Was bewegt dich?

Motivationscheck und eine Ode an den Chill

In diesem Artikel zähle ich den einen oder anderen Punkt auf, der, sollte er auf dich zutreffen, andeuten könnte, dass du deine Haltung zu Hanteln, Tracking und Kompressionsleggings nochmal überdenken solltest. Dabei geht es nicht darum, zu bewerten, zu empfehlen oder etwas auszureden. Ganz im Gegenteil: Dieser Artikel soll anregen, nachzudenken, zu reflektieren, zu hinterfragen und, wenn alles gut läuft, dein Leben hoffentlich erfüllter und glücklicher zu machen.

Was bewegt uns?

Halte ich mich abends auf dem TA-Portal auf, lese ich gerne still mit, was sich an diesem Tag so im Bereich Frauenbodybuilding angesammelt hat. Themen wie "Wie bekomme ich einen breiteren Rücken" oder "Welche Verhütungsmittel benutzt ihr" sind erfrischende Einschübe und werden gern mit Kommentaren gefüllt.

Die Mehrzahl an Themen behandeln jedoch immer die gleiche Richtung: "Ich nehme nicht ab", "Was läuft falsch an meiner Diät", "Problemzonen" und "Habt ihr Tipps, was ich noch machen kann". Öffnet man dann die Themen, findet man zahlreich Frauen mit einer tollen Figur, die verzweifelt ihre minimalsten Speckröllchen präsentieren, Frauen, die schon so wenig essen, dass mein Frühstück ihren Tagesbedarf füllen könnte und Frauen, die so viel trainieren und so hart diäten, dass die mangelnde Veränderung ihres Körpers eigentlich nur noch auf eine Kompletterschöpfung zurückgeführt werden kann. Was ist denn da passiert?

Foto: Frank-Holger Acker

Haben wir das Ziel aus den Augen verloren?

Erfahrungsgemäß ist das gute Mittelmaß absolut das Schwerste, was im Leben erreicht werden kann. Diese Erkenntnis macht auch vorm Sport nicht halt. Der Fußballspieler will mit dem Runden ins Eckige, die Läuferin ihren Marathon unter 4 Stunden schaffen und wir Kraftsportlerinnen? Was wollen wir? Die Antwort darauf ist meist dann: Natürlich nackt besser aussehen! – Ok, geht mir auch so.

Aber was ist denn mit: "Nackt besser aussehen und gesund sein" (wohl gemerkt BESSER und nicht GUT! – ja, das ist ein Unterschied!)! Und genau den Eindruck, dass gesund gar kein Thema mehr ist, gewinnt man zunehmend. Damit ist nicht nur gesund im Sinne von körperlich, sondern auch psychisch, gemeint.

Daher kommt nun meine kleine Checkliste von Punkten, bei denen sich jede mal fragen sollte: "Bin ich das? " Und ich betone noch einmal an dieser Stelle: Diese Liste soll nicht bewerten, sie soll euch helfen mehr/wieder Freude und mehr Durchhaltevermögen beim Fitness-Lifestyle zu entwickeln!

1.) When you think about giving up, remember, why you started!

Dieser sehr beliebte Instagram-Motivationssatz hat bei genauerem Hinschauen eine zweite Bedeutung. Und zwar nicht: "Ich wollt doch n Sixpack also runter von der Couch und ab ins Fitti!" – Nein, es geht darum, warum du mit Krafttraining und Diät generell begonnen hast.

Hast du es für dich getan? Wirklich für dich? Nicht wegen der Hose, die du bei der Modekette mit den komischen Konfektionsgrößen erfolglos anprobiert hast, nicht wegen dem Neid Frau im Freibad, die im Bikini besser aussieht und nicht, weil dir jemand das Gefühl gegeben hat, du müsstest mal was an deinem Gewicht tun?
Jeden Tag Training, Diät und Fortschritt fressen viel Energie. Tust du das für jemanden anderes oder auf Grund von externen Faktoren, wirst du bald merken, dass du keinen Sinn mehr darin siehst, diesen Aufwand zu betreiben.
Wenn du begonnen hast, um jemandem (besser) zu gefallen, dann ist das erstmal nichts Verwerfliches. Dennoch sollte über kurz oder lang der Fokus auf dich selbst, deine Gesundheit und dein Wohlbefinden gerichtet sein. Sich bei solchen lebenslangen Monsterprojekten, wie der eigenen Fitness maßgeblich auf das positive Feedback anderer Menschen zu verlassen, ist erfahrungsgemäß ein großer Fehler.

