Wie man mit der Unverträglichkeit umgeht

Kuhmilcheiweißallergie

Definition

Eine Allergie ist eine Überreaktion des menschlichen Immunsystems auf bestimmte, fremde, normalerweise harmlose Umweltstoffe. Was für jeden gesunden Menschen unproblematisch ist, kann für den Allergiker unter Umständen gesundheitsbedrohlich werden. Das Immunsystem des Allergikers ist keinesfalls schwach, sondern es löst lediglich einen Fehlalarm aus. Es verteidigt sich heftig gegen eine Substanz, die eigentlich keine Bedrohung darstellt. Diese Substanzen nennt man Antigene (Allergene). Bei einer Kuhmilcheiweißallergie werden spezielle Eiweißstoffe der Kuhmilch vom Körper als Antigen wahrgenommen. Kommt der Köper in Kontakt mit einem Antigen, ist sein erster Schritt die Bildung von spezifischen Antikörpern. Dieser Vorgang nennt sich Sensibilisierung und dauert meist mehrere Tage an. Erfolgt nun ein erneuter Kontakt mit dem Antigen, so wird es durch die spezifischen Antikörper gebunden. Der Antigen-Antikörper-Komplex sorgt letztendlich dafür, dass Gewebshormone, wie Histamin und Tryptase, freigesetzt werden. Diese Hormone lösen die Symptome einer allergischen Reaktion aus [1; 2].

Die Kuhmilch enthält mehr als 25 verschiedene Eiweiße. Es gelten jedoch nur die wenigsten als potentielle Allergieauslöser. Die wichtigsten Allergene der Kuhmilch sind Kasein und Molkeneiweiße, insbesondere ß-Lactoglobulin, α-Lactalbumin, Rinder-Serum-Albumin und Immunglobuline. Je nachdem, welche Eiweißkomponenten vom Allergiker nicht vertragen werden, müssen verschiedene Maßnahmen ergriffen werden [3].

Symptome

Die Symptome einer Kuhmilcheiweiß-Allergie können sehr unterschiedlich sein. Im Magen-Darm-Trakt kann sich Kuhmilch mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall äußern. Aber auch Symptome im Bereich der Haut, wie Ekzem, Juckreiz und Nesselsucht, treten des Öfteren auf. In sehr seltenen Fällen kann es zu einem anaphylaktischen Schock mit rapidem Blutdruckabfall, Atemnot und Kreislaufversagen kommen [4].

Lebensmittelauswahl (Milchfreie Kost)

Die einzige Therapieform stellt das Streichen bestimmter Lebensmittel dar. Da die Kuhmilcheiweiß-Allergie allerdings nur sehr selten auftritt, sollte eine Ernährungsumstellung nur nach eindeutiger Diagnose vom Facharzt vorgenommen werden. Die Ernährungsumstellung sollte bei stark sensibilisierten Personen zum Ziel haben selbst kleinste Mengen von Milch und Milchprodukten zu meiden. Eine Übersicht zu relevanten Lebensmitteln gibt uns Tabelle 1. Des Weiteren soll sichergestellt werden, dass wichtige Nährstoffe, die uns durch den Kuhmilch-Verzicht fehlen, über andere Lebensmittel aufgenommen werden [5].

Tab. 1: Lebensmittelauswahl bei kuhmilchfreier Kost [6]

Kuhmilcheiweißallergie

Trotz Beachtung dessen, sollte beim Kauf von Fertigprodukten, Konserven und Tiefkühlkost die Zutatenliste beachtet oder der Hersteller (z. B. Metzger, Bäcker, Gastwirt) dazu befragt werden. Im Zweifelsfall sollte auf das Lebensmittel bzw. Gericht mit unklarer Zusammensetzung verzichtet werden [5].

Die Zutatenliste muss auf folgende Begriffe bzw. Wortbestandteile kontrolliert werden:
Kuhmilcheiweißallergie

Ist einer der Begriffe in der Zutatenliste enthalten, ist vom Verzehr der Speise/ des Fertigprodukts abzuraten. Zum Nachteil des Verbrauchers sind Milchbestandteile nicht für alle Lebensmittel kennzeichnungspflichtig. Zum Beispiel darf in Schokolade Kuhmilch auch ohne Kennzeichnung enthalten sein, solange der Anteil unter 5 % liegt [6].

Milchsäure (Laktat) ist für den Kuhmilcheiweiß-Allergiker verträglich. Es handelt sich um ein Säuerungsmittel, das kein Milcheiweiß enthält. Enthalten Produkte Milchzucker (Laktose), können diese noch Spuren von Milcheiweiß mit sich bringen. Dies kann in einzelnen Fällen zu starken allergischen Reaktionen führen, hat aber nichts mit einer Unverträglichkeit des Milchzuckers selbst (Laktose-Intoleranz) zu tun.

