Gedanken über das (L)Heben

Ich hebe, also bin ich!

Mittlerweile bin ich im letzten Jahr meines Medizinstudiums in Wroclaw - Polen angekommen. Diese Phase des Studiums nennt sich „Praktisches Jahr“. Es hilft insbesondere denjenigen, die sich bisher noch nicht für eine Fachrichtung entschieden haben. Wir durchlaufen dabei alle möglichen Stationen in verschiedenen Krankenhäusern in der Stadt und sammeln wertvolle Erfahrungen. Für mich persönlich war besonders die Psychiatrie interessant.

Es ist beeindruckend, wenn man überlegt, was Menschen dazu bewegt, was sie tun und es ist keinesfalls offensichtlich, warum sie tun, was sie tun. Werden wir doch selber manchmal von unseren eigenen Handlungen im Nachhinein überrascht. Wer soll unsere Handlungen verstehen, wenn wir sie selber doch nicht begreifen?


Es war ein verregneter Dienstagmorgen

Mein Kommilitone besitzt ein schickes Auto mit dem wir ein wenig abseits der Stadtmitte Wroclaws fahren. Gegenüber von einem Gefängnis liegt die geschlossene Psychiatrie. Wie in einem Film, lassen sich die Türen nur mit schweren Schlüsseln öffnen und haben keine Klinken zum öffnen – zum Schutz der Patienten. Auch die Fenster sind doppelt verschlossen und mit Eisengitter versiegelt, wie in einem Gefängnis. Nur sind wir in keinem und die Menschen darin sind vor allem für sich selbst die größte Gefahr. Es ist wie in einem Film, nur ist das die Realität und kein Spaß. Wer denkt er hätte schon vieles gesehen, der sollte sich mal eine Elektrokonvulsive Therapie angucken. Bis heute verwenden wir diese Methode in der Medizin für besonders schwere Fälle der Depressionen und Schizophrenie.

Gegenüber sitzt uns eine junge Frau und erzählt uns ihre Geschichte. Es war alles normal, ein schönes Familienleben mit zwei Kindern, bis vor einem Jahr sich plötzlich alles verändert. Eines der Kinder wurde krank und hatte husten. Auch das zweite Kind wurde krank und hustete. Für uns völlig normal. Diese Frau jedoch konnte damit nicht umgehen und wollte sich selbst mit ihren Kindern mit einem Auto in den Tod fahren. Auf die Frage warum sie zu drastischen Mitteln wegen eines Hustens greifen möchte, konnte sie uns nicht antworten.

Cogito ergo sum – Ich denke also bin ich

So lautet es von dem französischen Philosophen René Descartes. Die Psychiatrie beschäftigt sich mit unserem Gehirn, wie wir denken, was es in uns bewegt, was uns motiviert, wie wir fühlen und warum wir etwas fühlen. Letzten Endes ist unser Gehirn aber nur ein Organ, wie unsere Nieren oder unser Herz.

Jedes Organ hat seine Aufgabe und ich glaube nicht, dass ihr euch als Urin bezeichnen würdet, nur weil ihr Nieren habt. Genauso verhält es sich mit unserem Gehirn. Die Aufgabe unseres Gehirnes ist es, Gedanken zu erschaffen. Jeder von uns hat in etwa 70.000 Gedanken pro Tag. Rund 80% all dieser Gedanken sind negativer Natur und bis zu 95 % haben uns schon die Vortage gequält.

Ich würde also behaupten das Descartes damit falsch lag, dass das Denken uns ausmacht und schlage eine kleine Veränderung vor: Mein Gehirn denkt, also bin ich.

Die Frage ist natürlich, was das mit unserem Sport zu tun hat. Ich behaupte vieles. Was motiviert einen Menschen dazu, in ein Fitnessstudio zu gehen? Was motiviert dich? Wir setzen uns selbst großen Schmerzen aus und als Dank, verzichten wir auf viele zu leckere Lebensmittel. Wohingegen unser Nachbar ganz normal seinen Beruf nachgeht und nicht darüber nachdenkt ob er heute bei McDonalds oder Burger King essen soll. Bodybuilding / Fitness ist eine Randsportart und bedeutet weit mehr als ein Hobby oder Freizeitbeschäftigung. Es ist vielmehr eine Lebenseinstellung.

Jeder Mensch besitzt Werte und Prioritäten in seinem Leben. Doch diese können wir selber nicht einfach erschaffen für uns, wie wir es wollen. Aus irgendeinem Grund sind sie bereits in uns vorhanden. Das glaubst du nicht? Dann überleg einmal, wann du das letzte Mal für eine Prüfung lernen solltest. Wieviel Energie es kostet, sich hinzusetzen und wirklich zu lernen. Wir könnten doch einfach den Wert der Prüfung für uns selbst erhöhen? Plötzlich wird selbst der Regenbogen auf der anderen Straßenseite interessanter als zu lernen.

Ein weiteres Beispiel wäre, die magische Anziehungskraft eines Cookies während der harten Phase einer Diät. Alle Gedanken kreisen um den Cookie und innerlich diskutieren wir mit uns selbst, versuchen uns einzureden, dass er nicht schaden würde. Ist es dann mal passiert, übernimmt uns ein Schuldgefühl, eine Art Scham vor uns selbst, unserer eigenen Schwäche. Wir machen uns Vorwürfe und entschließen uns letzten Endes das nächste Mal den inneren Schweinehund stärker zu bekämpfen. Disziplin ist schließlich der Schlüssel zum Erfolg.

Eins ist sicher, unser Gehirn hat einen taktischen Vorteil: Es kennt uns, unsere Schwächen, unsere Wünsche, unsere Sehnsüchte, unsere Erfolge, unser Versagen.

Wir sind mehr als nur unser Gehirn, wir sind Eisensportler. Ich hebe, also bin ich!

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