2.) Checke deine Vorbilder

Wir sind alle nur Menschen, auch wenn uns das Internet oft glauben lässt, es gäbe diese Menschen, die mehr sind. Alle anderen Menschen, tendenziell eher so, wie du und ich, die sehen wir in den sozialen Medien seltener. Und hier werfe ich wieder ein Instagram-verknüpftes Zitat ein:
"The problem about social media like Instagram is that we compare our backstage with other peoples´ spotlight. " (Das Problem an Sozialen Medien wie Instagram ist, dass wir unseren Backstage-Bereich mit dem Scheinwerferlicht anderer Menschen vergleichen.)
Die Fitness Influencer Menschen, die wir da sehen, haben Coaches, Geld aus Promo-Verträgen und investieren teilweise für die Formung ihres Körpers knapp 24/7 Zeit. Zudem liegt meist noch neben optimalem Posing und einem professionellen Fotographen auch noch eine unverschämt gute Genetik vor.

Aufgrund dieser Faktoren werden sehr viele von uns trotz harter Arbeit einen solchen Körperbau nie erreichen. Das ist die Regel und absolut nichts, worüber man verzweifeln sollte. Sich bei solchen Instafeeds Motivation abzuholen, ist nicht falsch oder schlecht, nur sie sollten nicht DIE Motivation liefern (Ich will ein Sixpack wie XY!). Es gibt ein natürliches Limit für die meisten von uns.

3.) Checke deine Vorstellungen

Zwei Wochen Crash Diät, einmal Yoga, einmal HIIT, einmal Laufen – Bin ich immer noch nicht schlank? – Hier mal als Scherz gemeint.

Erfolgreich den Körper formen bedeutet auch Essen wiegen, selbst kochen und hartes, hartes Training. Frau baut unfairerweise so langsam und mühselig Muskeln auf, dass es mit einer Mini-Kraft-Einheit und etwas joggen nicht getan ist.
Ich wage sogar zu behaupten, dass Frauen oft härter trainieren müssen, als Männer – aber das ist ja nun hoch subjektiv.
Wir bewegen signifikant weniger Gewicht, unser Pectoralis major ist doch eher "minor" und es dauert sehr viel länger nachhaltig Muskelmassen anzusetzen. Wo wir gerade bei meiner Meinung sind, glaube ich auch, dass aus genau diesem Grund so viele Damen aus der Strandfiguraktion ausscheiden.

Dass das so viel Arbeit wird, hatte frau sich dann doch nicht gedacht. – Leider ist das die fiese Realität. Für den knackigen Popo gehen erstaunlich viele Stunden und Euros drauf. Und leider ist die Geschichte nach der Strandfiguraktion nicht gegessen, man muss auch für die Erhaltung sorgen. Somit bleibt nur eine dauerhafte Umstellung des Lebenswandels. Teilweise ist es kaum zu glauben, wie schnell Muskeln wieder verschwinden und das Fett wieder wächst. Und das bringt mich zu Punkt 4.

Foto: Frank-Holger Acker

4.) Sind wir schon da?

