Die Dicken beißen die Hunde

Hardcore never dies? - Die neue IFBB Klasse

"Bodybuilder" in Badehosen – Was wurde gelästert, was wurde gelacht. Die Einführung der Men’s Physique sorgte vor wenigen Jahren noch für heftige Kontroversen in der Szene. Doch damit war das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht…

Der Tag, an dem Bodybuilding sich selbst abschaffte, steht nun endgültig fest. Schreibt es in die Geschichtsbücher, es war der 27. Februar 2016. Im polnischen Danzig wurde die entsetzte Bodybuildinggemeinde Zeuge dessen, was die einen als selbsterfüllende Prophezeiung, die nächsten als Schmach Sondergleichen und wieder andere einfach nur als Ketzerei beschrieben:
Nicht mehr nur lässige Badeshorts zierten der Burschen Hüften, um die untrainierten Schenkel zu verbergen, nein auch die Oberkörper wurden von Textil umhüllt, das nur einen vagen Blick auf die Muskelentwicklung darunter gewährte.
Es war der Tag, an dem die IFBB ihre beiden neuen Klassen den "Massen" präsentierte.


Noch mehr Klassen braucht das Land

In der Men’s Fitness Model Class tragen die Athleten in der Vorwahl und der ersten Runde des Finales Shorts und ärmellose Shirts, im Finale Casual Sport Wear, also durchaus Chinos oder Jeans mit einem Hemd oder Sakko bedeuten kann. Die Athleten sollen dabei weder in besonderem Maße muskulös, noch übermäßig definiert sein. Konkret schreibt die IFBB in ihrem ► Regelwerk dazu:
The body parts should have a nice and firm appearance with a decreased amount of body fat. The physique should neither be excessively muscular nor excessively lean and should be free from deep muscle separation and/or sharp striations. Physiques that are considered too muscular, too hard, too dry or too lean must be marked down.
Wenn also nicht der definierteste oder der muskulöseste Athlet gewinnen soll, wer denn dann? Auf diese Frage gibt die IFBB eine Antwort, auf die wir gleich noch zu sprechen kommen werden.
The assessment, beginning with a general impression of the physique, should take into consideration the hair; the overall body shape and body lines; the presentation of a balanced, proportionally and symmetrically developed physique; the condition of the skin and the skin tone; and the athlete’s ability to present himself with confidence and elegance.

The judges should favour competitors with a harmonious, proportional, classical male physique, good posture, correct anatomical structure (including body framework, correct spinal curves, limbs and trunk in good proportion, straight legs, not bandy or knock- kneed). Vertical proportions (legs to upper body length) and horizontal proportions (hips and waist to shoulder width) are ones of the key factors.
Übersetzen wir diese, durchaus vagen Vorgaben doch einmal in die Praxis.

Was hier bewertet wird, ist in erster Linie das Glück bei der Auswahl der Eltern. Es geht um Proportionen, um ein gefälliges, harmonisches Gesamtbild. Butter bei die Fische: Es geht um Attraktivität, darum, einen "gesunden und proportionalen" Körper zu präsentieren. Das wird noch deutlicher, wenn neben Kriterien wie dem Hautbild nun auch die passende Frisur Einfluss in die Wertung erhält, da sie das "Total Package" komplementiert.

Der Athlet muss nun nur noch dafür sorgen, dass er dieses Total Package auch richtig in Szene setzen. Die Präsentation spielt eine außerordentliche Rolle in dieser Klasse.
The judges will be assessing each competitor on how well they display their physique in move. Competitors shall be assessed on whether or not they carry themselves in a graceful manner while moving on the stage. The pace, the elegance of moves, gestures, “showmanship”, personality, charisma, stage presence, as well as a natural rhythm should play a part in the final placing of each competitor.
Meine Damen und Herren, wir präsentieren voller Stolz "Germany’s next Fitness Model". Die Wertungskriterien passen zumindest. Vor allem dann, wenn in der letzten Runde die Kleidung ins Spiel kommt.
Male fit-models are encouraged to look relaxed and smile. Have fun with the audience and judges as much as possible. Try to keep the posing relaxed. You should be displaying a relaxed look. Each pose should be kept for 2-3 seconds to allow the judges to asses a competitor. Running around the stage is not recommended. Competitors should select poses which suit their body type. Transitions between poses should be smooth and graceful. Under no circumstances bend over when turning to the back. Have a theme or motif to your posing by being a little creative. The outfits are meant to highlight individuality and character of competitors. Hair should be well presented and suit well fitting to their body type.

