Dann hör doch auf...

Nicht noch ein Motivationsartikel

Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, für ein Publikum zu schreiben, das sportlich top-informiert und vor allem -engagiert ist. Bis ich mich aus Berufsgründen ein wenig mit Suchmaschinenoptimierung beschäftigte. Und lernte, welche existenziellen Fragen das Internet wirklich bewegen: "Wie motiviere ich mich zum Sport? ", "Woher Motivation zum Training nehmen? ", "Wie werde ich schnell schlank ohne Verzicht? ", "Wie steht man pünktlich auf? " Und so weiter. Nicht Mikronährstoffverteilung, Banded Pause-Squats oder das richtige Timing von verzweigtkettigen Aminosäuren. Sondern die ebenso simple wie händeringende Suche nach dem Notausgang aus der Unzufriedenheit – mit sich selbst.

Warum trickreich nicht reicht

Motivation also. Ein zweifelsfrei tot-besprochenes Thema, grade im Themengebiet Sport. Aber klick an dieser Stelle nicht gleich weiter!
Auch ich bin der Meinung, wir brauchen keinen weiteren Textbeitrag in dem dazu geraten wird, dem inneren Schweinehund einen heiteren Namen zu geben, Post-it‘s mit den Jahreszielen im Schlafzimmer zu verteilen oder sich zum Training mit einem Freund zu verabreden "denn dann sagt man ja nicht so einfach wieder ab".
Es ist Zeit für ein wenig Ehrlichkeit mit dem Thema.

Foto: Matthias Busse

Zugegeben, viele Motivationstipps sehen auf dem Papier erst mal vielversprechend aus. Das Problem: Sie funktionieren nicht, nicht einmal mittelfristig. Dein Gehirn fällt nicht auf deine Hütchenspieler-Tricks rein. Du wirst nie schlauer sein, als Millionen Jahre der Evolution.

Alle Türen stehen offen – auch die nach draußen

Wenn es einen Kampf gibt, der so wirklich ausweglos ist, dann ist es der gegen dich selbst. Anstatt immer neue Kniffe irgendwelcher Youtube-Gurus durchzuspielen solltest du dir überhaupt mal die Frage stellen: Ist das, was ich hier mache, eigentlich was für mich?

Führen wir uns einmal den eigenen Bekanntenkreis vor Augen. Wie viele Personen finden wir in diesem, die wirklich aus innerster Überzeugung keinen Sport treiben und dies auch offen so äußern? Nicht aus Geld- oder Zeitmangel, nicht, weil die ländliche Wohnsituation den Fitnessstudiobesuch verhindert oder sie im Kindesalter einst einen Bluterguss erlitten haben, der sie bis heute an jeglicher körperlicher Betätigung hindert. Mir fallen da nicht viele Namen ein.

Stricken, den Volkshochschulkurs in Mandarin oder das Deuten von Vogelstimmen darf man ruhig doof finden. Regelmäßiger Sport gehört hingegen zum guten Ton. Der Ablasshandel funktioniert einzig durch oben genannten, dürftigen Ausreden. Und dann tritt dieses Des-Kaisers-Neue-Kleider-Syndrom ein: Weil die gesamte Gesellschaft ihr Inneres für sich behält, traut sich niemand mehr zuzugeben, dass vielleicht alle auf dem Holzweg sind. Oder zumindest ein erschreckend großer Teil derer, die weiterhin "Hobbys: Fitnesstraining" in Lebensläufen angeben, und doch nur ab und an in Schamesröte die Abbuchung des Studiobeitrags auf dem Kontoauszug registrieren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass du nie Zugang finden kannst zum ergebnislosen Auf- und Ab-Bewegen von Metallscheiben, zähen Stunden auf dem Laufband, ständigem Muskelkater und einem Erfolgsmaßstab, der an schlechtem Licht in Umkleidekabinen zersplittern kann, ist nicht allzu klein. Logischerweise. Kommt dann noch eine ungünstige Genetik dazu (und ja, liebe Du-kannst-alles-erreichen-Fraktion, die gibt es nun einmal!), wäre echte Motivation schon fast ein Wunder.
Es gibt keinen, ich meine wirklich keinen Grund, irgendetwas zu tun, das 1) nicht existenziell ist und dich 2.) noch nicht mal glücklich macht.
Also ist vielleicht jetzt der Moment (von mir aus auch morgen, drüber schlafen hilft ja immer) dich zu entscheiden: Mache ich das weiter, die Sache mit dem Training? Oder finde ich meine persönliche Erfüllung in etwas anderem und verbringe den Rest meines Lebens im Frieden mit mir selbst?

