Schädlich oder akzeptabel?

Kiffen als Sportler

Kiffende Sportler? Zunächst einmal klingt das nach einem krassen Widerspruch. Stellt man sich den idealtypischen Kiffer vor, so wird der wohl kaum wie ein Athlet aussehen. Und dennoch ist der Konsum von Cannabis unter Sportlern weiter verbreitet als man denken mag. Dabei spielt der Rausch selbst häufig eine untergeordnete Rolle.

Kiffende Sportler – Keine Seltenheit

Ins Auge der Öffentlichkeit kam das Thema durch den kanadischen Snowboarder Ross Rabagliati, der als erster Snowboarder überhaupt 1998 in Nagano eine olympische Goldmedaille gewann und später beim Dopingtest positiv auf THC getestet wurde. Die Konsequenz: Das Internationale Olympische Comittee (IOC) disqualifizierte ihn und erkannte seinen Medaillengewinn ab.

Rabagliati zog gegen diese Entscheidung vor den Internationalen Sportsgerichtshof (CAS), der dem Sportler Recht gab und den Beschluss des IOC aufhob. Der Grund: Zu diesem Zeitpunkt stand THC noch nicht auf der Liste der verbotenen Dopingmittel. 1999 wurde das geändert, sodass fortan kiffende Sportler mit Sperren und Disqualifikationen rechnen mussten.

Nichtsdestotrotz bekannten sich in der Folge immer wieder namenhafte Sportler zu ihrem Cannabiskonsum, allen voran der US-Schwimmstar und Rekord-Olypmpiasieger Michael Phelps, dessen Kiffer-Beichte 2009 für einen handfesten Skandal in der Sportwelt sorgte.

Medizinisches Cannabis vs. Opiode

Allgemein scheint der US-Sport ein "Problem" mit Cannabis zu haben. Eugene Monroe, der ehemalige Left Tackle der Jacksonville Jaguars und Baltimore Ravens, war der erste aktive NFL-Spieler, der sich für den Konsum von Cannabis als Sportler aussprach.

Seine Argumentation in Kurzfassung: Football ist immer mit Schmerzen verbunden. Diese würden derzeit primär mit Opioiden behandelt. Er ist aber der Auffassung, dass medizinisches Cannabis sehr viel besser geeignet ist, diese Schmerzen zu therapieren.
Im Wortlaut seines Aufsehen erregenden Artikels auf theplayerstribune.com:

"On March 9, 2016, I became the first active NFL player to openly advocate for the use of cannabinoids (medical marijuana) to treat chronic pain and head injuries. The NFL relies heavily on opioids to get players back on the field as soon as possible, but studies have shown medical marijuana to be a much better solution; it is safer, less addictive and can even reduce opioid dependence. Some studies have also shown that cannabidiol (CBD) — one of the more than 100 cannabinoids found in marijuana — may function as a neuroprotectant, which means it can shield the cells in the brain from injury or degeneration. We need to learn more about this. "
- Eugene Monroe
Konkret forderte Monroe von der NFL und der NFLPA (der Spielervereinigung der NFL) drei Dinge:
  1. Remove marijuana from the banned substances list.
  2. Fund medical marijuana research, especially as it relates to CTE.
  3. Stop overprescribing addictive and harmful opioids.
Unterstützung bekommt er von Martellus Bennet, der als Tight End für diverse Teams in der NFL spielte, 2017 mit den New England Patriots den Superbowl gewann und im Frühjahr diesen Jahres seine Karriere beendete. In einem Bleacher Report Podcast wurde er gefragt, wie hoch der Anteil der NFL-Spieler, die Cannabis konsumieren aus seiner Sicht sei. Seine Antwort: 89 Prozent.


Wie auch Monroe verweist Bennett auf die positiven Effekte von Cannabis auf die durch den Sport entstehenden Schmerzen.
"There are times of the year where your body just hurts so bad. You don’t want to be popping pills all the time. There are anti-inflammatory drugs you take so long that they start to eat at your liver, kidneys and things like that. A human made that. God made weed."
- Martellus Bennett
Es gibt viele weitere derartige Beispiele. Die Argumentation der Spieler ist meistens identisch: Football verursache enorme und anhaltende Schmerzen. Diese wolle man aber nicht dauerhaft mit Opioide bekämpfen, da man Cannabis für die bessere und gesündere Wahl halte.

