Eine einzigartige Karriere

Jay Cutler: Vom ewigen Zweiten zum Comeback-Kid

Nicht nur im Gym eine Legende: Jay Cutler. Quelle: Fitnessvolt

Born in Massachusetts

Jay Isaac Cutlers Geschichte beginnt auf einer Farm in Sterlin, einem kleinen Vorort von Worcester, Massachusetts, auf der er gemeinsam mit seinen drei Brüdern und drei Schwestern in einer typischen Mittelklassefamilie aufwuchs. Jays Vater arbeitete als Teamleiter bei einer Autobahn-Abteilung, seine Mutter war in der Finanzabteilung einer Militärbasis beschäftigt und verließ die Familie früh.

Als jüngstes der sieben Geschwister schon früh lernen musste, sich durchzusetzen, wurde aber zeitgleich auch durch seine Geschwister erzogen und versorgt. Seine Kindheit war geprägt durch die ländliche Heimat. Tagtäglich half er auf der Farm mit, versorgte die Tiere und arbeitete bereits mit elf Jahren im Betonbaugeschäft seines Bruders. Harte Arbeit wurde ihm also quasi in die Wiege gelegt und bildete seiner eigenen Aussage nach den Grundstein für seine körperliche Statur.

Bereits mit 16 konnte man die außerordentliche Veranlagung von Jay erkennen. Quelle: Musclemecca

Vom Footballer zum Profi-Bodybuilder

Seit frühester Kindheit war Jay sportbesessen, vor allem American Football hatte es ihm angetan. Durch das zunehmend körperliche Spiel begann er auf der High School mit dem Krafttraining und entwickelte bald eine Liebe zum Eisensport, die ihn nicht mehr loslassen sollte, insbesondere nach einem Treffen mit dem Personal Trainer Marco Rodriguez, der ihn ermutigte, das Krafttraining zu verfolgen. Schon damals zeigte sich Jays Arbeitermentalität: Er sparte monatelang sein Geld, um sich seinen ersten Vertrag in einem Fitnessstudio leisten zu können.

Jay im Alter von 18 Jahren. Quelle: Reddit

Schnell zeigte das Training bei dem damals 18-Jährigen Erfolge, sodass er sich bereits ein Jahr später für seine erste NPC-Meisterschaft, der Iron Bodies Invitational 1993 in Raleigh, New York, anmeldete, bei der er auf Anhieb die Juniorenklasse gewann. Im gleichen Jahr holte er sich den Sieg bei den NPC Teen Nationals und setzte damit das erste Ausrufezeichen seiner Karriere.

1995 mit gerade einmal 21 Jahren brachte Jay 115 Kilo auf die Waage. Quelle: Musculardevelopment

Jay, der einen Collegeabschluss in Criminal Justice hat, zog daraufhin mit seiner damaligen Freundin und späteren Ehefrau Kerry nach Worcester. Während Kerry in der Pflege arbeitete, verfolgte Jay seinen sich nun immer stärker manifestierenden Traum: IFBB Profi werden. Um Geld zu verdienen, war Jay in unterschiedlichen Unternehmen tätig. Dabei lernte er auch Bruce Vartanian kennen, einen lokalen Bodybuilder und Geschäftsmann, der in der Folge zu einem wichtigen Mentor für den jungen Jay wurde. Bruce unterstützte Jay nicht nur auf sportlicher Ebene, sondern brachte ihm bei, unternehmerisch zu denken und brachte Jay überdies mit Chris Aceto in Kontakt, der fortan Jays Vorbereitungen begleitete und maßgeblichen Anteil daran hatte, dass dieser 1996 die NPC U.S. Men’s National Bodybuilding Championship als Klassensieger verlassen konnte, was gleichbedeutend mit der Pro Card war. Jays Sieg sorgte in der Szene für reichlich Aufregung, eine ganze Reihe von Sponsoren traten an ihn heran, darunter auch Joe Weider, der ihm höchstpersönlich einen Vertrag anbot, den Jay dankend unterschrieb.



Holpriger Start

Jays Amateurkarriere war kurz und überaus erfolgreich. Um auch bei den Profis ähnlich erfolgreich zu sein, um der Beste zu werden, was mittlerweile klar sein Ziel war, musste Jay noch hart an seinem Körper arbeiten, das wusste er. Entsprechend nahm er das Folgejahr frei und bereitete sich akkribisch auf seine erste Pro-Show vor, die Night of Champions 1998 in New York.

Für den erfolgsverwöhnten Jay war sein Debut bei den Pros ein herber Rückschlag. Der zwölfte Platz entsprech so gar nicht seiner Zielsetzung, weshalb er sich erneut zurückzog, um noch besser zu werden. In diese Phase fiel auch die Hochzeit mit Kerry 1998 und der Umzug nach Aliso Viejo in Kalifornien 1999.

