"Ich verkaufte Mitgliedschaften auf Vorkasse, da war noch nicht mal das Studio gebaut ..."

Der Leiter eines Fitness-Studios in Deutschland im Interview

Auf der Suche nach Geschichten im und um das Bodybuilding herum trifft man immer wieder auf bemerkenswerte Menschen. Die besten Anekdoten entstehen dann, wenn jemand mit Leib und Seele seiner Leidenschaft nachgeht - sich Tag und Nacht mit seinem Hobby befasst und viele Jahre am Ball bleibt. Wer dies tut, stößt auf Hindernisse, wird in unmögliche Situationen hineingezogen, trifft unpopuläre Entscheidungen, muss Verantwortung übernehmen und wird immer wieder auf zwischenmenschliche Proben gestellt.

Alexander ist Ende 30 und Leiter eines der größten deutschen Fitnessstudios. Vor knapp 10 Jahren wechselte Alexander von der Spree an die Elbe und baute ein Gym mit auf, dass heute knapp 5000 Mitglieder auf 2500 Quadratmetern Trainingsfläche in seinen Karteikarten führt.

Seinen Werdegang, einige Anekdoten und das Leben eines Studio-Leiters möchte ich ("AMR") im Interview mit euch teilen:

Foto: U.S. Army Europe Images / CC BY

AMR: Alexander, schön, dass du dir die Zeit für ein Gespräch genommen hast! Grundsätzlich interessieren mich deine Entwicklung zum leidenschaftlichen Trainer, vielleicht ein paar lustige Begebenheiten und der ungefähre Tagesablauf in deiner stressigen Position! Wie bist du überhaupt zum Bodybuilding gekommen?

Alex:
Hi Marcus, danke für deine Einladung! Also im Grunde habe ich bereits 10 Jahre Training hinter mir gehabt, bevor ich die Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann angefangen habe. Ich war damals, so mit 14 Jahren circa, schwer beeindruckt von den Körpern der damaligen Filmstars: Stallone, Schwarzenegger, oder auch Van Damme. Ich wusste zwar, dass ich niemals genau wie die aussehen könnte, aber ich war total in das Training vernarrt.

Ich baute mir zu Hause das meiste Equipment selbst und funktionierte das ganze Haus meiner Eltern zu einem privaten Fitnessstudio um. Ich weiß noch: In der obersten Etage war ein Treppengeländer, an dem ich Dips machen konnte. Ein Geschoss tiefer war die Küche, in der ich mir eine Klimmzugstange installierte und im Keller befanden sich noch weitere Basteleien. So baute ich mir aus einem alten Fahrradlenker und einer Metallstange eine T-Bar-Hantel ...

AMR: Hört sich abenteuerlich an, aber auch verdammt motiviert - Wie waren denn die Erfolge?

Alex:
Ich gehöre eher zu den stoffwechselaktiven Vertretern des Sports. Im Grunde habe ich seit über 30 Jahren kein Gramm Fett an mir und kann sagen: unter meinen Umständen war fettfreier Muskelaufbau absolut möglich! In diese erste, jugendliche Trainingszeit fallen aber noch keine riesigen Erfolge. Ich übernahm aus der Flex ein paar wilde Trainingspläne, bekam auch ein Sixpack und später einen sichtbaren Lat durch die Klimmzüge, lag aber bei knapp unter 1,80 m Körpergröße bei ca. 50 kg Lebendgewicht. Ich sah ein bisschen so aus, wie Bruce Lee.

AMR: Okay - und wann kam der Punkt, an dem du dich wirklich weiterentwickeln konntest?

Alex:
Das war so mit 19 etwa, als ich auf die Uni wechselte und anfing, Sport zu studieren. Zum ersten Mal bekam ich Zugang zu unabhängiger, wissenschaftlicher Trainingsliteratur. Mein allererstes Buch war "Super-Kniebeugen". Ich lernte kennen, dass man sein Training strukturieren muss und es eine gewisse Übungsreihenfolge braucht, um sich nicht sinnlos zu erschöpfen, sondern Reize zu setzen. Da ich ja schon 5 Jahre trainierte, merkte ich die Änderungen im Training sofort. Ich konnte einfach spüren, was warum funktionierte.

AMR: Wie sah es damals mit deiner Ernährung aus? Hast du dir darum schon einen Kopf gemacht?

