Teil 1: Wie alles begann

Mein Kreuzband und ich - ein Erfahrungsbericht

Heidelberg, Samstag, 16 Januar 2021, 1 Tag postoperativ: Ein Tag ist nun meine Kreuzband-OP am linken Knie her. In diesem mehrteiligen Artikel möchte ich euch auf die Reise vom Unfall bis zum Ende der Reha mitnehmen. Viel Vergnügen beim Lesen!

Warum erwachsene Männer sich nicht wie kleine Jungs aufführen sollten

Unsere Geschichte beginnt im Sommer 2017. Mit einigen befreundeten Familien waren wir in Noordwijk an der niederländischen Nordseeküste. An einem sonnigen Tag, kamen wir Männer auf die Idee, zu ringen. Um es abzukürzen: Zwei Männer, beide über 90kg, keiner will auch nur einen Millimeter nachgeben und dann bleibt eben das linke Bein im Sand stehen und wir beide fielen über das stehende Knie auf den Boden. Schon im Fall spürte ich dreimal ein Knacken, einen stechenden Schmerz und das typische „Peng“. Direkt war klar: Das war nicht gut! Nach einigen Minuten versuchte ich aufzustehen, aber beim Versuch, das Bein zu belasten, sackte es sofort unter erneutem Knacken weg.

Was dann passierte, war schon filmreif: Ich wurde erst einmal mit einem Bacardi Cola ausgestattet und auf einen Liegestuhl verfrachtet. Eine gute Freundin, die aus dem Nachbarort kommt, rief fix das niederländische Pendant zu Baywatch an und kurz darauf kam ein Strandbuggy angefahren, begleitet von dem obligatorischen Baywatch-Theme aus der JBL-Box und natürlich wurde das Schauspiel gefilmt. Nachdem meine Freundin den Jungs erklärte, dass ich nicht auf Drogen wäre, sondern nur etwas getrunken habe und ihnen grob den Unfallhergang beschrieben hatte, ging es schon los zum Medical Center.

Die Schmerzen waren zu dem Zeitpunkt auszuhalten, am schlimmsten war eigentlich, dass mein Großer völlig neben der Spur war und meine Frau alle Hände voll zu tun hatte, ihn und den Kleinen zu beruhigen. Zum Glück waren wir in einer großen Gruppe dort, sodass die einen unsere Fahrräder mitnahmen und eine andere Freundin mich am Medical Center mit dem Auto abholen konnte.

Erste Hilfe made in Holland

Es ist schon erschreckend, wie mies die medizinische Versorgung in einem so fortschrittlichen Land wie den Niederlanden ist. Die Untersuchung im Medical Center sah so aus:

„Können Sie stehen?“
„Naja, wenn ich das linke Bein nicht belaste, kann ich stehen.“
„Können Sie laufen?“
„Auch hier: Wenn ich das linke Bein maximal entlaste, geht humpeln.“
„Ja wunderbar. Dann besorgen Sie sich bitte Gehhilfen und Ibuprofen. Wenn Sie wieder in Deutschland sind, sollten Sie zum Arzt gehen.“


Immerhin: Der Transport vom Strand ins Medical Center inkl. Untersuchung kosteten 23 Euro. Dafür bekommt man in Deutschland vielleicht einen Arzt ans Telefon.

Egal wie: Mit dem Auto ging es also zurück in den Bungalow-Park. Die mitgegebenen Schmerztabletten wurden mit dem ein oder anderen Bier runtergespült, meine Frau besorgte mir noch Gehhilfen.

In den folgenden Tagen war ich entsprechend nur sehr begrenzt einsatzfähig, wobei die Schmerzen sich in Grenzen hielten, sodass ich schon nach zwei Tagen mit Krücken durch den Nachbarort humpelte.

MRT? Braucht kein Mensch!

Noch aus dem Urlaub heraus kontaktierte ich einen der beiden Osteopathen meines Vertrauens: Benny ist Physiotherapeut und Osteopath und hat unter anderem bereits deutsche Profifußballteams betreut. Wir kamen sonntags aus Holland zurück, am Montagmorgen saß ich dann in seiner Praxis. Schubladentest sprach für Kreuzbandriss, aber die Rückerstattung meiner PKV war mir dann doch wichtiger als zu erfahren, was wirklich los war. Zumal nach ein paar Tagen und täglichen Behandlungen mit Reizstrom etc. die Schwellung merklich abnahm und damit auch die Schmerzen. Nach nicht einmal einer Woche konnte ich schon wieder recht normal laufen. Daher entschied ich mich auch, kein MRT machen zu lassen. Vielleicht ja doch nur ein Anriss? Man kann sich Dinge halt auch schönreden…

Ideal ist anders

Und so verging die Zeit. Ich begann vorsichtig mit dem Beintraining und nahm mein Cardio wieder auf. Das lief soweit problemlos. Ein paar Wochen später waren wir auf Rhodos, wo ich mich dann an Tennisspielen versuchte und erstmals merkte, dass das Knie nicht so ist, wie es sein sollte: Meine kompletten Bewegungen waren gehemmt, ich versuchte bewusst, das linke Bein nicht voll zu belasten.