Bei einer schwachen Form der Kuhmilcheiweiß-Allergie ist nicht zwangsläufig nach dem "Alles oder Nichts-Prinzip" vorzugehen. In seltenen Fällen reagieren die betroffenen Personen nur auf Kasein allergisch, so dass Molkenprotein ohne weiteres vertragen wird. Die Verträglichkeit hängt außerdem oft von der Zubereitungsform ab. Molkenproteine können durch Erhitzen ihre allergene Wirkung für viele Kuhmilcheiweißallergiker verlieren. Kasein dagegen behält diese bei. Für leicht bis mittel sensibilisierte Personen lohnt es sich bestimmte Produkte (siehe Tab. 2) unter Absprache mit dem Arzt auszutesten [3].

Tab. 2: Häufig und möglicherweise verträgliche Lebensmittel für Kuhmilcheiweiß-Allergiker [3]

Kuhmilcheiweißallergie

Milch als wichtiger Nährstofflieferant

Die Kuhmilch enthält für den Menschen wichtige Vitamine und Mineralstoffe. Sie ist reich an Kalzium, Vitamin B2 und Jod. Bei einer kuhmilchfreien Ernährung ist darauf zu achten diese über andere Nahrungsquellen aufzunehmen, damit keine Defizite entstehen.

Kalziumreiches Mineralwasser (mindestens 150 mg Kalzium/Liter) leistet einen ersten wichtigen Beitrag zur ausreichenden Kalziumversorgung. Auch mit Kalzium angereicherte Fruchtsaftgetränke bieten sich hierbei gelegentlich an. Es ist darauf zu achten, dass die Produkte keine Molke enthalten. Überdies eignen sich auch bestimmte Gemüsesorten wie Grünkohl, Spinat, Fenchel, Mangold, Kohlrabi, Lauch und Brokkoli als gute Kalziumquelle. Bei der Verwendung von Kalziumpräparaten ist unbedingt der Beipackzettel zu beachten. Manche Präparate enthalten Kuhmilcheiweiß oder Milchzucker.

Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B2 sicherzustellen, ist weniger schwierig. Andere herkömmliche Lebensmittel, wie z. B. Fleisch, Hülsenfrüchte und Gemüse (v. a. Grünkohl, Spinat, Brokkoli, Mangold), enthalten ebenfalls reichlich Vitamin B2.

Um hinreichend Jod aufzunehmen, eignet sich die Verwendung von jodiertem Speisesalz. Auch viele Fertigprodukte (z. B. Brot, Wurst, Konserven) werden mit jodiertem Speisesalz hergestellt. Bei sichergestellter Verträglichkeit bietet sich einmal in der Woche eine Mahlzeit mit Seefisch an [6].

Kuhmilchersatznahrung

Der wichtigste Nährstoff in der Kuhmilch ist Kalzium, das u. a. eine unabdingbare Rolle beim Knochenwachstum spielt. Um die bei einer Kuhmilch-freien Kost fehlenden Nährstoffe zu substituieren, eignen sich Milchersatznahrungen. Diese Ersatznahrungen sind ursprünglich für Säuglinge gedacht. Bei sogenannten "stark hydrolysierten Säuglingsnahrungen" wurde das enthaltene Eiweiß durch Erhitzen und/ oder Zugabe von Enzymen soweit aufgespalten, dass es bei den meisten allergischen Personen nicht mehr allergieauslösend wirkt. Diese Säuglingsnahrungen sind ausschließlich in Apotheken erhältlich. Nachteilig dieser Ersatznahrungen ist der bittere Geschmack, der von Kindern und Jugendlichen oftmals nicht akzeptiert wird. Findet selbst auf die "stark hydrolysieren Ersatznahrungen" eine allergische Reaktion statt, bieten sich Nahrungen auf Aminosäurenbasis an. Herkömmliche hypoallergene Nahrungen, wie sie in Supermärkten angeboten werden, sind nicht zu empfehlen, da sie immer noch, zwar intakte, aber manchmal allergieauslösende Eiweißbestandteile enthalten.

Eingeschränkt wird auch der Einsatz von Spezialnahrung auf Sojabasis empfohlen. Die Produkte sind zwar frei von Milcheiweiß, enthalten aber Sojaeiweiß, das genauso allergen ist wie ersteres. Es muss daher zuvor die individuelle Verträglichkeit mit kleinen Mengen getestet werden. Bei der Auswahl eines solchen Produktes ist darauf zu achten, dass ein ähnlich hoher Anteil Kalzium wie in Kuhmilch enthalten ist – 120 mg/ 100 ml [6].

Tab. 3: Beispiele für Milchersatznahrungen und Spezialnahrungen auf Sojabasis [5]

Kuhmilcheiweißallergie


Milch anderer Tierarten

Milch von Ziegen, Stuten und Schafen, sowie Produkte daraus, werden nur von wenigen Kuhmilcheiweiß-Allergikern vertragen. Die enthaltenen Eiweiße sind denen der Kuhmilch von der Struktur her so ähnlich, dass Kreuzreaktionen auftreten können. Dabei passen die Antikörper auf beide Allergene – eine allergische Reaktion ist die Folge. Außerdem wirken diese Milchsorten, aufgrund des enthaltenen Kaseins, selbst allergen. Mittels Provokation, selbstverständlich unter Absprache mit einem Arzt, kann die individuelle Verträglichkeit von Milch anderer Tierarten getestet werden.