The judges are watching to see the way the outfits are worn, as well as the personality displayed. It is the competitor and not the outfit that is being judged, however these costumes can add to the score by making a competitor impressive and memorable to judges. Confidence, charisma, a good attitude, as well as looking at ease on stage are all vital. Proper muscle tone, posture and symmetry, attractive, marketability, and even a contestant’s outfit selection are also taken into consideration. Athletes may add a trademark wave to their walk. Judged for their overall appearance, as well as poise, confidence and outfit, contestants must be comfortable on stage, should enjoy being in the spotlight, and should let their personalities shine through.
[Anmerkung des Autors: Die ► Wertungskriterien für die entsprechende Klasse der Frauen lesen sich nahezu identisch, daher wird an dieser Stelle auf eine explizite Darstellung verzichtet.]

Nein, mit Bodybuilding hat das nur noch wenig zu tun…oder?

Foto: EastLabs.ru

Neue alte Hüte

Wir reden uns ja immer gerne ein, dass Bodybuilding, korrekter Wettkampfbodybuilding, ein Sport ist. Es gibt sicher gute Gründe, die dafürsprechen, mindestens genauso viele, die dagegensprechen.
Vorab: Nicht im Traum würde ich einem Bodybuilder absprechen, dass er Sport treibt. Sport bestimmt sein Leben, Hanteltraining, Ausdauertraining, natürlich ist das Sport. Ob die Präsentation des Körpers auf der Bühne dann auch Sport ist, darüber kann man streiten. Letztlich spielt es aber auch nur eine untergeordnete Rolle.
Viel wichtiger: Sieht man sich die Regeln der neuen Klassen einmal genauer an, stellt man fest, dass sich dort vieles wiederfindet, was seit Jahren vom Wettkampfbodybuilding gefordert wird: Harmonische und proportionale Körper statt Ansammlungen freakiger Körperteile, die an einer ausufernden Taille ansetzen.

Grazile und elegante Bewegungen statt hohles Gestampfe über die Bühne. Und war es nicht schon immer so, dass Charisma Einfluss auf die Wertung nahm? Dass sich auch Hardcore Bodybuilder um ihre, wenig verbliebenen, Haare kümmern, bevor Sie auf die Bühne gehen, ist auch ein alter Hut.

Natürlich werden hier andere Maßstäbe angelegt, es geht um ein Downsizing, oder eher um ein Begrenzen des Wachstums. Und doch finden sich in diesen Regeln so viele Ansatzpunkte, die das "wahre Bodybuilding" wieder dahin bringen könnten, wo eine größere Akzeptanz zu erwarten wäre: Zu Körpern, wie man sie in den 80er und 90er Jahren zuletzt sah.

Körpern, deren Proportionen noch passten, dargeboten in beinahe schon künstlerisch anmutenden Küren. Wenn Arnold davon spricht, dass Bodybuilding wieder mehr in diese Richtung gehen muss, dann liefert die IFBB hier im Grunde die Basis für Wertungen, die dem Sport die Schönheit zurückgeben könnten.

Der Widerstand formiert sich

Wollen wir das nicht alle? Wieder Athleten im Sinne von Bob Paris und Lee Labrada auf der Bühne sehen? Ja, sagt ohne großen Zweifel die Mehrheit, unbedingt. Doch was, wenn man das umsetzen würde? Würde man Bodybuilding dann nicht endgültig subjektivieren?

Jeder kann sich umbringen, um knüppelhart auf die Bühne zu kommen, dicke Muskeln aufzubauen, ist nicht jedem vergönnt, doch es gibt zumindest einen kleinen Kreis, der damit Erfolg im Wettkampfsport haben kann. Doch was passiert, wenn wir all die unförmigen Athleten, all diejenigen, denen die Natur eben keine schöne Linie, keine ansprechenden Proportionen mitgegeben hat, von den Bühnen holen? Wer wird dann übrigbleiben?
Das Problem ist sicher nicht, dass es nicht genug Menschen gibt, deren Körper diese Kriterien erfüllen könnten, aber im Kreise derer, die sich für Wettkampfbodybuilding interessieren, wird es schon dünn.
Es sind eben oft – und damit soll niemandem zu nahe getreten werden – (empfundene) körperliche Defizite, die ans Eisen treiben. Nur wird aus einem Hobbit kein Adonis, und wenn er sich noch so sehr anstrengt.

Wie soll man das dann aber bewerten? Ist man konsequent, werden alle Hobbits abgestraft, egal wie sehr sie sich ins Zeug gelegt haben, egal wie sehr sie ihre Muskeln aufgeblasen, ihre Muskelteilungen freigelegt haben. Gegen den Adonis, der gefällige Muskelformen mit einer schönen Linie und einer ausgeglichenen Muskulatur kombiniert, haben die Hobbits keine Chance.