Geduld ist eine Tugend – und im Zeitalter der Brigittediät fast schon ausgestorben. Muskeln aufbauen dauert lange! Muskeln nachhaltig aufbauen und Körperfett reduzieren, dauert noch länger! Wer sich auf lächerliche Kalorienmengen runterhungert, sei es über 3 Wochen oder 2 Jahre – verliert immer Muskeln und reduziert seinen Grundumsatz. Toll, 5 kg verloren aber zu welchem Preis? Wenn sie nicht nach 2 Wochen wieder drauf sind, lebt man den Rest seines Lebens mit so wenig Essen, dass an Lebensqualität nicht mehr zu denken ist. Grillen? – äh, ich komm später…Geburtstagsdinner? – äh, ich komm später oder nicht oder bringe meine eigene eingetupperte Gurke mit! Wem kommt das bekannt vor?
Nachhaltiger Aufbau mit erhöhtem Grundumsatz, der einem auch mal eine Woche Fitti-Pause oder die Pizza am Samstagabend verzeiht, dauert meist Jahre (ja! Jahre!).
Der Körper kann nicht das ganze Jahr Muskeln aufbauen und wieder in die Diät, und gleich wieder Aufbau und wieder Diät – oder noch besser: das ganze Jahr im kcal Defizit und gleichzeitig der Versuch das ganze Jahr aufzubauen.

Das ist der zuverlässige Weg in die vollkommene körperliche Erschöpfung. Dann geht erst recht nichts mehr. Alle schnellen Lösungen sind mit großer Sicherheit entweder nicht nachhaltig oder ihr bezahlt einen hohen Preis – eure Gesundheit.

Und zuletzt:

5.) Wie geht es deiner Seele?

Der letzte Punkt ist vermutlich der, bei dem es am schwersten fällt, ihn zu reflektieren. Wir können uns noch so gut ernähren, noch so viele Superfoods verspeisen und noch so viel diszipliniertes, hartes Training durchführen, wenn es uns stresst oder sogar belastet, macht es uns eher krank, als das es hilft. Das Schlüsselwort ist in diesem Zusammenhang MUSS.
Sobald man ins Fitti MUSS, und weniger essen MUSS und Gewicht reduzieren MUSS, schlägt man einen gefährlichen Weg ein. Dies soll keineswegs ein Abstrafen von Menschen sein, die oft und gerne trainieren, weil es ihre Leidenschaft ist. Der feine Unterschied ist halt, wieviel Zwang in der Handlung steckt.
Was geschieht denn mit dir und deinem Leben, wenn du 5 kg zunimmst oder mal nicht trainieren kannst (ich war z. B. letztes Jahr 3 Monate krank und mir wurde im Krankenhausbett annährend der komplette Erfolg meiner Strandfiguraktion vernichtet)? Wenn diese Vorstellung dir nun mindestens ein tiefes Unwohlsein vermittelt, dann stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Wird der Selbstwert zu sehr an Training, Waage und Ernährung geknüpft, kann das böse Folgen haben.

Das Gleiche gilt für die Qual mit Diäten oder Traningsplänen. Vielleicht funktioniert das vorgeschlagene Konzept einfach nicht für dich. MUSST du noch die Einheit machen, dann mach sie lieber nicht. Dann geh lieber Schwimmen, oder Tanzen oder wonach dir ist. Häng dich mal an das Gerät, was du immer schon einmal ausprobieren wolltest, geh einfach mal nach Hause und lass das Cardio liegen.

Stress schadet uns mehr als einmal Fitti weniger oder 20 g Kohlenhydrate mehr. Tu, was dich glücklich macht. Das machen wir eh viel zu wenig und an dieser Stelle streue ich noch (k)ein Geheimnis ein: das wird mit dem Alter nicht besser! Der Spaß ist das erste, was dem Stress dauerhaft weichen muss.

Zum Schluss

Der Sinn und Zweck von Krafttraining sollte es sein, nackt besser auszusehen, gesünder und belastbarer zu sein und vor allem mit sich selbst zufriedener. Aufgrund falscher Motivation kommen viele dort nicht an, nicht einmal, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Wer mit 5 kg mehr nicht glücklich ist, ist es auch nicht mit 10 kg weniger.

Stattdessen klammern sich alle an "allgemeingültige" Pläne, Studien, kcal auf das Mikrogramm genau und tonnenweise Vorgaben von anderen Menschen, ohne mal zu reflektieren, ob das eigentlich für mich selbst auch funktioniert.

Vergesst die anderen – im Krafttraining geht es nur um euch und vor allem um eure Selbstzufriedenheit! – Habt Geduld mit euch, nehmt euch eine Pause, seid nicht so verbissen, habt keine Angst, seit menschlich – trainiert mit Spaß, schlaft genug und esst mal ein Eis!

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