Daran erkennst du sie

Gurus, Fitness-Fake News und schlechte Quellen

Einst standen dem Bodybuilding-Neuling keine anderen Ressourcen außer der Muscle & Fitness oder dem Breitesten im Studio zur Verfügung. Heute ist niemand mehr dem Bauchtaschenträger in Clownshose hilflos ausgeliefert; Das Internet ist eine unerschöpfliche Quelle aus Informationen zu wirklich allem, und das völlig kostenfrei und sekündlich wachsend. Fluch und Segen. Denn aus dem Wust an YouTube-Videos, Instagram-Posts, Artikeln und eBooks den Schrott zu filtern, kostet Zeit und fordert die dieser Tage viel beschworene Medienkompetenz. Denn eines steht fest: Die Klickbarkeit von Content steht in vielen Fällen über der inhaltlichen Qualität. Das Web 2.0 ist voller Gurus und Fake News. Hier findest du einige Alarmsignale.

#1: Heroisierung von und Heilsversprechen durch einzelne Lebensmittel


Eine Masche, der sich gern minderwertige (Online-)Magazine mit der Zielgruppe Frauen, Veganer und/oder absolute Neueinsteiger bedienen. Hier wird ganz gewöhnlichen Lebensmitteln eine Unabdingbarkeit angedichtet.

Das kann eine natürliche Proteinquelle sein, die quasi im Alleingang für Muskelaufbau sorgt. Ein so vitaminreiches Obst, so dass du dir nie wieder einen Schnupfen einsacken wirst. Ein Grüntee von irgendeinem nepalesischen Berg, der besonders wach macht. Natürlich immer gern bemüht: Superfoods. Gräser, Beeren, Samen: Je exotischer und neuartiger, desto mehr Eigenschaften können dem Produkt zugewiesen werden.

Foto: Matthias Busse

Besonders fatal sind Heilsversprechen, und hier ist wiederum besondere Achtsamkeit geboten, sobald das Wort „Krebs“ fällt. Nein, kein einzelnes Lebensmittel, sei es auch noch so „reich an Sekundären Pflanzenstoffen“, kann Krebs ganz allein vorbeugen oder gar heilen. Auch Depressionen lassen sich nicht (ausschließlich) in der Küche bekämpfen. Und ein signifikanter Boost von Libido und Testosteron ist durch Essen allein auch nicht zu erwarten.

Wenn also irgendwo zu lesen ist „die unter der Schale der Japanische Süßkartoffeln enthaltenen Carotine schmelzen dein Bauchfett und beugen Alzheimer vor“ – schließe den Browser-Tab und recherchiere anderswo.

(Übrigens: Natürlich gilt das Gesagte auch für Supplemente. Per Gesetz können Nahrungsergänzungsmittel gar keine medizinische Wirkung haben, sonst fielen sie unter die Arzneimittelverordnung).

#2: „Beweise“ durch eine einzige Studie


„Amerikanische Wissenschaftler haben in einer Studie bewiesen …“ „Wie eine Studie beweist …“ „Eine Studie hat jetzt nachgewiesen …“ Und der gemeine Leser, Zuschauer und Follower gerät ins Verzücken. Die Studie genießt eine unantastbare Autorität in unserer Gesellschaft. Kommt ja schließlich von irgendeiner Universität. Und sogar ein Professor ist im Regelfall involviert.

Das ist aus mehreren Gründen problematisch.

Eine komplexe Fragestellung – z.B. „Ist gleichzeitiger Muskelaufbau und Fettabbau möglich?“ - mit dem Verweis auf eine einzige Studie als abgeschlossen zu betrachten, ist nie eine gute Idee. Sehr viele Studien sind unglaublich schlecht designt. Nicht neutral, weil sie von der Wirtschaft finanziert werden. Beruhen auf einer Probandengruppe, die mit dir nichts zu tun hat. Wurden in unseriösen Journals veröffentlicht. Und viele weitere Unzulänglichkeiten.

Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass aus wissenschaftlicher Sicht alles passt, reicht eine einzige Studie eigentlich nie aus. Jedes noch so nieschige Thema der Sportwissenschaft ist mittlerweile hundertfach durchgekaut worden, und wer einmal Metastudien querliest, merkt, dass sich Ergebnisse sehr oft widersprechen.

Ein „Content-Creator“, der eine einzige Studie als letzte Instanz verkauft und/oder Studien völlig unkritisch ohne Hinweise auf ihre Schwächen (die hat nämlich jede) hinnimmt, hat diese mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal gelesen oder gar – und das ist tatsächlich keine Seltenheit – seine Weisheiten auch nur einer Sekundärquelle (Blogposts etc.) entnommen.

