Die psychischen Auswirkungen des Trainings

Kraftsport & Bodybuilding: Eine (psychische) Lektion fürs Leben (I)

Der mehrmalige Mr.Olympia-Gewinner und vielfach ausgezeichnete IFFB-Pro Ronnie Coleman sagte einst: "Everybody wants to be a bodybuilder but nobody wants to lift no heavy ass weights." Wenige Worte, große Bedeutung. Seit den 1970ern hing das Wort quasi in der Luft und wurde schon damals nur nur leise und voller Erfurcht in den Mund genommen. Damals hatte es noch diesen freakigen negativen Unterton, der erst im Laufe der darauffolgenden Jahrzehnten zunehmend gewichen ist und einer liberaleren Bedeutung Tür und Tor öffnete. Einen wesentlichen Beitrag hierzu dürfte auch ein bekannter Österreicher aus der beschaulichen Steiermark beigesteuert haben, dessen Lebensweg - geprägt von einer unterschütterlichen Erfolgsträhne - das geflügelte Wort in die Welt hinaustrug. Fakt ist: Arnold Schwarzenegger hat dem Begriff des "Bodybuildings" einen eindeutigen, persönlichen Stempel aufgedrückt. Doch Bodybuilding - und insbesondere Kraftsport – ist noch viel mehr, etwas, wovon jeder profitieren kann.

Doch am besten fangen wir einmal ganz von vorne an:

Es herrscht viel Verwirrung darüber, wer denn nun eigentlich ein "Bodybuilder" ist und wer nicht. Doch man kann mit Fug und Recht behaupten, dass jeder, der in irgendeiner Form (subjektiv) schwere Gewichte stemmt bzw. hebt und dabei gleichzeitig das Ziel verfolgt, seinen Körper - optisch wie leistungstechnisch - zu verändern, als Bodybuilder bezeichnet werden kann. Bodybuilder – das heisst Körperbauer. Ob CrossFitter, Fitness-Junkie, Hardcore Pumper oder Powerlifter – wir alle sind Bildhauer und unser Körper ist der Granitblock, den wir behauen oder die Tonskulptur, die wir formen.

Nicht immer spielen die optischen Aspekte die hervorgehobene Rolle, aber niemand wird leugnen können, dass ihn das Training in einem weitaus tieferen Umfang geprägt hat, als es vielleicht den Anschein haben mag. Der Bauplan für die Maschine Mensch ist, wenn man einige mariginale Unterschiede außen vor lässt, nahezu identisch. Homogen. Wir alle haben ein pumpendes Herz, wir alle verfügen über ein Skelett und jeder von uns hat eine Nase, Ohren, Augen und einen Kopf (jedenfalls hoffe ich das jetzt mal). Manche sind dick, manche sind dünn. Einige sind von Natur aus stämmig, während andere wiederum wie Jack, die Bohnenstange, in die Höhe schießen und folglich über eine drahtige Gestalt verfügen. Und nur wenige sind von Natur aus muskulös – das sind die berühmt-berüchtigten "genetically gifted" Mesomorphen. Auf der anderen Seite scheint es aber fast so, als würden in der westlichen Zivilisation viele gute Futteverwerter, also Personen mit endomopher Verlanglagung (>>"Die Dicken"<<), zu existieren.

"It isn't where you came from; it's where you're going that counts." ― Ella Fitzgerald

Eigentlich handelt es sich bei einer solchen Behauptung um Bullshit. Bedenkt man, dass solche reinrassigen Körpertypen (Ekto-/Meso-/Endomorph) relativ selten auftreten und sich auch der Prozentanteil derjenigen, die krankheitsbedingt so geraten sind, im einstelligen Bereich bewegt.

Nüchtern betrachtet ist jeder von uns mit einer anfänglichen (oftmals gemischten) Ausstattung gesegnet und je nachdem, wie und auf welche Art man diese Ausstattung nutzt, verändern wir uns nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich. Dieses ganze Konzept kannten schon die antiken Griechen und sie nannten es Potentia – Potenzial. Es gibt nun gewisse Dinge, die es einem leichter machen sein Potenzial (das Unentwickelte; eine noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeit) zu enftalten bzw. zu erreichen. Natürliche Begabung (Talent) ist sicher eines davon. Ein weiteres ist die genetische Disposition (Genausstattung).

