Vom Oldschool-Bodybuilder zum Social Media Phänomen

Markus Rühl schafft keinen Klimmzug

Markus Rühl bezeichnete sich selbst einmal als "F...". Wenige Sekunden zuvor hing er einen Augenblick an eine Klimmzugstange, deutete eine Zugbewegung an und winkte mit der angeführten Selbstbeschreibung ab. Er selbst schaffe keinen Klimmzug. Er sei eine "F...". – Der kurze Clip steht stellvertretend für eine Reihe an Videoschnipseln, die als Memes mit dem Hauptprotagonisten Markus Rühl im Internet geteilt werden. Markus Rühl ist ein Phänomen und schaffte es wie kein Zweiter als Oldschool-Bodybuilder aber auch als Bodybuilding-Influencer eine große Zahl an Fans und Followern um sich zu scharen.

Vom Lauch zum Massemonster


Markus Rühl besticht auch nach seinem 50. Geburtstag immer noch mit einer auffallend überdurchschnittlichen Masse. Schon zu Profizeiten zeichnete es ihn aus, nicht mit der schönsten Linie, aber den größten Muskeln aus dem Feld der Teilnehmer herauszustechen. Dies hievte ihn in seiner Profilaufbahn bis auf den fünften Platz beim Mr. Olympia. Bei den Fans stand Markus jedoch höher im Kurs.

Dabei war der hessische Bodybuilder keinesfalls als Kind in den Zaubertrank gefallen. Als er mit 19 Jahren erstmals ein Fitnessstudio betrat, wog der 178 cm große Sportler gerade einmal 63 Kilogramm. Später sollte Markus einmal sagen: "Wer scheiß Arme hat, sieht scheiße aus." – Nur einer von vielen Sprüchen, die den bereits angesprochenen Meme-Status erlangten.


Vom Massemonster zum Internetphänomen


Wettkampfbodybuilding und eine Präsenz im Social Media Bereich ist für erfolgreiche Athleten heutzutage kaum noch voneinander zu trennen. Die Umsetzung mag unterschiedlich geschickt und intensiv ausfallen und manch eine Person scheint den Schwerpunkt immer stärker auf die sozialen Medien verschoben zu haben. Die Verknüpfung der beiden Welten ist inzwischen aber zu stark, als dass man sich noch einen erfolgreichen Wettkampfbodybuilder vorstellen könnte, der sich dem Internet verwehrt.

In Deutschland leistete Markus Rühl einen großen Beitrag dazu. Es war die FIBO 2015. Ein Jahr zuvor hatte eine 2013 gegründete Bekleidungsmarke, die nach ihrem Verkauf an einen chinesischen Investor heutzutage kaum noch eine Rolle auf dem deutschen Markt spielt, das Bild der Fitnessmesse auffallend verändert. Pilgerten in den Jahren zuvor Bodybuildingfans an die Stände der Profiathleten, wurde die FIBO 2014 zu einer Groupie-Veranstaltung für eine Gruppe an Personen, die man heutzutage als Influencer betitelt.

Karl Ess, Ralf Sättele, Tim Gabel, Mischa Janiec und Patrick Reiser waren Teile einer Bewegung, die Fitnessbodybuilding so drastisch innerhalb kürzester Zeit veränderte, dass die Oldschool-Riege eine Sinnkrise erfuhr. „Wir wollen alle geil aussehen und geil aussehen ist wichtig!“ fasste Mischa Janiec es damals vor einer Gruppe an Halbstarken zusammen. „Wir sind die Zukunft!“ ergänzte Patrick Reiser und die Menge jubelte ihnen zu.

Die darauffolgende Ansprache, dass man früher mit Speeren gejagt habe und heute von Los Angeles nach Bangkok flöge, mag keinen unmittelbaren Bezug zu Bodybuilding und Fitness haben, kann aber als kleiner Wink auf den damaligen Grabenkampf zwischen Oldschool und Newschool verstanden werden. Ein Jahr später sollte die deutsche Bodybuildingszene beginnen, das verlorene Feld zumindest zum Teil zurückzuerobern.


Jeder hat heutzutage einen Youtube-Channel…


Mit diesen Worten kritisierte Markus Rühl in einem Interview auf der FIBO 2015 die Entwicklungen der letzten Monate. Zwar gab er damals selbstkritisch zu, dass Bodybuilder neben Schlafen, Fressen und Trainieren die Außendarstellung oftmals zu stark vernachlässigt hätten, aber forderte dennoch einen gewissen Leistungsnachweis ein, bevor man damit begänne, im Internet Videos hochzuladen.

Rückblickend kann dies zumindest als öffentlicher Beginn einer nachhaltigen Veränderung in der deutschen Fitnessszene betrachtet werden. Während die oben genannten Fitfluencer-Pioniere längst weitergezogen sind und ihr Geld zum Großteil über andere Wege generieren, blieb Markus Rühl dem Sport und den Fans bis heute treu.