#3: Must-do-Übungen


Ein typischer Clickbait-Titel aus der wunderbaren Welt der Fitness-YouTuber: „Die besten 5 Übungen für einen dicken Bizeps“; „Mache diese Übung jeden Tag, um besser im Bankdrücken zu werden“; „Die beste Übung für ein breites Kreuz, die du nicht machst“.

Hier werden gleich mehrere Muster bedient: Menschen lieben Listen (5 Übungen), einfache Lösungen für komplexe Probleme (nur eine Übung für das Großprojekt Kraftaufbau) und jeder leidet unter FOMO, der „Fear of missing out“ (Übung, die du nicht machst).

Grundsätzlich: Es gibt keine unverzichtbare Übung (nein, auch nicht Kreuzheben und Kniebeugen). Und was für den einen Körpertyp passt, passt nicht für den anderen (Beispiel: Die einen spüren den Booty extrem beim Squatten, die anderen überhaupt und greifen stattdessen auf Ausfallschritte oder Deadlifts zurück. Und eigentlich macht es ja ohnehin die Mischung, bzw. das Gesamtkonzept).

#4: Verteufelung von Übungen


Umgekehrt werden Übungen auch gern mit aller Vehemenz gedisst. Weil sie angeblich ungesund für die Gelenke sind, zu wenig Potenzial für schwere Gewichte bieten, den Muskel „in einem schlechten Winkel treffen“ und so weiter. „Höre sofort auf, diese Übung für den Muskelaufbau zu machen“, könnte so ein Videotitel sein.

Auch hier gilt: Jeder Körper verfügt über andere Stärken und Schwächen, Proportionen und Hebel. Nur weil dein Lieblings-YouTuber mit den Kanonen-Schultern Seitheben im Sitzen unsinnig findet, kann die Übung für dich vielleicht trotzdem passen. Und ja, es gibt Bewegungen, die potenziell nicht bei sensiblen Gelenken und/oder mit schweren Gewichten durchgeführt werden sollten. Sie können trotzdem z.B. im hohen Wiederholungsbereich oder bei günstigen Körperproportionen Sinn machen.

Kurzum: Äquivalent zum vorherigen Punkt gilt, dass dich keine angebliche alleinige Wahrheit von dem Kennenlernen des eigenen Körpers entbinden kann. Wer das in seinen Texten oder Videos propagiert, ist eher an Klicks als an echter Aufklärung interessiert.

Foto: Matthias Busse

#5: (Schlecht) Getarnte Produktwerbung


Sobald in irgendeiner Behauptung direkt ein Produktlink untergebracht ist, ist Vorsicht geboten. Der Influencer, der grade bei seinem Sponsor eine eigene Produktlinie mit dem Hauptbestandteil XY rausgebracht hat, schreibt über die Wichtigkeit des Konsums zum Zeitpunkt Z und verlinkt sofort zum entsprechenden Shop? Nichts gegen Werbung per se, aber ob hier journalistische Ansprüche erfüllt sind, darf angezweifelt werden.

#6: Zu-schön-um-wahr-zu-sein-Content


Auch bei sehr gefällige Aussagen ist Vorsicht geboten. „Du musst mehr essen, um endlich abzunehmen“ ist so ein Klassiker (stimmt übrigens nicht). Frühstück kurbelt den Stoffwechsel an, dein Nutella-Brötchen hilft der Diät also eigentlich auf die Sprünge. Fettverbrennung nur bei niedriger Intensität im Cardio-Training usw. Allzu bequeme „Wahrheiten“ halten den Konsumenten eher bei Laune und erzeugen Sympathien mit dem Medium, als dass sie wirklich informieren.

#7: Pauschalaussagen aller Art


Noch mal zusammengefasst: Pauschalaussagen sind immer ein schlechtes Zeichen, egal ob es um Training, Ernährung oder alle anderen Nebenkriegsschauplätze dessen geht. In diesen Forschungsfeldern ist eigentlich nichts in Stein gemeißelt. Es gibt keine One-Size-Fits-All-Lösungen, auch wenn diese noch so gute Klickzahlen bringen. Ein wahrer Experte ist stets (selbst-)kritisch, korrigiert auch gern mal eigene frühere Aussagen, und traut sich, vage und unpopuläre Aussagen zu treffen.

Eines bleibt uns allen nicht erspart: Viel lesen, viel hören, viel schauen – und, noch viel wichtiger, ausprobieren. Deine Erfahrungswerte sind immer noch deine beste Quelle.

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