Die Wende im Fall: Darf’s ein bisschen Sport sein?

Ich rudere nun von meinem eigenen Statement zurück.
Ich glaube prinzipiell, dass der Mensch für Bewegung geschaffen ist. Für das Heben und Tragen schwerer und unhandlicher Dinge, zum schnellen Laufen, zum langen Laufen, zum Springen und Schwimmen. Und dass irgendein Sport zu jedem passt, passen im Sinne von: Sinn stiftet.
Vielleicht ist es für dich Klettern, Strongman oder Ultimate Frisbee, was auch immer. Nur reinkommen muss man erst mal. Deswegen wäre es doch fein, wenn wir uns alle irgendwie dazu motivieren könnten.

Da ist sie wieder, diese Motivation! Was steckt eigentlich hinter dem Wort? Ist Motivation quasi ein Instrument, das uns zu etwas Unangenehmen zwingt, in dem es uns das Angenehme nach getaner Arbeit ins Bewusstsein ruft? Das klingt irgendwie nicht sonderlich positiv. Und wie gesagt: Negatives sollte in unser aller Leben möglichst geringen Raum einnehmen.

Voll motiviert ohne Motivation

Am besten kommst du als Sportler also ohne Motivation aus. Und es gibt tatsächlich Alternativen. Die eine heißt: Innige Liebe für deine Disziplin. Klingt pathetisch, aber ich spreche hier aus Erfahrung. Es ist möglich in einen Modus zu geraten, in dem du morgens aufstehst und dich auf die kommende Aufgabe freust. Auf die Aufgabe, wohlgemerkt, nicht auf die Strandfigur 2021!

Ein Zustand, in dem Restdays oder gar langwierige Verletzungen wirklich zum emotionalen Stresstest werden. Nicht, weil dein Gewissen jammert, sondern wegen diesem Mangel an Glückshormonen, der sich grade mal notdürftig mit Shoppen und Schokolade auffangen lässt.

Foto: Matthias Busse

Aber das ist keine Liebe auf den ersten Blick. So tief sie auch ist, so schüchtern wagt sie sich ans Tageslicht. Akzeptiere die Länge der Reise. Probiere Neues, erlaube dir, zu scheitern, sei offen, sauge Wissen auf, sei ein Macher, sprich mit den richtigen Menschen.

Die sind übrigens, wie oben angedeutet, schwer zu finden:
Kein Gesprächsthema scheint mehr zum Lügen anzuregen, als das Fitnesstraining.
Da kriecht jeder noch gebeugter nach dem Beintraining aus dem Studio. Da ist jeder noch früher vor der Arbeit zum noch weiteren Lauf aufgestanden.

Lass diesen Bullshit aus deinem Umfeld raus. Der Kaiser ist und bleibt zumeist nackt. Ich schweife ab. Kurz gesagt: Finde deinen Weg, in dem du ihn gehst.

Aus Gewohnheit gut

Wenn das mit der Begeisterung noch nicht ganz so läuft, wende dich an Helferchen Nr. 2: Die Gewohnheit. Das hat auch in deiner Vergangenheit schon gut geklappt. Du putzt dir die Zähne, lüftest du Wohnung und wechselst die Unterwäsche in industrienation-tauglicher Regelmäßigkeit und stellst nichts davon mehr in Frage. Das ist übertragbar!

Warum nicht auch endlich mal eine tägliche Mobility-Routine einfach so locker zum Alltag addieren? Gib dir diese Chance. Aufhören kannst du dann immer noch.

Noch mal auf den Punkt…

…denn dieser Artikel war einfach so drauf los geschrieben und mag nicht mein Strukturiertester sein. Daher noch einmal die Kernaussagen im Überblick:
  • Motivationstricks lösen das Problem nicht in seiner Tiefe
  • Persönliche Präferenzen für den Sport sollten ehrlich hinterfragt werden – wer sich ergebnislos von einem Motivations-Ratgeber zum nächsten liest, sollte sich vielleicht auf die Suche nach etwas Neuem begeben
  • Sinnstiftende Tätigkeiten statt Motivation
  • Die Entwicklung zum ganzheitlichen Athleten ist langwierig.
  • Die Macht der Gewohnheit ist eine gute Starthilfe.
Bleibt nur noch eins zu sagen: Sei gut zu dir! Tu mehr von dem, was glücklich macht, denn eine artgerecht gehaltene Seele wird dich mit Anstrengungsbereitschaft belohnen. Garantiert!

Du hast nur dieses eine Leben. Diesen einen Schuss. Also hau so richtig was raus!

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