Platz 5 Team Andro Schreibwettbewerb 2014

Konsumverhalten der Fitness-Szene

360° Paket. Lean-Bulk-System. Das 10 Wochen-Programm. Selbst namhafte Rapper vermarkten im Rahmen der Promophase ihres nächsten Releases ein eigenes "selfmade" Trainingsprogramm. Der Markt für Fitness ist riesig. Zugleich war "die Wahrheit" für den perfekten Körper nie umstrittener. Das Resultat aus verschiedenen Vorstellungen, wie ein perfekter Körper auszusehen hat, gekoppelt mit massenhaft BroScience und diversen Figuren mit einer deutschlandweiten Reichweite, hat es geschafft, den kleinen Fitnessstudiobesucher soweit in die Enge zu drängen, dass er alles macht – nur kein anständiges Training. Zugleich kommt er aber auf die Idee, seine eigenen, verworrenen Ansichten weiterzuverbreiten.

Team Andro Schreibwettbewerb 2014 - Platz 5: Konsumverhalten der Fitnessszene

Die Erzeugung von Scheinkorrelationen scheint nirgendwo höher als in der Fitnessbranche zu sein. Und nirgendwo wird mehr mit den Träumen des Individuums gespielt. Das Schlimme hierbei ist, dass es immer noch zahlungsbereite Kunden gibt – und diese handeln nicht einmal fahrlässig. Ihnen ist eigentlich bewusst, dass es nur an mangelnder Kontinuität und Disziplin liegt. Alle oben genannten Trainingssysteme müssen keinesfalls schlecht sein. Im Gegenteil, im Grunde vermitteln sie sogar oft nur absolute Basics, denn das Rad kann nun mal nicht neu erfunden werden.

Doch trotzdem kaufen sich unzählige Menschen nach dem 5., als "Personal-Coaching" getarnten Massenabfertigungsprogramm, ein Weiteres. In der Hoffnung doch diese eine klitzekleine Geheimformel zu finden, die einem ohne Mühen den Traumkörper beschert. Gespart wird stattdessen bei der Ernährung. "Ich kann mir so viel Essen nicht leisten." Aber den neuen Ferrari hast du trotzdem mitfinanzieren können. Mit demselben Geld hätte man sich 2 - 4 Wochen sauber und gut ernähren können.

Doch woher kommen diese ganzen Impulsivkäufe und die komplett unsinnige Prioritätensetzung?
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    Augenscheinlich ist es nichts anderes als ein Revival aus Arnolds Zeiten. Da kommt auf einmal dieser breitgebaute, gutaussehende Typ, bringt einen Körper mit, der vom Großteil der Gesellschaft als begehrenswert empfunden wird und lernt im Laufe der Zeit, wie man sich in Szene setzt und den Markt erweitert. Dieses Phänomen tritt immer wieder auf und in allen Bereichen unseres Lebens. Da steht er vor uns. Der fleischgewordene Traum meines eigenen Ichs.
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Die Psychologie beschreibt bei den Menschen verschiedene Reaktionen, mit dieser Art der Konfrontation der eigenen, realisierten Wunschvorstellung in einer anderen Person fertig zu werden.

Das eigene Unvermögen, so zu sein wie das Gegenüber, wird dabei zumeist verdrängt. Dazu kommen allerdings weitere Freud'sche Abwehrmechanismen. Der Typus des "Hater" unterliegt hier zum Beispiel dem Modell der "Reaktionsbildung". Die Reaktionsbildung beschreibt einen Prozess, bei dem eine emotionale Lage in ihr Gegenteil umgekehrt wird. Zum Beispiel bekommt eine Frau ein ungewolltes Kind. Ihr ursprünglicher Hass auf das Kind wandelt sich daraufhin in übertriebene, sorgvolle Liebe um, welche äußerst künstlich wirkt. Unser Neider versucht hierbei seine eigene Psyche zu schützen, und sein Selbstwertgefühl durch Ablehnen des zuvor vorhandenen Wunschideals, zu stärken.

Viel interessanter ist allerdings die Rolle des Nachläufers. Menschen werden zu treuen Advokaten ihres neuen Vorbildes. Durch die Nähe zu ihrem Idol versprechen sie das Selbe ebenfalls zu erreichen. Sie fressen ihm das Proteinpulver wörtlich aus der Hand. Und folgen ihm solange, bis sie schließlich doch irgendwann erkennen, dass sich nichts verändert.

Bis dann der nächste Fitness-Demagoge auftaucht und sein Wunderprogramm vorstellt…

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Bild: Marcelo Graciolli

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