Der Beach Boy aus Nordrhein-Westfalen

Günter Schlierkamp – der Mann, der Ronnie Coleman schlug

Wenn wir über die glorreichen Zeiten des deutschen Bodybuildings in den frühen 2000ern sprechen, darf ein Name nicht fehlen: Günter Schlierkamp zählt mit vier Finalplatzierungen beim Mr. Olympia zu den Großen der jüngeren Bodybuilding-Geschichte. Sportlich wie menschlich wusste der sympathische Westfale die Fans stets zu begeistern – die Kampfgerichte allerdings weniger.

Im Kinderzimmer auf Schwarzeneggers Spuren


Schlierkamp wurde 1970 in der Nähe von Münster geboren. Erstes Interesse am Bodybuilding zeigte er schon als Jugendlicher, inspiriert von den in den 80er-Jahren populären Actionfilmen und Stars der Szene. Besonders Arnold Schwarzenegger in „Conan der Barbar“ oder „Pumping Iron“ hatte es ihm angetan. Der Österreicher ist bis heute eines seiner größten Vorbilder. Schlierkamp kann, während er mit Kurzhanteln und Liegestützen im Kinderzimmer trainierte, nicht geahnt haben, dass er später regelmäßigen Kontakt zu seinem großen Idol haben und seinem Karrierepfad folgen würde.


Mit 16 gelang es Schlierkamp endlich, seinen Vater zur Unterzeichnung seines Fitnessstudio-Abos zu überreden. Neben seiner Ausbildung zum Mechaniker widmete er sich dem Sport mit voller Hingabe. Schon als 18-Jähriger nahm er das erste Mal an einem Bodybuilding-Wettkampf. Günter Schlierkamp gewann die Schwergewichtsklasse der Junioren bei der Newcomer Meisterschaft in Essen 1988. Es folgten vier weitere Juniorensiege und ein Vizetitel bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft im selben Jahr. Glasklar: Ein großes Talent auch mit internationalem Potenzial hatte die Bühne betreten.

1990 wurde Günter Schlierkamp Deutscher Meister und Weltmeister bei den Junioren. Nach zweijähriger Wettkampfpause brachte er auch die Qualität mit, die für den Männer-Bereich erforderlich ist. Hier räumte er ebenfalls alles ab: Er wurde Amateur-Europameister und Deutscher Meister 1992. 1993 gewann Schlierkamp die IFBB Amateur-Weltmeisterschaft in Seoul und sicherte sich hier die begehrte Pro-Card.


Günter Schlierkamps schwieriger Start bei den Profis


Bei den Profis kämpfte Schlierkamp zunächst mit Startschwierigkeiten. Trotz seiner für Bodybuilding-Verhältnisse hochgeschossenen 1,85 Meter übersahen ihn die Kampfrichter regelmäßig. In den ersten Jahren seiner Profilaufbahn verpasste er auf nahezu jedem seiner Wettkämpfe den Finaleinzug. Einzig ein zweiter Platz beim Canada Pro Cup 1995 sticht aus seiner 90er-Jahre Wettkampfhistorie positiv hervor.

Auch privat und geschäftlich lief es nicht rund bei Schlierkamp. 1996 zog er mit seiner Frau an die Ostküste, um sich hier ganz dem amerikanischen Bodybuilding-Lifestyle verschreiben zu können. Dabei hatte er sich allerdings auf seinen in New Jersey ansässigen Sponsor verlassen, der sich als Steuerbetrüger kurz vor der Pleite entpuppte. Nachdem dieser Schlierkamp um einige finanzielle Unterstützung „erleichtert“ hatte, endete der Deutsche nahezu mittellos, ohne Job und Kontakte irgendwo in den USA. Mehrere Nebenjobs und ein mittelmäßig guter Sponsorenvertrag hielten ihn von da an über Wasser.

Beach Boy Schlierkamp


Nach diesem kleinen Tief in seiner Biografie ging es dann aber steil bergauf: Der Deutsche wurde von Joe Wieder höchst selbst unter Vertrag genommen und zog nach Kalifornien, wo er mit den anderen Superstars der Szene im legendären Gold’s Gym trainieren konnte.

Apropos Superstar: Trotz bis dato überschaubarer sportlicher Erfolge wurde Schlierkamp schnell zum Liebling von Fans und Medien. Ein Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung, perfekt frisierte Haare, die Ausstrahlung eines David Hasselhoffs – der „Beach Boy“ aus dem Münsterland war ein begehrtes Model und Dauergast in den damals populären Fachmagazinen wie Muscle & Fitness oder Sport Revue.

Auch sportlich konnte sich Günter Schlierkamp unter den nun optimalen Bedingungen stetig weiterentwickeln. Beim Mr. Olympia 2002 brachte er sein bestes Gesamtpaket auf die Bühne. Im Posedown lieferte er sich einen heißen Kampf mit Seriensieger Ronny Coleman, dem er hier mindestens auf Augenhöhe begegnen konnte. Als die Kampfrichter schließlich seinen 5. Platz verkündeten, hagelte es lautstarken Protest aus dem Publikum.

Schlierkamp zeigte sich als fairer Verlierer und täuschte Freude über das strittige Urteil vor, wofür ihn die Fans mit Standing Ovation feierten. Ein Gänsehautmoment, der zweifellos zu den Highlights seiner Karriere zählt.

Noch im selben Jahr gelang es Schlierkamp dann, „Big Ron“ in die Schranken zu weisen. Bei der GNC Show of Strength 2002 verwies er Coleman auf Platz 2 und sicherte sich den ersten und einzigen Profisieg seiner Karriere.



Günter Schlierkamp resigniert


Das Folgejahr 2003 bescherte Schlierkamp zunächst eine Staphylokokken-Infektion, in deren Folge er 10 Kilogramm an Muskelmasse einbüßte. Dennoch gelangen ihm vier Finaleinzüge bei hochklassigen IFBB-Wettbewerben, unter anderem ein weiterer 5. Platz beim Mr. Olympia.

2004 belegte er Rang 6, 2005 verfehlte er trotz erstklassiger Form und tollem Posing mit dem 4. Platz knapp das Podest. Die Kampfrichter präferierten die massigeren Amerikaner Coleman und Cutler.

Schlierkamp war daraufhin mit seinem Latein am Ende. Auch das Idol seiner Jugend, Arnold Schwarzenegger, bestätigte ihm im Backstagebereich, dass er sich die Platzierung nicht so recht erklären könnte. In der Folge verlor Schlierkamp den Glauben daran, die Kampfrichter jemals von seiner Qualität überzeugen zu können. Der deutsche Sunnyboy verlor sichtbar den Drive, schaffte es beim Mr. Olympia 2006 nur noch auf den 10. Platz und beendete daraufhin seine Karriere.

Schlierkamp lebt immer noch in den USA und hat hier mit seiner Frau Kim ein Gym in Kalifornien eröffnet. Neben dem Bodybuilding spielte er mehrere kleine Rollen in Kampfsportfilmen und Actionkomödien.

Das etwas unbefriedigende Ende seines Sportlerdaseins soll nicht darüber hinweg täuschen, dass Schlierkamp zu den besten Exportschlagern des deutschen Bodybuildings zählte – ein talentierter Athlet, harter Arbeiter und vor allem: ein echter Sportsmann!

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