Dieses Muster wiederholte sich in den folgenden Jahren immer wieder: Im normalen Alltag hatte ich keinerlei Probleme, aber richtig stabil war das Knie nicht. Fußballspielen mit dem Großen? Klar, auch mit Rennen und Springen, aber immer darauf bedacht, dass linke Bein zu schonen. Trampolin? Ging gar nicht, auf dem linken Bein landen war unmöglich. Aber rechtfertigt das einen Eingriff?

Drei Jahre später: Die Einsicht

Gut drei Jahre dauerte es, bis mich der andere Osteopath meines Vertrauens doch dazu bewog, ein MRT zu machen. Genau genommen zwei MRTs, denn meine LWS fühlte sich auch alles andere als gut an. Kein Wunder, wie sich herausstellte: Neben ein paar anderen Diagnosen wurde eine Fehlstellung in der Hüfte festgestellt, die offenbar primär verantwortlich für meine Schmerzen war. Diese Fehlstellung resultierte aus der dauerhaften Fehlbelastung, ausgelöst durch eine vollständige Ruptur des vorderen Kreuzbands. Das Problem in der Hüfte hatte mein Osteopath in wenigen Sitzungen behoben, aber er machte mir auch klar, dass das immer wieder auftreten und schlimmer werden würde, wenn ich das Knie nicht machen lasse. Plus: Ich könne mich auf frühzeitige Athrose einstellen.

MRT Kniegelenk links vom 08.09.2020

Technik: Standard, zusätzlich mit PD FS coronar, sagittal, transversal, T1 TSE coronar, PD FS 1.5mm Kreuzband, PD FS 1.1mm coronar

Klinische Angaben: Zustand nach Distorsion linkes Kniegelenk

Befund: Keine Voruntersuchung. Zum Untersuchungszeitpunkt kein Gelenkerguss, reizlose synoviale Strukturen. Kein Knochenmarködem, keine Bakerzyste. Fehlende Visualisierung des vorderen Kreuzbandes in den sagittalen Sequenzen; es erfolgte die ergänzende Darstellung des vorderen Kreuzbandes mittels parakoronar angulierter Sequenzen, hier allenfalls noch solitärer Zügel des posterolateralen Bündels darstellbar bei Zustand nach subtotaler VKB Ruptur. Entsprechend das hintere Kreuzband hyperanguliert. Das mediale Kollateralband im proximalen Drittel verdickt dargestellt bei in erster Linie Zustand nach alter Verletzung und Vernarbung. Das laterale Kollateralband unauffällig. Grad 2 Binnendegeneration im Hinterhorn des Außenmeniskus, darüber hinaus Innen – und Außenmeniskus regulär. Altersentsprechender Gelenkknorpel in den femorotibialen und im femoropatellaren Kompartiment. Die Retinacula und Sehnen erscheinen bildmorphologisch unauffällig. Beurteilung: Kernspintomografisch ältere und subtotale Ruptur des vorderen Kreuzbandes, speziell die ergänzende Darstellung mittels parakoronaler Sequenzen zeigt noch solitäre intakte Zügel des posterolateralen Bündels. Entsprechend Hyperangulation des vorderes Kreuzband. Zustand nach älterer Verletzung des medialen Kollateralbandes, das im proximalen Drittel narbig verdickt zur Darstellung kommt. Grad 2 Binnendegeneration im Hinterhorn des Außenmeniskus.


MRT meines Knies rund drei Jahre nach dem Unfall. Links sind die Schäden am Kreuzband zu erkennen, rechts die Schäden am Außenband.


Und sagen wir mal so: Wenn der zweite Osteopath, der ebenfalls reihenweise Profisportler betreut, dir sagt, dass das Knie so nicht bleiben kann, hört man doch irgendwann zu. Auf meine Frage, wohin ich gehen soll, lautete Thorstens Antwort direkt: Professor Siebold, Heidelberg.

Klare Sache: OP

Rund eine Woche später wurde ich also in Heidelberg vorstellig. Und schnell war klar: Wenn ich auch weiter sportlich aktiv sein und Spätfolgen vermeiden will, ist eine OP unabdingbar. Und auch wenn mir das schon klar war, war die Überwindung doch nicht leicht. Immerhin hatte ich ja keine Schmerzen, konnte mich im normalen Alltag ohne größere Einschränkungen bewegen. Will ich das alles temporär aufgeben, Schmerzen und Einschränkungen in Kauf nehmen? Aber letztlich überwog die Aussicht auf Wintersport, Fußball etc. ohne ständig im Hinterkopf zu haben, das linke Bein nicht zu sehr zu belasten. Zudem waren die Folgeschäden der Verletzung doch bereits jetzt beträchtlich und würden aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Jahren noch stärker werden. Nachdem die Kostenübernahme durch meine Kasse geklärt war, stand auch fix der Termin: 15. Januar 2021.

Fortsetzung folgt

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