John Berardi kehrt Intermittent Fasting den Rücken zu

Als Intermittent Fasting auch im deutschsprachigen Raum unter Bodybuildern und Kraftsportlern an Aufmerksamkeit gewann, waren Namen wie Martin Berkhan oder John Berardi eng mit dieser Entwicklung verbunden. Während Berkhan das 16-8-Fasten mit seinem Lean Gains Konzept bekannt machte, veröffentlichte Berardi vor gut 10 Jahren bereits ein ebook zum Thema Intermittent Fasting, nachdem er zuvor in der Szene insbesondere durch seine Artikel auf T-Nation Bekanntheit erlangte. Nun verfasste der Kanadier ein Instagram-Posting, in dem er bekannt gab, nicht länger IF zu betreiben.


Warum hörte John Berardi mit Intermittent Fasting auf?


In seinem Instagram-Posting betont Berardi zunächst, dass er kein Fasten-Hasser sei oder nunmehr eine Anti-Fasten-Welle losbrechen wolle. Dennoch würde er selbst es inzwischen nicht mehr befolgen. So sei er während der Umsetzung von Intermittent Fasting zwar stets leaner, allerdings gleichzeitig auch psychisch angespannter gewesen. Er habe schlechter geschlafen, habe weniger Geduld wahren können und stets an Essen gedacht.

Nun sei er wieder dazu zurückgekehrt, Frühstück in sein Leben zu integrieren. Er sei vitaler, frischer und habe seine Schlafqualität zurückgewonnen.

Führt Intermittent Fasting zu gesundheitlichen Problemen?


Wer sich diesen ersten Teil der Stellungnahme durchliest, könnte schnell zu der Schlussfolgerung kommen, dass Intermittent Fasting für die Gesundheit bedenklich wäre. Eine schöne Hülle auf Kosten eines kranken Inneren. Doch dieses Fazit wäre deutlich zu voreilig.

Berardi selbst betonte, dass er chronisch zu wenig aß. Punkt. Damit wären jegliche Bedenken gegenüber Intermittent Fasting auch bereits vom Tisch. Wer sich mit einem Hammer auf die Finger haut, sollte die Lösung auch nicht darin suchen, den Hammer gegen ein zusammengerolltes Blatt Papier zu tauschen. Natürlich werden die Finger, wenn man sich erneut auf die Finger schlägt, nicht schmerzen. Die Lösung bestände aber schlichtweg darin, damit aufzuhören!

Gleiches gilt für Berardis Problem und als jemand, der selbst Berardis Konzepte der precision nutrition oder des G-Flux vor über 12 Jahren zu schätzen lernte, wundert mich dieses Verhalten ebenso wie diese sonderbare Stellungnahme.
Beradi hätte nicht das Fasten in den Fokus seines Postings stellen sollen, sondern schlichtweg die Tatsache, dass er dauerhaft zu wenig aß und damit zu viele Defizitstunden ansammelte.
Das ist kein Problem von Intermittent Fasting, sondern eine Frage des gesunden Verhältnisses zur Nahrungsaufnahme. Von jemanden, der seit Jahren damit Geld verdient und eben genau dieses gesunde Verhältnis propagiert, hätte man mehr erwarten dürfen.

Meide zu viele Defizitstunden bei IF


Bereits im Februar 2018 erläuterte ich ausführlich am Beispiel des weiblichen Menstruationszyklus das Problem von Defizitstunden. Damit ist die Zeit in einem temporären Kaloriendefizit gemeint. Während viele nur das Kaloriendefizit am Tag oder in der Woche beachten, sollte vor allem diese Variante bedacht werden.

Zu viele Stunden in einem (größeren) temporären Defizit im Verhältnis zu zu wenig Stunden im Überschuss führen dazu, dass der Körper nur unzureichend erholt. Die Konsequenz hieraus können Abgeschlagenheit, Schlafprobleme und eine psychische Anspannung sein. Kommt bekannt vor?


Intermittent Fasting 2.0


Noch einmal einige Jahre zurück. Ende 2016 veröffentlichte ich mein Buch Ernährung für (Kraft-)Sportler, in dem ich das Konzept Intermittent Fasting 2.0 beschrieb, welches auf vier grundlegenden Säulen beruht. Es ist fast schon lustig, dass ich damals einleitend auf einen Gedanken von John Berardi hinwies, der sinngemäß lautete:
Die Menschen verlieren bei der Jagd nach Optimierung die wesentlichen Punkte aus dem Blick. Es ist so, als ob auf der Titanic die Liegestühle auf dem Sonnendeck verrückt werden, während man gleichzeitig Kurs auf den Eisberg nimmt (oder durch Zufall dran vorbei schippert).
Im Jahr 2021 war Berardi offenbar selbst (bereits seit einiger Zeit) auf den Eisberg aufgelaufen.

Anders als der Großteil der Fastenkonzepte sieht Intermittent Fasting 2.0 kein festes Zeitfenster von X-Stunden oder sogar einzelnen Tagen vor. Vielmehr geht es darum, sein gesundes Hungergefühl wieder kennenzulernen, das vielen meisten Menschen heutzutage abhandengekommen ist. Die Menschen essen nicht, weil sie Hunger haben, sondern weil es X Uhr ist, was wiederum zu hormonellen Verschiebungen führen kann. Das Hungerhormon Ghrelin kann beispielsweise auf Uhrzeiten „trainiert“ werden.

Damit die Umstellung auf IF 2.0 gelingt, gibt es in den ersten vier Wochen ein 12-stündiges Fastenfenster. Bei einer Schlafdauer von acht Stunden macht dies nur vier Fastenstunden während der Wachphase aus. Im Anschluss an diese Einführungsphase gilt das Prinzip des gesunden Hungergefühls. Die ersten von vier Säulen lautete somit: Gegessen wird, sobald sich der Körper meldet. Schon damals betonte ich: Nicht-Essen sollte nicht stressen und Stressvermeidung ist für die Körperveränderung bedeutender als die ein oder andere Minute länger Fasten - Wer dagegen ständig an Essen denkt, ist gestresst!

Das bedeutet ebenfalls, wie ich auch schon damals betonte: Intermittent Fasting sollte nicht in Konkurrenz zum Alltag und dem eigenen Wohlbefinden stehen. Es ist eine Strategie für das Nährstofftiming, die zielführend sein kann, ist jedoch nicht die Basis einer erfolgreichen Ernährung.

Kalorienbilanz und Nährstoffzufuhr sind die entscheidenden Faktoren und wer sein Stressmanagement nicht im Griff hat oder regelmäßig zu wenig schläft, der wird auch mit keinem IF-Konzept der Welt dauerhaft zufriedenstellende Ergebnisse erlangen. Insofern ist es erschreckend, dass Berardi diese Erkenntnis selbst offenbar nicht verinnerlicht hat. Die öffentliche Bekanntmachung stellt kein Argument gegen IF dar, sondern erneut nur für ein Leben in Balance.

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