Everybody‘s Darling

Jay Cutler: Ein Rückblick auf seine Karriere

Erfolgreich, charismatisch und richtig sympathisch: Jay Cutler ist bis heute ein tolles Aushängeschild des Bodybuildings. Der Amerikaner war vor allem in den späten 2000er-Jahren ein Dauergast auf dem Siegertreppchen des Mr. Olympia – und demonstrierte außerdem, dass Geduld und harte Arbeit auch die ungeschriebenen Gesetze des Spitzensports zu brechen vermag.

Foto: Matthias Busse

Bodybuilding trifft Networking


Cutler wurde 1973 im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Schon als Kind fiel er durch seine Kraft und physische Präsenz auf. Er wurde von Anfang an an die körperliche Arbeit auf dem Hof seiner Eltern herangeführt, als Jugendlicher arbeitete er in der Zementfabrik seines Bruders. Von diesen frühen Berührungspunkten mit schweren Belastungen profitierte der spätere Sportstar sein Leben lang.

Jay Cutlers sportliche Wurzeln liegen im Football. Mit dem Bodybuilding begann er im Alter von 18 Jahren. Zunächst blieb der Sport neben seinem akademischen Werdegang nur ein Hobby. Er erlangte einen Abschluss in Kriminalrecht und wollte ursprünglich als Justizvollzugsbeamter arbeiten. Doch sein großes sportliches Potential verschob nach und nach die Prioritäten in Cutlers Leben.

1992 gab er sein Wettkampfdebüt auf dem Gold Gym Worcester Bodybuilding Championship und belegte auf Anhieb den zweiten Platz. Im Folgejahr gewann der damals 21-Jährige die NOC Iron Bodies Invitational im Heavyweight. Erste Sponsoren und Medien wurden auf das Talent aufmerksam. Cutler bot das Paket, nachdem man in den 90er-Jahren suchte: Schöne Proportionen, Härte und vor allem: Masse! Er beschloss, sein gesamtes Leben dem Streben nach der IFBB Pro-Card zu widmen.

Cutler spricht heute in aller Bescheidenheit davon, dass er seinen Erfolg zu großen Teilen den Unterstützern und Mentoren entlang seines Weges verdankt. Tatsächlich erhielt er schon vor seinem Durchbruch als Profi allerlei Vorschusslorbeeren, was aber auch seinem offenen, sympathischen Wesen zuzuschreiben ist. Jay Cutler beherrschte das heute so viel beschworene Networking intuitiv. Große Player der Szene wie der damalige Muscle & Fitness Chefredakteur Bill Geiger machten sich für den Newcomer stark. Diese mächtige Referenz wiederum überzeugte Joe Wieder höchst selbst, der Cutler unter Vertrag nahm.

Cutler vs. Coleman – ein Kampf der Giganten


Die angestrebte Profi-Lizenz gewann Cutler 1996 mit dem Gesamtsieg auf der NPC Nationals. Der Einstand bei den Profis, den er nach einjähriger Wettkampfpause 1998 bei der IFBB Night of Champions gab, missglückte allerdings mit einem enttäuschenden 11. Platz. Seinen ersten Mr. Olympia beendete er auf dem 14. Rang – auf den ersten Blick keine Resultate, aus denen Legenden geboren werden.

Hier war nun zum ersten Mal die Resilienz, die Fähigkeit zum Aufstehen nach dem Fallen gefragt, die Cutler im Laufe seiner Karriere immer wieder unter Beweis stellte.


Im Jahr 2000 sicherte er sich seinen ersten Profi-Sieg, ebenfalls bei der Night of Champions. 2001 ging es dann auch beim Mr. Olympia richtig los für Cutler. In bestechender Form belegte er den zweiten Platz, nur knapp geschlagen vom bis heute erfolgreichsten Bodybuilder aller Zeiten: Ronnie Coleman. Der Beginn eines Kampfes zwischen zwei Giganten.

Auch in den Jahren 2003, 2004 und 2005 wurde Cutler Zweitplatzierter hinter Coleman. Die Duelle zwischen den Landsmännern sind bis heute legendär. Sie boten genau die richtige Mischung zwischen unterhaltsamen Konkurrenzkampf und Sportsgeist. Sticheleien in der Pressekonferenz oder provokante Botschaften abseits der Bühne zählten ebenso zum Repertoire der Protagonisten wie ernstgemeinte Glückwünsche und Freude für den anderen.

Schließlich tat Coleman vs. Cutler der gesamten Sportart gut, nicht nur des Unterhaltungswertes wegen. Ohne den ernstzunehmenden Konkurrenten im Nacken wäre Coleman vielleicht nie zu jenem bis heute unerreichten Gesamtpaket gekommen, sondern hätte sich auf seiner gottgegebenen Masse ausgeruht.

Wenn wir eines von Cutlers Geschichte lernen können, dann den unschätzbaren Wert einer Tugend, die im Bodybuilding so immens wichtig ist: Geduld. Nach seiner ersten Silbermedaille 2001 arbeitete er unermüdlich daran, Coleman vom Thron zu stoßen. Wohlwissend, dass seit 1980 kein amtierender Mr. Olympia mehr bezwungen worden war, sämtliche Wachablösungen nur durch Karriereenden geschahen. Und auch für Cutler sah es jahrelang nicht gut aus. Er verzog sich in ein, wie seine Exfrau später zu Protokoll gab, nahezu freudloses Leben endloser Disziplin, und biss sich doch Jahr für Jahr die Zähne an Coleman aus.

Unter der Leitung von Coaching Legende Hany Rambod – übrigens in einem Team mit dem späteren Seriensieger Phil Heath – gelang Cutler dann 2006 das Unmögliche: Er verwies Coleman auf Platz 2 und sicherte sich erstmals die Sandow. Seine rührende Geste in Richtung des Geschlagenen bei der Verkündigung des Siegers begeisterte die Fans.

Cutler gewann den Mr. Olympia noch in den Jahren 2007, 2009 und 2010. Auch die Rückeroberung des Titels nach einem zweiten Platz in 2008 stellte ein Novum in der Wettkampfgeschichte dar. Bis zu Cutlers Auftritt galt: Siegesserien sind nur durch Rücktritte zu beenden. Coleman ist unschlagbar. Und wer einmal besiegt wird, kehrt nie mehr zurück. All diese ungeschrieben Gesetz strafte er Lügen. Ein inspirierender Werdegang, von dem wir alle viel lernen können – nicht nur für den Sport, sondern für das Leben.

2013 stand Culter das letzte Mal auf der Bühne. Beim Mr. Olympia belegte er den 6. Platz und trat dann vom aktiven Wettkampfbodybuilding zurück. Er blickt nicht nur auf vier Sandows, sondern auch auf 14 weitere Siege im Amateur- und Profilager zurück, darunter zwei Arnold Classic-Titel. Heute lebt er von seiner eigenen Supplement- und Merchandise-Marke, Coaching, Vorträgen und einer großen Gefolgschaft in den sozialen Medien, die ihm immer treu geblieben ist. Und das vollkommen zurecht: Cutler darf zweifelsohne als einer der fairsten und sympathischsten Akteure bezeichnet werden, die der Sport jemals hervorgebracht hat.

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