Mit hartem Training durch harte Zeiten

Wie man mit Kraftsport die Seele heilen kann

Ich denke, man muss nicht allzu fantasievoll sein, um zu bemerken, dass es dem Autor dieser Zeilen derzeit nicht besonders gutgeht. Vor etwa einem halben Jahr drängte mich eine schwerwiegende Infektion von der Überholspur des Lebens und zwang mich auf einen seelischen und körperlichen Rastplatz. Der nahezu vollständige Verlust meiner Sprach-, Denk- und Merkfähigkeiten machte mich zum ohnmächtigen Patienten - vom kraftvollen Schöpfer seines Umfelds zum hilflosen Opfer der Launen der Natur.

In diesem Artikel möchte ich euch mitnehmen in eine Welt jenseits von vorausberechneten Makronährstoffen, Optimierung der Proteinbiosynthese und all den anderen Problemen, um die man sich nur dann wirklich kümmern kann, wenn man halbwegs schmerzfrei und zurechnungsfähig ist. In dieser seelischen Unterwelt hat man die Gelegenheit, die elementaren Fundamente der menschlichen Natur zu erleben und sie nach der Genesung mit an die Oberfläche zu nehmen.

Foto: Andreas Volmari

Denn eines hat mich die Odyssee durch Kliniken und Facharztpraxen schon sehr zeitig gelehrt: Die Natur kann unerbittlich sein - solange die Art an sich überlebt, ist ihr das Individuum gleichgültig. Doch wir Menschen haben die einzigartige Fähigkeit, dieser scheinbaren Ungerechtigkeit mithilfe unseres Intellekts zu begegnen und ein Stückweit Kontrolle über das Chaos zu erlangen.

Am Anfang war das Chaos


Insbesondere, wenn man körperlich krank ist, fragt man sich schnell: „Was machen Leid und Schmerz für einen Sinn? Wie kam die Natur auf die Idee, einen intelligenten, aber höchst verletzlichen Knochensack mitten in eine Umwelt voller starker, schneller, harter Fressfeinde zu setzen? Und wie zum Teufel hat sich dieser schmerzanfällige Homo Sapiens zum Beherrscher der Schöpfung entwickeln können?“

Die Entwicklung zum zivilisierten Menschen konnte nur durch die Erlangung von Kontrolle geschehen. Am Anfang war die Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein. Doch die steigenden intellektuellen Fähigkeiten unserer Vorfahren wandelten die Natur zur Kultur. Trotz aller Hindernisse schafften wir es, die Umwelt zu kontrollieren, indem wir uns selbst kontrollierten. Die Gabe der Vorausplanung und Selbstreflexion beeinflusste unsere Abhängigkeit von Instinkten und spontaner Bedürfnisbefriedigung. Wir bauten Häuser gegen die Kälte, Waffen gegen Raubtiere und Felder gegen den Hunger.

Kurzum: Wir lernten, dass wir besser lebten, je mehr Kontrolle wir hatten. Demzufolge entwickelten wir eine instinktive Angst vor Kontrollverlust, da dieser uns wieder in die Fänge der gleichgültigen Natur zurückschleudern würde.

Kontrolle als Faktor persönlichen Wohlbefindens


Eigentlich wollte ich dieses Kapitel mit „Kontrollverlust als Faktor von Unglück“ überschreiben, aber mir ist bewusst geworden, wieviel Macht und Kontrolle negative Begriffe ausüben können. Im Grunde fängt das individuell empfundene Glück mit unserer persönlichen Einstellung gegenüber dem Schicksal an: Je mehr Kontrolle ich über mein Leben zu haben glaube, desto glücklicher bin ich.

Das bedeutet auch: Je härtere Schläge ich einstecken muss, desto stärker muss mein Gefühl von Kontrolle sein. Leider ist das Gefühl von Kontrolle umgekehrt proportional zum empfundenen Unglück von Schicksalsschlägen. Je härter es mich also trifft, desto mehr wird mir die Existenz meiner Ohnmacht bewusst.

