Kampf gegen das Eisen

Kreuzheben: Dies ist kein Versuch!

Was für ein beschissener Tag. Mit Kopfschmerzen aufgestanden, der Chef pocht auf die Termine, die stinkenden Trainingssachen von gestern eingesteckt und nun noch den Proteinshake im Auto verschüttet. Ganz toll… Eigentlich will ich es lassen. Aber nun stehe ich hier auf dem Parkplatz vor dem Fitnessstudio. Lieber noch eine Stunde trainieren, als beim RTL Abendprogramm zu verblöden!

Also Tasche in die Hand und ab Richtung Umkleide. Die Dame am Einlass ist neu und wertet den Schuppen optisch auf… Von mir gibt es ein Zwinkern, von ihr rollende Augen. Ein Typ beobachtet die Szene und verkneift sich sichtlich sein herablassendes Lächeln. "Entspannt bleiben, Alter!" denke ich mir und es ist mehr guter Zuspruch als ernstgemeinter Rat. Ich würde gerne sagen, es ist einfach ein schlechter Tag. Vielmehr trifft es aber: Das sind verdammt schlechte Wochen. Irgendwie läuft nichts so, wie es sollte.

Kreuzheben: Dies ist kein Versuch!

In der Umkleide ziehe ich mir mein durchgeschwitztes T-Shirt von gestern über. Dieser Geruch… Ja so riecht mein Leben momentan. Irgendwie alt und von gestern. Nach Anstrengung. Gleichzeitig frage ich mich, wie riecht eigentlich Erfolg? Bevor es losgeht noch einen Blick ins Trainingsbuch: Heute steht also Rücken auf dem Plan.

Auf dem Weg in den Trainingsraum frage ich mich, was ich heute mache. Ich denke mir: "Nach so einem Tag solltest du 3 leichte Sätze Latziehen machen und heimgehen. Aber scheiß drauf – heute gebe ich es mir richtig: KREUZHEBEN". Die Beine sind noch wie Betonklötzer vom Beintraining am Montag. Ich habe seit Monaten keinen PR mehr erreicht. Es könnte gar nicht besser passen.

Alles klar, Langhantel geschnappt, zwei 20er Scheiben drauf gepackt… 10 Wiederholungen, guter Start. Noch zwei weitere 20er Scheiben… 10 Wiederholungen. So viel zum warm machen.

Etwas links neben mir ist ein anderer dabei, sich beim Kreuzheben abzumühen. Ich beobachte die 3 Wiederholungen mit einer gut beladenen Hantel. Er muss sichtlich kämpfen und dennoch hat es etwas Leichtes. Selbst meine Erwärmung ist schwerfälliger. Ich überfliege seine Gewichte, rechne kurz: 170 kg. Verdammt, der Typ wird kaum schwerer sein als ich. Vor 3 Monaten hatte ich auch einmal die 170 kg aufliegen. Eine verdammte Wiederholung. Ich habe mich damals gefühlt wie ein Held. Immerhin mein doppeltes Körpergewicht. Und dieser Typ hebt das 3-mal. Ich schmeiße mir noch zwei 20er Scheiben auf. 140 kg also… 6 Wiederholungen. Eigentlich will ich aufhören.

Jetzt spiegelt sich alles in einer so simplen Kraftübung wieder – mein ganzes Leben. Ich strenge mich an. Jeden verdammten Tag. 4 Trainingstage pro Woche, 2-mal Cardio. Ernährungsplan. Mein Abitur habe ich auf der Abendschule nachgeholt und danach Maschinenbau studiert. Nun schiebe ich eine 50 Stunden Woche und mein Chef ist immer noch unzufrieden. Ich lache mich selbst aus und denke an die Gitarre, die ich Zuhause stehen habe. Wer fängt schon mit 28 Gitarren spielen an? Nun übe ich ein Jahr und schäme mich fast vor mir selbst, so schlecht klingt es. Andere sind so talentiert und ich?

Ich schnappe mir zwei 5er Scheiben und drauf damit. 150 kg… Ich ziehe 4-mal. Klasse, letzte Woche waren es noch 5. Nun geht es nicht nur nicht vorwärts, sondern auch noch rückwärts. Ich schaue zu dem Typen neben mir und er bringt wirklich nochmal 3 Wiederholungen. Ich bin sauer. Eigentlich nicht auf ihn, sondern auf einen Kollegen, der erst ein Jahr im Unternehmen ist und den Teamleiter Posten bekommen hat, auf den ich hinarbeite. Es macht mich wahnsinnig. Die kommen alle und sind einfach besser als ich.