Mandel- und Kokosmilch sowie Reis- und Haferdrinks sind kein Ersatz für die Spezialnahrungen, da sie deutlich weniger der Nährstoffe enthalten, die in der Kuhmilch so reichlich enthalten sind. Küchentechnisch können sie aber von Vorteil sein, z. B. als Flüssigkeitsersatz beim Kuchenbacken [6].

Diagnostik

Voraussetzung um eine zielgerichtete Ernährungstherapie einzuleiten ist eine eindeutige Diagnose der Allergie. Viele Betroffene stellen die Diagnose allein. Sie schlussfolgern, dass wenn nach dem Verzehr eines bestimmten Nahrungsmittels Beschwerden auftreten, dies die alleinige Ursache sein muss. Oft wird dann einfach dieses eine Nahrungsmittel weggelassen. Angenommen die Zusammenhänge sind so direkt, stellt dies auch kein Problem dar. Jedoch nehmen wir täglich tausende unterschiedliche Substanzen mit unserer Nahrung auf. Dies reicht von natürlichen Inhaltsstoffen über Zusatzstoffe bis hin zu Rückständen von beispielsweise Verpackungsmaterial. Jeder dieser einzelnen Stoffe kann auf ganz unterschiedliche Weise für die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie verantwortlich sein. Besonders wenn es sich um Grundnahrungsmittel handelt, ist eine genaue Diagnose des Auslösers wichtig, um nicht unnötig strenge Diäten halten zu müssen und dadurch unnötig einen Verlust an Lebensqualität zu erfahren. Um eine Lebensmittelallergie sicher festzustellen sind Anamnesen, Hauttestungen, Bluttest und diagnostische Diäten die einzig sicheren Methoden. Meist werden mehrere der Methoden in Kombination verwendet [7].

Nach Schätzungen auf Basis der Ergebnisse der bisherigen Studien sind zwischen 0,1 und 4,2 % der Bevölkerung von Nahrungsmittelallergien betroffen, im Durchschnitt zwischen 2 und 3 % (Daten aus Deutschland, den Niederlanden, England und Dänemark). Zu beachten ist, dass Intoleranzen und Malabsorptionen nicht zu den Allergiene zählen, da es sich hierbei um Enzymmangel bzw. Resorptionsstörungen handelt [8].

Fazit

Leiden wir unter einer Kuhmilcheiweiß-Allergie bedeutet dies fast zwangsläufig eine Umstellung unseres gesamten Ernährungsverhaltens. Der Verzicht auf offensichtliche Milchprodukte fällt bereits sehr schwer. Dazu kommt noch der Verzicht auf Fertigprodukte und andere Grundnahrungsmittel, wie z. B. Brot und Backwaren, die ebenfalls Milchbestandteile enthalten. In einem Lebensstil, der sehr stark auf Sport ausgerichtet ist, stellt dies eine noch höhere Herausforderung dar. Den Eiweißbedarf ohne die genannten Lebensmittel zu decken fällt keinesfalls mehr leicht. Des Weiteren ist für die Deckung des Bedarfs an Kalzium, Jod und Vitamin B12 eine umfassende Planung der neuen Ernährungsweise erforderlich. Bestimmte Gemüsesorten sollten nun ihren festen Platz im täglichen Ernährungsregime erhalten. Auch bei der Verwendung verschiedener Nahrungsergänzungsmittel ist eine genauere Auswahl erforderlich. Proteinpräparate enthalten größtenteils Milchprotein-bestandteile. Diese müssen von nun an gestrichen werden. Als Alternative bieten sich Proteinpräparate auf Hühnerei-Basis oder Getreide-Basis an. Produkte auf Sojabasis sind nicht immer verträglich. Vor Einleitung einer Ernährungsumstellung sollte die Allergie allerdings eindeutig von einem Facharzt diagnostiziert sein.

Literatur

  1. Constien A, Reese I: Lebensmittelallergien. Ernährungsumschau 2007; 3: S. 146 – 153
  2. Körner U, Schareina A: Nahrungsmittelallergien und –unverträglichkeiten in Diagnostik Therapie und Beratung. Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart, 2010
  3. Körner U: Lebensmittelallergien. Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (aid) e.V. (Hrsg.); Bonn, 2000; S. 16 – 20
  4. Jäger L, Wüthrich B, Ballmer-Weber B. Vieths S: Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen. Urban und Fischer, München, 2008
  5. Ness B, Kersting M, Schöch G: Empfehlungen für die Ernährung bei Kuhmilcheiweiß-Allergie. Forschungsinstitut für Kinderernährung (Hrsg.) ; Dortmund, 1994; S. 5, 14, 17
  6. Körner U und Wickenkamp B: Lebensmittelallergie Neurodermitis – Was darf mein Kind essen? Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (aid) e.V. (Hrsg.); Bonn, 2003; S. 23 – 27
  7. Schäfer C: Ernährungstherapeutische Diagnostik. Unverzichtbares Komplementärinstrument bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie. Aktuell Ernährungsmed 2010
  8. Schäfer T: Epidemiologie der Nahrungsmittelallergie in Europa. Ernährung 2008; 2: 4 – 9

Nach oben