Keine Lust auf Risikospiele? Verständlich!

#5: Der Memory-Effekt wird uns treu bleiben

Trainingspausen gab es auch schon vor Corona, auch in dieser Länge. Durch Verletzungen, Krankheiten, Schwangerschaften, beruflich bedingt – und die Welt ist voll von Menschen, die erfolgreich zurückkamen, sowohl im Leistungs- als auch im Breitensport, und das innerhalb von Wochen. Insbesondere die neuromuskulären Anpassungen, die du dir erarbeitet hast, werden dir erhalten bleiben. Der Memory-Effekt ist zweifelsohne existent, und er wird dir auch dieses Mal treue Dienste leisten.

Hometraining – ja oder nein? Fazit


Die Corona-Pandemie ist eine Krise mit dem Potenzial, die Menschen zusammen zu schweißen: Es gibt keinen Schuldigen und alle sind, unabhängig von ihrem sozialen Status, Opfer. Dennoch ist in der Bevölkerung nicht nur ein Battle entbrannt, wer denn die meisten Sprachen in der Quarantäne gelernt hat, sondern auch, wer denn das Recht zum Klagen hätte und wer nicht.

Es ist zu einfach zu sagen, wir müssten ja alle nur ein bisschen auf der Couch sitzen bleiben und Amazon-Pakete bestellen. Wer in seiner Situation auch ohne Arbeitslosigkeit, Geschäftspleite oder verstorbene Angehörige in ein Loch gefallen ist, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Und niemand ist verpflichtet, „das Beste draus zu machen.“ Und wer grade keine Nerven hat für Seitheben mit Wasserflaschen, dem sei gesagt: 2020/2021 ist nicht die Zeit für „the best version of yourself.

Wer es schafft, bis hierhin einfach durchzukommen, ist schon ein Gewinner. Tu, was immer dir gut tut. Nur meine persönliche Meinung zum Abschluss: Es gibt kein schlimmeres Gefühl als die Unzufriedenheit mit der eigenen Person. Evaluiere ab und zu, ob du mit dem da im Spiegel noch im Reinen bist. Wenn ja – dann passt doch alles.

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