Ich wechsle die 5er gegen 10er Scheiben. Irgendwas muss heute noch passieren. Ran an die Stange, dieses ekelhafte Ziehen in an den Schienbeinen, Rücken durchstrecken, wieder nach unten, noch mal hoch, durchstrecken, noch mal… nein. 2 Wiederholungen. Irgendwie ist mir komisch.

Ich lehne mich etwas gegen das Powerrack das unweit vor mir steht. Der Typ neben mir baut an seiner Hantel. Ich zähle die Gewichte: 180 kg! "Holy Shit, ich dachte der Typ wäre fertig, aber er legt noch mal drauf!" denke ich mir. Jetzt bin ich gespannt. Er tritt ruhig an die Hantel. Dabei strahlt er eine wahnsinnige Sicherheit aus. Seine Augen zeigen höchste Konzentration. Ich glaube nicht, dass er noch mitbekommt, was um ihn herum passiert. Er ist völlig in sich gekehrt.

Als er in die Hocke geht, sieht man es ihm an: Das ist kein Versuch für ihn, er wird es einfach tun! Die Hantel hebt sich vom Boden, passiert seine Knie, er richtet seinen Oberkörper auf und streckt die Brust nach außen. Diese Bewegung wird von einer unglaublichen Ästhetik begleitet. Er verweilt kurze Zeit in der aufrechten Haltung und strahlt pure Stärke aus. Er ist bereit die ganze Welt zu tragen.
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    Als er die Hantel abgesetzt hat, beobachte ich ihn immer noch. Mit Bedacht wickelt er seine Griffhilfen ab. Ich schaue auf seine Hände und es trifft mich wie ein Blitz: An seiner linken Hand fehlen zwei Finger.
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Er blickt auf und tritt einige Schritte zu mir hin: "Arbeitsunfall… Einen Kollegen hat es schlimmer getroffen, ihm musste der Arm entfernt werden. Mit Griffhilfen kann ich mittlerweile aber gut trainieren."

In diesem Moment schäme ich mich, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich beschwere mich über Kleinigkeiten, weil nicht alles läuft wie ich gerne möchte. Aber ich bin gesund, verdiene mehr Geld, als ich benötige, meine Familie steht zu mir, ich kann einem Hobby nachgehen, das ich liebe. Ich mache diesen Typ zum Spiegel meiner Wut. Dabei bin ich auf mich selber wütend. Ich lasse mich hängen, habe meinen Kampfgeist verloren. Ich schiebe meine Probleme auf andere. Ich strenge mich an, aber das Feuer ist erloschen.

Er scheint bemerkt zu haben, dass ich nun etwas verlegen bin. "Komm schon, jetzt du!" fordert er mich auf. Ich schaue ihn getroffen an. "Ich kann das nicht. So viel habe ich noch nie geschafft."

"Ich denke, du schaffst das, nur du glaubst nicht an dich. Ich sehe dich hier immer sehr nachdenklich. Lege das ab! Es zählt jetzt und nicht morgen oder übermorgen. Das Gestern kannst du auch nicht mehr ändern. Und wenn du jetzt Vollgas gibst, musst du morgen nicht wieder über heute nachdenken, was denn alles schief gelaufen ist und was du hättest besser machen können."

"Ja du hast recht. Ich muss mich in nächster Zeit wieder mehr reinhängen!" entgegne ich. "Nein nicht in nächster Zeit. JETZT. Du kannst diese Wiederholung nicht nachholen. Du kannst jeden verstrichenen Moment im Leben nicht zurückholen!"

Damit hat er ins Schwarze getroffen. Mein Leben verstreicht, ohne dass ich die Momente selbst in die Hand nehme. Deswegen riecht es nach gestern und alt. Das muss aufhören. Jetzt!

Ich trete an die Hantel. Meine Hände umfassen sie mit dem Willen, nie wieder loszulassen. Ich gehe in die Hocke und alles um mich herum verschwindet. Die Lungen füllen sich mit Luft, vorbereitend auf einen langen Aufstieg. Ich bin angekommen. Dies ist kein Versuch für mich!

Kreuzheben: Dies ist kein Versuch!
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Bilder: Frank-Holger Acker | Frank-Holger Acker

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