Nicht immer war Jay der coole und erfolgsverwöhnte Bodybuilder. Seine Anfänge als Pro waren von vielen Rückschlägen geprägt. Quelle: Pinterest

1999 sollte dann auch das Jahr werden, in dem Jay der Durchbruch bei den Profis gelang. Mit einem vierten Platz auf der Arnold Classic und einem dritten Platz bei der Ironman Pro etablierte sich Jay unter den besten Bodybuildern der Welt und nahm an seinem ersten Mr. Olympia teil, bei dem er jedoch letzter wurde. Im Folgejahr holte er sich exakt auf der Bühne, auf der er zwei Jahre zuvor noch enttäuschend Zwölfter wurde, seinen ersten Sieg als Profi und damit auch die sichere Qualifikation zum Mr. Olympia, den er als Achter beendete.

Das ewige Duell

In der Folge entwickelte sich Jay zu einem der besten Bodybuilder der Welt. Von 2001 bis 2007 gab es nur einen einzigen Athleten, der ihn schlagen konnte: der legendäre Ronnie Coleman. Und da zu einer Zeit, die bis heute als eine der am leistungsdichtesten aller Epochen des professionellen Bodybuildings betrachtet wird. Jay ließ in dieser Zeit unter anderem Kevin Levrone, Chris Cormier, Dexter Jackson, Günter Schlierkamp, Dennis James und Markus Rühl hinter sich und holte sich zahlreiche Siege, unter anderem drei Siege auf der Arnold Classic. Nur an einem biss er sich Jahr für Jahr die Zähne aus: Big Ron. Lange Zeit schien es, als würde sich daran auch nichts ändern. Ronnie sammelte Titel um Titel und stellte 2005 den Rekord von Lee Haney mit acht Siegen auf der Mr. Olympia ein, Jay musste sich jedesmal mit Platz zwei begnügen.


Nicht immer waren diese Entscheidungen eindeutig. Insbesondere 2003 war Ronnies Sieg in den Augen vieler ein Geschenk. Jay kam mit Siegen bei der Ironman Pro, der Arnold Classic und der San Francisco Pro mit viel Rückenwind nach Las Vegas, wo er sich dennoch Ronnie geschlagen geben musste, nur um in der Folge in dessen Abwesenheit noch in England und den Niederlanden erfolgreich zu sein. Wenngleich Jay stets auf Augenhöhe mit Ronnie war, sahen nicht wenige Victor Martinez als denjenigen an, der Ronnie einmal beerben würde. Für Jay, der all die Jahre immer im Schatten Ronnie Colemans stand, war das nur noch mehr Motivation, sich endlich seinen Traum vom Sieg in Las Vegas zu erfüllen.

Jay kurz vor seinem ersten Sieg beim Mr. Olympia im Jahr 2006. Quelle: Bodybuilding.com

Die Wachablösung

Wenngleich Ronnie spätestens seit 2005 erkennbar abbaute, war nur schwer vorstellbar, dass er auf seiner Bühne geschlagen würde. Seit seinem ersten Sieg in Las Vegas 1998 war Ronnie überhaupt nur ein einziges Mal geschlagen worden, 2002 bei der GNC Show of Strength durch Günter Schlierkamp. Und doch lag der Wechsel an der Spitze des professionellen Bodybuildings in der Luft, als die Athleten im September 2006 die Bühne betraten. Es wurde zum einen eine große Abschiedsshow für Ronnie, der an diesem Tag seine Karriere beendete, vor allem aber wurde es der größte Erfolg in Jays Leben, der Moment, auf den er so lange hingearbeitet hatte.

Jay beim Mr. Olympia 2007.

Doch anders als bei Ronnie war Jays Status als Mr. Olympia nicht in Stein gemeißelt. Bereits 2007 brachte ihn Victor Martinez in arge Bedrängnis, 2008 kam dann der wohl größte Rückschlag seiner Karriere.

They never come back

Seit den 80er Jahren war der Mr. Olympia durch Seriensieger geprägt: Auf Lee Haney folgte Dorian Yates und auf diesen Ronnie Coleman. Jay sollte es jedoch nicht vergönnt sein, diesen Legenden zu folgen. 2008 traf er auf den wohl besten Dexter Jackson aller Zeiten, dem Jay trotz deutlich mehr Muskelmasse an diesem Tag wenig entgegenzusetzen hatte. Nach nur zwei Jahren an der Spitze des professionellen Bodybuildings musste er seinen Titel also schon wieder abgeben. Nicht wenige sahen damit Jays Karriere dem Ende geweiht. Nie zuvor hatte ein ehemaliger Mr. Olympia, der auf der Bühne in Las Vegas seinen Titel verloren hatte, diesen zurückgewinnen können.

Mr. Olympia 2008: Jay verliert seinen Titel an Dexter Jackson.