Alex:
Das hat absolut null Rolle gespielt. Mir war der Zusammenhang von Ernährung und Muskelaufbau zunächst gar nicht bewusst. Das kam erst später mit einem Experiment in den Semesterferien: Für 8 Wochen ließ ich erstmals sämtliche bis dahin ausgeführten Ball- und Spielsportarten sein und konzentrierte mich nur auf Bodybuilding. Ich stellte die Regel auf, keinen Tag unter 5000 kcal zu beenden - selbst wenn das bedeutete, vor dem Zubettgehen nochmal ein Kilo Eis zu essen. Ich stopfte Chips, Fleisch und Fastfood in mich hinein. In der Zeit nahm ich 10 kg zu, bei gleichem Körperfettgehalt!

Es war unglaublich - aber auch der Aufwand war unglaublich.

AMR: Konntest du die Masse dann halten?

Alex:
Nein, innerhalb der nächsten 4 Wochen des nächsten Semesters nahm ich alles wieder ab. Ich kam einfach mit Essen nicht hinterher. Zudem verlor ich auch die Motivation für das Studium. Das war mir alles zu theoretisch. Ich bin ein praktischer Mensch - also schaute ich mich um und entdeckte die Ausbildung zum Sport- und Fitness-Kaufmann, was damals ein ziemlich neues Feld war.

In diese Zeit fiel auch der Fitness-Boom in Berlin. Ich machte innerhalb des ersten Halbjahres die B-Trainerlizenz und stand auf der Fläche, um Leuten die Erfahrungen meiner letzten 10 Jahre Bodybuilding weiterzugeben. Endlich praktisch arbeiten!

AMR: Als Trainer im Fitness-Studio sollte man ja auch so aussehen, als würde man nicht nur wissen, wie Muskelaufbau theoretisch funktioniert ... hast du wieder angefangen, zu fressen?

Alex:
Allerdings! Ich hatte dort meinen Ruf schon weg: Alle lachten immer, wenn ich mit meiner randvollen Kaufland-Einkaufstüte zur Schicht kam - und die am Ende leer war. Ich konzentrierte mich dann echt nur noch auf Bodybuilding, bis auf die Kurse, die ich geben musste. Nach 10 Jahren hatte ich endlich die wirksamsten Hebel für Fortschritt gefunden!

AMR: Die da wären?

Alex:
Zum einen schwere Grundübungen - ich lernte damals Kreuzheben kennen -, dann ein niedriges Volumen (um die Energie nicht beim Training, sondern für das Wachstum einsetzen zu können) und dass es erstmal egal ist, wo die Kalorien in der Ernährung herkommen, wenn an sich Energie fehlt.

Foto: Gregor / CC BY

AMR: Du hattest also einen Endpunkt bzw. dein genetisches Limit erreicht?

Alex:
Nein, ich erfuhr einen weiteren Masseschub durch PITT-Force. Ich kannte das System, zwischen einzelnen, schweren Wiederholungen kleine Pausen zu machen, schon von den "Super-Kniebeugen". Als die aber wiederum auf das viele Essen trafen, habe ich in 2 Jahren nochmal 8 kg aufgebaut - wieder ohne fett zu werden.

AMR: Das muss eine geile Zeit gewesen sein - aber wie bist du dann Studio-Leiter geworden?

Alex:
In Berlin ging mein Studio den Bach runter. Die Geschäftsführer sprachen mich aber an, ob ich nicht Lust hätte, in einer anderen Stadt ein neues Gym mit aufzubauen.

Man wollte neue Maßstäbe in Sachen Premium-Discounter setzen: trotz guter Qualität, Sauna und hochwertiger Einrichtung einen niedrigen Preis für die Mitglieder. Von der ersten Bau-Minute an war ich dabei - das Studio ist sozusagen mein Baby. Ich erinnere mich daran, dass ich im tiefsten Winter, bei minus 10 Grad an einem verstaubten Tisch unter einer Grubenlampe saß und erste Mitgliedschaften verkauft habe. Obwohl das Studio noch gar nicht fertig gebaut war, schlossen die Leute Vorkasse-Verträge auf 2 Jahre bei diesem vertrauenswürdigen, jungen Mann in seiner Baugrube ab!

Das war eine leidenschaftliche Zeit - ich kenne jede Schraube und jeden Winkel meines Gyms!

AMR: Wurde dein Engagement denn wenigstens von den Geschäftsführern belohnt?

