"Ich bin koordinativ nicht sehr begabt."

Interview mit Jessica Dannheimer

Nach den CrossFit Open 2017 hatten wir mit Kevin Winkens den fittesten Mann Deutschlands vorgestellt. 2018 ist es an der Zeit, die weibliche Seite der deutschen CrossFit-Elite zu Wort kommen zu lassen: Jessica Dannheimer konnte sich gegen mehr als 1.800 Teilnehmer durchsetzen und darf sich seit April "Fittest Woman in Germany" nennen.

Ein Pflichtpraktikum im Rahmen ihres Studiums an der TU München brachte die Saarländerin zu CrossFit eo in München Bogenhausen. Die Anfänge in 2012 fielen bescheiden aus: Weder für einen Klimmzug noch einen Liegestütz reichte die Kraft aus. So ist Jessicas Open-Sieg der perfekte Beweis für den Triumph des Durchhaltevermögens.

Seit ihrem Maserabschluss ist die heute 26-Jährige Vollzeitkraft bei CrossFit eo, Buchautorin und Bloggerin. Jessica beugt 128 Kilogramm, ihre Bestleistung im Kreuzheben steht bei 154 Kilo und sie kann außerdem auf den Händen laufen, ihre Lieblingsübung ist der Strict Ring-Muscle Up. Ein Allrounder, wie er im Buche steht.

Mit uns hat die fitteste Frau Deutschlands über ihr Training, ihre Makronährstoffverteilungen und die nächsten Ziele gesprochen – und erzählt, wie Seilspringen ihr Leben verändert hat.

Foto: Jessica Dannheimer

Glückwunsch zur Ernennung zur "Fittest Woman in Germany"! Was bedeutet dir der Titel persönlich?

Das ist eine schwierige Frage … Erstmal hat man ja nichts davon … ich glaube, ich werde dafür ein T-Shirt bekommen, das ich dann für ein Jahr tragen darf. Natürlich ist es aber eine schöne Sache, deutschlandweit auf so einem guten Niveau zu sein. Ich nutze den Titel vor allem als Trainingsmotivation, um weiter hart zu arbeiten.

War der erste Platz denn dein Ziel oder kam er überraschend?

Ich wollte 2018 tatsächlich die fitteste Frau in Deutschland werden, das muss ich zugeben. Man braucht ja immer Ziele, denn da so planlos rumzurennen … das langweilt mich.


Wann hast du gemerkt, dass du auf hohem Niveau CrossFit betreiben kannst? Gab es da einen konkreten Auslöser?

Nein, das hat sich mit der Zeit ergeben.

Ich bin jemand, der nicht schnell lernt. Wer mir etwas beibringen will, braucht unendlich viel Geduld, weil ich jede Übung erstmal 1000mal wiederholen muss, bis ich sie verstanden habe. Beim Clean (dt.: Umsetzen) habe ich mich am Anfang erstmal hingekniet, bin nach hinten umgefallen, nach vorne … 500 Millionen Fehler. Es gibt ja immer diese Menschen, denen zeigt man etwas und sie können es auf Anhieb. Und so bin ich eben nicht. Deswegen war das mit dem Wettkampf-CrossFit ein langsamer Prozess.

Ich hatte damals just for Fun die Cry me a River-Challenge mitgemacht (Anm.: Einer der größten Online-Qualifikationswettkämpfe Deutschlands) und mich dann tatsächlich für das Finale qualifiziert. Die Online-Qualifier waren reines Cardio, und da war ich schon immer relativ gut.

Ich bin dann zum Live-Ausscheidungswettkampf auf der nächsten Stufe gefahren. Ich weiß noch genau, dass das Workout mit 120 Doubleunders (Anm.: Ein Seilsprung, bei dem das Seil mit jedem Sprung zweifach um den Körper rotiert) anfing. Und ich konnte die damals noch gar nicht – ich bin wie gesagt koordinativ nicht sehr begabt. Also habe ich 9 Minuten Doubleunders geübt. Das war natürlich eine Blamage. Und damals habe ich mir vorgenommen: Das passiert mir nie wieder! Von da an habe ich ehrgeiziger trainiert. Ich hätte genauso gut aufhören können. Aber ich wollte noch mal hinfahren und ihnen zeigen, dass ich Doubleunders kann – und das habe ich im nächsten Jahr auch.

Wie sieht dein Training konkret aus – Trainingseinheiten pro Woche, Schwerpunktlegung, Schwachstellentraining?

Ich trainiere in der Regel an 7 Tagen die Woche. Von Montag bis einschließlich Donnerstag zwei Einheiten, mittags und nachmittags, von jeweils ein bis anderthalb Stunden Länge. Freitag, Samstag, Sonntag eine Trainingseinheit.

Mein Trainer ist Marco Petrik, der Owner von CrossFit eo – er ist also gleichzeitig auch mein Chef.

In der Regel läuft das so ab: Ich komme rein, werde zum Aufwärmen geschickt, und dann wird mir direkt gesagt, was ich als nächstes tun muss. Ich bekomme mein Training also häppchenweise übermittelt.

Das klingt nach Psychoterror!

Es sieht vor allem erstmal unstrukturiert aus. Aber wir sind auf diese Weise sehr flexibel. Wenn es zum Beispiel heißt: ‚Heute maxen wir unseren Clean aus‘, und dann läuft es aber überhaupt nicht, weil ich müde bin, dann erzwingen wir es nicht. Wir arbeiten auch nicht mit Prozentwerten. Wir passen das Training jeden Tag an die Tagesform an. Wir haben es mal mit einem 5-Wochenplan versucht – es hat nicht funktioniert.