Dabei wird oft vergessen, dass auch ein Markus Rühl schon lange auf Youtube aktiv war. Sein erstes Video stammt vom 24.06.2006. Manch ein junger Fan war zu diesem Zeitpunkt noch Quark im Schaufenster. So richtig setzte das German Beast sich aber erst nach der FIBO 2015 in Bewegung. Kurz nach der Fitnessmesse folgte auf Youtube eine Ankündigung, dass es zukünftig zu einer größeren Präsenz von Markus Rühl im Social Media geben würde. Den Worten folgten Taten. Es mag eine Vielzahl an Personen geben, die mehr Content ins Internet stellen, doch nur wenige habe eine Relevanz wie der einmalige Hesse.

Die Einkaufsszene aus dem Supermarkt aus dem Jahr 2003, die vor drei Jahren erneut ins Internet gestellt wurde, genierte über drei Millionen Klicks und wenn Markus heutzutage ein Video hochlädt, führt dies praktisch immer aus dem Stand zu Aufrufen im sechsstelligen Bereich.

Influencer kommen und gehen. Ein Markus Rühl bleibt!


Sieben Jahre sind auf ein Menschenleben betrachtet keine lange Zeit. In Internetmaßstäben stellt dieser Zeitraum dagegen eine halbe Unendlichkeit dar. Präsentierte man sich 2015 noch auf Youtube und Facebook, sind Tiktok-Videos und Instagram-Postings heutzutage die präferierten Plattformen. Selbst Podcasts hat die Bodybuildingszene in gewissen Maßen für sich entdeckt.

Neben verschiedensten Influencern, die über die nur wenige Jahre kamen und gingen, bauten auch Wettkampfbodybuilder zunehmend ihre Internetpräsenz im Fahrtwasser von Markus Rühl aus. Matthias Botthof, Tim Budesheim, Steve Benthin oder Urs Kalecienski sind nur einige Namen, die längst begriffen haben, dass ein wichtiger Part ihres Jobs nicht im Gym, sondern im Internet stattfindet.

Doch keiner genießt so einen Kult wie ein Markus Rühl. Furzen, Fressen, "F..." … Markus Rühl kokettiert mit einem einmaligen Image, das wohl keiner zweiten Person auf diesem Planeten abgenommen werden würde. Markus ist ein Original und in der echten wie in der digitalen Welt ein Phänomen. Mit „Roswita Rühl“ entstand 2017 ein Youtube-Kanal, der „schwer und falsch“ im Social Media salonfähig machte. Das konzentrierte Zusammentragen von Rühls Stilblüten trug ohne Frage zum heutigen Kultstatus bei.


Thunfisch-Shake bis Thunfisch-Whey


Diese Bekanntheit setzte Markus, der längst Familienvater ist und Verantwortung für eine kleine Tochter hat, auch geschäftlich um. Vertrat er früher verschieden Supplementfirmen und schaffte es wie kaum ein Zweiter auch nach seiner aktiven Wettkampfkarriere relevant zu bleiben, gründete er in der Vergangenheit seine eigene Marke. „Des bedarf’s“, ist auf den Verpackungen der Marke Rühls Bestes zu finden, die mit den großen Playern der Fitnessindustrie nicht mithalten kann, aber sicherlich auch keinen Existenzängsten unterliegt.

Dies bot ihm auch die Möglichkeit 2019 kurz vor der damaligen Fibo ein ganz besonderes Whey in einer limitierten Auflage herauszubringen. Der berühmte Thunfisch-Shake wurde für kurze Zeit als Proteinpulver verkauft. Noch Jahre später ließ es sich ein Urs Kalecinski nicht nehmen beim Besuch bei Markus Rühl selbst das Original anzumischen.


Wer braucht schon Klimmzüge, wenn er Markus Rühl heißt


Markus Rühl schafft keinen Klimmzug, aber nur, weil er sonst die Klimmzugstange aus der Wand gerissen hätte. Zudem beweisen Crossfiter bekanntlich, dass Klimmzüge nur Cardio sind, und Cardio ist zu riskant. – Markus nimmt sich selbst in gleicher Weise wie andere nicht immer allzu ernst und die Fans lieben ihn dafür.

Ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass Fitness und Bodybuilding im deutschsprachigen Social Media Bereich heutzutage anders wäre, wenn wir keinen Markus Rühl gehabt hätten. In diesem Sinne sein dem dicken Hessen noch viele gesunde Jahre gewünscht, auf dass er uns noch lange erhalten bleibt. Danke für alles, Maggus.


Hinweis: Der Autor dieses Artikels schrieb verschiedene Bücher zu den Themen Training und Ernährung, bietet individuelle Einzelbetreuungen an und führt auf Patreon ein Podcast-Magazin.

Nach oben