Alex:
Ich wurde nach der Fertigstellung zum Chef-Trainer befördert. Ich sag aber gleich: Damit wird man immer noch nicht reich, selbst wenn man schon umfassende Verantwortung übernehmen muss.

Zu meinen neuen Aufgaben gehörte das Anlernen und Ausbilden von Azubis (was in einem Discount-Studio echt schwer ist), hatte die Oberaufsicht über die Trainingsfläche (zu Spitzenzeiten trainieren über 200 Leute gleichzeitig!) und wurde mit der Zeit immer weiter in die Administration mit eingebunden. Die Geschäftsführer zogen sich immer mehr zurück und ließen mich den Laden schmeißen.

AMR: Hört sich gut an - wenn man mit dem Stress klarkommt ...

Alex:
Ich brauche das ein bisschen. Als Chef-Trainer ist es aber noch einfach, im Vergleich zum Studio-Leiter.

AMR: Wann kam diese Beförderung?

Alex:
Das fiel eben in diese Zeit, als sich die Geschäftsführer rausnahmen und weitere Studios in anderen Städten gründeten. Ich wurde zum Leiter ernannt und hatte ab da alles an der Backe:

Personalplanung, Einstellung neuer Azubis und Trainer, Inkasso, Reparaturen (mache ich teilweise selbst), Mitgliederverwaltung, Werbung, Beschaffung und Kontakt mit Eiweiß-Firmen und Supplement-Herstellern und auch alles Zwischenmenschliche - manchmal ist man wie ein Papa für die Azubis. Und auf die jungen Trainerinnen muss man auch ständig aufpassen, die haben es echt nicht leicht - von Anbaggern bis Stalken ist da alles dabei.

AMR: Was meinst du mit Inkasso? Klingt gefährlich!

Alex:
Nein, es ist eher brotlose Kunst. Wer nicht einmal 20 Euro im Monat überweisen kann, bei dem ist nix zu holen. Über den Daumen habe ich eine Erfolgsquote von knapp 5 %, die tatsächlich nachzahlen. Durch die restlichen Zechpreller entstehen Schadensummen von mehreren Tausend Euro im Jahr.

AMR: Wie ist es mit neuen Azubis und Trainern - nach welchen Kriterien stellst du ein?

Alex:
Schwere Frage, denn du musst es mal so sehen: Potenzielle gute Trainer studieren lieber Sport, weil sich als ausgebildeter Trainer kaum was verdienen lässt. Dazu kommt der demografische Wandel. Der Pool an jungen Leuten schmilzt immer mehr zusammen.

Ich handhabe es so, dass ich manchmal alternativlos Azubis einstelle. Wer dann jedoch gut ist, den übernehme ich auch! Ich kenne die Leute dann und bin von ihrer Qualität überzeugt.

AMR: Interessant! Du sprachst außerdem davon, dich um Werbung zu kümmern - wie gestaltet sich das konkret?

Alex:
Wir müssen ziemlich aggressiv Werbung machen, weil wir in der Nähe 4 große Discount-Studios haben, die allesamt Fernsehwerbung betreiben. Das können wir so nicht leisten, daher nutzen wir alle verfügbaren lokalen Werbeträger: Zeitungen, Plakate, Autowerbung etc., durch die hohe Mitgliederzahl erzielen wir aber auch eine starke Mundpropaganda.

Foto: TownePost Network / CC BY

AMR: Mich interessiert noch, was so die häufigsten Reparaturen in einem Gym sind - was geht am meisten kaputt?

Alex:
Die Cardiogeräte - bei unserem Besucherandrang werden die echt gefoltert.

AMR: Was nervt sonst noch so?

Alex:
Mich als Studio-Leiter und Trainer nervt es vor allem, dass ich nahezu niemals mit freiem Kopf trainieren kann. Sobald man auf der Trainingsfläche steht, wird man angequatscht, um Rat gefragt, oder muss sich um geschäftliche Vorfälle kümmern. Ich verbringe viel Zeit im Studio, helfe mit Leidenschaft, aber nach 12 Stunden Arbeit will ich mal abschalten - doch ich werde zu permanenter Verfügbarkeit gedrängt.

AMR: Hört sich an, als wärst du selbstständig - da arbeitet man auch selbst und ständig ...

