Gym Ascetics

Der kritische Blick auf Verzicht und Selbstdisziplin

Ein ruhig vor sich hin plätscherndes Brünnlein in der heißen Nachmittagssonne, von den Bergen widerhallendes Glockengeläut und zu allem noch der angenehm frische Wind, der vom Meer her um die Nase weht - so mussten die Mönche des Kartäuserklosters Valldemossa auf Mallorca gelebt haben, bevor die Revolution sie aus den sakralen Mauern trieb.

Ich stellte mich auf die menschenleere Terrasse, die von einer der Klosterzellen abging und versuchte, mir das abgeschiedene Dasein vorzustellen, das zu einem ernsthaften Mönch gehört. In ihrer freiwilligen Einsamkeit verzichteten die Kartäuser zudem auf Kommunikation, Besitz und Genuss. Hoffentlich hat es sie glücklich gemacht, nur eine Stunde in der Woche geredet und nur eine karge, kalte Mahlzeit am Tag gegessen zu haben. Mit Sicherheit waren sie Meister der Selbstdisziplin.

Bild: Matthias Busse

Ortswechsel. Wir befinden uns nun in meinem Fitnessstudio - an der Theke mit zwei Gestalten in dicken Trainingsanzügen und völlig ausgezehrten Gesichtern. Wettkampfvorbereitung! Lustlos stochern sie mit ihren Löffeln im Reis herum und versuchen, Blattsalat solange zu kauen, bis sie glauben, tatsächlich etwas gegessen zu haben. Irgendwie sind auch sie Meister des Verzichts.

Zeitwechsel. Wir befinden uns im Jahre 2000 vor Christus in der Nähe einer steinzeitlichen Siedlung. Hagel peitscht durch den nebligen Wald und es ist saukalt. Zwei mit Schaffellen behangene Wilde recken ihre mageren, dreckigen, ausgezehrten Ärmchen in die Luft, um mit letzter Kraft ihre Speere in ein Wildschwein zu schleudern. Und tatsächlich: Das Schwein strauchelt, quiekt vor Schmerzen und bleibt in einer Blutlache liegen.

Mit einem scharfkantigen Steinbeil schneiden die Wilden es auf und stecken ihre steifgefrorenen Hände in das warme Blut des Tiers. Doch ihr Überlebensinstinkt, der sich vor allem in einem bohrenden Hunger zeigt, treibt sie in ihre Siedlung zurück, wo es bald nach gebratenem Fleisch riecht. Gierig stopft sich die kleine Meute alles Essbare des Wildschweins in den Schlund, der Stärkste kriegt das Meiste ab. Wer zu schwach ist, stirbt. Verhungert oder erfriert. Verzicht wäre tödlich gewesen in dieser Zeit.

Wie diese drei Beispiele zeigen, ist es offensichtlich nicht immer ratsam und gesund, sich gegen seine Triebe und Instinkte zu stellen. Selbstdisziplin ist in unserer Gesellschaft sehr positiv konnotiert: Wer wenig schläft, kann länger arbeiten. Wer wenig isst, bleibt schön schlank. Wer viel auswendig lernt, macht ein fabelhaftes Abitur. Wer immer trainieren geht, steigert sein Leistungsvermögen. Wer Stress hat, ist ganz schön was wert.

Wie kann man nun eine gesunde Balance zwischen Verzicht zugunsten eines höheren Ziels und überstrapazierender Selbstdisziplin finden? Im Folgenden möchte ich die Pros und Kontras des asketischen Lebensstils beleuchten und zur Diskussion stellen.

Entwicklungsgeschichtliche Ebene

Im Beispiel der urzeitlichen Jäger ist es bereits angeklungen: unseren Trieben nach Hunger, Fortpflanzung und Faulenzen zu folgen, bedeutete nacktes Überleben. Gleichzeitiges Energiesparen und maximale Aufnahme ist die ideale Kombination in einer Umwelt, die ständige Bewegung, Kälteresistenz und körperlichen Kampf erfordert. Dafür ist unser Körper geschaffen.

Wir sind perfekt auf diese Situation angepasst - nur hat sich unsere Lebenssituation verändert. Insbesondere der Mangel an notwendiger Bewegung und Wärmeproduktion lässt unsere Instinkte über das Ziel hinausschießen. Wir sind dazu verdammt, uns nahrungsmäßig selbst einzuschränken, wenn wir den Komfort von Wohnungen, Büros und Autos genießen wollen. Die Anlagen dazu liegen in unserem Intellekt und Wille. Sind beide stark, kann man vernünftig essen.
Ist der Intellekt schwach, gammeln wir mit Dosenbier vor dem Fernseher rum - ist der Wille schwach, wissen wir zwar sehr genau, was LowCarb ist, stopfen uns aber trotzdem mit Nudeln und Schoki voll, ohne es kontrollieren zu können.
Ein Lösungsansatz dahingehend wäre, sich erst einmal bewusst zu machen, wo unser starker Drang nach "ungesunden" Nahrungsmitteln herkommt.

