From reps to riches

Interview mit Jens Reichert

Es ist das Schlagwort des amerikanischen Traums: "from rags to riches", von Lumpen zu Reichtümern, vom Arbeiterkind zum Multimillionär. Die allermeisten Menschen kennen solche Erfolgsstorys nur aus Büchern oder Filmen, halten schwerreiche Menschen für Glückspilze und können sich nicht vorstellen, wie man aus Leidenschaft mit einem Schuss Mut eine Verbindung herstellen kann, welche das Hobby zum Quell für Lebensunterhalt, Freude und Sinn macht.

Mit dem heutigen Interview möchte ich euch einen Mann vorstellen, der das geschafft hat. Er selbst würde niemals damit prahlen, doch er genießt mittlerweile legendären Ruf bei sämtlichen bekannten Herstellern von Krafttrainingsgeräten, wie beispielsweise Hammer Strength oder Life Fitness. Ganze amerikanische Büros erheben sich, wenn er die Tür betritt. Er hat das Studio von Matthias Botthof mit Umkleide-Spinden und HOIST-Geräten ausgerüstet und ist eine Koryphäe der FIBO. Die Rede ist von: Jens Reichert.

Die meisten sagen sich jetzt: Hm, noch nie was von ihm gehört. Stimmt, denn trotz allem Grund dafür präsentiert er sich kaum in den sozialen Medien. Er sieht sich selbst "an der Front": in seinen Studios, bei seinen Mitarbeitern oder in den Hauptbüros der Firmen, die er vertritt und die seine Dienste schätzen.

Auch ich habe ihn schon mehrfach durch das Studio laufen sehen, in dem ich trainiere. Niemals hätte ich hinter seiner lockeren Erscheinung diesen kampferfahrenen Geschäftsmann und unermüdlichen Vorantreiber des Bodybuildings in Europa vermutet. Sein Studioleiter (zu dem ich ja bereits zwei Artikel hier auf Andro geschrieben habe) erzählte mir von seinen unglaublichen Lebensabenteuern, so dass ich mir vornahm, ihn für ein Interview zu werben. So trafen wir uns an einem winterlichen Abend im Studio.

Bevor wir aber überhaupt zu unserem Interview aufbrechen konnten, gab es im Studio noch einiges zu regeln. Ein junger Mann beschwert sich darüber, aus disziplinarischen Gründen des Studios verwiesen worden zu sein. An der Schlägerei gestern Abend vor dem Studio wäre er nicht beteiligt gewesen ... Jens beiden Hunde spüren die Atmosphäre und setzen sich kameradschaftlich neben ihr Herrchen. Ich bewundere seine Geduld, die er dem gestikulierenden Typen gegenüber aufbringt. Schließlich darf dieser doch wieder zum Training kommen - wenn er seine stänkernden Freunde draußen lässt.

Nach aller Aufregung fahren wir in eins der besten Restaurants der Stadt. Die Kellner stören sich auch nicht an unseren Trainingsklamotten. "World Gym" leuchtet es ihnen entgegen, so ganz anders als die restlichen Schlipsträger, die ihre lahme Afterwork-Party hier verschlafen. Ich bitte Jens, im Groben seinen Werdegang vorzustellen. Er hat ein ziemlich ereignisreiches Leben, voller Reisen und Abenteuer. Dennoch möchte ich hier möglichst nur auf das eingehen, was in und um das Bodybuilding interessant ist:


Jens, schön dass du dir deine knappe Zeit dafür nimmst, den Team-Andro-Lesern etwas aus deinem Leben zu erzählen. Vielleicht umreißt du erst einmal kurz das, was dich zum Bodybuilding und deiner späteren Karriere als Studiobesitzer und -einrichter gemacht hat.

Danke auch dir für die Einladung! Aufgewachsen bin ich auf dem niedersächsischen Land - auf einem Dorf ohne Fitnessstudio. Als ich so ungefähr 14 Jahre alt war, also Anfang der 80er Jahre, las ich zum ersten Mal ein Bodybuilding-Magazin. Mich faszinierten die darin abgebildeten Sportler und ich dachte ernsthaft darüber nach, mit dem Training zu beginnen. Wie es der Zufall wollte, eröffnete genau an meinem 18. Geburtstag ein Studio bei uns in Wittingen. Ich rannte wie ein Irrer dahin und wurde das allererste Mitglied dort.

Der damalige Studio-Betreiber beobachtete mich dann immer und sah mir meinen extremen Enthusiasmus an. Er heuerte mich als Trainer an und ich begann meine Lehre. Zunächst war mir die Tragweite nicht bewusst, aber ich lernte damals, Sportplätze und Schulen einzurichten und entwickelte damit ein Auge für Räumlichkeiten. Noch heute sind meine Architekten fast arbeitslos, weil ich immer schon weiß, wie alles stehen soll, wenn ein Studio (um-)gebaut wird.

