Inflation der Klassen

Kritische Gedanken zur Einführung der Men's Physique

Mit der Men's Physique steht uns eine neue Klasse bevor. Eine Klasse, die bereits im Vorfeld für einige Diskussionen gesorgt hat und sicherlich auch weiter für weitere Kontroversen sorgen wird. Das hat einige Gründe, primär stellt sich aber die Frage, inwieweit sich diese Klasse noch mit dem Gedanken des klassischen Bodybuilding vereinen lässt. Hardliner werden nun argumentieren, dass Männer in knielangen Badeshorts nichts, aber auch gar nichts mit Bodybuilding zu tun haben, dass unser Sport im Zeichen der Kommerzialisierung zum Schlachter geführt wird. Aber entspricht das der Wahrheit?

Physique Class – die neue Männerklasse

Ist es nicht seit jeher Grundgedanke unseres Sports unseren Körper zu modellieren, nach den eigenen Wünschen zu formen? Und man kann sagen, was man will: Trainieren tun diese Burschen, wenngleich manchmal etwas weniger Bizeps brachii und etwas mehr Biceps femoris wünschenswert wäre. Und dennoch entsprechen sie mit ihrer Definition des perfekten Körpers weit mehr dem gängigen Ideal, als es der gemeine Wettkampfbodybuilder mit venenüberströmten 75er Oberschenkeln tut.

Will man unseren Sport der breiten Masse näher bringen, könnte das durchaus ein Weg sein. Ein Weg, den die Bikini-Klasse vor einigen Jahren erfolgreich bestritten hat. Anfangs belächelt und massiv kritisiert, hat sich diese Klasse etabliert und ist heute nicht mehr wegzudenken. Warum sollte es der Men's Physique anders ergehen?

All denen, die schon die faulen Eier suchen, um diese nach mir zu werfen, sei versichert, dass ich die Einführung der Men's Physique durchaus kritisch sehe, nur aus anderen Gründen, als die meisten Kritiker. Denn die Argumente, die zumeist vorgetragen werden, sind fadenscheinig bis völlig unsinnig.
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    Innovation hat nichts mit dem Verkauf der Seele zu tun, Kommerzialisierung ist keineswegs nur Risiko, sondern vor allem Chance. Wer die Sache nüchtern, mit etwas Weitblick angeht, der erkennt das. Wer sich auf die Brust trommelt, laut schreit und auf den Boden stampft, der nicht, und der erfüllt genau das Klischee, dass unseren Sport so sehr ins Abseits gedrängt hat.
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Wenn ich diese Klasse nun also gar nicht so schlimm finde, was stört mich dann?

So einiges!

Zunächst einmal die Tatsache, dass bei neu eingeführten Klassen die ersten Durchläufe fast immer aussehen, als hätte der Hühnerstall heute Auslauf. Keiner weiß, was er tun soll, jeder stolpert irgendwie über die Bühne.

Mit Grauen blicke ich auf die Anfänge der Bikini-Klasse zurück. Doch dieser Kritikpunkt ist schwach, denn es löst sich mit der Zeit von selbst, zumindest besteht die Chance, wenn – und da sind wir bei meinem zweiten Kritikpunkt – von Anfang an konsequent gewertet wird und eine klare Linie erkennbar ist. Auch hier der Vergleich zur Bikini-Klasse: Nach nunmehr knapp fünf Jahren beginnt es, dass man eine klare Linie bei den Wertungen erkennt, dass man nachvollziehen kann, warum die Wertungen so zu Stande kommen.

Das ist kein Vorwurf an die Kampfrichter. Es ist eben der Lauf der Dinge. Anfangs wissen die Athleten nicht, was sie erwartet, die Kampfrichter ebenso wenig. Nun gilt es Benchmarks zu definieren, doch was, wenn im Folgejahr eine völlig andere Art Athlet da oben steht?