Im Endeffekt geht es also darum, konstruktive Tätigkeiten in sein Leben einzubinden, in denen man das Gefühl von Kontrolle über die Entwicklung hat. Und dafür eignen sich Bodybuilding, Kraftsport und Fitness perfekt! Zwar hat nicht jeder den gleichen genetischen Rahmen, aber jeder hat das Potenzial, sich innerhalb weniger Jahre mithilfe guter Gewohnheiten und Disziplin so stark zu entwickeln, dass man auf Klassentreffen nicht mehr wiedererkannt wird.

Während das jedoch mit einem jungen und gesunden Körper, der nur wenig Stress ausgesetzt ist, noch relativ einfach umzusetzen ist, sieht das für die erfahreneren Semester schon ein wenig anders aus. Je älter man wird, umso wahrscheinlicher werden Verletzungen, Krankheiten, Schicksalsschläge oder Verbindlichkeiten. Wir heiraten, arbeiten, saufen, verletzen uns, bekommen Kinder, geraten in Süchte, touren mit Bands, werden arbeitslos, trauern, gewinnen im Lotto, lassen uns scheiden und fangen für Hobbies Feuer. Je mehr Leben und Konsum, desto höher das Risiko.

Harte Zeiten sind also unvermeidlich. Selbst der reich geborene Unternehmersohn hat sein Päckchen zu tragen. Es gibt Phasen, in der wir unserer Ohnmacht ausgeliefert sind und feststellen müssen, dass wir Menschen keine Götter sind, sondern zu einem Teil immer noch wilde Tiere, die auf Umwelteinflüsse mit Panik, Irrationalität, Aggression oder Rückzug reagieren.

Hartes Training als Antwort auf harte Zeiten


Im Laufe meines Lebens war ich von drei großen Ereignissen betroffen, über die ich null Kontrolle hatte: Scheidung von einem geliebten Menschen, Tod eines geliebten Menschen und die oben erwähnte Krankheit, die mir fast meine kompletten kognitiven Fähigkeiten nahm. Bei jedem dieser Ereignisse reagierte ich gleich: neben der Trauerbewältigung trainierte ich wie besessen.

Zu Anfang dominierte zwar noch das Gefühl, sich durch das Training wenigstens in körperlicher Wut ausdrücken zu können, aber mit der Zeit kristallisierte sich für mich heraus, dass ich durch gezielte Trainingsplanung und Belastungssteuerung Einfluss auf mein Schicksal hatte!

Während die Welt sich um mein Befinden nicht zu scheren schien, so hatte zumindest mein Geist Wirkung auf den Zustand meines Körpers. Ich konnte sehr wohl etwas an meiner Existenz verbessern und damit der Einstellung „Alles ist schlimm, nichts ist gut“ entgegenwirken. Der willentliche Einfluss auf meine körperliche Leistung relativierte meinen Weltschmerz und ließ mich seelisch gesund werden.

Ich konnte Schläge einstecken, weil ich wusste, wie man wieder aufsteht. Ich konnte die als ungerecht empfundene Natur in einem anderen Blickwinkel sehen: aus unabhängiger Beobachterperspektive ist es völlig nachvollziehbar, dass sich ein Ökosystem nicht um das Wohl eines einzelnen Organismus kümmern braucht, solange das System als solches gefahrlos weiterbestehen kann. Und je stabiler und größer das System, umso unwichtiger wird das Individuum auch (fragt mal einen durchschnittlichen Chinesen oder Inder).

Foto: Andreas Volmari

Der trainierende Mensch als Anker in einer gleichgültigen Natur


Mittlerweile ist meine eigene Heilung recht gut fortgeschritten. Ich kann wieder sprechen, mir viele Dinge merken und meine Konzentration hält auch länger als ein paar Minuten an.
In meiner Therapiegruppe bin ich der Gesündeste und der Einzige ohne Depression. Das verdanke ich zu einem Großteil dem Sport, denn ich habe meiner Verzweiflung etwas Handfestes entgegenzusetzen: das Vertrauen in selbstgesteuerte, willentliche Progression.
Insbesondere wir Sportler sind dem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert!

Vielleicht helfen diese Zeilen dem ein oder anderen, alle Probleme rund ums Training etwas zu relativieren. Hart trainieren zu können, ist nämlich ein gesundheitliches Privileg - und das feiere ich jeden Tag!

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