Habe ich richtig verstanden, dass du keine trainingsfreien Tage hast?

Wenn ich sie brauche! Da ich auch Vollzeit in der Box arbeite, fällt mir manchmal einfach die Decke auf den Kopf. Dann gehe ich zum Beispiel schwimmen – active Restday. Oder wenn ich zwei schlechte Trainingstage in Folge hatte. Dann nehme ich mir einen kompletten Tag frei. Aber nein, es gibt keine fest geplanten trainingsfreien Tage.

Dein Nummer Eins-Tipp für eine bessere Regeneration?

Schlaf! Ausreichend und dunkel! Es klingt primitiv, aber es stimmt einfach: Wenn man nur 5 Stunden schläft, regeneriert man nicht ausreichend vom Training. Ich schlafe im Schnitt 9 Stunden.

Schlafen ist auch erstmal für die meisten Menschen einfacher zu steuern als die Ernährung – man muss sich nicht mit Makros und Mikros beschäftigen, sondern einfach nur ins Bett gehen.

Stichwort Ernährung: Trackst du deine Ernährung? Kennst du deine Makros oder gehst du nach dem Gefühl?

Ich mache seit Oktober 2017 Working against Gravity (Anm.: Ein unter CrossFittern derzeit sehr angesagtes Ernährungsprogramm). Das basiert praktisch auf dem If it fits your Macros-Prinzip – also ja, ich kenne und tracke meine Makros mit MyFitnessPal.


Magst du sie denn einmal preisgeben?

Gern. An Tagen mit 2 Trainingseinheiten: 170 Gramm Protein, 67 Gramm Fett und 310 Gramm Kohlenhydrate (Anm.: Das entspricht ca. 2.520 Kalorien). An Tagen mit nur einer Einheit 275 Gramm Carbs, Protein und Fett bleiben identisch (Anm.: Das entspricht etwa 2.380 Kalorien).

Machst du Mealprep?

Ja! Das fand ich am Anfang nervig, mittlerweile genieße ich es. Ich weiß einfach, was in meinem Essen drin ist, und dass es mir schmeckt.

Cheatest du?

Wenn es in meine Makros passt, ist es ja in diesem Sinne kein Cheaten – wenn ich Bock auf Schokolade habe, spare ich eben wo anders beim Fett, zum Beispiel weniger Fleisch und mehr Gemüse zum Frühstück. Das ist ja die Flexibilität, die man durch IIFYM hat.

Kontrollierst du als CrossFitterin überhaupt dein Körpergewicht oder ist dir egal, was die Waage anzeigt?

Im Rahmen von Working against Gravity muss ich regelmäßig mein Körpergewicht angeben, um eventuell die Markos anzupassen. Also wiege ich mich jeden Morgen.

Ansonsten ist mir aber Leistung natürlich wichtiger als Aussehen. Ich möchte nicht 70 Kilogramm wiegen, und dann geht mein Deadlift flöten. Jeder Körper ist eben anders und jeder Körper hat ein anderes Optimalgewicht. Ich schaue nicht, dass ich besonders „lean“ und leicht bin, sondern besonders leistungsfähig.

60 % aller CrossFitter sind weiblich. Warum glaubst du ist CrossFit so erfolgreich bei Frauen?

Ja, beispielsweise im Vergleich zum Gewichtheben ist der Frauenanteil im CrossFit schon enorm.

Ich glaube, dass es an der Abwechslung liegt. Es ist ja nicht nur der pure Eisensport, sondern auch Turnen, Rudern, Laufen und so weiter. Das mögen ja Frauen am Anfang meistens mehr als das reine Gewichtheben – die Eintrittsbarriere ist daher nicht so hoch.

Ich glaube gar nicht mal, dass es an diesem neuen Frauenbild liegt, nach dem Frauen auf einmal unbedingt stark und selbstständig sein müssen – das ist zwar schön und gut, aber ich denke, der Spaß an der Bewegung und Vielfalt bringt die Frauen zum CrossFit.

Überzeuge eine Bodybuilderin der Bikiniklasse, mit dem CrossFit-Training anzufangen!

Durch CrossFit kombinierst du Fitness und gutes Aussehen. Du deckst alle Muskelgruppen mit dem Training ab und schnaufst nicht mehr nach 5 Treppenstufen. Die Optik kommt mit dem funktionalen Training automatisch mit. Und dann natürlich wieder: Die Abwechslung! Du setzt dich nicht mehr Tag für Tag hin und musst die immer gleichen Übungen abspulen.

Aber was, wenn jemand die Intensität des CrossFit-Trainings scheut? Die empfinde ich persönlich als größten Vorteil des Konzeptes, aber ich weiß aus Erfahrung, dass es vielen Menschen nicht so geht.

Das stimmt. Für die ist CrossFit dann einfach nicht das Richtige. Du wirst weder vorankommen noch Spaß mit CrossFit haben, wenn du dich der Intensität nicht öffnest.

Was sind deine Ziele in den nächsten Jahren – Regionals oder sogar Games?

Die Games sind einfach zu weit weg, da müsste ich Vollzeit-Athlet sein. Regionals sind tatsächlich das Ziel, auf das ich für das nächste Jahr hinarbeite (Anm.: In diesem Jahr belegte Jessica den 32. Platz in der Region Europe-Central. Sie verpasste damit die Qualifikation für die Regionals um 12 Platzierungen).

Was möchtest du allen CrossFittern zum Abschluss sagen?

Der Spaß am Training darf nie verloren gehen. Integriert euch in die Community. Technik kommt vor Intensität. Achtetet auf schöne Bewegungen.

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