Wenn man einsehen kann, dass man größtenteils aus emotionalen Gründen schlemmt, lernt man auch, sich während des Essens zu beobachten - bis sich irgendwann der Verstand meldet und fragt: Brauche ich das gerade wirklich?

Selbstreflexive Ebene

Da landen wir bei einem weiteren Punkt: Wer asketisch leben will, ist stark auf Selbstbeobachtung angewiesen. Wer sich kontrollieren können will, muss sich selbst einschätzen können. Sich kurz vor einer triebhaften Handlung beobachten zu können, ist der erste Schritt in Richtung Vermeidung des negativen Verhaltens.

Beispielhaft möchte ich hier mal die Typen aus dem Fitnessstudio anführen, die bei jedem Training versuchen, sich selber umzubringen. Immer schwer, immer hohes Volumen, jeder Satz bis zum Muskelversagen und am besten noch 5 Übungen hinterher. Das ist triebhaftes Verhalten: man will ungeduldig schnell zum Ziel und sich geil und stark vorkommen. Die Muskeln sollen brennen wie in der Hölle, aber dass man langfristig gar nicht stärker wird, lässt man völlig außer Acht. Lieber noch mehr trainieren, bis der Schädel die Wand endlich durchschlagen hat. Wie nötig täte ruhige Selbstbeobachtung!

Leider hat die Sache mit der Selbstreflexion aber auch einen Haken: Wer sich ständig selbst beobachtet, dreht sich irgendwann nur noch um sich selbst. Jede Kleinigkeit wird zum Staatsakt, weil man keinen Vergleich mehr nach Außen hat.

Bild: Matthias Busse

Charakterliche Ebene

Eine schwere Diät steht an. Man verzichtet auf Leckereien, auf das Völlegefühl und Omas Geburtstagstorte. Es ist hart, man ist dem Scheitern nah, aber letztendlich beißt man sich durch. Mit flachem Bauch und breiten Schultern geht man nun selbstbewusst durch die dicke, verfressene, undisziplinierte Welt und kann sich gewiss sein: Ich habe etwas geschafft. Ich bin fähig, Hindernisse zu überstehen. Ich bin kein Spielball meiner Emotionen. Ich bin stolz auf mich. Welch erhebendes Gefühl.

Die Kehrseite ist aber genauso schnell erreicht: Arroganz. Ich hasse es, wenn 18-jährige Bengels in der Fitnessstudio-Sauna verächtlich auf 40-jährige Durchschnittstypen herabblicken.

Stress-Ebene

Verzicht kann sehr viel Stress nehmen. Die überbordende Vielfalt an angebotenen Aktivitäten, Ablenkungen und Genüssen führt zu dem ständigen Gefühl, etwas zu verpassen, nicht up-to-date zu sein oder zur sehr unterschätzten Entscheidungsmüdigkeit.

Multitasking stresst das Gehirn vor allem von Männern, aber auch Frauen leiden manchmal unbemerkt unter Reizüberflutung. Im Vorhinein auf bestimmte Lebensmittel oder Aktivitäten zu verzichten, kann einem das Leben extrem erleichtern. Eine Studie aus der Wirtschaft belegt dies:

Es wurde an Kunden einer Supermarktkette getestet, wie stark der Einfluss auf das Kaufverhalten ist, wenn man die Anzahl der angebotenen Marken einer Ware verändert. In diesem Fall war es Honig. Das verblüffende Ergebnis: stieg die Anzahl der angebotenen Marken über 5, nahm die Verkaufszahl ab - und zwar proportional. Je mehr Markenvielfalt, umso weniger Käufer.

Glücklich kann also derjenige sein, der sich bewusst auf 1 bis 2 Marken/Aktivitäten/Entscheidungen beschränkt. Ihm bleibt mehr geistige Kapazität für die wirklich wichtigen Entscheidungen.

Dem entspricht auch die Erfahrung eines ehemaligen Inhaftierten, welcher auf seinen krassen Körper angesprochen wurde. Er begründete die disziplinierte Ernährungsweise im Gefängnis damit, dass sein gesamter Tagesablauf geregelt war. Er hatte über nichts die eigene Kontrolle - außer über sein Essen. Er konnte in einem gewissen Rahmen entscheiden, was und wann er etwas essen wollte. In Freiheit verlor er diese Kontrolle wieder.