Alex:
Es kommt noch eine weitere Sache dazu, die mich echt nervt: Viele Trainingsanfänger trauen sich nicht, im Gym uns Trainer anzusprechen, sondern holen sich im Internet lieber erstmal einen Trainingsplan für 300 Euro - in der Überzeugung, damit wesentlich erfolgreicher trainieren zu können, weil "Was nix kostet, ist nix wert".

Viele gehen davon aus, dass teure Trainingspläne automatisch auch bessere Trainingspläne sind - was so aber nicht funktioniert. Gib 3 Leuten den gleichen Trainingsplan und du hast einen Übertrainierten, einen Erfolgreichen und einen, der den nicht mal 2 Wochen einhält.

Wir Trainer im Gym müssen dann kostenlos das wieder ausbügeln, wofür viele Leute einen Haufen Geld ausgegeben haben. Das kommt im Übrigen mittlerweile sehr häufig vor.

AMR: Das hätte ich gar nicht so vermutet. Dann lass uns aber mal zu der Frage kommen, was dir am Job Spaß machst, wofür du brennst und lebst?

Alex:
Ich beobachte immer wieder am Check-In, wie Leute mit eingehängtem Gesicht, gestresst oder irgendwie abwesend ins Studio kommen und nach einer Stunde lächelnd wieder gehen. An der Stelle habe ich das Gefühl, etwas Sinnvolles mit meiner Arbeit für die Gesellschaft zu leisten.

Des Weiteren liegt es mir wahrscheinlich in den Genen, Stress zu brauchen. Es befriedigt mich ungemein, einen Berg an gestellten Aufgaben in kleinen Schritten zu bewältigen - und glaub mir: in einem großen Fitness-Studio gibt es alle paar Minuten neue Probleme!

AMR: Das klingt nach Erfüllung! Gibt es auch spezielle Leute oder Athleten, die du vorbereitest?

Alex:
Nicht so direkt, aber in der letzten Zeit hat sich für mich herauskristallisiert, dass ich sehr gut mit noch nicht youtube-verseuchten Mädels arbeiten kann. Das liegt daran, dass die wissen, was sie wollen und einfach das machen, was ich ihnen sage, was wiederum zu Erfolg führt.

Die hinterfragen nicht jedes Detail, oder sind permanent der Meinung, alles besser zu wissen, weil sie auf Facebook einen scheinlogischen Artikel gelesen haben.

AMR: Hast du denn feststellen können, dass sich seit Eröffnung deines Gyms vor etwa 10 Jahren die Klientel der Mitglieder verändert hätte?

Alex:
Ich stelle fest, dass seitdem immer mehr Frauen in den Freihantel-Bereich gehen und dort mit Männern zusammen trainieren. Und das, obwohl es bei uns sogar einen separaten Lady-Bereich mit Powerrack und Kurzhanteln gibt! Entgegen des mehrheitlichen Eindrucks ist aber der Anteil an Hardcore-Bodybuildern gleichgeblieben.

AMR: Apropos Veränderung: Wie beurteilst du die aktuellen Entwicklungen der Fitness-Szene - also ich meine Youtube, Instagram oder die Einführung der Badehosen-Klassen?

Alex:
Also diese Badehosen-Klassen auf Wettkämpfen bedienen einfach eine Nische. Ich sehe das positiv, da einige Leute vielleicht auch ermutigt werden, eine Bühne zu betreten, weil man eben doch noch etwas mehr anhat, als nur einen winzigen Schlüpfer.

Und was die sozialen Medien betrifft: Das ist für mich als Studio-Leiter ja eine Art Lebensversicherung. Die Branche hält sich durch geteilte Beiträge und Mundpropaganda am Wachsen, was sich klar auf die Neuanmeldungszahlen auswirkt. Dass dabei auch massenweise Fehlinformationen entstehen, kann man den Verursachern nicht komplett anlasten - jeder Empfänger muss auch selbst ein wenig filtern.

AMR: Mit diesen gewohnt diplomatischen Worten möchte ich dann zum Ende unseres Gespräches kommen. Hab vielen Dank, dass du uns einen so tiefen Einblick in deinen Alltag hast nehmen lassen!

Kleiner Nachtrag: Natürlich habe ich Alex auch nach Trainings- und Ernährungstipps gefragt. Dabei ist jedoch so viel Material entstanden, dass dies nochmal einen eigenen Artikel füllen wird. Bis dahin bedanke ich mich auch für eure Aufmerksamkeit!

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