Eine Argumentation, die durchaus schlüssig ist, insbesondere vor dem Hintergrund der gravierenden Missbrauchsproblematik von Opioiden in den USA, die auch vor Sportlern nicht Halt macht. Eine 2011 in der Fachzeitschrift Drug and Alcohol Dependencea veröffentlichte Studie bezifferte die Zahl der NFL-Spieler, die während ihrer Karriere Opioide missbraucht haben, auf 71 Prozent. Bei den meisten waren chronische Schmerzen der Grund.

Schmerzreduktion ist auch der häufigste Grund für die Anwendung von medizinischem Cannabis. In Deutschland verteilten sich die bisherigen Ausnahmegenehmigungen für eine Behandlung mit Cannabis § 3 Abs. 2 BtMG lauf Veröffentlichung des Deutschen Bundestages auf folgende Indikationen:
  • Schmerz (ca. 57 %)
  • ADHS (ca. 14 %)
  • Spastik (unterschiedliche Genese; ca. 10 %)
  • Depression (ca. 7 %)
  • Inappetenz/Kachexie (ca. 5 %)
  • Tourette-Syndrom (ca. 4 %)
  • Darm¬er¬krank¬ungen (ca. 3 %)
  • Epilepsie (ca. 2 %)
  • sonstige Psychiatrie (ca. 2 %)
All das, obwohl die Wirksamkeit von Cannbis zur Schmerzreduktion bei chronischen Schmerzen nicht einmal zweifelsfrei erwiesen ist, wie eine groß angelegte US-Studie zeigte. Sicher ist jedoch, dass es eine hinreichende Zahl von Fällen gibt, in denen Cannabis erfolgreich zur Schmerzreduktion eingesetzt wurde.

An diesem Punkt ist Eugene Monroe zuzustimmen, der eine Intensivierung der Forschung zum therapeutischen Potenzial von Cannabis fordert. Im Zuge der zunehmenden Lockerung der ehemals sehr restriktiven Haltung gegenüber Cannabis wäre das nur zielführend. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung machte jüngst die World Anti-Doping Agency (WADA), indem sie Cannabidiol (CBD) von der Liste der verbotenen Substanzen nahm. Zur Begründung heißt es, dass CBD kaum psychoaktiv sei. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass THC, der zweite primäre Wirkstoff von Cannabis, weiterhin verboten sei und es nicht auszuschließen sei, dass CBD-Präparate Restspuren von THC enthielten. Der Grenzwert für THC-Carbonsäure liegt seit 2013 unverändert bei 150 ng/ml.

Wir sehen also, dass insbesondere CBD im US-Sport sehr populär ist. Dabei ist jedoch – zumindest vordergründig – von einer medizinischen Anwendung zur Schmerzreduktion die Rede. Diese Wirkweise ist sicherlich auch für Kraftsportler von Interesse. Jahrelanges schweres Krafttraining hinterlässt nahezu immer Spuren. Man muss sich an diesem Punkt klar machen, dass Leistungssport nie etwas mit Gesundheitssport zu tun hat.

Was in gewissem Maße bei Gelenkproblemen hilfreich und genesungsfördernd ist, kann bei anhaltend hoher Intensität des Trainings zu sich manifestierenden Problemen führen. Nicht selten werden diese Probleme auch im Bodybuilding mit Schmerztabletten bekämpft, teils über Jahre. An diesem Punkt könnte ein Ausweichen auf medizinisches Cannabis durchaus eine lohnenswerte Überlegung sein.

Das Bedürfnis nach Rausch

Nun wird aber im Sport – auch wenn das gerne vorgeschoben wird – nicht nur aus Gründen der Schemrzbekämpfung gekifft. Vielmehr steckt bei vielen kiffenden Sportlern auch der Wunsch nach einem Rausch hinter dem Konsum.
Ich habe über dieses Thema vielfach mit Top-Bodybuildern auf Amateur- und Profiebene gesprochen und dabei eine Vielzahl von Stimmen vernommen, die Cannabis als Mittel verwenden, zu entspannen und um einen Rausch zu erleben.
Der Vorteil im Vergleich zu Alkohol liegt auf der Hand: Alkohol enthält Kalorien, mit denen der Körper kaum etwas Sinnvolles anfangen kann, zudem blockiert Alkohol die Leber, die dem Abbau des Zellgiftes Vorrang vor für Bodybuilder wünschenswerten Funktionen wie dem Fettabbau einräumt.

