Den Riegel hab ich mir jetzt aber verdient!

Die Kunst des Selbstbetrugs

Ein Studiobesitzer wurde mal gefragt, wie viele Leute in seinem Gym tatsächlich trainierten. Die Antwort war ebenso amüsant wie erschreckend: "15% trainieren, 50% beschäftigen sich. Der Rest kommt gar nicht." Karteileichen sind kein neues Phänomen in Fitnessstudios und bis auf etwas Geld geht ihnen auch nichts verloren. Sie investieren in ein Studio, wovon die ernsthaft trainierenden Mitglieder am Ende profitieren. Keine langen Wartezeiten an Geräten und Hanteln. Alles hat seine Ordnung.
Wie sieht es aber mit jener Gruppe aus, die zahlt, erscheint und sich "beschäftigt"?
Gab es diese Spezies schon immer? Neben der Schande, dass sie aufgrund mangelnder Erfahrung und dem Unwillen, welche dazu zugewinnen, das Squatrack für alle Übungen vorzugsweise mit Langhantelcurls missbrauchen, betrügen sie nicht nur andere anwesende Trainierende um ihre Zeit, sondern, was viel drastischer ist, sich selbst um wesentlich mehr.

Frank-Holger Acker

Es ist löblich, wenn sich Leute vornehmen, zu trainieren, Sport zu treiben, sich zu bewegen und einen gesünderen Lebensstil zu führen. Eine solche Einstellung und die Entscheidung dazu sollte prinzipiell erst einmal unterstützt und gefördert werden. Wird die Motivation ebenso wie das Training aufrecht erhalten, kehrt der Glaube an die Menschheit doch langsam zurück.

Was ist aber, wenn an jenem Klientel eine neue Form der Zeitverschwendung in Kombination mit Selbstbetrug zu beobachten ist? - Die eine Kategorie Zeitverschwendung trainiert und ist davon überzeugt, es richtig zu machen. Sie investieren ihre Zeit, sind motiviert und fleißig.

Dennoch ist diese Gruppe fast schon zu bemitleiden, denn oft wissen sie es schlichtweg nicht besser. Sie glauben fest daran, es richtig zu machen.

Die andere Kategorie Selbstbetrug fasst jene Menschen zusammen, die es gar nicht anders wollen und demnach auch nicht anders verdient haben. Sie wissen, dass das, was sie da mehrmals die Woche als Training abreißen, keinerlei Effekt haben wird. Sie beschäftigen sich, beruhigen ihr schlechtes Gewissen ab dem Zeitpunkt, wo sie ihre Mitgliedskarte durch das Lesegerät ziehen. Meistens sind sie hier bereits in ein Gespräch mit ihrem "Trainingspartner" vertieft.

Nach den üblichen männlichen Brust-Bizeps-Übungen, die bei den Damen mit der Adduktorenmaschine gleichzusetzen und einer ausgiebigen Runde Gala-Lektüre auf dem Liegefahrrad sind, begeben sie sich stolz und mehr oder weniger erwärmt aus dem Studio, essen einen Proteinriegel mit extra Schokolade und verkünden voller Selbstüberzeugung im heimischen Flur ihre Rückkehr.

Hier werden nicht nur eine Vielzahl an Stunden wertvoller Lebenszeit investiert, sondern neben Geld auch Persönlichkeit.
Was sagt es über einen Menschen aus, der sich regelmäßig selbst betrügt, um ruhiger leben zu können?
War es nicht in der Natur des Menschen, nach mehr zu streben?

Ja, es ist anstrengend und ja, es tut weh. Aber ist es das wert? Die Frage kann wohl jeder, der sich ernsthaft mit der Materie des Trainings beschäftigt, bejahen. Also warum das Ganze? Wie schwer wiegt die Erkenntnis, wenn man eines Tages erkennt, was man die Jahre lang vertan hat?

Was diese Menschen brauchen, ist neben einem guten Trainer einen noch viel bessere Zugang zu sich selbst. Sie benötigen den Mut, ehrlich zu sich selbst zu sein. Die wohl schwierigste Aufgabe für den Homo sapiens.

Wer gibt schon gerne zu, dass er faul, undiszipliniert und unbelehrbar war. Nicht den Mut gehabt zu haben, einen Schritt weiter zu gehen und sich auf die nächste Stufe zu trauen.

Oftmals sind es aber genau diese Momente der Erkenntnis, die uns Menschen einen großen Schritt in dem Prozess, sich selbst ein Stück weit besser kennenzulernen, weiterbringen und essentieller für den weiteren Lebensweg sind, als wir es uns vorstellen können.

Es scheint vielleicht nur die Erkenntnis in einem von vielen Bereichen des Lebens zu sein, aber wie auch im Training jeder Muskel mit einem anderem zusammenhängt und -arbeitet und nur in gemeinschaftlicher Arbeit seine volle Kraft entfaltet, muss auch der Mensch seine Vielzahl an Bühnen des Alltags, auf denen er seine Rolle spielt, zu verknüpfen versuchen.

Seid ehrlich zu euch selbst. Seht ihr keine Fortschritte? Hinterfragt euch, ob ihr euren Plan zu lange nicht ausgetauscht habt. Ist eure Diät gescheitert? Ja verdammt, dann gesteht euch das ein und sucht keine Ausreden. Stagniert ihr in euren Kraftwerten? Dann verändert etwas!

Langweilt euren Körper nicht, in der Steinzeit ist niemand mit dem Liegefahrrad zu seinem nächsten Abendessen gefahren.

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