Fittest in Germany 2017

Interview mit Kevin Winkens (Crossfit)

Er gewann 2017 einen Titel, den wir wohl alle gern für uns beanspruchen würden: Kevin Winkens ist seit März offiziell "Fittest in Germany". Der 27-Jährige, der in Mönchengladbach die Box CrossFit Lost Legion betreibt, belegte außerdem einen hervorragenden 12. Platz im gesamteuropäischen Wettbewerb und hat sich damit als einziger Deutscher für die Regionals qualifiziert.

Kevin kam vor 4 Jahren vom Mountainbiking über das Kraft- und Fitnesstraining zum CrossFit. Er beugt 185 Kilogramm, seine Bestleistung im Kreuzheben steht bei 215, sein Clean & Jerk bei 145 Kilo. Gleichzeitig rudert er die 500 Meter in 1:25 min und schafft 65 Klimmzüge am Stück. Mit uns hat der sympathische Sportler gesprochen über sein Training, mentale Stärke und die Zukunft Deutschlands im Weltklasse-CrossFit.



Glückwunsch zum Titel "Fittest in Germany" und natürlich zur Qualifikation für die Regionals! Wie viel Arbeit hast du täglich investiert, um das zu erreichen?

Im Durchschnitt komme ich auf 4 bis 5 Stunden Training pro Tag aufgeteilt in zwei Trainingseinheiten. Drei Einheiten pro Woche sind rein Olympisches Gewichtheben.

Am Donnerstag gehe ich schwimmen, am Sonntag habe ich freie Auswahl – da mache ich meistens einen Lauf und kleine EMOM´s (Anm.: EMOM = "Every Minute on the Minute", d.h. mit dem Beginn jeder Minute wird eine physische Aufgabe erfüllt, z.B. EMOM 5 Clean & Jerk für 12 Runden). Das sind die Erholungstage.

Schreibst du deine Trainingspläne selbst oder wirst du betreut?

Ich folge <>The Forge Concept. Das ist ein deutsches Trainingsprogramm für CrossFitter mit Wettkampfambitionen. Da schreiben die jeweiligen Experten die Pläne für das Gewichtheben, Gymnastics und die Metcons (Anm.: Metcon = metabolic Conditioning, die Kraft-Ausdauer-Elemente im CrossFit-Training mit besonders hoher Intensität).

Wie sieht eine typische Warm up-Routine aus?

Das kommt natürlich auf das sich anschließende Training an. Für das Olympische Gewichtheben ist das warm up genau vorgegeben, meisten Komplexe mit der leeren Hantelstange oder sowas wie fünfmal Tempo-Overhead Squat (Anm.: Overhead Squat = Reißkniebeuge, das Gewicht wid über Kopf gehalten).

Ansonsten 20 Minuten reine Mobility-Arbeit und ich mache gern EMOM´s aus Rudern, Assaultbike und Skiergometer, basierend auf einer bestimmten Menge Kalorien als Ziel. Alles in allem dauert ein Warm up 30 – 45 Minuten.

Dein typisches Cool-Down?

Ganz ehrlich? Ich schleppe mich aufs Assaultbike und rolle eine Viertelstunde locker aus. Ungefähr jeden zweiten Tag kann ich mich zum Foamrolling aufraffen. Aber mein Trainingsvolumen ist einfach so hoch, dass mir für mehr die Energie fehlt. Dafür gehe ich alle zwei Wochen zur Thaimassage und zum Chiropraktiker.

Meine ursprüngliche Frage lautete: Active Recovery oder 100% Couch? Aber du hast schon anklingen lassen, dass Pause für dich ein Fremdwort ist.

Momentan in der direkten Vorbereitung auf die Regionals habe ich tatsächlich gar keinen Restday. Wenn ich das Volumen nach dem Wettkampf wieder herunterfahre, werde ich wohl einen Tag pro Woche, wahrscheinlich Sonntag, ganz frei machen. Beziehungsweise nur einen langen Spaziergang mit meinem Hund einschieben.

Beschreibe deine Ernährung und Supplementierung in 3 Sätzen.