Ab diesem Zeitpunkt war ich auch auf jeder FIBO dabei, seit über 30 Jahren.

Bleiben wir kurz bei der FIBO. Was hat sich dort deiner Meinung nach am meisten geändert?

Die Klientel hat sich krass geändert. In den 80ern war Bodybuilding ja kaum populär, für den Durchschnittsmenschen sind dort nur Freaks rumgelaufen. Heute ist das eine Massen-Veranstaltung. Naja, und die Idole haben sich verändert! Früher waren die "reiner" und ruhiger - heute ist alles hektisch und in einer Art "unmenschlich", im Sinne davon, dass mir die meisten Athleten eher als Produkte vorkommen, denn als Menschen.

Ich erinnere mich, dass ich als junger Kerl mit Lou Ferrigno, Robby Robinson und Mike Christian in der Ecke saß und stundenlang über alles Mögliche gefachsimpelt habe. Da war Leidenschaft dahinter, nicht etwa Profit.

Die FIBO 1984 war dann auch der Auslöser für meine spätere Karriere. Ich sah den "American Fitness-Shop" und dachte: Das will ich auch haben!

Da gab es vorher sicher einiges zu lernen?

Ja. 1986 ging ich dann für eine Weile nach Kalifornien. Es ist unbeschreiblich, wie ich zum ersten Mal in Los Angeles im World Gym stand und überwältigt war. Die nächsten 2 Wochen setzte ich mich einfach nur da rein und sog die Atmosphäre in mich auf. Ich trainierte zusammen mit Mike Christian, traf Hulk Hogan und Eddie Murphy.

Cool. Abgesehen von den amerikanischen Idolen - wer hat dich in Deutschland sehr beeindruckt?

Er ist nie zu durchdringender Berühmtheit gelangt, aber Andreas Pohl war für mich ein genetischer Freak. Er immer nur so "nebenbei" trainiert und war irre.
Dazu Peter "The Kaiser" Andreas, der heute noch ein Studio in Wolfsburg hat. Was für ein Tier!

Und dann möchte ich noch Matthias Botthof nennen. Er rief bei mir an, weil ich unter anderem auch eine dänische Firma vertrete, die Spinde, also Umkleideschränke, herstellt. Matthias hat eine sehr angenehme Art und ist beeindruckend ehrlich und zuverlässig. Ich glaube, genau deswegen ist er langfristig so erfolgreich.

Apropos erfolgreich - wie beurteilst du die aktuell erfolgreichen jungen Stars?

Sie werden einfach zu schnell verbrannt. Es ist lächerlich, wie hochmütig manche daherkommen, die nur ein paar Monate später keiner mehr kennt. Aber sie haben es auch schwer. Früher konnte man aus Erfolg etwas machen, weil alles langfristiger war. Kannte man einen Star aus Magazinen etc, dann war der erst einmal gesetzt. So konnte man eine Marke etablieren.

Nimm zum Beispiel die Marke "Arnold". Jeder weiß sofort, was und wer damit gemeint ist. Heutzutage ist man so schnell austauschbar, da kann man das nur schwer aufbauen.

Und dein eigener Erfolg?

Von Außen siehst du ja nur die Sonnenseite - das Geld, die Autos, das Reisen. Aber glaub mir, jede Art von Erfolg zieht mindestens genau so viel Neid nach sich. Hast du ein gut laufendes Studio, schickt die Konkurrenz Truppen, um dir neben das Klo zu kacken. Dann wurde ich mal von ein paar Typen mit dem Auto eingekeilt, deren Cousin ich rausgeschmissen hatte. Aber ich habe glücklicherweise in meiner Zeit als Türsteher genug gelernt, um solcher Situationen Herr zu werden.

Überhaupt musste ich lernen, mit allen Arten von Menschen klarzukommen: mit Zuhältern, Professoren, Ärzten oder Anwälten - jeder hat seine eigenen Marotten, aber aus jedem kann ich mir auch das Beste an Erfahrung herausziehen. Im Endeffekt ging es mir ja auch immer darum, mit meiner Arbeit Menschen glücklich zu machen.


Was hat dich deine Zeit als Türsteher gelehrt?

Das war schon eine geile Zeit, so in den 80ern. Man hatte irgendwie immer Geld in der Tasche und damit hat man dann wirklich "gelebt". Jedes Wochenende mit dem GTI nach Fehmarn und solche Späße. Aber eigentlich ging es mir immer nur darum, in einer Männergruppe irgendwie Halt zu finden.

Mit der Zeit kamen dann auch die negativen Seiten zum Tragen. So ein Wendepunkt war zum Beispiel, als ein Freund von mir anfing, nur noch Blut zu pinkeln. Eine Weile später ist der dann auch gestorben.