Mit der neuen Klasse stehen uns einige Saisons bevor, in denen es immer wieder zu diskussionswürdigen Resultaten kommen wird. Verstärkt wird dies durch – mein dritter Kritikpunkt – die unklaren Wertungskriterien.
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    Bodybuilding ist da noch recht einfach: Masse, Härte, Symmetrie, Proportionen, Präsentation.
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Kurzum: Der Mit der meisten Masse in guter Form bei nicht völlig verbauter Struktur und anständiger Präsentation gewinnt. Wie aber wertet man Klassen, die in dem Sinne keine richtigen Pflichtposen hat? Eine Klasse, die bezüglich ihrer Anforderungen an die Präsentation mehr an einen Schönheitswettbewerb erinnert, bei der richtiges Posen sogar via Regelwerk untersagt ist? Eine Herausforderung für die Kampfrichter, hoffentlich eine, der sie gerecht werden können.



Was mich aber wirklich stört, ist die Tatsache, dass es durch die Inflation der Klassen zu immer längeren Meisterschaften kommt. Viele Athleten sind sicherlich toll für den Veranstalter, der so auf mehr zahlende Gäste im Publikum hofft. Diese sehen sich nun aber mit noch längeren Meisterschaften konfrontiert, was schon aktuell oft ein Kritikpunkt ist.

Man muss schon hartgesottener Fan sein, um sich auf einer Deutschen gut 10 Stunden Wettkampf anzuschauen. Meist geht das leider auf Kosten der "dicken Jungs", die ihre Duelle meist schon vor halbleeren Hallen austragen, weil die Zuschauer, die primär wegen Bikini, Figur, Junioren da waren, schon wieder gegangen sind.

Das ist demotivierend und nicht Sinn der Sache; der eigentliche Höhepunkt einer Show, das Gesamtsiegerstechen, wird zur Farce, wenn nur noch 50% der Zuschauer anwesend sind. Vor diesem Hintergrund noch eine Klasse einzuführen, das halte ich für äußerst fragwürdig, zumal es eine Klasse sein wird, die massiven Zulauf finden wird.

Ungeachtet alles Haderns wird die Men's Physique kommen, sie wird einschlagen wie eine Bombe und man muss sich Gedanken machen, wie man damit umgeht. Trennt man Bikini und Physique von den anderen Klassen und schafft so neue Meisterschaften? So würde man Hardliner befriedigen und müsste die Teilnehmer der neuen "Strandklassen" nicht in Erklärungsnöte vor Eltern, Freunden, Partner bringen, wenn eine Frau an ihnen vorbei läuft, die maskuliner erscheint als 99% der anwesenden Männer.

Man würde Hardcore Hardcore sein lassen und Mainstream Mainstream. Aber kann das der Weg sein? Denkbar, aber würde man dann nicht die Idee, Bodybuilding durch solche Klassen populärer zu machen, torpedieren? Und müssen wir einen Sport, der eh schon am Rande der Gesellschaft steht noch intern in zwei Teile zerreißen? Die Meisterschaft auf zwei Tage legen? Teuer, sehr teuer! Und neben dem finanziellen Aspekt kämen noch die eben genannten Argumente hinzu.

Für mich gibt es nur einen denkbaren Weg: die Abschaffung des kompletten Prejudgings. Im Rahmen der bestehenden Regeln ist der einzige Zweck des Prejudgings die Auswahl der Finalteilnehmer, den die Wertungen der Vorwahl werden nicht ins Finale übernommen. Auf internationalen Meisterschaften ist es durchaus gängig das Prejudging komplett zu streichen. Auf diese Weise könnte man die Meisterschaften enorm straffen, was sowohl Zuschauern, als auch Athleten entgegenkommen würde. Mit Pausen, Gastauftritten usw. wäre man dann vielleicht bei 6-7 Stunden bei einer Deutschen, deutlich weniger als aktuell. Die Zeitersparnis könnte man dann nutzen um auch mal einen Vergleich mehr auszurufen, was den Athleten zu Gute kommen würde und die Fans sicherlich freuen dürfte.

Nicht die neu hinzugekommene Klasse Men's Physique ist das Problem, das Problem ist, wie man diese Klasse sinnvoll in den Ablauf der Meisterschaften integriert und wie man sicherstellt, dass von Anfang an eine gewisse Qualität gewahrt wird. Dann, nur dann, hat diese Klasse die Chance Kritiker verstummen zu lassen. Und das wäre wünschenswert, denn wer ständig Toleranz für den eigenen Sport, den eigenen Lifestyle einfordert, der muss auch Toleranz zeigen.

Physique Class – die neue Männerklasse

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Bilder: Matthias Busse | Matthias Busse

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