Oder um es simpel auszudrücken: Ich könnte mich dazu entschließen ein Sprinter zu werden. Egal ob ich ein Talent für das Sprinten habe oder nicht, egal ob ich die Genetik dafür habe oder nicht: Ich werde es nie erfahren, wenn ich nicht sämtliche Hebel in Bewegung setze und meine Ziele darauf ausrichte, es zu probieren. Ich könnte vielleicht der talentierteste Sprinter aller Zeiten sein, doch wenn ich stattdessen ein bewegungsfauler Buchmacher werde, der jeglichen Bewegung, beispielsweise in Form von Sport, meidet, dann werde ich es nie erfahren (und die restliche Welt schon garnicht).

Das realisierte Pozential welches uns allen innewohnt, ist die Summe unseres Talentes, unserer Genetik und unserem Willen, hart dafür zu arbeiten.

Der Geist befiehlt. Der Körper folgt.

Ein Punkt, der von vielen Seiten beim Kraftsport sträflich vernachlässigt wird, ist die mentale Komponente. Worauf will ich nun hinaus? Ganz einfach: Nur die Wenigsten von uns steigen in den Sport ein, weil sie genau wissen, wo sie in fünf oder zehn Jahren infolge des Trainings stehen werden. Klar, warum nicht ein paar Kilo Muskelmasse draufpacken und wie das Cover-Model von Men’s Health aussehen? Warum nicht wie Dwayne "The Rock" Johnson oder Marky Mark Wahlberg herumlaufen? Natürlich hat man eine grobe Vorstellung davon, was man erreichen möchte, doch der Prozess des Muskelaufbaus ist ein dynamischer: Wir fangen an zu trainieren. Ein Monat geht vorüber. Zwei, dann drei Monate.

Es stellt sich heraus, dass die Dinge doch nicht so einfach sind, wie wir es initial angenommen haben. Der Körper scheint sich mehr oder weniger erfolgreich dagegen zu wehren, eine schnelle Adaption zu vollziehen. Viele werden durch diesen Prozess auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Der Traum von definierten Adonis in 3 Monaten? Für die meisten bleibt es ein Traum.

Die Spreu beginnt sich vom Weizen zu trennen.

Wer feststellt, dass er mehr Arbeit in seinen Traumkörper investieren muss, der wird seine Bemühungen steigern – oder relativ schnell aufgeben. Ein Großteil der ursprünglichen Fitness-Pilger, die sich auf den harten, beschwerlichen Weg gemacht haben, bleiben auf der Strecke (oder schludern monate- bis jahrelang nur herum).

Nach den ersten Jahren zeigt sich dann schließlich wer bereit ist Opfer zu bringen und wer lediglich eine "schnelle Nummer" erhofft hat. Frohlocket, denn die Monate bzw die Jahre am Eisen werden schon bald sichtbare Spuren an den Körper derjenigen hinterlassen haben, die noch am Ball (Eisen) sind. Jedoch: Weitaus größere Veränderungen zeichnen sich nicht am Körper, sondern am Geist ab, denn:
    "Motivation is, what gets you started. Habit is what keeps you going."
Wer die Zeit investiert und beharrlich an seinem gesetzten Ziel festhält – und diese auch nicht aus den Augen verliert – durchläuft eine Metamorphose, die ihn ähnlich einem perpetuum mobile am Laufen hält. Der Prozess des Trainings ist der Treibstoff, der das eigene Feuer am brennen hält und als ständige Nahrung für den unbändigen Hunger nach mehr – nach Perfektion – antreibt.