Wie man sich sicher denken kann, erzeugt die freiwillige Askese aber auch Stress. Gerade, wenn man noch im uneinsichtigen Stadium desjenigen ist, der sich zu etwas zwingt, weil er einem Anderen gefallen will, provoziert man eine Menge schlechten Gewissens - weil man oft und schnell scheitern wird.

Gesellschaftliche Ebene

Verzicht macht einsam. Naja - so schlimm isses auch wieder nicht, aber man setzt sich schon den Unkenrufen der Kollegen aus: "Macht mit dir keinen Spaß mehr, wenn du nicht mittrinkst!" oder "Spaßbremse, mit dir ist nix mehr los.". Und das kann echt frustrierend sein. Nicht nur, weil man vielleicht nicht mehr dazugehört, sondern auch, dass die Freundschaft auf Alkohol und seichtem Spaß gefußt hat.

Andererseits führt übermäßiger Genuss auch zu den lustigen Geschichten "aus der Jugendzeit", an die wir uns unser Leben lang erinnern werden. Ich bin nach einer versoffenen Nacht mal über 50 km weit vom eigentlich Party-Ort entfernt bei einer mir völlig unbekannten Familie in einem Reihenhaus aufgewacht und hatte ein Steinzeit-Kostüm an. Über sowas kann man sich stundenlang kaputtlachen, aber es wäre niemals ohne hemmungslosen Hedonismus passiert. Übertreibung hat genauso seine Zeit, wie Verzicht!

Pathologische Ebene

Ganz klar: das bewusste Vermeiden bestimmter Lebens- und Genussmittel führt zu besserer Gesundheit. Oftmals geht damit eine Reduktion von Körperfett einher, die Blutwerte normalisieren sich und die Gelenkbelastung geht zurück. Der Körper ist nicht mehr so intensiv mit dem aufwändigen Abbau von Nahrungsgiften beschäftigt und kann seine Kraft in Selbstheilung und Wachstum stecken.

Doch auch hier gibt es Grenzen. Wer sich zu sehr beschränkt, sei es aus Gründen der Optik, des Selbsthasses oder was auch immer, läuft Gefahr, in eine ernsthafte Essstörung zu geraten. Die Askese ist dann zwar nur Symptom einer breitgefächerten psychischen Krankheit, dennoch der krankmachende Faktor.

Philosophische Ebene

Verzicht führt zu Dankbarkeit, da man im ständigen Bewusstsein lebt, dass eigentlich alles Wichtige verfügbar ist. Fragt mal einen Bodybuilder nach dem Wettkampf, wie dankbar der für ein Kuchenbufett ist!

Die negative Seite wiederum liegt darin, dass man aufgrund seiner tiefen Überzeugung versucht, andere mit auf seine Seite zu ziehen. Vegetarier verzichten auf Fleisch. Nur in seltenen Fällen verzichten sie aber darauf, dir das immer und immer wieder zu erzählen.

Bild: Sarbina Ernst

Ethische Ebene

Da wir gerade beim Vegetarier sind: der Verzicht aus ethischen Gründen ist langfristig sehr vielversprechend, da er aus Überzeugung kommt.

Nachteil: Es wird oft nicht nach der evolutionären Lebenswirklichkeit gefragt. Wir haben ein Allesfresser-Gebiss. Es ist nicht unnormal für einen Menschen, Fleisch essen und verdauen zu können. Ethische Überzeugungen muss man sich leisten können - nicht nur monetär, sondern auch von den Umständen her. Auf tierische Lebensmittel verzichten zu können, setzt einen Supermarkt voraus, der in bequemer Regelmäßigkeit genug Tofu anbieten kann.

Strukturelle Ebene

Entscheidet man sich für bewusst Askese, so gewöhnt man sich an die Frage: Was ist in meinem Leben nötig und was nicht? Mit ein wenig Grips überträgt sich dieses Fragemuster auch auf andere Bereiche: Kleidung, Wohlstand, Arbeitszeit, etc.

Demgegenüber steht, dass die meisten sich in einem gesellschaftlichen Kontext befinden, bei dem sich ihre persönlichen Entscheidungen auch immer auf die von ihnen abhängigen Menschen ihrer Umgebung auswirken werden. Papa verzichtet auf glutenhaltige Lebensmittel? Da kommt Mama aber in die Bredouille, wenn die Kinderchen nach Spaghetti schreien.

Damit möchte ich meine nicht auf Vollständigkeit verklagbare Liste beenden. Verzicht und Selbstdisziplin sind eine starke Waffe für unsere Belange - und es ist erhebend, sich gegen unsere Natur mittels freiem Willen durchsetzen zu können. Ich kann nur jedem raten, sich mit seiner persönlichen Einstellung zu diesem Thema auseinanderzusetzen - vor allem in einem Alter, in dem man noch nicht von allzu vielen Verpflichtungen geplagt ist.

Macht´s gut

Marcus

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