Ich habe schon erlebt, dass so gewertet wurde. Ich selbst befürworte eine solche Wertung. Ich habe aber auch gesehen, wie die Reaktionen waren: Wut, Enttäuschung, Unzufriedenheit. Wie soll man es auch verkraften, wenn man alles auf ein Ziel ausrichtet, das ganze Leben sich nur um den eigenen Körper dreht und man dann gesagt bekommt, dass man sich zwar toll angestrengt hat, aber eben immer noch ein Hobbit ist?

Und dass der Adonis halt einfach Glück hatte. Bodybuilding lebt von der Idee, den eigenen Körper nach persönlichen Wünschen zu formen, das Beste aus einem herauszuholen. Dass die Natur uns hier enge Grenzen gibt, passt nicht in diese Idee.

Die träge Masse

Nehmen wir mal an, die beiden vorangegangenen Abschnitte wären nichtig. Nehmen wir an, im Bodybuilding können auch Hobbits gewinnen, wenn sie eben die freakigsten Hobbits überhaupt sind. Nehmen wir an… ok, willkommen in der Realität. Einer Realität, die sich großer Beliebtheit erfreut. Zumindest erwecken die vielfältigen wütenden Kommentare in den sozialen Netzwerken diesen Eindruck, wenn man derartige Neuerungen präsentiert.
Heißt es nicht immer, für Hardcore Bodybuilding gibt es keinen Markt? Waren es nicht die Youtuber, die die letzte FIBO zum Platzen brachten, während Legenden des Sports alleine an ihren Ständen herumgammelten? Und sind die Hallen nicht doch immer leer, wenn die dicken Jungs auf die Bühne kommen? Irgendwas passt da doch nicht…
Das beschriebene Phänomen ist sicher nicht bodybuildingspezifisch: Geht es nach den Kommentarspalten im Internet, wäre die Todesstrafe längst wieder eingeführt und Apple seit Jahren pleite. Soll heißen: Die Kommentare und deren Autoren sind nicht repräsentativ, was wir vorfinden, ist das Phänomen des Wutbürgertums.

Foto: EastLabs.ru

Nun haben wir im Bodybuilding aber eine Besonderheit: Wir sind eine Nische, im Bereich Wettkampfbodybuilding eine verschwindend kleine Nische. Man sollte also denken, dass hier ein hohes Aktivierungspotenzial besteht. Es müsste doch ein Leichtes sein, eine Stadthalle für eine Regionalmeisterschaft zu füllen, nur mit Hardcore-Bodybuildern, die schon so früh da sind, dass sie all den Mainstream-Zuschauern gar keinen Platz mehr lassen. Die nachdem sie ihre Tickets geholt haben, erst mal pumpen gehen und Reis futtern, während die "Schwimmbadklassen" ihr Kindergartenprogramm absolvieren, um dann bei den Dicken die Halle zum Toben zu bringen. Nur irgendwie passiert das nicht. Irgendwie sind die Hallen doch leer.

Zählen wir eins und eins zusammen, merken wir, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt:
  1. Es gibt doch viel weniger Fans von Hardcore-Bodybuilding als die Kommentare im Web vermuten lassen.
  2. Es gibt diese große Fanbase, aber sie lässt sich nicht aktivieren.
Welche Möglichkeit der Wahrheit entspricht, spielt im Grunde keine Rolle. Die Konsequenz ist nämlich gleich: Wollen die Veranstalter auch nur kostendeckend arbeiten, müssen sie sich ein breiteres Publikum suchen. Und natürlich gibt es Ausnahmen. Stellan beweist das mit dem Loaded Cup Jahr für Jahr. Aber darüber hinaus?

Ihr müsst draußen bleiben

Ich bin seit Jahren pro Saison auf mindestens zwei, meist drei bis vier Regionalmeisterschaften zu Gast. Ein Trend ist unverkennbar: Die Männerklassen sind immer dünner besetzt, qualitativ wie quantitativ.

Liegt das daran, dass die wahren Bodybuilder keine Lust mehr auf ihren Sport haben? Ich glaube nicht. Vielmehr begeistern sich einfach mehr Sportler für neue Klassen wie die Men’s Physique, wie die Bikiniklasse. Nun hört man oft, dass man die Klassen trennen müsse. "Da Hardcore, da Strand! " Und dann, ja dann kommen die Massen von echten Bodybuildern aus ihren Löchern…und pinke Elefanten können fliegen.