Natürlich könnte man auch einfach enthaltsam sein, aber ganz so einfach scheint das dann auch nicht zu sein. Anders lässt sich das Konsumverhalten der Menschen im Bereich der Genussmittel nicht erklären.


Bodybuilder als besonders affine Gruppe

Wie soll ich das nun ausdrücken? Versuchen wir es so: Sportler allgemein und Bodybuilder im Speziellen neigen nicht selten zum Konsum von Substanzen mit dem Zweck, auf den Körper Einfluss zu nehmen. Die meisten dürften das Goldman Dilemma kennen.

In den 1980ern wurden Athleten befragt, ob sie für den Gewinn einer olympischen Goldmedaille bereit wären, eine Substanz zu sich zu nehmen, die sie binnen fünf Jahren töten würde. Über 50 Prozent gaben an, dieses Opfer bringen zu wollen. Dieses Ergebnis blieb über 15 Jahre, in denen Robert Goldman, nach dem diese Untersuchung benannt wurde, die Umfrage wiederholte, konstant. Aktuelle Untersuchungen stellen diese Ergebnisse jedoch in Frage.

In einer Untersuchung von 2013 von J. Connor et al. lag die Quote der Sportler, die für einen einmaligen sportlichen Erfolg ihr Leben geben würden bei nur noch einem Prozent. Binnen zwanzig Jahren soll sich das Denken von Spitzensportlern also so gedreht haben? Selbst die Autoren der Studie scheinen da ihre Zweifel zu haben.

Spannend wäre da natürlich eine Untersuchung von Bodybuildern, wobei ich nicht glaube, dass man diese als Gruppe heranziehen wird. Wir haben also keine wirklich belastbaren Zahlen, aber wissen, dass die Bereitschaft im Breitensport zu dopen, steigt, wie die KOLIBRI-Studie des Robert Koch Instituts aus dem Jahr 2013 zeigt.

Dass Bodybuilding in diesem Punkt keine weiße Weste hat, wissen wir alle. Interessant sind dazu die Aussagen des Sportmediziners Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer von der Universität Frankfurt, der von einer häufig auftretenden "Eskalation der Einnahme" spricht.
Die Beweggründe, die er für den Konsum von Dopingmitteln anführt, lauten übersteigertes Körperbewusstsein und Geltungsdrang im persönlichen Umfeld. Kaum ein Sport passt zu diesen beiden Treibern besser als Bodybuilding.
Bevor das falsch verstanden wird: Natürlich wird auch in anderen Sportarten gedopt, die Intensität, mit der das jedoch im Bodybuilding geschieht, ist wohl dennoch einzigartig. Wo solch eine große Affinität zur Nutzung der unterschiedlichsten Substanzen herrscht, wundert der Konsum eines im Vergleich zu den sonst zum Einsatz kommenden Mitteln recht harmlosen Stoffes wie Cannabis kaum. Ganz im Gegenteil!

Wenn der abendliche Joint in der Diät das aufgrund massiven Missbrauchs von gewissen Steroiden und aufputschenden Mitteln drastisch gestörten Schlafverhalten einigermaßen in den Griff bringen kann, warum nicht? Immer noch besser als Schlaftabletten, oder?

Nicht wenige denken so. Und so sehr sie vielleicht in diesem einen Punkt Recht haben, so sehr verkennen sie das eigentliche Problem, nämlich ihren völlig aus den Bahnen geratenen Konsum von diversen leistungssteigernden Substanzen.

Die Kontrolle behalten

Wo Cannabis einen medizinischen Nutzen hat, ist der Einsatz grundsätzlich ernsthaft zu diskutieren, vor allem dann, wenn dadurch die Einnahme von Schmerzmiteln reduziert werden kann. Hier gilt es in der Tat intensiver zu forschen und die Möglichkeiten, die in der medizinischen Nutzung von Cannabis liegen und die lange Zeit unter dem Mantel des Verbotenen verborgen waren, zu erkunden.