Ich esse, was ich essen muss, bezüglich Menge und Nährstoffgehalt. Ich befolge die 90/10-Regel, das heißt, ich ernähre mich überwiegend clean, belohne mich am Wochenende aber auch gern mal für die getane Arbeit. An Supplementen nehme ich Whey, BCAA´s, Zink, Magnesium und Omega 3 – darin würde ich übrigens auch investieren, wenn ich keinen Sponsor hätte.


Wie attackierst du Schwächen?

Meine Schwäche ist das Olympische Gewichtheben, dem widme ich ja wie gesagt 3 Einheiten pro Woche. Ansonsten bin ich einfach gut zu mir selbst, ich bleibe entspannt. Vor allem vergleiche ich mich nicht ständig. Ich bin nie verzweifelt, wenn ich im Wettkampf geschlagen werde, solange ich meine eigenen 100 % gegeben habe.


Eddie Hall (Anm.: Strongman und Powerlifting-Athlet, derzeitiger Weltrekordhalter im Kreuzheben) sagte einst sinngemäß: "Wer nicht permanent verletzt ist, trainiert nicht hart genug." Nach meiner Erfahrung hangelt man sich im CrossFit tatsächlich von Verletzung zu Verletzung. Kannst du dem zustimmen?

Ich würde es harmloser formulieren: Man hangelt sich von Wehwehchen zu Wehwehchen. Das bleibt bei dem hohen Trainingsumfang tatsächlich nicht aus. Aber so richtig außer Gefecht gesetzt war ich noch nie. Ich gehe einfach auf meinen Körper ein, und wenn ich merke, dass etwas nicht stimmt, trete ich auch gern mal ein wenig kürzer.

Welche Eigenschaften muss ich mitbringen, um ein erfolgreicher CrossFitter zu werden?

Man muss schon ein gewisses sportliches Talent mitbringen. Es stimmt aber nicht, dass man von Anfang an super stark sein muss. Ich war ja zuvor Ausdauersportler und hatte kaum Kraft, als ich mit CrossFit anfing, dafür umso mehr Kondition. Eines von beiden sollte aber schon vorhanden sein: Gute Ausdauer oder eben Kraft.

Ansonsten: Hohe Lernfähigkeit und den Willen, viel Arbeit und Zeit zu investieren.

Warum tun sich die deutschen CrossFitter im internationalen Vergleich so schwer?

In den diesjährigen Open waren die Deutschen doch schon viel besser dabei! CrossFit ist in Deutschland eben erst später so richtig angekommen. Ich glaube tatsächlich, dass es nur daran liegt. Die Länder, die heute in Europa dominieren - wie Groß Britannien oder die skandinavischen Staaten - haben einfach früher angefangen.

Nächstes, spätestens aber übernächstes Jahr werden wir mehrere Deutsche bei den Regionals sehen. Und in 3 Jahren auch bei den Games.

In einem Statement auf Facebook hast du kürzlich gesagt, dass du dir selbst die Games-Teilnahme als realistisches Ziel gesetzt hast. Warum wirst du der erste Deutsche sein, der es schafft?

Mein erstes großes Ziel, die Qualifikation für die Regionals, habe ich ja nun erreicht. Und das nächste können ja nur noch die Games sein. Und ich werde es schaffen, weil ich einfach den stärksten Glauben an mich selbst habe.

Da wir dieses Interview ja für eine Bodybuilding-Plattform führen: Was können die Bodybuilder von den CrossFittern lernen?

Mehr Abwechslung ins Training bringen. Offener sein für Neues, nicht immer für Ewigkeiten das Gleiche trainieren. Ich mache z.B. auch zweimal pro Woche Bodybuilding-Training. Einfach, weil es Spaß macht und dem Körper gut tut. So kann das eine vom anderen profitieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Darf ich abschließend noch einen Tipp an alle CrossFitter geben?

Gern!

Glaubt einfach immer an euch selbst! Nicht ist wichtiger als das. Als ich vor 4 Jahren angefangen habe, konnte ich nichts. Und als ich gesagt habe, dass ich zu den Regionals will, haben mich alle ausgelacht. Und dieses Jahr fahre ich hin!

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