Nur wenige Kraftsportler behalten die Ziele, die sie sich zu Beginn ihrer Trainingskarriere gesetzt haben, in der originären Form bei. Die Messlatte wird schrittweise erhöht, die Ansprüche steigen. Erfolge bilden die Basis für weitere Bestrebungen. Sie zeigen einen Pfad auf, den man bereit ist zu gehen und wenn man schließlich einen Blick zurückwirft, wird man feststellen, dass man schon lange nicht mehr die Person ist, die man zu Beginn der Trainingskarriere war.

Der Körper folgt dem Geist, dem Architekten eures Lebens und das Training am Eisen fordert seinen Tribut. Stahlharter Körper? Ja, aber nicht ohne gestählten Geist. Es ist wie ein geschlossenes System, eine Art Kreislauf, die im Laufe der Zeit auf eure Art zu Denken einwirkt und euch dazu zwingt, euch weiterzuentwickeln. Die psychischen Effekte von Kraftsport und Bodybuilding beschränken sich aber nicht nur auf die Stunden im Gym.

Die Kultivation eues Geistes hilft euch auch in anderen Lebensbereichen und wappnet euch selbst für die härtesten Situationen im Leben. Doch was passiert zunächst augenscheinlich?

Eisen für körperliche Leistungsfähigkeit im Alter

Jeder, der für längere Zeit am Eisen trainiert, wird wissen auf welche geistige Entwicklung ich anspielen möchte. Es ist ein natürlicher Prozess, den jeder von uns durchläuft. Das Eisen hat Auswirkungen auf unseren Körper – ja - aber es formt auch den Charakter und führt zu immerwiederkehrenden Erfolgen, die in letzter Konsequenz dazu führen, dass man stets einen gesunden Appetit auf mehr behält. Gut reicht schon bald nicht aus und wird durch den Wunsch nach sehr gut ersetzt. Und was folgt nach sehr gut? Richtig: Exzellenz. Die pure Perfektion.

Peak-Performance

Jeder Mensch verfügt über rund 656 Muskeln in seinem Körper. Egal ob man Schwarzenegger oder Armstrong heißt. Ob Schmidt oder Müller. Ob Hänschen oder Gretel. Wir alle sind mit 656 Muskeln gesegnet und wie die Natur es nun einmal so will, folgt auf eine Phase des Wachstums auch irgendwann der Niedergang.

Nun, dieser Vorgang setzt dann an, wenn ein bestimmter Zenit erreicht wurde. Für den durchschnittlichen Homo sapiens dürfte das ungefähr im 30. Lebensjahr der Fall sein. Rein rechnerisch verlieren wir ab diesem Zeitpunkt im Laufe des nächsten Lebensabschnitts knapp 3-5 % an Muskelsubstanz pro Jahr. Natürlich nur wenn wir davon ausgehen, dass nichts dagegen unternommen wird. Spulen wir dann einmal dreißig Jahre nach vorne, dann ergibt sich damit ein Muskelmasseverlust von 30 % im Alter von 60 Jahren. Wir werden schwächer – unsere Körperkraft sinkt – aber das Gewicht steigt meistens noch. Logisch: wir werden nicht muskulöser, meine Freunde. Das Verhältnis von Muskelmasse und Körperfettanteil verschiebt sich zu Gunsten des Letzteren. Wir werden dicker, weicher und schwammiger.

Dem Verfall entgegenwirken

Doch was kann man angesichts einer solchen, gewiss nicht rosig aussehenden, Zukunft machen? Der Schalter muss im Kopf umgelegt werden. Wir müssen unsere Komfortzone verlassen und Etwas tun. Wir müssen uns fit halten, denn nur so werden wir auch im Alter fit und agil bleiben können. Und ich weiß nicht wie es mit euch ist, aber ich möchte auch später noch unabhängig sein und mich selbst versorgen können.

Kraftsport ist so ziemlich die effizienteste Option, die uns offen bleibt. Das Training mit Gewichten wirkt nicht nur dem Abbau entgegen, nein: es verschiebt den Muskelmasse:Fett-Anteil in günstigere Bahnen und verhindert damit gleichfalls die unweigerliche Fettzunahme. Doch was passiert unter der Haube? Unter der Karosserie? Ich sags euch...

Fortsetzung folgt..

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