Vielleicht wäre es auch ganz gut, das mal für die Leser näher auszuleuchten ...

Okay, also dieser Freund wurde durch die Nutzung von Anabolika zunehmend psychisch labil und erlitt die vorhin angesprochenen Schäden. Mir wurde dann klar, dass man sich einfach nicht nur rein auf den Sport konzentrieren darf.

Fokussierst du dich rein auf die Optik, kannst du irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob deine Freunde dich nur wegen deines Aussehens mögen. Spätestens, wenn du dann einen Wettkampf nicht gewinnen kannst, du eine Krankheit kriegst oder einen familiären Schicksalsschlag erleidest, werden Fragen aufkommen. "Warum bist du so dünn?" und dergleichen.

Hast du nur den Sport, dann leidet dein ganzes Selbstbewusstsein darunter.

Ist das auch der Rat, dem du deinem 20-jährigen Ich geben würdest?

Ja. Es gibt einfach auch noch was anderes neben Bodybuilding. Ich habe viele Freundinnen verloren, weil die das nicht nachvollziehen konnten. Stell dir vor, die wollten sogar Zeit mit mir verbringen!

Ich hätte also unbedingt weniger oft und weniger verbohrt trainieren sollen.
Und naja: Ich würde meinem damaligen Ich einen Schutzengel mitgegeben. Dadurch, dass ich immer auf meine Schwestern aufpassen musste, vernachlässigte ich mich in der Hinsicht selbst.

Wo wir einmal dabei sind: Hast du noch mehr wertvolle Lebensweisheiten?

Ich sage sehr oft und immer wieder, wenn neue Leute in eines meiner Studios kommen: "Fitness ist Körperpflege, genauso wie Zähneputzen und Duschen."

Und wenn ich ehrlich sein soll - das Stoffen damals war wirklich geil, aber wehe, wenn du danach dann dünner wirst. Das hält fast kein Selbstbewusstsein aus. Mein Selbstwertgefühl hat extrem gelitten.

Was hast du zu Spitzenzeiten gewogen?

115 Kilo. Ich hatte mich immer mal wieder hochgefressen - aber das Gefühl der Trägheit ist irgendwie doch blöd. Man fühlt sich wie der Typ in dem Film "Supersize me". Bei 95 Kilo habe ich mich immer sehr wohl gefühlt.

Was bedeutet dir die Ernährung allgemein?

Ernährung ist alles: Gesundheit, Fitness, Aussehen. Du bist, was du isst. Was für mich allerdings mit dem Alter eine immer geringere Rolle spielt, sind Nahrungsergänzungsmittel. Ich ernähre mich so ausgewogen, dass die nicht mehr so nötig sind. Mal ein Eiweißshake, klar - aber das war es größtenteils, wobei der Bedarf natürlich individuell sein kann.

Und wo hast du dein Wissen über Training her?

Von meiner Lehre abgesehen aus Büchern über Biomechanik, Bewegungslehre und Ernährung.

Ein Buchtipp?

Das hat nichts direkt mit Bodybuilding zu tun, aber Dale Carnegies "Sorge dich nicht, lebe" kann zumindest so wirken, dass du dir über viele Sachen keinen Kopf mehr machst. Der freie Kopf verbessert auch dein Training und misst diesem neue Prioritäten bei.

Hältst du ansonsten viel von Büchern? Du sprachst ja Matthias Botthof an - von ihm stammt der Spruch "Leidenschaft schlägt Wissenschaft" ...

Ich halte nicht so viel von dem Spruch, denn auch Wissenschaftler sind leidenschaftlich!

Noch ein Buch?
Für immer und ewig: Arnold Schwarzeneggers "Karriere eines Bodybuilders"! Das war der Anfang meiner Laufbahn und wird allzeitlicher Motivator sein.

Abgesehen von Büchern: Was war die lohnendste Investition deines Lebens?

Jegliche Zeit und Energie, die ich in den Bodybuilding-Sport investiert habe. Warum ausgerechnet der Individualsport Bodybuilding? Es ist zwar schön, mit 11 Mann zu gewinnen - aber nichts ist vergleichbar mit dem Pump! Der geht nur allein. Und schlussendlich sind die 2 Wiederholungen mehr, von denen Arnold in "Pumping Iron" spricht und die den Champion vom Nicht-Champion trennen genau das, was auch im sonstigen Leben zählt: Dieser entscheidende Tick mehr, den du über deine Schmerz- und Angstgrenze gehst.

Okay - und woher nahmst du damals den Mut, dein erstes Studio zu eröffnen?

Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen, also konnten mir meine Eltern nicht diesen Geschäftssinn beibringen, der nötig ist, um Risiko in Kauf zu nehmen.