Bei der Frage nach dem Konsum zum Zwecke des persönlichen Rausches, sollte immer das Behalten der Kontrolle über den Konsum im Zentrum stehen. Dabei verhält sich Cannabis nicht anders als Alkohol: Für den rein asketisch lebenden Fitnessfanatiker mag beides undenkbar sein, viele ambitionierte Sportler haben dennoch hier und da das Bedürfnis nach einem Rausch.

Es steht mir an dieser Stelle nicht zu das zu bewerten, jedoch erlaube ich mir eine persönliche Anmerkung: Solange nicht der Konsum die Kontrolle über den Geist erlangt, kann man einiges rechtfertigen. Das setzt aber voraus, dass man sich und sein Konsumverhalten kennt. Wer weiß, dass er in Folge des Konsums von Cannabis extreme "Fressflashs" bekommt und sich dann nicht im Griff hat, der sollte überlegen, ob kiffen in der Diät so sinnvoll ist. Und ganz allgemein: Wer zu extremem Konsumverhalten neigt, sollte vielleicht besser Abstand von Substanzen halten, die auf die ein oder andere Art, mehr oder weniger süchtig machen können.


Negative Beeinflussung der Testosteronwerte?

Nehmen wir mal an, ein Athlet hat sich selbst gut im Griff. Er hat auch keine Probleme mit chronischen Schmerzen, sondern kifft einfach nur ab und an gerne zur Entspannung während seines Urlaubs in den Niederlanden. Wie ist das nun? Schadet er damit seinen Trainingsfortschritten?

Zunächst einmal kann ein Joint nach einem schweren Training durchaus helfen, abzuschalten und zu entspannen. Cannabis wirkt primär muskelentspannend, nervenentspannend, gefäßerweiternd, krampflösend und auch hungeranregend. Hat man seinen Hunger im Griff, sind das alles Effekte, die nach einem schweren Training nicht unerwünscht sind.

Blöd nur, dass Cannabiskonsum sich auch auf unser Hormonsystem auswirkt. Wie stark diese Effekte sind, darüber ist die Wissenschaft jedoch uneins. Während einige Studien (Harclerode 1984, Kolodny et al. 1974, Halikas et al. 2012, Barnett et al. 1983) einen merklichen Effekt beschreiben, stellten Block et al. und Mendelson et al. keine signifikanten Veränderungen fest.

Fasst man die Ergebnisse dieser Studien zusammen, kommt man zu dem Ergebnis, dass Kiffen wohl einen negativen Effekt auf die Hormonwerte, allen voran die Testosteronwerte, hat, diese aber bei gelegentlichem Konsum nicht signifikant sind.

Bloß nicht träge werden

Was bleibt, ist wohl der Hauptgrund, warum der typische Kiffer, wie man ihn sich vorstellt, so gar nicht nach einem Athleten aussieht: Wer im Sport (und in allen anderen Bereichen des Lebens) etwas erreichen will, muss dafür auch bereit sein, etwas zu leisten.

Wer mehr will, muss in der Regel mehr leisten. Was bei gelegentlichem Konsum als angenehmes Entschleunigen empfunden werden kann, kann bei Dauerkonsum zu Antriebslosigkeit führen. Ich persönlich sehe darin die größte Gefahr des Konsums von Cannabis.

Fazit zum Cannabis-Konsum für Bodybuilder

Wenn man über den Konsum von Cannabis bei Sportlern spricht, muss man zwei Dinge grundlegend trennen.

Zum einen ist da die medizinische Nutzung, für die es sicher in bestimmten Fällen gute Gründe gibt. Nicht umsonst findet in diesem Bereich in den letzten Jahren eine zunehmende Liberalisierung statt.

Daneben gibt es die Nutzung als Genussmittel. Lassen wir mal die rechtliche Betrachtung außen vor, gibt es durchaus Argumente für einen gelegentlichen Konsum, wenn das persönliche Verlangen nach Rausch ausgeprägt ist. Oder anders formuliert: Wer hin und wieder mal einen Joint raucht, beeinflusst sein Training dadurch vermutlich weniger stark als durch den übermäßigen Konsum von Alkohol oder anderen Drogen. Entscheidend hierbei ist, dass man seinen Konsum im Griff hat. Die beste Lösung ist aber natürlich, auf derartige Genussmittel gänzlich zu verzichten.

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!

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