Im Vorfeld des Mr. Olympia 2009 waren die meisten Experten und auch Fans daher skeptisch, als Jay mit dem festen Willen nach Vegas reiste, sich den Titel zurückzuholen. Doch als er die Bühne betrat, verschwand jegliche Skepsis und wandelte sich in frenetischen Jubel, denn die Form von 2009 war mit Abstand die beste seines Lebens. Jay, der in seiner Karriere oft mehr für seine unglaubliche Masse denn für seine überragende Form bekannt war, zeigte tief geteilte und gestreifte Muskulatur und ließ keine Sekunde einen Zweifel daran, dass er sich seinen Titel zurückholen würde. Dieser Sieg brachte Jay viel Respekt ein. Es war übrigens das Jahr, in dem ein junger Athlet namens Phil Heath, den Jay als jungen Amateur kennengelernt und protegiert hatte, erstmals am Mr. Olympia teilnahm und den sechsten Platz holte.

Let’s call it a comeback! Jay kam in unglaublicher Form zurück auf die Bühne und holte sich den Sieg beim Mr. Olympia 2009.

Vom Schüler, der den Mentor besiegte

Nur ein Jahr später war Phil ganz nah an seinen Mentor herangerückt. Zwar reichte es noch nicht zum Sieg, aber Jay konnte den Atem des jungen Megatalents förmlich spüren als er seinen vierten Titel holte.

Jay förderte den jungen Phil Heath, der ihn 2011 als Mr. Olympia beerben sollte. 2010 konnte sich Jay ein letztes Mal gegen ihn durchsetzen.

2011 war es dann soweit: Phil besiegte Jay und holte sich seinen ersten Titel. In diesem Moment zeigte sich eine Eigenschaft Jays, die ihn auch später auszeichnen und ein wesentlicher Grund für seine ungemeine Beliebtheit sein sollte: Man konnte ihm ansehen, wie er sich mit Phil über dessen ersten Sieg freute. Anders als bei den zweiten Plätzen zuvor schien Jay nun mit sich völlig im Reinen zu sein. Er hatte der Bodybuildingwelt bewiesen, dass er zu den größten Athleten aller Zeiten gehört, er hatte seine Erfolge genossen, nun war er bereit, diese auch anderen zu gönnen, selbst wenn das bedeutete, dass er erneut als amtierender Mr. Olympia besiegt wurde.

Wahre Größe zeigt sich in der Niederlage: Jay und Phil beim Mr. Olympia 2011.

Das Karriereende

Bereits 2011 behinderte eine Verletzung des linken Bizeps Jays Vorbereitung. Im Februar 2012 musste er sich dann einer Operation unterziehen, die eine Teilnahme am Mr. Olympia in diesem Jahr verhinderte. Denn trotz der Niederlage gegen Phil war Jay noch nicht bereit, seine Karriere zu beenden. Daher griff er 2013 ein letztes Mal an.
Leider gelang es Jay in diesem Jahr nicht mehr an die grandiosen Leistungen der Vorjahre anzuknüpfen. Seinen sechsten Platz nahm er jedoch keineswegs als Niederlage auf, vielmehr wirkte Jay dankbar, sich noch einmal auf dieser, seiner großen Bühne präsentieren und sich von seinen Fans verabschieden zu können, dieses Mal für immer als aktiver Athlet.

Jays Abschied von der großen Bühne beim Mr. Olympia 2013.

Während seiner Laufbahn gewann Jay 15 Pro Shows, darunter viermal den Sieg beim Mr. Olympia und dreimal die Arnold Classic. In 21 Profiwettkämpfen erreichte er nur dreimal nicht das Finale, von 2001 bis 2011 wurde er nie schlechter als auf Rang zwei platziert.

Die Karriere nach der Karriere

Bereits während seiner aktiven Wettkampfzeit war Jay dafür bekannt, eben nicht nur Bodybuilder sondern auch Unternehmer zu sein. Jays vielfältigen unternehmerischen Aktivitäten führten unter anderem zur Gründung seiner beiden Marken Cutler Nurtition und Cutler Athletics. Zudem ist Jay auch heute noch weltweit als Botschafter unseres Sports unterwegs und zeichnet sich dabei neben seiner unbestreitbaren fachlichen Kompetenz vor allem durch seine Fannähe und Freundlichkeit aus. In ihm hat Bodybuilding einen optimalen Repräsentanten gefunden, der diese Rolle auch gerne annimmt.

Stets gut gelaunt und freundlich: Jay auf der Olympia Expo 2014.

Jay live erleben

Am kommenden Wochenende wird Jay in Augsburg in Eddi’s Fitness in Augsburg ein Seminar halten. Wir werden für euch live vor Ort sein und dieses Event dokumentieren. Eine Woche später könnt ihr Jay beim EVLS Prague Showdown (Tickets) antreffen. Jay wird hier unter anderem die Pro Show moderieren.

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