Ich hatte zahlreiche schlaflose Nächte mit Bauchschmerzen wegen der Schulden, die ich machen musste. Mir konnte ja keiner garantieren, dass ich Erfolg haben würde. Und ganz ehrlich: Arnold gab mir den Mut mit seiner Einstellung, die entscheidende letzte Wiederholung rauszuquetschen - gegen allen Schmerz.

Was ist deine größte Erfolgsgeschichte geworden?

Das kann ich gar nicht so beurteilen. Aber lustig war, als ich mir ein Baugrundstück in Magdeburg angesehen habe, dass dort im Dreck ein Pfennig lag. Obwohl weit nach Euro-Einführung, lag da ein Pfennig - mein Glückspfennig, der heute noch bei mir zu hause in Hannover an der Wand hängt. Und das Magdeburger Studio ist ein echter Erfolg geworden.

Dennoch hast du sicher um neue Mitglieder werben müssen. Wie stehst du zu Werbung?

Bei Studio-Neueröffnung macht sie 90 Prozent des Erfolgs aus. Wenn alles läuft, verschiebt sich das dann aber immer mehr zugunsten der Mund-Propaganda. Ich würde bei einem etablierten Studio also etwa von 50 % ausgehen, was die Werbung an Mitgliederzahl ausmacht. Man darf natürlich als Studiobesitzer nicht verpennen, rechtzeitig die Werbetrommel zu rühren, denn sonst ist die Konkurrenz schneller.

Dabei hört es bei mir aber auf, wenn man die Leute ständig in ihrer Freizeit zu Hause mit hunderten eMails, Anrufen und Werbe-Flyern penetriert. Ein Nein sollte man ganz einfach akzeptieren.

Und welchen Stellenwert spielen soziale Medien in dem Zusammenhang für dich?

Am Anfang war das nur Ballast für mich. Aber als ich erkannte, wie viele Menschen man damit erreichen kann, wurde es zur Chance. Früher haben wir alle vor einem Fax-Gerät gesessen und nicht kapiert, wie man in einer anderen Stadt ein Blatt Papier einscannt, das dann woanders rauskommt. Das kannst du heute keinem mehr erzählen.

Ich selbst bleibe im Netz aber geschäftlich - und bin unter meinem Namen via Facebook zu erreichen.

Damit kann man sich ganz gut vor Neidern aus der Schusslinie nehmen. Hattest du viel mit solchen Leuten zu tun?

Neider betrachten ja immer nur das Äußere, die Sonnenseite. Keiner fragt dich nach deinen Entbehrungen, den Ängsten, der Arbeit und dem Leid. Ich finde, entweder sollten Neider ihre eigenen Ansprüche runterschrauben, oder selbst aktiv werden. Aber um dieser Problematik aus dem Weg zu gehen, bin ich in eine Gegend gezogen, die von Leuten bewohnt ist, die finanziell eher nicht zu mir heraufschauen müssen.

Aber davon ab glaube ich eben auch fest daran, dass man selbst mit allem Geld der Welt Liebe und Gesundheit nicht kaufen kann.

Apropos Sinnsprüche: Was ist deiner Meinung nach der schlechteste Rat, der dennoch oft wiederholt wird?

"Das wird schon." Ich kann das echt nicht mehr hören. Das ist so passiv. Nichts "wird", wenn man selbst nichts dafür tut! Um im Bodybuilding-Genre zu bleiben: 100 kg bleiben 100 kg - die zieht man nicht hoch durch "wird schon". Nur durch kontinuierliche, ehrliche, progressive Arbeit.

Woran glaubst du, obwohl du es nicht beweisen kannst?

An eine Form von Aura der Ehrlichkeit und Motivation. Das hat was mit Menschenkenntnis zu tun. Wenn ich zum Beispiel ein Fitness-Studio betrete, sehe ich der Person am Empfang sofort an, ob sie diese besondere Aura hat.

Ich merke das an mir, wenn ich Wissen weitergebe. Dann bin ich im Flow, bin motiviert und erkenne Sinn in dem, was ich tue. Deswegen glaube ich auch, dass man niemals jemandem sein Geld geben sollte, der erst gegen Zahlung sein Wissen weitergeben will. Das kann keine Leidenschaft sein, dementsprechend oberflächlich ist das Wissen. Erst kommt überzeugendes Wissen, dann kann man vielleicht Geld dafür nehmen - so habe ich das immer gehalten.

Das waren tolle Worte zum Abschluss. Ich möchte mich aufrichtig bei dir für diese 3 tollen Stunden bedanken!

Danke auch dir für das Interesse und alles Gute!

Liebe Leser, ich hoffe, das auch ihr einigen Mehrwert aus diesem Interview ziehen konntet. In diesem Sinne verabschiede ich mich von euch mit leidenschaftlichen

Pumper-Grüßen

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