Würde das geschehen, es wäre die Vollendung dessen, was seit Jahren geschieht: dem Aussterben des Hardcore-Bodybuildings. Ich sehe die Meisterschaften bildlich vor mir: 15 Athleten, davon zwei bis drei wirklich gute, der Rest mehr schlecht als recht performen vor 50 Zuschauern in einem Schützenhaus im Niemandsland. Sponsoren? Zumindest habt ihr Humor…
Man kann es bedauern, man kann es kritisieren, aber ändern kann man es nicht. Bodybuilding ist, zumindest in der Breite, abhängig von Klassen, die mit dem, was Hardcore-Fans denken, worum es im Bodybuilding gehen sollte, nichts mehr zu tun haben.
Aus dem Bodybuilding-Lifestyle sind Lifestyle-Klassen geworden. Es geht schon lange nicht mehr um die Frage, ob man diese Lifestyle-Klassen aussperrt, sondern vielmehr darum, ob man die Bodybuilding-Klassen aussperrt. Denn bei aller Nostalgie, bei aller Liebe für den Sport, wer sich dem Kommerz gänzlich verschließt, der darf nicht erwarten, dass er breite Wahrnehmung findet.

Stand up for your lifestyle

Die IFBB hat nun also in Polen zwei neue Klassen vorgestellt. Unfassbar, aber wahr: Kein Bodybuilder ist daran gestorben. Noch steht nicht einmal fest, ob diese Klassen fest ins Klassement der IFBB aufgenommen werden, doch es spricht vieles dafür. Und auch dann werden daran – hoffentlich – keine Bodybuilder sterben. Aber sie werden lernen müssen, dass sich die Welt auch in ihrem kleinen Mikrokosmos immer weniger um sie dreht, dass sie immer mehr zu Statisten einer Veranstaltung werden, deren Zielgruppe eine deutlich breitere Masse ist. Oder doch nicht? Gibt es doch noch Hoffnung?

Ich persönlich denke nicht, denn das hierfür erforderliche Umdenken hat bis heute nicht stattgefunden und ich sehe nicht, dass sich daran etwas ändern wird. Wenn selbst Arnolds Rufe nach mehr Ästhetik im Spitzensport verpuffen, ist nicht zu erwarten, dass wir künftig mehr "Schönes" und weniger "zumindest Freakiges" auf den Bühnen sehen werden. Aber vielleicht liege ich auch falsch.

Vielleicht gibt es sie doch, die Horden von Hardcore-Fans, die einfach nur aus ihrem Dornrößchenschlaf geweckt werden müssten. Wenn dem so ist, dann solltet ihr, die ihr euch zu dieser Gruppe zählt, schnellstens aufwachen und aktiv werden. Und ja, ein Ticket kostet Geld, und ja, man muss auch noch zur Meisterschaft fahren. Das schaffen jedes Wochenende Hundertausende Fußballfans problemlos, sollte also zu machen sein. Wenn nicht, dann ist das auch völlig ok. Aber dann muss man sich eben damit abfinden, dass Dinge sich anders entwickeln als man es gerne hätte.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb einst:
Man muß stets positiv verfahren, stets aufbauen und sich nicht mit dem Niederreißen des Fremden zu lange aufhalten.
Das krampfhafte Klammern an Bekanntes war noch nie von nachhaltigem Erfolg. Niemand muss diese neuen Klassen mögen, doch statt mit allen Mitteln sie zu verhindern zu versuchen, sollte man viel mehr Energie dafür aufbringen, die eigenen Interessen und Wünsche zu vertreten.

Nicht indem man im Internet jammert und motzt, sondern indem man sich innovative Konzepte überlegt, indem man neue Wege geht. Wer Inspiration braucht, dem sei der Loaded Cup in Bochum ans Herz gelegt. Aber Vorsicht: Auch da kosten die Karten Geld und hinfahren muss man auch!

Bodybuilding-Fan? Dann den Loaded Cup nicht verpassen!

Post Scritpum

Ach ja, die neuen Klassen: In ihnen einen sportlichen Wettkampf zu sehen, fällt wahrlich schwer. Mit diesen Klassen bewegt man sich endgültig in die Sphären der Schönheitswettbewerbe und Modelcontests. Das wirft diverse Fragen auf, deren Beantwortung durchaus spannend erwartet werden darf: Sind Bodybuilding-Kampfrichter die richtigen Judges für solche Klassen oder braucht man unter Umständen neue Kampfgerichte?

Fangen wir künftig bereits um acht Uhr morgens mit den Meisterschaften an oder enden wir lieber um vier Uhr in der Frühe? Und werden künftig statt Pokalen Fotos für die nächste Runde vergeben? Fragen über Fragen. Antworten weiß ich nicht.

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